James in Paris – 11 (WIP)

[Folgeband zu „Toujours“. Work in Progress und absolute Rohfassung. Das Ende steht für diesen Band noch nicht fest.
Generelle Anmerkung zum WIP: Da Kanars Andeutungen in Kapitel 9 im Gesamtbild bislang sehr kryptisch wirken, überlege ich momentan, ob ich noch eine Szene einschiebe, die dazu etwas mehr Hintergrund beiträgt und chronologisch etwa zeitgleich zu Episode 1 stattfindet, die aber eigentlich erst für den nächsten Band zu Leon geplant war. Die Nummerierung werde ich hier so aber vorerst beibehalten. Erfahrungsgemäß wird sich die Kapitelstruktur in der Endfassung bzw. nach der Überarbeitung ohnehin von der Rohfassung unterscheiden.
CNs für diese Szene: Psychischer Stress, Erinnerung an Gewalt/Folter]

Sicherlich waren es nicht mehr als zehn Minuten, bis James die Tür im Erdgeschoss hörte, Schritte im Treppenhaus, und bald darauf auch das Klicken vom Schloss der Eingangstür hier oben, neben dem Aufzug. Und doch erschien es ihm als eine Ewigkeit. In der er nichts weiter tun konnte als hier bleiben, zusehen – und doch allzu deutlich fühlen, wie machtlos er war, irgendetwas zu tun.

„Lucas?“, rief er in Richtung der Tür, sobald er einigermaßen sicher war, dass der Vampir ihn hören konnte. Und es dauerte nicht lange, bis dieser eintrat, noch immer in einen dunkelbraunen Wintermantel gehüllt. Auch Schuhe und Schal hatte er nicht abgelegt. In gewisser Weise war sein Anblick, so vermummt, der vollkommene Gegensatz zu Cassari mit seiner schlanken Gestalt und den nackten Füßen, die unter dem Bademantel hervorschauten wie überhaupt einiges an bloßer Haut.

Als Lucas ihm zunickte, stand James zügig auf und wich zur Seite. Es war nicht viel Platz zwischen der Wand und dem Bett – zu wenig, hätte James sonst sogar gefunden, angesichts Lucas‘ fülliger Kleidung.

„Er hat irgendetwas gesagt, nicht wahr?“, murmelte der vor sich hin, warf James einen sehr kurzen Blick dabei zu, der dem verdeutlichte: Mit ‚er‘ war nicht Cassari gemeint.

„Ja… so etwas, dass er… das Gebäude nicht abfackeln soll“, stammelte James. Lucas schnaufte.

„Ich könnte ihn ohrfeigen!“, stieß er aus, aber auch das trotz des Tonfalls leise, verhalten. James zog die Schultern hoch. Den Kommentar, dass er das bereits versucht hatte, und zwar einigermaßen erfolglos, behielt er für sich. In diesem Moment, fand er, ging es nicht um ihn.

Lucas schien keine weitere Zeit an eine Unterhaltung verschwenden zu wollen, trat an Cassari heran, ging vor ihm in die Hocke. Und von seinem Ärger war keine Spur mehr, als er sich kurz darauf wieder umwandte, um noch einmal zu James hochzusehen.

„Wenn es für dich in Ordnung ist – würdest du uns kurz allein lassen?“, bat er ihn direkt. James seinerseits war bereits ein gutes Stück zurückgetreten.

„Ja, sicher“, nickte er, deutete noch auf die Tür. „Soll ich…?“

„Ja, bitte.“

Wieder kam es unmittelbar und direkt, so direkt, dass James es andernfalls als grob empfunden hätte, angriffig vielleicht sogar. Nein, nicht nur ‚andernfalls‘… er fühlte sich abgewiesen. Aber er bemühte sich, das herunterzuschlucken, es weniger persönlich zu nehmen als er das normalerweise getan hatte, noch während er die Tür hinter sich zuzog. Und auch in den Sekunden danach, als er noch einen Moment davor stehenblieb, sich rücklings gegen das Holz lehnte, um durchzuatmen. Lucas meinte es nicht böse, das versuchte er sich selbst zu versichern. Und dass er selbst Cassari eben einfach nicht gut genug kannte, um so für ihn da zu sein, wie der das gerade brauchte, hatte er kurz zuvor ja selbst allzu bewusst empfunden.

Äußerst unruhig lief er im Wohnraum auf und ab, hörte Cassari zunächst noch Schluchzen, war aber etwas erleichtert, als der schon bald darauf ruhiger wurde. Er konnte währenddessen nicht anders, als zumindest den Teil einer Schuld bei sich selbst zu suchen. Ob es vielleicht ein Fehler gewesen war, den Raum vorhin zu betreten? Hätte er nicht stattdessen vor der Tür bleiben sollen und von vornherein auf Lucas warten? Cassari nicht anfassen? Nichts sagen? Etwas anderes sagen?

Er war ein ziemliches Nervenbündel, als die anderen beiden ihm im Wohnraum schließlich doch wieder Gesellschaft leisteten. Lucas hatte Schal und Mantel abgelegt und trug Cassari auf dem Arm, was der sich bereitwillig gefallen ließ. Sobald Lucas ihn auf die Couch setzte, zog er sich rücklings in die nächste Ecke zurück, den Winkel zwischen den beiden Seiten der Couch, und wie zuvor auf dem Boden zog er auch hier die Beine dicht an den Körper, blieb geduckt.

Lucas ließ ihn, scherte sich zunächst auch um James nicht weiter. Er verschwand in den hinteren Gang und kehrte kurz darauf mit einer dichten Bettdecke zurück, in die er Cassari hüllte, einfach so, wie der dort saß. Dann erst setzte er sich neben ihm auf das Polster.

Cassari war nun nicht mehr einfach blass, sondern sah obendrein vollkommen verheult aus. Lucas‘ Fürsorge ließ er sich ohne Gegenwehr gefallen. Aber nicht bloß ohne Gegenwehr; ohne überhaupt eine Reaktion. Da war kein Wimmern, kein Zucken, absolut kein Anzeichen davon, dass er Schmerzen hatte, was aber sicherlich noch immer der Fall sein musste. Sein Blick dazu ging irgendwo in den Raum. Wie verloren in einer anderen Welt. Als er schließlich doch eine Regung zeigte, wandte er sich damit an Lucas, der einen Arm auf der Lehne abgelegt hatte, seitlich, so dass der ihn berühren konnte. Und gerade das tat Cassari nun, lehnte sich zunächst schräg nach hinten, dann zur Seite, näher zu ihm. Als er das Gesicht gegen Lucas‘ Hand schmiegte, lächelte der ihm zu, schlang den Arm um ihn, und zog ihn mitsamt der Decke zu sich heran.

Einen Arm ließ er um ihn liegen, streichelte ihm durch den Stoff hindurch über das Knie. Es schien zu helfen.

James war unterdessen stehengeblieben, mitten im Raum, beobachtete, noch immer besorgt.

„Das war eben nicht deine Schuld, James“, ergriff dann Cassari das Wort. Seine Stimme war leise, beinahe unhörbar, wie zuvor schon auf dieser Gedankenebene; als wolle er eigentlich weiterhin unsichtbar bleiben. „Es ist alles so… kompliziert. An was ich mich erinnere, das…“

Er sah James nicht an, während er sprach. Aber selbst auf diese Weise schien es ihm schwer zu fallen, Worte zu finden.

„Wenn du mich fragst, was ich da getan habe: Ich wollte, dass der Raum weniger dunkel ist. Und das macht vielleicht wenig Sinn, denn eigentlich war dem ja nicht so. Aber in meiner Wahrnehmung, da war es eben…“ Es klang lebhafter, wie er nun sprach, aber an dieser Stelle schluckte er. „Das gehörte bei uns früher zur Strafe. Als Erstes wirst du eingesperrt, und niemand weiß, wie lange. Es kann sein, dass du nächtelang keinen Funken Licht siehst. Und du kannst nichts dagegen tun. Absolut gar nichts.“

Cassari begann, zu zittern, während er erzählte. Beruhigend rieb Lucas ihm über die Seite, auch jetzt wieder durch diese Decke hindurch. Als sich ihre Blicke dann doch einmal kurz begegneten, Cassari zu ihm hochsah, konnte James einfach nicht mehr anders. Entschlossen trat er näher, setzte sich zu ihm, legte die Arme um ihn und drückte ihn an sich.

„Du bist wertvoll, Cassari, hörst du“, flüsterte James ihm ins Ohr, ohne selbst wirklich zu begreifen, was er da tat. „Und was da passiert ist, war furchtbar falsch. Aber du bist in Ordnung.“ Sanft küsste er den anderen auf die Wange. „Du bist in Ordnung.“

Autor: Shiverrania

Schreibt schwule und trans* Phantastik mit kinky Elements, teilweise aber auch Gesellschaftskritisches.

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