Das Halsband – 3

Zur Einordnung dieser Szene siehe Episode 1.

CN: BDSM


„Wir waren uns doch gerade einig, nicht wahr?“

James wusste nicht zu sagen, was es war, dieses Mal. Die wenigen Hiebe mit dem Rohrstock, die ihn bislang getroffen hatten, kräftiger als erwartet. Die Grobheit, mit der Lucas ihn eben am Nacken gepackt und wieder heruntergedrückt, ihn einige Sekunden tief über diesen Schemel gebeugt gehalten hatte, als er einen Versuch unternommen hatte, zur Seite zu weichen. Oder der scharfe Tonfall, den er auch jetzt wieder anschlug, und der James’ zuvor aufgekommene Selbstsicherheit mühelos hinwegfegte. Es traf ihn, tief, und er wusste sich nicht zu wehren. Wusste nicht, wie er mit dem Ganzen umgehen sollte. Eine Antwort brachte er nicht heraus.

„Ich kann dich nicht hören!“, kam prompt die Ermahnung.

„Ja, Sir!“

Es musste ein Hauch von Verzweiflung in seiner Stimme liegen. Lucas schnalzte mit der Zunge.

„Meine Rede“, bemerkte er.

Dumpf traf James schon kurz darauf der Nächste.

Er schluchzte auf. Aber was konnte, oder besser, dürfte er tun? Um eine weitere Pause bitten, jetzt schon? Nach nicht einmal einem Dutzend, von dem er fand, dass er das nun wirklich hätte aushalten müssen? Besonders, nachdem er wenige Tage zuvor noch derart herausfordernd, geradezu frech reagiert hatte, als Lucas für seinen Geschmack zu zaghaft geblieben war?

Heulen, Jammern, Winseln, das alles war ebenso wenig geeignet, eine solche Pause einzufordern wie das ‚Nein’ früher an diesem Abend, und er wusste das. Dass er weinte, beim nächsten Schlag, und weiter beim Zweiten und beim Dritten, hätte nichts bedeuten müssen, nicht notwendigerweise. Als er den Vierten erwartete, angespannt, mit geschlossenen Augen, während ihm die Tränen über das Gesicht liefen, tat er es dennoch vergeblich. Da kam nichts.

Sanft fasste Lucas ihn an der Schulter, zog ihn zurück und etwas nach oben, brachte ihn dazu, sich aufzurichten. Den Kopf hielt James abgewandt, auch wenn er folgte. So verletzt er sich auch fühlte von allem, was hier geschah, so sehr er sich wünschte, dass es aufhörte – das hier wollte er ebenso wenig. Er war sich beinahe sicher, dass Lucas auf das hier gewartet, etwas in der Art dieser ‚Zurechtweisung‘ vielleicht von vornherein im Sinn gehabt hatte, als er ihm dieses Halsband angelegt hatte, zu Beginn dieser Nacht. Geplant hatte er das Ganze möglicherweise nicht erst seit heute. Es steckte so viel darin, was er enttäuschen wurde. Lucas wusste doch, was er tat, das versuchte er sich selbst zu sagen. James wollte keinen Abbruch wegen einiger Tränen, keine Sonderbehandlung. Nicht dieses Gefühl, zu sehr Anfänger zu sein für jemanden wie ihn, zu weich, zu unerfahren, als Spielpartner einfach ungeeignet.

„Du bist mir wirklich ein bisschen dünnhäutig heute, was?“, sprach Lucas ihn an, nun wieder leise, ohne die Schärfe in seinem Tonfall, die James momentan bis ins Mark erzittern ließ. Die Hand blieb auf seiner Schulter liegen, unterdessen. Lucas streichelte ihn dort, sanft, gefühlvoll. Bis James doch einen Blick riskierte, kurz und flüchtig, mit seinem verweinten Gesicht. Sofort wich er ihm wieder aus. Aber zumindest zugewandt blieb er dem anderen nun.

„Tut mir leid“, flüsterte er. Und konnte nicht anders als weinen, als er sich doch noch einmal kurz traute, aufzusehen. Gerade lange genug, um sich gewiss zu werden, dass Lucas keineswegs strafend wirkte oder enttäuscht, sondern ihm ganz im Gegenteil mit einem Lächeln begegnete. Einem Lächeln, in dem Verständnis lag und Mitgefühl, und das ihm sagte, dass er jemandem wie ihm ohnehin nichts vormachen konnte darüber, wie es ihm ging.

Es störte James, das nötig zu haben: Milde oder Nachsicht, und zumindest einen Konter für die Überheblichkeit, mit der er anfangs Lucas begegnet war, erwartete er noch immer. Aber ein solcher Seitenhieb schien dem anderen nicht in den Sinn zu kommen. Als er James schließlich auf die Beine zog, dicht zu sich heran, überkam es den einfach. Er schlang die Arme um den Vampir, ließ sich von ihm festhalten und schluchzte einige Male bitterlich auf. Geduldig hielt Lucas ihn fest.

„Es tut mir leid, wirklich“, wiederholte James, schniefte. „Ich reiß mich zusammen, versprochen. Nur einmal kurz…“

„Oh, nein, nein, nein. Es ist, wie es ist. Und es ist in Ordnung. Belassen wir es dabei.“

Ein Lächeln begleitete Lucas‘ sanfte, aber bestimmte Worte, für die James unglaubliche Dankbarkeit empfand. Gleichzeitig hätte er sich schlagen können dafür.

Er nickte, widerwillig zunächst noch. Aber unfähig, mit dem Weinen vollkommen aufzuhören unter all dem, was zusammenkam in diesem Moment: Schmerz, Erleichterung, dazu das nach wie vor ausgeprägte, schlechte Gewissen. So etwas wie das hier hätte ihm nicht passieren dürfen, fand er. Von der körperlichen Seite her war es geradezu harmlos, nach dem, was er kaum eine Woche zuvor im Training durchgestanden hatte. Was hatte er nicht alles ausgehalten im Training mit Kanar: Knochenbrüche, Stürze, aber auch die eine oder andere Zurechtweisung, auf die er es ab und an regelrecht angelegt hatte. Und nun, da er die Schläge bekam, die sein Trainer ihm eben nicht einfach zum Spaß hatte zufügen wollen, da er endlich jemanden dazu hatte, mit dem das hier auf einer freiwilligen Ebene funktionieren konnte, war es ihm schon nach diesen wenigen Tagen zu viel.

Das hier waren doch nichts weiter als ein paar Hiebe, sagte er sich selbst. Selbst verglichen mit ihrer ersten, kurzen Session unten im Klub geradezu mild. Und ausgerechnet jetzt dieser Abbruch, das totale Versagen, bei dem er plötzlich das Gefühl bekam, das alles hier, dass Kanar ihn mitgenommen hatte, dass er diese Gelegenheit hier bekam, sei vergeblich gewesen. Weil er eben einfach ein Kind war, verglichen mit ihnen hier, und weich. Er gehörte hier nicht her.

Während alles in ihm sich dagegen sträubte, die Niederlage anzuerkennen, als die er das hier überdeutlich empfand, war da aber weiterhin Dankbarkeit, dass Lucas ihn gewissermaßen freiwillig entließ. Ohne Safewort, ohne es James abzuverlangen, einen Stopp einzufordern. Für diese Erleichterung, die er empfand, schämte er sich umso mehr.

Lucas wirkte gelassen, unbekümmert geradezu, und auch wenn es ehrlich wirkte, konnte James einfach nicht glauben, dass der Vampir ihm das hier wirklich nicht übelnahm. Der lachte freundlich, rieb ihm tröstend über den Rücken, als James kaum mehr als ein ersticktes „Sorry“ herausbrachte und nochmals heftig aufschluchzte.

„Ach, was denn!“, erwiderte er. Aufmunternd, entgegenkommend, überhaupt in einer Weise, unter der James eher weniger fähig wurde, sich zusammenzureißen. Da war so viel an Gefühl, was sich plötzlich Bahn brach in ihm, in diesen Armen, die ihn ruhig und sicher hielten. Nicht bloß zu diesem Abend hier, gerade auch zu der Zeit davor, dieser Anstrengung.

Erinnerungen überkamen ihn. An Szenen, in denen er diesen Teil in sich selbst zur Seite geschoben hatte, der fand, dass er sich wehren müsse. Momente, in denen er aufgehört hatte, zu fühlen, sich selbst zu fühlen, weil das einfach unerträglich war. Er hätte es nicht ertragen, und das hätte ihn dazu gebracht, zu kämpfen. Und kämpfen durfte er nicht.

Und jetzt plötzlich, mit einem Male, sollte es also wichtig sein, wie er empfand, wie er sich fühlte, ob es ihm genug wäre oder zu viel. Es hatte doch nie eine Rolle gespielt, nie eine Rolle spielen dürfen, ob es ihm reichte. Er hatte aushalten müssen, so oder so. Weil es notwendig war für ihn, überlebensnotwendig, sich zu fügen. Niemandem wehtun. Niemals zurückschlagen. Alles tun, einfach alles ertragen, nur um nicht aufzufallen.

Alles, nur nicht gesehen werden.

Und jetzt war er da plötzlich, so ein Moment, in dem man ihn sehen konnte. Ein Moment, in dem er sichtbar wurde. Zu allem Überfluss ein Moment, in dem er sich geschlagen fühlte, überwältigt, und in dem es ein Leichtes gewesen wäre, ihm einen Stoß zu versetzen, von dem er sich allzu bald nicht erholen würde. Aber dieser Stoß, dieser Angriff, diese Verletzung, kam nicht. Stattdessen waren und blieben da Geduld, Verständnis. Und eine Stärke, eine ruhige Sicherheit, in der er sich geborgen fühlte, in einer Weise, wie er sie in all den Jahren selbst von seinen Eltern nicht erlebt hatte. Und von der er sich gehalten fühlte, gerade jetzt, da er einmal nicht mehr konnte.

„Ist schon gut, alles gut.“

Lucas Worte, seine warme Stimme, taten ihm so unglaublich gut in diesem Moment, in dem es ihm den Boden unter den Füßen wegzog. Es lag so viel darin, wonach er sich gesehnt hatte, all die Zeit, ohne sich selbst darüber je in dieser Weise klar geworden zu sein.

„Alles in Ordnung“, beruhigte diese Stimme ihn weiter. „Es wird alles gut.“

Autor: Shiverrania

Schreibt schwule und trans* Phantastik mit kinky Elements, teilweise aber auch Gesellschaftskritisches.

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