Das Halsband – 2

Zur Einordnung dieser Szene siehe Episode 1

CN: BDSM


Der Aufenthalt im Gewölbe verlief ereignislos. Lucas beschäftigte sich mit Maxime, und indem er sich auf die Rolle als Top gegenüber James einließ, verzichtete Cassari vielleicht selbst auf eine Session mit Lucas. Seine überschaubaren Ambitionen, James aktiv zu dominieren oder gar zu schlagen, führten dazu, dass der sich beinahe ein wenig langweilte. Aber vielleicht war das gerade das, was er für den Anfang brauchte. Schon die Kleidung, die er heute trug, war gewöhnungsbedürftig und fühlte sich fremd an: Die hautenge Lederhose, der dazu passender Harness, abgesehen davon nichts als seine Unterwäsche, die ebenfalls knapper und enger ausfiel als für ihn üblich – und dieses Halsband.
Die Kette beließ Cassari daran, den gesamten Abend, und es war ungewohnt, in allem, bei jeder Entscheidung, jeglicher Bewegungsfreiheit, abhängig von seinem Einverständnis zu sein. Lucas‘ Ansage dazu, was das Tragen dieses Halsbands bedeutete, nahm James durchaus ernst, auch wenn Cassari keine Silbe darüber verlor. So blieb er still, vermied es, unaufgefordert zu sprechen. Und gab sich vorbildlich gehorsam, auch wenn er nicht wirklich erwartete, dass Cassari ihn bestrafen würde. Strafe, Konsequenzen, waren nicht das, worum es hier ging. Schon ein tadelndes Wort von ihm wäre für James schwer zu ertragen gewesen.

Nach einer Weile wies Cassari ihm in einem der allgemein zugänglichen, belebteren Playrooms einen Platz auf dem Boden zu, wo er folgsam auf den Knien blieb, auch wenn das im Laufe der Zeit doch unbequem wurde. Aber es war ein wunderbares Gefühl, als Cassari seine sanften Hände nebensächlich über James’ Schulter wandern ließ, ihn ein wenig im Nacken kraulte oder ihm über den Rücken strich, mit der ganzen Leichtigkeit, die sein Wesen durchdrang, und die James an ihm so sehr schätzte.

Während er damit ausgiebig Gelegenheit bekam, anderen Pärchen beim Spielen zuzusehen, hielt die Action für ihn selbst sich heute in Grenzen, äußerlich betrachtet. Andererseits begleitete ihn doch eine gewisse Spannung, angesichts all der anderen Gäste, die ihn so zu sehen bekamen, in dieser Pose und Aufmachung, und denen er heute im wahrsten Sinne des Wortes nicht auf Augenhöhe begegnen konnte.

Die Stimmung im Publikum, so schien es ihm, war persönlicher als er es am zurückliegenden Freitagabend erlebt hatte, ohne die durchaus störende Hintergrundkulisse des Klubbetriebs im Obergeschoss. Er hatte den Eindruck, dass offener gespielt wurde, etwas heftiger vielleicht sogar. Auch an nackter Haut war deutlich mehr zu sehen als bei seinem ersten Besuch hier unten.

Überhaupt wirkte die ganze Atmosphäre im Klub verändert auf ihn, so ausgeliefert, und obendrein mit bloßen Füßen, die ihren Teil dazu beitrugen, dass er sich verletzlich fühlte. Es wirkte intensiver auf ihn, alles hier. Das in vielen Räumen sorgsam arrangierte, stimmungsvolle Licht. Die Ringe in Bodennähe, an denen man ihn heute, so, mühelos hätte festmachen können. Dazu all diese Leute, die als Teil dieser Subkultur gut wussten, wie sie den Harness und das Halsband zu deuten hatten, die er trug: Dass er bereit war, sich zu unterwerfen, sich dem Willen eines anderen zu überlassen. So Vieles, so viele Details, die er bei seinem ersten Besuch hier unten nur am Rande wahrgenommen hatte, als bloße Dekoration, und denen nun plötzlich ein ganz anderes Maß an Bedeutung innewohnte. Cassari mochte dabei das meiste ungenutzt lassen. Unter Lucas‘ Führung, da war James sich einigermaßen sicher, hätte das deutlich anders aussehen können.

Der Herr des Hauses, und das enttäuschte James ein wenig, schien regelrecht einen Bogen um sie zu machen; zusammengenommen kaum eine halbe Stunde hielt er sich im selben Raum auf wie sie. Es mochte durchaus etwas von einer Strafe darstellen, eine kleine Retourkutsche für James‘ heutige Weigerung ihm gegenüber. Und auf Cassaris Lippen glaubte James ein leichtes Grinsen zu bemerken, als er Lucas  missmutig hinterherblickte, nachdem der wieder einmal zügig den Raum durchquert hatte, ohne bloß ein Wort mit einem von ihnen zu wechseln.

Sie verließen den öffentlichen Bereich früher als James es erwartet hätte, und ein wenig atmete er doch auf, als er an Cassaris Seite den Aufzug betrat, der sie ohne den Umweg über das Treppenhaus direkt ins dritte Stockwerk brachte.

So sehr er sich selbst zu vergewissern versuchte, dass ihm ohne Erlaubnis niemand etwas antun würde – sie erschien ihm eben doch als eine einzige Einladung, diese Rolle, die er hier öffentlich verkörperte, als Sub oder Sklave. Geschehen war nichts von dem, was er so ängstlich erwartete, ganz im Gegenteil. Nicht einmal abfällige Kommentare hatte es gegeben, auch nicht auf die Entfernung. Einige neugierige Blicke, das wohl, gerade von den anwesenden Frauen. Aber Anspannung war geblieben, all die Zeit über. Nun, da der Aufzug sich aufwärts bewegte, wich sie Stück für Stück von ihm.

Lucas und Maxime erwarteten sie bereits, und dort war es nun doch Lucas, der James das Halsband abnahm, in demselben Raum, in dem er es ihm zu Beginn des Abends angelegt hatte. Etwas auffällig behielt er ihn dabei im Auge.

James hatte sich inzwischen so sehr an Enge und Gewicht des Lederbands gewöhnt, dass sein Hals sich in den ersten Sekunden beinahe nackt anfühlte. Die frische Luft empfand er als unangenehm kühl. Aber noch ehe er Gelegenheit bekam, sich daran zu gewöhnen, überkam ihn eine erste Ahnung, dass es das noch nicht gewesen sein könnte. Es war einfach zu offensichtlich und auffällig, wie Cassari ihm über den Arm strich, ihm ein Lächeln schenkte – um ihn anschließend recht zügig mit Lucas allein zu lassen. Hinter sich schloss er die Tür.

Verdutzt blickte James ihm hinterher. Er empfand es als einen empfindlichen Verlust, dass der Vampir mit dem schwarzen Haar und der sanften Ausstrahlung ihn, wie er es gerade auffasste, allein ließ. Zu sehr hatte er sich über die letzten Stunden an dessen Gegenwart, seine Nähe, gewöhnt. Sekundenlang starrte er auf diese Tür.

Deren tiefrote Polsterung auf der Innenseite bemerkte er erst jetzt. Die rundlichen Stoffpolster waren keine reine Dekoration, das wurde ihm allmählich bewusst. Eine simple Schallisolierung stellten sie dar. Nicht ausgefeilt wie unten im Klub, wo es darum ging, die erhebliche Geräuschkulisse von Musik und dem Lärm feiernder Menschen einzudämmen. Aber genügend, dessen war er sich sicher, um Schreie abzudämpfen. Er wusste: Knebel benutzte Lucas ungern.

Mit etwas mulmigem Gefühl betrachtete er nun die Vorrichtungen zum Spielen, die hier geräumig ihren Platz beanspruchten. Sein Blick glitt über den fest verankerten Stuhl mit Lehne und verschiedenen Aussparungen für Fesseln; den etwas überlangen, niedrigen Fußschemel mit schwarzem Lederpolster seitlich an der Wand; die Schaukel schräg im Hintergrund und das obligatorische Andreaskreuz an der linksseitigen Wand.

Nichts davon, abgesehen vom Wandschrank, in dem Lucas eine ganze Sammlung an Peitschen und Fesselutensilien aufbewahrte, war ihm bislang als etwas erschienen, das mit ihm zu tun haben könnte. Solange die Tür offen gestanden hatte, er Cassari an seiner Seite gewusst hatte, Maxime einen Raum weiter, war es einfach ein weiterer Raum gewesen, und dazu einer, in dem Lucas ihn bislang nicht angerührt hatte. Der als regelrecht überflüssig erschien angesichts der Spielmöglichkeiten unten, wo es gerade Leute gab, die Party.

Obwohl James noch immer seine Hose trug, und sogar diesen Harness, fühlte er sich entblößt unter dem ruhigen, lauernden Blick, mit dem Lucas ihm plötzlich begegnete. Die zweckdienliche Dekoration machte das nicht besser. Zudem lag eine deutliche Forderung in Lucas‘ ganzem Ausdruck. Eingeschüchtert wich James einen Schritt zurück.

„Fühlst du dich besser?“, sprach Lucas ihn an, hob dabei das Kinn ein wenig. Und schon aus dem Klang seiner Stimme glaubte James eine spielerische Drohung herauszuhören. Er schluckte.

„Also, ich…“, begann er zaghaft.

Ermahnend hob Lucas den Zeigefinger. Demütig schwieg James, senkte den Blick vor ihm.

„Ja, Sir“, antwortete er dann in der wohl einzig angemessenen Weise, bemühte sich, aufrecht stehen zu bleiben. Lucas musterte ihn weiter, schweigend, und mit dieser gewissen Spannung, in der es nicht lange brauchte, bis aus James leichter Nervosität ein gehöriges Unwohlsein geworden war.

„Hältst du dein heutiges Verhalten für angemessen?“, fragte Lucas weiter, und es lag eine Striktheit darin, die verdeutlichte, dass ein Ja auf diese Frage keine Option wäre. Es war offensichtlich: Irgendeine Art von Strafe musste er im Sinn haben. Widerspruch würde James‘ Lage kaum verbessern.

„Nein, Sir“, antwortete er. Ordnungsgemäß, aber leise, und in dem Wissen, dass er gerade vor der Wahl zwischen Hölle und Fegefeuer stand.

„Wenn du das so siehst, stimmst du mir sicher zu, dass eine Strafe angemessen ist für die Unannehmlichkeiten, die du mir bereitest?“

James schluckte, blickte kurz einmal auf. Senkte den Blick jedoch schnell wieder, als Lucas ihm direkt begegnete, und mit überwältigender Beharrlichkeit. Nein, keine Diskussionen, kein Widerstand. Etwas an der Haltung des Vampirs sagte ihm, dass der etwas wie das hier schon früher in dieser Nacht geplant haben musste, und sich wohl gar nicht wenig freute, nun endlich Gelegenheit dazu zu bekommen.

Lucas verzog keine Miene. Überhaupt machte er keinerlei Anstalten, James dieses Spiel hier zu ersparen, auch wenn der sich damit sichtlich unwohl fühlte.

James kniff die Augen zusammen.

„Ja, Sir“, brachte er leise und undeutlich hervor.

„So, dass ich dich hören kann!“

„Ja, Sir!“

Dieses Mal war es vielleicht ein wenig zu laut. Er musste sich zwingen zu den Worten, denn mit Wahrheit hatte das doch alles nichts zu tun. Er hätte sich gewünscht, dass es Lucas an der Stelle genügen würde, er ihm im nächsten Moment die Schulter tätscheln und sich mit dieser Demütigung zufriedengeben würde. Aber für ihn war das hier offenbar erst der Anfang.

„Wunderbar!“, antwortete er. Noch ehe er zum Schrank trat und etwas herausnahm, klang es spürbar nach Hintergedanken.

„Hose ausziehen“, befahl er, mit einem Male streng statt bloß verspielt, und behielt James unterdessen scharf im Auge. Als der zögerte, bekam er schnell zu spüren, was Lucas sich aus dem Schrank genommen hatte. Zischend traf die Gerte seinen Oberschenkel, dann der Länge nach die Finger seiner linken Hand. James zog den Arm weg, wich zur Seite, behielt aber zumindest den Blick gesenkt. Als Lucas ihm einen leichteren Klaps auf seinen Hosenbund versetzte, gab er schließlich nach und folgte dem vorigen Befehl.

Bei der Hose beließ Lucas es nicht, mit dem Ausziehen. Die ebenso hautenge Unterhose folgte auf der Stelle.

„Auf die Knie“, kam die nächste Anweisung, noch ehe James versuchen konnte, sich notdürftig zu bedecken. Er trug nichts mehr als diesen Harness, und hier, so allein, isoliert, wo vielleicht nicht einmal Cassari ihn würde schreien hören, fühlte er sich unerträglich verwundbar. Doch Lucas‘ scharfe und schnelle Worte ließen keine Zeit für Bedenken. James zog die Schultern hoch und er zitterte. Aber er gehorchte.

Als Lucas nun mit zügigen, routinierten Griffen den breiten Schemel heranzog, direkt vor James’ Knie, und ihn dazu brachte, sich darüber zu beugen, überkam den eine erste Ahnung, was das werden könnte. Lucas fasste ihn am Nacken, drückte seinen Oberkörper nach unten. Und strich ihm mit der bloßen Hand über die emporgestreckten Pobacken.

James hielt die Augen zusammengepresst. Er bebte am gesamten Körper, hielt die Muskeln angespannt, als Lucas die Finger in seinen Oberschenkel krallte, ein Stück weit zwischen seinen Beinen. Und wimmerte, als er nach einigen Sekunden nicht mehr anders konnte als nachgeben, während die kühlen Finger des Vampirs sich tief in die Muskulatur dort kneteten.

Er schluchzte auf, kniff die Augen weiter zusammen, rechnete damit, dass das so weitergehen würde – immer gegen seinen Widerstand, immer ein ganz klein wenig stärker als er es ertrug. Auch wenn es ihm nicht gefiel. Aber das war es eben, mit einer Strafe. Es brauchte ihm nicht gefallen. Was er tun musste war einfach, es zu ertragen.

Auf einmal fühlte er Lucas Hand auf seinem Rücken, spürte, wie sie flach dort liegenblieb. Und bemerkte erst jetzt, wie unruhig sein Atem geworden war, stockend, stoßweise. Bis diese Hand begann, der Bewegung seines Oberkörpers zu folgen, leicht, aber spürbar. Beruhigend. Lucas war neben ihm, in der Hocke, und sah auf ihn herab.

„Wenn ich dich frage, wie es dir geht, was für eine Farbe hast du für mich?“, sprach er James an, leise, aber fest. Und nun nicht ansatzweise streng, sondern ganz im Gegenteil, mitfühlend, verständnisvoll. Auf seine Weise als eine Oase der Ruhe, für ihn. James atmete einige Male durch, ehe er antwortete.

„Ziemlich orange“, sagte er dann, darum bemüht, sicher zu klingen. Am liebsten hätte er sich verkrochen, in einem wirklich tiefen Erdloch. Oder wäre unsichtbar gewesen. Doch das Einzige, was ihm blieb, war, weiterhin den Kopf gesenkt zu halten.

Aus dem Augenwinkel glaubte er, Lucas nicken zu sehen. Sanft fuhr der nun über seinen Rücken, an den Lederstreifen des Harness‘ entlang, bis zu seinem Haaransatz, strich ihm durch das etwas strohige, schwarz gefärbte Haar. Gab ihm einige Sekunden Zeit, sich auf die kleine Pause einzulassen.

Es half. Aber ganz vertreiben konnte auch die Unterbrechung James’ Anspannung nicht.

„Angst, dass ich irgendetwas anderes tun könnte als dich zu schlagen?“, fragte Lucas weiter, noch immer in diesem sanften, beruhigenden Tonfall. James zögerte, ob er so ehrlich sein sollte. Aber dann überwand er sich und nickte.

„Irgendwie, ja“, gab er zu, leise, kleinlaut.

„Werde ich nicht“, versicherte Lucas. „Werde ich nicht, hörst du? Versprochen.“

Wieder nickte James, langsam dieses Mal.

„In Ordnung. Nimm dir eine Minute.“

Nicht, dass er sich in dieser Minute von der Stelle hätte rühren können. Weiterhin ließ Lucas die Hand auf seinem Rücken liegen, bei seinem Nacken, fühlbar. Und mit der Zeit ging es James doch besser. Vielleicht einfach, weil das hier ihn erinnerte, dass sie sich noch immer in einem Rahmen bewegten, in dem es ihm zugestanden hätte, einen Stopp zu setzen. Es erschreckte ihn, gerade da dieses Gefühl nun zurückkehrte, mit welcher Selbstverständlichkeit er eben akzeptiert hatte, dass ihm das verlorengegangen war: Dieses Bewusstsein dafür, nicht alles mit sich machen lassen zu müssen. Auch nicht wenn das, was mit ihm geschah, innerhalb eines Rollenspiels ein Label wie ‚Strafe’ trug.

Er vermochte nicht einzuschätzen, wie lange Lucas ihm Zeit ließ. Ob es wirklich nur die angekündigte Minute war oder vielleicht doch einiges mehr. Länger, so empfand er es mit Bestimmtheit. Aber das konnte täuschen, in einer Stille, wie sie sich zwischen ihnen einstellte. Und er fühlte sich sehr viel besser, als Lucas ihm noch einmal kurz über die Schulter streichelte und sich dann erhob neben ihm. „Oh, aber auf Prügel solltest du dich einstellen“, schmunzelte Lucas, während er wiederum zu seinem Schrank an der rechtsseitigen Wand trat. „Und ich verspreche dir, es wird wehtun.“

Autor: Shiverrania

Schreibt schwule und trans* Phantastik mit kinky Elements, teilweise aber auch Gesellschaftskritisches.

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