James in Paris – 6 (WIP)

[Folgeband zu „Toujours“. Work in Progress und absolute Rohfassung. Das Ende steht für diesen Band noch nicht fest. An der vorliegenden Szene wird voraussichtlich noch einiges passieren, aber nachdem ich sie inzwischen so 3-4X neu angefangen und auf halbem Weg gelöscht habe, ist sie jetzt erstmal so.]

Ganz so neutral wie es bei Lucas‘ Ankündigung geklungen hatte, wurde es nicht, als sie schließlich auf die Couch im Obergeschoss zurückkehrten. Nebensächlich und selbstverständlich, aber dadurch nicht weniger wirkungsvoll zog er James so nah an sich heran, dass der seine Arme kaum bewegen konnte, hakte einen Fuß über seinen Knöchel. Mit Gewalt wehrte James sich nicht. Aber es erschien ihm als eine Zwickmühle. Er glaubte eine gewisse Parallele zu den unauffälligen, aber effizienten Kniffen zu erkennen, die er bereits von Kanar regelmäßig erlebt hatte. Bloß rechtfertigte nichts hier einen Widerstand, der auffälliger gewesen wäre als die lockere Art und Weise von Lucas, mit der der ihn umschlungen hielt.

In derselben leisen, unauffälligen Weise versuchte James sehr wohl, ihm zu entgehen, zumindest zu Beginn. Aber es brachte alles nichts. Lucas wirkte abwesend, schien beinahe zu dösen. Doch sobald es darauf ankam, James glaubte, zumindest eine Hand befreien zu können, verlagerte er sein Gewicht eben doch dieses ganz kleine Stück, das es brauchte, um James weiter zu behalten, wo er ihn haben wollte: Dicht bei sich und mit kaum einer Möglichkeit, sich überhaupt zu regen.

So natürlich und nebensächlich es auch wirkte: James fühlte sich gefangen und überwältigt. Es war eine Form von Kommunikation, was sich zwischen ihnen abspielte, wenn auch vollkommen wortlos. Obwohl er sich nichts anmerken ließ, keinerlei Kommentare abgab: Lucas musste seinen Widerstand bemerken. Und ebenso musste er es spüren, als James nach einer ganzen Weile, die er dagegen ankämpfte, allmählich doch nachgab. Einen Ausweg sah er nicht, zumindest nicht ohne eine direkte Bitte. Heimlich hatte er in den ersten Minuten noch darauf gehofft, dass Lucas ihn bald von sich aus loslassen würde. Sich zurückziehen, um in Ruhe schlafen oder dösen zu können. Aber im Gegensatz zu ihm selbst schien der Vampir sich an ihrer Umarmung einfach nicht zu stören, auch auf Dauer nicht.

Als James schließlich nachgab, tat er es vorsichtig und Stück für Stück, und beobachtete, fühlte sorgfältig nach, ob und wie Lucas darauf reagierte. Ob er sich vielleicht zufriedengeben würde, ihn loslassen, ihn entlassen. Das Gegenteil war der Fall. Statt zumindest James‘ Hand freizugeben, schlang Lucas den Arm um ihn und zog ihn noch ein wenig näher zu sich heran. Eng fühlte James seinen Körper hinter sich. Diesen Fuß, der seinen Knöchel fixierte. Die kühle Haut des Vampirs, die er durch die Kleidung hindurch spüren konnte.

Er war unfähig, das zu genießen, obwohl er vorhin doch selbst darum gebeten hatte. Als Lucas ihn nicht etwa erlöste, sondern ihm stattdessen den letzten, kleinen Rest an körperlicher Distanz nahm, die er sich durch Körperspannung zunächst noch erhalten hatte, empfand er das als empfindliche Niederlage. Ja, Lucas konnte so etwas mit ihm tun. Und nicht bloß, dass er konnte, rein körperlich betrachtet. Er hatte auch den Willen dazu.

„So etwas wie Codes gibt es auch dafür, James“, erinnerte Lucas ihn verschlafen, murmelnd und undeutlich. „Ich könnte doch wetten, dass du gerade ganz schön außerhalb deiner Komfortzone und irgendwo bei gelb oder orange bist. Wenn es dir zu viel wird, sag es.“

Obwohl er ihn nicht ansehen konnte, war James doch recht sicher, dass der Vampir nicht einmal die Augen geöffnet hatte.

„Was bist du denn so unruhig, musst du irgendwo hin?“, fragte Lucas weiter, wieder in dieser verschlafenen Weise, als James nun einmal zum Durchgang in Richtung Flur herübersah.

Für den Moment gab der das Kämpfen auf, ließ sich festhalten. Aber an Entspannung oder gar Schlaf war für ihn nicht zu denken. Für ihn war das Ganze hier viel zu anstrengend dazu.

„Ich habe ein schlechtes Gewissen… ich finde, wenn ich schon einmal in so einer Stadt bin, müsste ich mich umsehen. Attraktionen besuchen, all so etwas.“

Lucas gähnte.

„Ach, das. Das kannst du auch nach Sonnenuntergang noch tun. Kein Grund, jetzt aufzustehen.“

Allmählich klang es doch zu selbstverständlich entspannt, um bloß Manipulation oder Show zu sein.

„Sag mal, bist du gerade wirklich dabei, einzuschlafen?“, wollte James wissen.

„Mhm“, murmelte Lucas zustimmend. „Solltest du auch versuchen. Tagsüber zu lange aufzubleiben ist auf Dauer ungesund.“

James lachte auf. Aber die kurze Rückmeldung tat ihm gut.

Lucas andererseits schien sich insgesamt sehr viel wohler zu fühlen, seit er ihn hier bei sich hatte, mit Körperkontakt, fixiert, wehrlos. James war nicht ganz sicher, ob das bloß an einem gewissen Sicherheitsbedürfnis lag, das der Vampir bei Tage offenbar hatte.

„Ob so oder so, du solltest dich daran gewöhnen“, meinte Lucas noch. „Falls du in den nächsten Nächten bleiben willst, werden wir dir sehr gründlich beibringen, die Kontrolle mir zu überlassen.“

***

Licht. Irgendwo an der Seite, neben ihm. Ein wenig auch von oben. Sonnenuntergang.

Was ihm sagte, wo er war, noch ehe er die Augen aufschlug, war eher der Geruch als die künstliche Beleuchtung, die er selbst im Raum installiert hatte. Lucas‘ Bett war unverkennbar für ihn. Eine schwere, etwas herbe Note. Intensiv. Einzigartig.

Als er sich regte, um den Kopf gegen das Kissen zu reiben, diesen Geruch tief in sich aufzunehmen, war da die nächste Empfindung, die ihm unmittelbar ins Gedächtnis rief, wie es dazu gekommen war, dass Lucas ihn gerade hier hatte schlafen lassen. Auf seinem Schulterblatt, seinem Rücken, sogar auf seiner Brust – es brannte bei jeder kleinsten Bewegung. Er hielt die Augen geschlossen und sog scharf die Luft ein. Und sah nicht den geringsten Anlass, sich unter all diesen Umständen auch nur einen Zentimeter selbstständig von der Stelle zu bewegen.

Zärtlich küsste Lucas ihn auf die Wange.

„Wenn du nicht aufstehen möchtest, werde ich dich leider dazu zwingen müssen“, flüsterte er ihm zu.

Cassari schmiegte sich gegen ihn. Die Augen hielt er noch immer geschlossen, und sah nun noch viel weniger Grund, das zu ändern. Unfairerweise zog Lucas sich von ihm zurück und ließ ihm keine Wahl, als sich zumindest kurz umzusehen.

Ein Stück neben Cassari lag er auf der Matratze, stützte sich auf einen Arm und blickte liebevoll auf ihn herab. Als Cassari ihm direkt begegnete, streckte er die Hand nach ihm aus und streichelte ihm über die Wange.

„Und, wie geht es dir?“, fragte er leise.

Cassari sah an sich selbst herab, über den Bademantel, den er noch immer trug, offen, und der ihn nur teilweise bedeckte. Doch vor allem fühlte er, statt bloß zu sehen. Er nickte.

„Ja, alles in Ordnung, denke ich.“

Er zögerte.

„War das… ein Traum, woran ich mich da erinnere, oder…?“, versuchte er es vorsichtig. „Ich meine, James…“

Lucas grinste. Vielsagend schüttelte er den Kopf, noch ehe Cassari ganz ausgesprochen hatte.

„Und ich muss sagen, ich habe dich schon lange nicht mehr so still leiden gesehen“, antwortete er leise, beugte sich zu ihm herab und drückte ihm einen Kuss auf die Stirn. „Sehr vielen Dank dafür.“

Cassari war noch eher perplex. Lucas dagegen wirkte ausgesprochen vergnügt bei der Erinnerung.

„Und James, ist er noch…?“ Cassari nickte in Richtung der Tür. Lucas nickte.

„Er hat mich gebeten, bleiben zu dürfen. Kanar war noch nicht wieder hier. Ich wollte ihn ungern allein in sein Hotel zurückschicken.“

Cassari nickte schnell.

„Ja, sicher, ist wahrscheinlich besser so.“

Etwas hektisch setzte er sich auf. Lucas dagegen sah weiter auf ihn herab und ließ sich nicht aus der Ruhe bringen.

„Du brauchst ihn nicht sehen, wenn du nicht möchtest“, versicherte er. „Wenn es dir zu viel ist, finden wir schon eine Lösung.“

„Nein, nein, es geht schon, es ist nur…“ Cassari presste die Lippen aufeinander. Der verunsicherte Blick, mit dem er zur Tür sah, konnte Lucas nicht ansatzweise überzeugen.

„Ich weiß nicht, ob ich ihm noch in die Augen sehen kann, nach…“ Peinlich berührt sah er an sich herab.

„Also bitte, ich denke, das wird noch euer geringstes Problem“, meinte Lucas jedoch. Einen Moment betrachtete er ihn. Dann stand er auf, fasste entschlossen Cassaris Handgelenk und zog auch ihn ein Stück in Richtung der Bettkante. „Wie ich euch beide einschätze, beruht dieser Teil nämlich voll und ganz auf Gegenseitigkeit.“

Autor: Shiverrania

Schreibt schwule und trans* Phantastik mit kinky Elements, teilweise aber auch Gesellschaftskritisches.

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