Das Halsband – 1

Dieser Beitrag hier steht gewissermaßen unter der Kategorie „verlorene Szenen“ – Dinge, die im Laufe des Schreibprozesses irgendwann nicht mehr passen. Hatte ich schonmal hochgeladen, seither noch überarbeitet – aber momentan sieht es danach aus, dass die Dynamik zwischen den Charakteren sich beim WIP in eine etwas andere Richtung entwickelt, genauer die Dynamik zwischen Lucas und James.
Es sieht also gerade sehr danach aus, dass ich die Szene streichen werde. Da ich sie für sich genommen aber hübsch finde, zeige ich sie euch gerade mal als, sagen wir Kurzgeschichte aus einem alternativen Universum. Motto könnte lauten „eine ziemlich unperfekte Session“. Auch willige Subs performen halt manchmal einfach nicht so, wie sie gern würden 😉

CNs: Polyamourie, BDSM.

Ausgangspunkt dieser Szene: Die Woche nach James‘ erstem Besuch im „Toujours“ (also dem veröffentlichen ersten Teil, in dem er Lucas und Cassari kennenlernt). Viel Spaß damit!


Aufregung und ein Hauch von Vorfreude ergriffen James, als Lucas ihn in eines der hinteren Spielzimmer führte, und dort zur halbgeöffneten Schranktür – um ihm ein stabil wirkendes Halsband mit prägnantem Ring zu präsentieren. In diesem Zimmer war James bislang nicht gewesen, und gern hätte er sich näher umgeschaut. Was er auf den ersten Blick bemerkte – ein Andreaskreuz, eine Schaukel im Hintergrund, einen breiten, im Boden verankerten Sitz mit Vorrichtungen zum Befestigen von Fesseln, weckte sein Interesse. Aber Lucas ließ ihm keine Gelegenheit, sich näher umzusehen.

Mit dem einzig angemessenen „Ja, Sir“ bestätigte James, als Lucas ihn daran erinnerte was es bedeutete, so etwas zu tragen – dass er zu gehorchen hätte, bis man es ihm abnehmen würde, bis dahin mit sich tun lassen würde, was sein Herr von ihm verlangte. Lucas seine volle Aufmerksamkeit zu schenken, war für den Anfang das Mindeste.

James hielt still, als das Leder sich um seinen Hals legte, vorsichtig festgezogen wurde. Er schloss die Augen und fühlte. Bereit, entschlossen geradezu, sich einzulassen. Doch dann, obwohl er weiterhin gut Luft bekam, packte es ihn plötzlich.

Er wunderte sich selbst über die Panik, die in ihm aufkam, als Lucas eine Kette am vorderen Ring des Halsbands einhakte und leicht daran zog. Nicht, dass der Druck auf seinen Nacken schmerzhaft gewesen wäre. Aber er war ungewohnt für James, und nicht gerade angenehm. Sein Verstand, der ihn daran hätte erinnern können, wie peinlich und übertrieben er sich aufführte, setzte regelrecht aus.

Instinktiv fasste er nach dem Leder, das fest um seinen Hals lag wie der Schmuck, den er doch oft genug freiwillig trug; riss daran, krallte die Finger darum, versuchte wild, es loszuwerden. Erfolglos natürlich. Und nicht vollkommen ungestraft. Lucas spannte die Kette stärker an, zog ihn zu sich heran. Als James nach der Kette schlug, fasste Lucas mit dem Finger in den Ring, und zwang ihm mit einem abrupten, entschiedenen Ruck eine Nähe auf, die James gerade jetzt vollkommen unangenehm war.

„Nein!“

Da alles andere nichts nutzte, schlug James nun nach Lucas‘ Hand, heftig, und krallte erneut die Finger um das Halsband in dem Versuch, es herunterzureißen.

„Ich… ich will das nicht, Lucas… Lass… mach mich los!“

Lucas schien von all seinen Versuchen unbeeindruckt und scherte sich nicht um seinen Protest. Er lachte bloß, zog die Kette wiederum etwas straffer, und mit Bestimmtheit abwärts, in Richtung Boden, als James sich weiterhin wehrte.

„Na, da möchte wohl jemand fleißig Punkte für die erste Runde am Andreaskreuz sammeln“, kommentierte er von oben herab. James stiegen die Tränen in die Augen.

„Hör auf… nein… Ich will das nicht mehr, Lucas, bitte. Bitte lass mich!“

Er schluchzte einmal kurz auf, fing sich aber schnell wieder, als Lucas nun zumindest etwas nachgab, die Kette lockerer ließ, und ihm ein gutes Stück an Abstand gewährte. Ihn zu befreien schien ihm jedoch nicht ansatzweise in den Sinn zu kommen. James fühlte mit Bestimmtheit, dass er mehr als das hier nicht bekommen würde – gerade ein wenig Raum für sich, da er den so dringend brauchte.

Er machte kaum einen Unterschied für ihn, dieser Hauch von Entgegenkommen und Bewegungsfreiheit. Es war noch kaum fünf Minuten her, dass er zugestimmt hatte, sich Lucas heute in ganz anderem Maße zu überlassen als in den Nächten zuvor. Aber dessen überwältigende Art, so sehr er sie sonst mochte, war ihm zu viel, hier und jetzt.

Er begann zu zittern, noch immer Tränen in den Augen, und es drängte ihn, bei nächster Gelegenheit nur noch wild um sich zu schlagen. Wenn er die Kraft dazu denn finden würde. Seine Knie fühlten sich weich an und er verspürte Schwäche. Machtlosigkeit, die ihn lähmte. Mit jedem Atemzug überkam ihn stärker die Gewissheit: Was immer er tat, würde nichts ändern. Weil nichts von dem hier mehr in seiner Hand lag, seit diesem Einverständnis. Lucas würde ihn zwingen, ihm die Wahl nicht lassen. Und wenn er nicht freiwillig bereit dazu wäre, hätte er sicherlich seine Methoden, ihn doch dazu zu bewegen, mit Gewalt, wenn nötig. James war nicht bereit dafür. Das hier… wollte er nicht.

Etwas überrascht war Lucas über seine heftige Gegenwehr wohl gewesen, aber beeindrucken oder gar abschrecken ließ er sich davon weiterhin nicht. Er begegnete James mit einem sanften Blick, mitfühlend, beruhigend, zeigte sich geduldig. Aber gleichzeitig kein Stück bereit, ihn zu erlösen, ihm von sich aus den Gefallen zu tun und ihn gehen zu lassen. James begann zu begreifen, dass Tränen und Gegenwehr für den Vampir fern von einem Grund waren, die Sache vorzeitig zu beenden.

In seiner Panik überlegte er, ob er von sich aus auf Codes zurückgreifen sollte, gelb oder sogar rot. Einen harten Stopp setzen, wenn alles andere nicht half. Andererseits: So unnachgiebig wie jetzt gerade hatte Lucas sich ihm gegenüber nie gezeigt. Was, wenn er auch das ignorieren würde?

In diesem Moment war es plötzlich Cassari, der bei der Tür auf sie wartete, von dort bislang bloß beobachtet hatte, einigermaßen distanziert, der reagierte und den Arm nach ihm ausstreckte. Er kam näher, strich James über die Seite, zärtlich, beruhigend – und zu dessen Überraschung fasste er ganz nebenbei nach der Kette, die Lucas bislang gehalten hatte. Ohne zu zögern überließ der sie ihm.

Als es nun Cassari war, der daran zog, sanft, mit ganz langsamem, leichtem Druck, erschien diese Geste James mit einem Male vollkommen anders. Vielleicht weil er ihn gleichzeitig an der Schulter berührte, ihn seine Hand dort fühlen ließ, und einen Arm um ihn legte, sobald James ihm nahe genug kam. In seiner Hand war das hier plötzlich nicht mehr Überwältigung, Zwang, Gewalt. Sich ihm zu überlassen, vermittelte James Verbundenheit, Sicherheit, eine tiefe Art von Ruhe. Und noch immer zitternd schlang er selbst einen Arm um den von Cassari, auch wenn er nicht sicher war, ob ihm das in seiner jetzigen Rolle zustand. Cassari duldete es, streichelte ihm über den Rücken.

„Das würde er nicht“, versicherte er, hatte offenbar James Gedanken gelesen. Laut genug mussten sie gewesen sein, für jemanden wie ihn. „Nein ist kein Safewort“, wiederholte er dann den Hinweis, den Lucas ihm schon vor einigen Nächten gegeben hatte. Wohl begleitet von einem Lächeln, wie James aus seinem Tonfall erahnte.

„Ich weiß“, gab der zu, leise, kleinlaut, beinahe unhörbar.

Worte zu finden fiel ihm schwer, in diesem Moment. Er war überwältigt vor Dankbarkeit für Cassaris Entgegenkommen, für die Zuflucht, die der andere ihm bot. Vielleicht drückte er sich etwas übertrieben kräftig gegen Cassaris schlanken Körper. War ihm gerade noch nach Heulen zumute gewesen, so vergrub er nun das Gesicht in seiner Schulter. Und fand Geborgenheit bei diesem Vampir, der ansonsten doch oft etwas Unheimliches an sich hatte. Mit nur wenigen Atemzügen gelangte er zu einer Ruhe, wie er es sich kurz zuvor noch kaum hätte ausmalen können, mit diesem Ding um seinen Hals.

„Niemand wird dir etwas antun“, versicherte Cassari, sprach nun selbst leise.

Seine Worte fingen an, James zu erreichen. Schließlich nickte der. Und sobald er nur etwas gefasster wurde, fühlte er heiße Röte in seine Wangen steigen und begann sich unglaublich zu schämen für seine Reaktion gerade eben, Lucas gegenüber.

Als er den Kopf von Cassaris Schulter löste, einen scheuen Blick hinüber zum Herrn des Hauses warf, der die Szene aufmerksam und noch immer mit einem Lächeln verfolgte, meldete sich jedoch erneut eine unbestimmte Furcht in ihm. Er bemerkte, dass auch Cassari flüchtig zu dem Vampir mit dem dunklen Haar herübersah, der sonst ihm Halsband und Leine anlegte, und leicht mit den Schultern zuckte.

James hätte sich gewünscht, unsichtbar sein zu können. Er tat das Nächstbeste und vergrub erneut das Gesicht in Cassaris Schulter. Der schmiegte sich seinerseits an ihn und ließ es auch jetzt zu, dass James Schutz bei ihm suchte.

Schutz – konnte denn davon überhaupt die Rede sein? Was wäre, wenn Lucas von Cassari verlangen würde, ihm diese Kette zurückzugeben? Wäre der nicht bereit, sich seinem Willen zu beugen? Tat er hier überhaupt mehr als seinen Teil dazu zu leisten, James gefügig zu machen?

Ein leichter Kuss auf seine Wange, auf James‘ bloßen Gedanken hin, und ein Streicheln über sein Haar waren Antwort genug. Nein, Cassari würde sich zu nichts zwingen lassen, schon gar nicht, wenn es dabei um James ging, oder überhaupt jemand anderen als ihn selbst. Und eigentlich, das versuchte James sich mehr und mehr klarzumachen, war es ja nicht so, dass er Lucas in dem Sinne misstraut hätte. Die etwas grobe, bestimmte Art, ihn seine Überlegenheit spüren zu lassen, Grenzen bewusst auszureizen, hatte James in den zurückliegenden Tagen von ihm bereits kennengelernt, und er wusste, zum Spielen gehörte das für ihn dazu. In anderen Momenten war es etwas, das James durchaus reizte. Es war dieses kleine Quäntchen, das ihn spüren ließ, dass die Kontrolle wirklich nicht bei ihm lag. Lucas vermochte echtes und ehrliches Vergnügen darüber zu empfinden, ihn zu ärgern, ihn zappeln zu sehen und dahin zu bringen, dass er es gerade so noch ertrug. Doch jetzt, in dieser Situation, tat James sich schwer damit.

Cassari, darauf vertraute er nach seinen Erfahrungen mit ihm, würde so niemals mit ihm umgehen. Bestimmt und bestimmend mochte er sein, hatte eine sehr eigene Art, zu dominieren, zu führen. Aber Schläge, Schmerzen, so etwas gab es nicht mit ihm. Mochte er auch selbst so einiges ertragen und aushalten, und dazu auch bereit sein, wenn er selbst sich auf Lucas einließ: Die unnachgiebige Grundhaltung, die der im Spiel zuweilen zeigte, die Einstellung, dass es dazugehörte, das Erträgliche bis zur Grenze auszureizen, war ihm völlig fremd.

Ein wenig starr wurde James, als Lucas von hinten an ihn herantrat, ihm mit den Fingerspitzen über den bloßen Rücken fuhr.

„Nun dann“, sagte der freundlich, wohl noch immer mit diesen Lächeln auf den Lippen, sprach nun ebenfalls leise. „Wenn unser Sklave sich seinen Herrn für diese Nacht selbst aussuchen möchte, wollen wir ihm seine Wahl ausnahmsweise lassen.“

Einen Kuss drückte er James auf den Hinterkopf, dann knapp hinter sein Ohr, direkt über dem Ansatz des Halsbandes. Cassari ließ ihn, hielt weiter einen Arm um James gelegt, aber locker, ohne Zwang. Und mit ihm als demjenigen, der diese Kette in der Hand hielt, wurde Lucas‘ Nähe, diese weiche, durchdringende Präsenz, die er an sich hatte, auch für James in Ordnung. Er vertraute darauf, dass Cassari es nicht tatenlos hinnehmen würde, sollte der andere zu weit gehen. Trotz der Bemerkung zuvor – ein ‚Nein’, auch innerhalb des konsensuellen Spiels, hatte für ihn einen gänzlich anderen Stellenwert als für Lucas, für den ein Tabu eher eine besondere Herausforderung zu sein schien denn ein wirkliches Verbot – selbst wenn es ihn Zeit und Geduld kosten würde, auch sein Gegenüber zu überzeugen.

Lucas‘ Hände glitten an James’ Körper hinab, fassten ihn bei der Taille. Nachdrücklich, spürbar. James nahm es hin, blieb still. Es war ein seltsames Gefühl, zu wissen, dass nicht er es wäre, der bestimmen würde, wie weit Lucas zu gehen hatte. Und der nutzte durchaus noch ein wenig aus, dass Cassari ihn vorerst gewähren ließ. Er glitt mit einer Hand zu James’ Po hinab, zwischen seine Beine…

James lehnte den Kopf gegen Cassari. Etwas widerwillig wurde er doch, als Lucas fortfuhr, ihn zu streicheln, die Fingerspitzen leicht in seine Haut zu vergraben, fordernd, unnachgiebig. Ergeben, aber mit mehr und mehr Anspannung, drückte James sich weiter gegen Cassari, in der stillen Bitte, er möge den anderen zurückhalten, ihn dazu bringen, aufzuhören. Und schließlich glaubte er tatsächlich so etwas wie einen freundlichen, aber bestimmten Blick von ihm zu Lucas wahrzunehmen, woraufhin der sich von ihnen zurückzog.

Sobald er erst von ihm abließ, begann James auf der Stelle, seine Nähe und seine Zärtlichkeiten zu vermissen, und auch Lucas schien das nicht zu entgehen. Als James ihm von der Seite einen Blick zuwarf, deutlich hin und hergerissen, zog er die Augenbrauen hoch und hob demonstrativ die Hände. Knapp, triumphierend regelrecht. Im nächsten Augenblick ließ er sie allein.

James verzog das Gesicht, sah ihm vorwurfsvoll hinterher und vielleicht ein wenig beleidigt. Aber doch, es war besser so. Er war dankbar für diese indirekte Versicherung von Cassari, dass er sich bei ihm gut aufgehoben fühlen konnte. Und lächelte, als es nun der Vampir mit dem schwarzen Haar war, der ihm kurz aufmunternd über den Rücken rieb, ehe auch er sich von ihm löste. Nicht viele Worte, wie so oft. Aber von seiner Seite brauchte es auf diese Kette keinen Druck. Auf dem Fuß folgte James ihm zum Aufzug. Und schließlich, als die Türen sich vor ihnen wieder öffneten, ebenso in den öffentlichen Bereich des Klubs.

Autor: Shiverrania

Schreibt schwule und trans* Phantastik mit kinky Elements, teilweise aber auch Gesellschaftskritisches.

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