James in Paris – 8 (WIP)

[Folgeband zu „Toujours“. Work in Progress und absolute Rohfassung. Das Ende steht für diesen Band noch nicht fest. CNs für diese Episode: Rückblickende Betrachtung zu Krankheit.]

Als sie sich nun völlig allein in der Wohnung fanden, dieser kompletten Etage mit ihren zahlreichen, großzügigen Räumen, hatte James einen Moment lang die Befürchtung, dass sich zwischen ihnen ein peinliches Schweigen einstellen könnte. Eine unsichtbare Wand, wie es sie zwischen ihm und anderen Personen, Menschen, beinahe immer gab, sobald es um mehr ging als Oberflächlichkeiten. Und für Oberflächlichkeiten war die letzte Nacht zwischen ihnen zu intensiv gewesen.

Nach dem hektischen Aufbruch der anderen beiden lag noch immer ein Lächeln auf James‘ Lippen, als er sich halb umwandte, um Cassari ansehen zu können. Und er bemerkte: Auch Cassari lächelte etwas. Verzog bei der kleinsten Regung aber schon wieder das Gesicht. Schmerzen hatte er offenbar noch immer.

„Hattet ihr nicht gestern früh noch…?“, sprach James ihn darauf an.

Cassari schüttelte den Kopf. Obwohl er körperlich mitgenommen wirkte, schien er sich aber recht wohlzufühlen.

„An sich ja. Aber ich … naja.“

Nun wirkte er doch etwas verschämt.

„Irgendwo habe sogar ich meine Schmerzgrenze“, meinte er. James lächelte ihm zu.

„Hat so etwas nicht jeder?“

Unglücklich verzog Cassari das Gesicht. Dann schloss er einige Sekunden die Augen, schien vollkommen konzentriert auf seinen Körper. Atmete tief ein und aus. Und setzte sich nun doch, auf die linke Seite der Couch, schräg James gegenüber.

Er tat es langsam, kniff die Augen dabei zusammen. Und doch legte sich ein verstohlenes Grinsen auf sein Gesicht. James beobachtete es, lächelte.

„Irgendwie genießt du das schon, oder?“, fragte er. Cassari nickte.

„Oh ja“, antwortete er. Grinste weiter vor sich hin und schüttelte gedankenverloren den Kopf.

„Es ist so, auf die Straße könnte ich damit nicht. Von daher kümmern wir uns normalerweise vor Sonnenaufgang darum. Und speziell bei mir ist es außerdem so, dass…“ Er stockte, und schien gut zu überlegen, was er weiter sagen sollte. James wartete kurz ab, nickte dann aber, warf einen Blick zum Durchgang hin, wo Lucas sich eben verabschiedet hatte.

„Er macht sich Sorgen um dich?“, fragte er nach. Cassari zögerte noch immer kurz. Dann nickte er.

„Es ist so, ich habe momentan… Schwierigkeiten. Alpträume, solche Dinge.“ Auch er sah nun in Richtung des Aufzugs. Und wirkte unsicher dabei. Unentschlossen.

„Hey, ich kann nur zurückgeben, was du gestern zu mir noch meintest: Du brauchst wirklich über nichts reden, wenn du nicht möchtest“, versicherte James. „Andererseits, wenn du möchtest – kannst du gerne. Wie du willst.“

„Hm.“

Etwas änderte sich in Cassaris Haltung. Nachdenklich schien es, wie er ihn nun musterte. Es erinnerte James an ihre erste Begegnung im Klub, bei der der andere aufgelegt hatte – und ihm durchaus mit einer guten Portion Selbstbewusstsein begegnet war, wenn er sich schlussendlich auch hilfsbereit gezeigt hatte.

„Ja… Es ist seltsam, ich habe das Gefühl, dass ich mit dir reden kann“, meinte Cassari dann zu ihm. „Aber um das für mich mal zu sortieren – du stammst tatsächlich aus dieser Zeit, jetzt, oder?“

„Du meinst, ob ich vielleicht älter sein könnte als zwanzig?“ James grinste. Er schüttelte den Kopf. „Nein, sorry“, antwortete er dann. „Ich fürchte, ich habe von der Weltgeschichte wirklich noch nicht viel erlebt.“

Cassari lachte. Und zuckte unmittelbar zusammen. Mit einer Mischung aus Vergnügen und Vorwurf sah er an sich herunter, als wolle er seinen Körper bitten, ihn die nächsten Minuten in Ruhe zu lassen. Aber weitergehend irritieren ließ er sich nicht davon.

„Ich weiß nicht, manchmal täte es vielleicht gut, neu anfangen zu können und einige Dinge zu vergessen“, meinte er zu James‘ letzter Bemerkung. „Das ‚Jetzt‘ vollkommen neu erleben, ohne alles, was vorher war. Und entschuldige, wenn das so angekommen sein sollte – ich hatte nicht vor, dir einen Vorwurf zu machen. Es ist bloß so, dass sich bei Kanars Bekannten oft nur schwer einschätzen lässt, mit wem man es zu tun hat.“

„Oder mit was?“

Obwohl ihm bewusst war, dass es abwertend klingen musste, und vielleicht ein wenig provokativ, blieb James gelassen bei seiner Nachfrage. Auch Cassari ließ sich nicht aus der Ruhe bringen.

„Ja, vielleicht? Ohne das in einer negativen Weise aufzufassen.“ Er schwieg kurz. „Du kommst mir einigermaßen… reif vor, für jemanden in dem Alter, nach dem du aussiehst“, fügte er hinzu.

„Ja, das höre ich öfter.“ James zuckte mit den Schultern. „Es kommt da wahrscheinlich einiges zusammen. Aber ich denke, der wesentliche Grund ist: Eine Freundin von mir war lange Zeit ziemlich krank. Ehrlich gesagt haben wir mehr als einmal damit gerechnet, dass sie den nächsten Monat nicht mehr erleben würde. Und, ich weiß nicht, es klingt vielleicht abgehoben oder philosophisch, aber… Nach so etwas sieht man die Dinge… anders.“ Er schwieg kurz. „Irgendwie gibt es in der Welt einfach keinen Raum für das alles – Trauer, Tod, Verlust. Wenn man so etwas erlebt, oder die ständige Angst davor, das… passt einfach nicht. Oder eher, man passt dann nicht mehr, zu allem anderen.“

Noch weniger als sowieso schon, fügte er in Gedanken noch hinzu. Beschloss aber dann doch, über diesen Teil zu schweigen. Besser gar nicht erst auf Dinge zu sprechen kommen, für die er von Kanar sicherlich einen mittelmäßigen Tadel riskiert hätte.

Cassari nickte, ernst geworden.

„Und was ist inzwischen mit ihr, ist sie…?“

„Sie hat sich erholt“, antwortete James, vielleicht ein bisschen zu schnell. Musste sich aber mit etwas Kraft zurückhalten, um nicht emotional zu werden beim bloßen Gedanken daran. „Tut mir leid“, sagte er, als er kurz durchatmen musste.

„Kein Grund, sich zu entschuldigen. Das klingt in der Tat ziemlich… hart, für jemanden in deinem Alter.“

Cassaris Worte waren mitfühlend. Freundlich. Aber da war noch etwas, das James recht deutlich bemerkte. Ein Gefühl von Schwerelosigkeit, das ihn ergriff. Wie ein Gewicht, das einfach von ihm abfiel, seinem Körper die Leichtigkeit einer Feder verlieh.

„Sag mal, machst du irgendetwas mit mir?“, fragte James misstrauisch nach, als er erst an sich herabgesehen hatte, und nun ein leichtes Lächeln auf Cassaris Lippen bemerkte.

„Bloß ein bisschen positive Energie“, erklärte der freundlich.

„Ah, wie mit dieser furchtbaren Musik am Mittwoch.“ James lachte. Vergnügt, das wohl. Aber er spürte vollkommen bewusst: Es war beinahe wie ein Rausch. Er konnte nicht anders.

„Hör auf damit, bitte!“, flehte er, als der dem nachfühlte, und sich sehr sicher war, dass er nicht in der Lage gewesen wäre, an dieser Stimmung oder diesem Gefühl, wie auch immer man es konkret hätte nennen können, selbstständig etwas zu ändern.

Cassari lachte.

„Na schön, wie du magst“, sagte er. Und in der Tat ließ es auf der Stelle nach. Eine gewisse Heiterkeit und Lockerheit blieb allerdings.

Cassari neigte den Kopf zu ihm, ein freundliches Lächeln auf den Lippen.

„Zu viel Licht für eine schwarze Seele?“

Noch immer konnte James nicht anders als darüber lachen. „Ja, irgendwie schon“, gab er zu. Und fing sich nun allmählich doch wieder.

„Bloß ein wenig Hexerkram. Und du hast übrigens recht, auf Partys mache ich das auch manchmal. Musik ist ein wunderbarer Träger dafür.“

„Ja… gut und schön, aber ausgerechnet Licht?“, erwiderte James. „Sollte das nicht in etwa das Gegenteil von dem sein, was du magst, so als Vampir? Ich meine – Sonnenlicht verletzt euch doch, nicht wahr? Oder habe ich da schon wieder etwas verpasst?“

Wieder lachte Cassari und schüttelte den Kopf.

„Nein, eigentlich hast du schon recht“, antwortete er zunächst bloß. Er warf einen Blick hinter sich, auf die Lehne. Schreckte aber sichtlich davor zurück, sich anzulehnen, und blieb sitzen, wo er war – auf der vorderen Kante des Polsters.

„Ich visualisiere mir eher einen Mond als eine Sonne“, erklärte er. „Aber eigentlich hat es eher etwas zu tun mit… einer gewissen Balance, innerem Gleichgewicht. Im gewissen Sinne braucht man das bei der Hexerei immer. Es sei denn, man möchte unbedingt mit Eigenenergie arbeiten, was aber wirklich nicht sonderlich empfehlenswert ist. Auch wenn es die meisten Leute intuitiv tun, wenn sie mit dem Ganzen anfangen.“

„Wow, das heißt – das meinten die beiden, von wegen ‚Eigenheiten‘? Du bist tatsächlich eine Art Magier oder so etwas?“

Unschuldig zuckte Cassari mit den Schultern.

„Hexer würden wir uns selbst genannt haben“, antwortete er. Stutzte aber. „Und was genau hast du… darüber gehört?“

„Ach, Lucas meinte bloß so etwas, dass ich mich tagsüber von euch beiden fernhalten sollte, von Maxime und dir. Und naja, mit Kanar war ich in dieser Residenz. In einem der Räume gab es wohl ein Feuer, und er hat so eine Andeutung gemacht, dass … du damit etwas zu tun gehabt hättest?“

Als er auf die Residenz zu sprechen kam, wich Cassari ihm bereits aus und biss sich auf die Unterlippe. Vorsichtig sah er bloß einmal kurz zu James herüber. Der hob sofort entwaffnend die Hände.

„Tut mir leid, ich wollte dir nichts vorwerfen, und dich auch nicht aushorchen oder so etwas“, versicherte er schnell. „Ich versuche bloß, das zu verstehen, und ich finde es… ziemlich spannend, ehrlich gesagt.“

„Ach, ich schätze, dann bist du heute weniger müde als neulich?“, kam es nun plötzlich vom Aufzug her. So plötzlich, dass James vor Schreck aufsprang – und auch Cassari bemerkte er noch im selben Moment schräg hinter sich, auf der gegenüberliegenden Seite, bei der Ecke zum linken Flur. Kanar unterdessen stand vollkommen unbeeindruckt im Durchgang und stemmte die Hände in die Hüften. „Ist ja interessant, worüber ihr zwei euch so unterhaltet, wenn man euch mal fünf Minuten allein lässt.“

Autor: Shiverrania

Schreibt schwule und trans* Phantastik mit kinky Elements, teilweise aber auch Gesellschaftskritisches.

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