James in Paris – 10 (WIP)

[Folgeband zu „Toujours“. Work in Progress, Ende ist noch offen.
CN für diese Episode: Trauma]

Zaghaft klopfte James an die Tür, bei der er sich einigermaßen sicher war, dass Cassari dahinter sein musste – irgendwo im Zimmer. Wohnraum und Couch hatte er verlassen vorgefunden. Das Licht brannte dort noch immer, auf dem Flur ebenso. Aber nachdem sich die Eingangstür im Erdgeschoss hinter Kanar erst geschlossen hatte, wurde es im Gebäude totenstill. Eine Spur von Cassari war nirgends zu entdecken.

James hatte nach ihm gerufen – keine Reaktion. Beunruhigt hatte er begonnen, sich in der Wohnung umzusehen, zumindest soweit die Türen offenstanden. Allmählich gewann er einen Überblick über die Raumaufteilung – ein Rundgang verband den Wohnraum mit dem hinteren Bereich, führte am anderen Ende zurück zum Flur und zum Aufzug. In der Mitte lagen ein Ankleideraum und das Bad. Die Türen im hinteren Bereich waren verschlossen – vermutlich die Schlafräume. Sich dort ohne ausdrückliche Erlaubnis umzusehen, wäre James übergriffig vorgekommen. Aber nachdem sich Cassari weder im Bad noch im Ankleideraum aufhielt, musste er irgendwo dort sein. Wenn er sich denn noch in der Wohnung aufhielt. Aber darauf hoffte James doch sehr. Immerhin, wie er selbst es zuvor erst erklärt hatte – das Gebäude hätte er in seinem Zustand wohl kaum verlassen.

„Cassari, bitte…“, murmelte James leise. Er schloss die Augen und lauschte, konzentrierte sich außerdem, beobachtete sorgsam, ob sich auf der Gedankenebene irgendetwas wahrnehmen ließe. Sekundenlang tat sich nichts.

Du kannst reinkommen, wenn du willst, vernahm er es schließlich von der Gedankenebene her. Es wirkte anders als er es zuvor von Cassari erlebt hatte. Leise, dünn. Beinahe unsichtbar.

Er zögerte nicht, öffnete die Tür – und benötigte trotz des recht überschaubaren Raumes doch noch einen Moment, ehe er Cassari überhaupt entdeckte. In der Ecke auf dem Boden saß er, hinter dem Bett. Die Beine hatte er angezogen, die Arme darum geschlungen. Und hielt auch den Blick auf den Boden geheftet, selbst als James eintrat.

Der bewegte sich bei den ersten Schritten noch zügig, hastete regelrecht. Wurde aber dann doch langsamer, vorsichtig, als der andere weiterhin keine Regung zeigte, nicht zu ihm aufblickte. Einfach nichts.

„Hey“, sprach James ihn leise an, ging neben ihm in die Hocke. Er überlegte, ob er ihn berühren sollte, den Arm nach ihm ausstrecken. Entschied sich aber vorerst dagegen.

„Alles okay bei dir?“, versuchte er es stattdessen weiter. Und hätte sich können dafür. Was für eine dämliche Frage, offensichtlich nicht, überlegte er.

Cassari schüttelte den Kopf. Auch wenn James glaubte, ihn zumindest kurz ein wenig lächeln zu sehen.

Trotzdem lieb, dass du fragst.

James nickte.

„Und kann ich irgendetwas tun?“, fragte er weiter.

Wieder Kopfschütteln. Ganz leicht nur.

„Darf ich dich anfassen?“

Zunächst Schweigen.

Kommt darauf an, wie, hörte James es dann. Wieder war es leise, kaum zu vergleichen mit der strahlenden Präsenz, die er von ihm bislang kennengelernt hatte.

Gerade so, antwortete er dieses Mal selbst in Gedanken, streckte dann die Hand nach ihm aus, wie er es von vornherein intuitiv hatte tun wollen, streichelte ihm über den Oberarm. Cassari duldete es. Aber zumindest äußerlich konnte James nicht annähernd abschätzen, ob es einen Unterschied für ihn machte.

„Was er da gesagt hat, tut mir schrecklich leid“, erklärte James. „Was auch immer passiert ist, es war sicher keine Absicht. Jedenfalls kann ich mir das nicht vorstellen. Und dass ihn das so gar nicht interessiert…“

Ärgerlich schüttelte er den Kopf, schob seine Emotionen aber zur Seite. Cassari schien nicht unbedingt in einer kämpferischen Stimmung, in der ihm das weitergeholfen hätte.

„Nein, es…“, sagte der jetzt, gebrauchte das erste Mal seine Stimme, seit James den Raum betreten hatte. Leise blieb sie. Aber überraschend deutlich.

„Das ist einfach alles ein Missverständnis, ich… Feuer, so etwas kann ich überhaupt nicht.“

Wie in Gedanken klang es, und nicht unbedingt nach einer Antwort. Eher nach einem Selbstgespräch. James glaubte zu spüren: Es zog den anderen gerade sehr weit weg von ihm.

„Es war dunkel, und…“ Er fasste sich an den Kopf. Dann fing er plötzlich an, zu weinen.

„Cassari?“

James versuchte es noch einmal damit, ihn anzusprechen, streichelte ihm weiter über den Arm. Aber nun schien es sinnlos. Beinahe unsichtbar kam er sich vor, als sei er für den anderen schlichtweg nicht mehr im Raum. Unruhig sah er zur Tür.

Lucas, wenn du irgendwo in der Nähe bist, das wäre jetzt ein guter Zeitpunkt, zurückzukommen, überlegte er, offen in die Leere. Aber er hatte keine Ahnung, ob sein stiller Ruf überhaupt bis auf die Straße dringen würde. Und sah nichts, das er selbst noch hätte tun können, außer – warten.

Autor: Shiverrania

Schreibt schwule und trans* Phantastik mit kinky Elements, teilweise aber auch Gesellschaftskritisches.

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