James in Paris – 4 (WIP)

[Folgeband zu „Toujours“. Work in Progress und absolute Rohfassung. Das Ende steht für diesen Band noch nicht fest, und welche Szenen es in die Endversion schaffen werden, ist auch noch nicht sicher.]

Es war etwas mehr als die angekündigte Viertelstunde, die James auf Lucas wartete. Als der schließlich zu ihm in den Raum trat, waren seine oberen Hemdknöpfe geöffnet. Es wirkte lässig, einerseits. Andererseits hatte seine Ausstrahlung sich merklich verändert. Er kam James müde vor.

So etwas wie ein Wimmern und schließlich auch ein Stöhnen glaubte James von nebenan sehr wohl noch gehört zu haben, obwohl er auch jetzt versucht hatte, das auszublenden. Gelungen war es ihm nur teilweise. Und sein Blick musste das wohl deutlich verraten. Zumindest Lucas‘ Grinsen ließ ihn das vermuten.

Der Vampir blieb still, als er sich auf den freien Teil der Couch fallen ließ, nahe der Mitte, ganz im Gegensatz zu Maxime noch wenige Minuten zuvor. James wich ihm zunächst aus. Dann sah er aber doch zu ihm hoch.

„Das bedeutet, die beiden… schlafen jetzt?“

Lucas nickte. Eigentlich, fand James selbst, war die Frage überflüssig. Doch es war befremdlich für ihn. In der Wohnung war es vollkommen still geworden. Nirgends ein Atmen, ein Schnarchen, absolut nichts. Und auch Lucas schien sich für den Moment schwerzutun, aufmerksam zu bleiben. Gerade im Vergleich zu seiner Erscheinung und seinem Verhalten vorher im Klub fiel es James deutlich auf. Sekundenlang rührte er sich einfach nicht. Kein Heben und Senken des Brustkorbs. Klein Blinzeln, nicht die kleinste Bewegung. Bis der Vampir sich unter sichtbarer Anstrengung aufraffte und sich etwas aufsetzte.

„Soll ich dir ein Taxi rufen? Zur Not könnte ich dich natürlich selbst fahren, aber“, missmutig zog er die Augenbrauen zusammen, „sagen wir einfach, tagsüber bin ich eher eingeschränkt verkehrssicher.“

James musste lächeln, schüttelte aber den Kopf.

„Nicht nötig, danke“, lehnte er ab.

Er empfand es als angenehm, dass Lucas von sich aus Abstand zu ihm hielt. Die Selbstverständlichkeit, mit der er sich auf der Couch ausbreitete, einen Arm zur Seite ablegte, signalisierte deutlich seine Stellung als Herr dieses Hauses – zumindest nahm James es in diesem Moment so wahr. Und unattraktiv war Lucas nicht einmal jetzt. Aber etwas war doch anders zwischen ihnen. Er fühlte: Seine Verfassung sah gerade deutlich besser aus als die des Vampirs. Etwas, das er gegenüber Kanar so eher nicht empfunden hatte, nicht einmal tagsüber.

Ein kurzer, direkter Blick in seine Augen und er rückte auf der Stelle ein Stück zurück. Es packte ihn, sehr tief. In einem Kampf, diesen Hauch von Selbstbehauptung bewahrte er sich, hätte der Tagesanbruch ihm gegenüber Lucas vielleicht einen Vorteil verschafft. Aber wenn der das wollte, das fühlte er in diesem Augenblick sehr klar, hätte er doch so einiges mit ihm anstellen können. Möglicherweise machte die Sonne, fern dort draußen am Himmel, es Lucas sogar eher schwerer, seine hypnotische Begabung im Zaum zu halten. Vielleicht war es andererseits eine Art Verteidigungsmechanismus, für den es gute Gründe gab.

„Du kannst dir jedenfalls sicher sein, dass ich dich zu keinem der beiden lassen würde, in diesem Zustand“, erklärte Lucas, wohl erahnend, was James bewegte. „Und um so ehrlich zu sein: Ich bin mir gar nicht sicher, für welche Seite das gesünder ist. Sie haben beide ihre… Eigenheiten.“

James nickte, etwas ernster als eben.

„Sie… sehen beide so jung aus“, meinte er. „Nicht sehr anders als die Leute aus meinem Jahrgang, würde ich sagen.“

Er schwieg eine Weile, als Lucas vorerst nichts dazu sagte. Interessiert sah James ihn an, als er weitersprach. Und es funktionierte, ohne dass diese Hypnose ihn erneut überwältigte.

„Es ist eigentlich kein Alter, in dem ein Mensch von sich aus stirbt, oder?“

Lucas schwieg zunächst. Und schien eine ganze Weile zu überlegen, ehe er antwortete. Zunächst nickte er.

„Kanar hat dir über den Häuserbund sicherlich einiges erzählt“, sagte er schließlich. „Zu der Zeit, in der Cassari verwandelt wurde, war es in der Alten Schule nicht üblich, den Dingen ihren natürlichen Verlauf zu lassen. Und schon gar nicht in seiner Linie.“

„Also war es jemand anders, der ihn verwandelt hat? Nicht du?“

Lucas lachte. Offen und spontan, als sei der bloße Gedanke ein Ding der Unmöglichkeit.

„Nein, Kanar hat mir überhaupt nichts erzählt“, setzte James hinzu, ehe sein Gegenüber nachhaken konnte, wie er zu seinen Schlüssen kam. Und sicherlich klang es noch immer ein wenig beleidigt. Abgesehen von dieser sehr knappen Belehrung zu den geltenden Regeln hatte er aus Kanar kein einziges Wort mehr herausbekommen, zu irgendetwas, was diese ganzen Vampirangelegenheiten betraf.

„Verstehe“, erwiderte Lucas versöhnlich. Und in seinem Blick las James: Das war keine leere Phrase. Der Vampir schien tatsächlich eine Vorstellung zu haben, woher James‘ Ärger rührte.

„Ich habe ihn wirklich gern, verstehst du? Und ich respektiere ihn, vollkommen. Aber manchmal ist er wirklich…“ James schüttelte den Kopf.

„… schwierig?“, schlug Lucas vor. Er nickte. Und ein leichtes Lächeln auf seinen Lippen kündete davon, dass er tatsächlich gut wusste, wovon er sprach. Und auch dass dieses Wissen, ähnlich wie bei James, nichts an seiner Sympathie für den sehr viel älteren Vampir änderte.

„Glaub mir, es hat Zeiten gegeben, in denen ‚schwierig‘ eine sehr viel größere Untertreibung gewesen wäre als heute“, erzählte er. „Wirklich verdenken kann ich es ihm nicht. Er war schon bei meiner Verwandlung älter als ich es heute bin. Es hat mich Jahrzehnte gekostet, es zu begreifen. Oder es bloß zu glauben. Über Monate konnte ich in ihm nichts anderes sehen als einen wütenden, unvernünftigen Teenager. Ich hatte keine Vorstellung davon, was er erlebt hatte und wie viel mehr er von der Welt wusste als ich selbst.“

James war still geworden, hatte die Augenbrauen hochgezogen. Nun schüttelte er den Kopf.

„Nein, ich würde nicht sagen, dass es mir so geht“, meinte er. „Ich weiß nicht, woran es liegt, aber… es ist wie so ein Gefühl. Ein wenig hatte ich es von vornherein, und dann als ich ihn im Training gesehen habe, mit jemand anderem… Alles an ihm sagt mir einfach, dass er alt ist.“

Lucas nickte.

„Du respektierst ihn“, stellte er fest. „Und lass mich klarstellen, dass das außergewöhnlich ist. Und vielleicht ein guter Grund für ihn, dich in seiner Nähe behalten zu wollen. Was Menschen sich ihm gegenüber häufig leisten, oder auch Vampire, das ist… nicht schön.“

James nickte etwas bedrückt. Wenn er sich vorstellte, wie ältere Menschen ihm häufig heute noch begegneten, wollte er nicht wissen, wie es sich anfühlen musste, sich die Sprüche über die Faulheit und Unvernunft der ‚heutigen Jugend‘ über mehrere Jahrzehnte und Jahrhunderte anhören zu müssen. Und das alles, ohne dem jemals entgehen zu können.

„Maxime ist trans*, ja?“, kam er nun jedoch noch auf etwas anderes zu sprechen, das ihn beschäftigte. Und das ein wenig in eine ähnliche Richtung ging: Dinge, die sich mehr oder weniger ändern ließen – oder auch überhaupt nicht. Lucas nickte zunächst bloß, schien abwarten zu wollen, worauf James mit der Frage hinaus wollte.

„So etwas wie Hormontherapie oder Operationen, das… wird für einen Vampir nicht funktionieren, oder?“

Lucas atmete tief ein und aus, ehe er antwortete. Bedrückt, wie James zu bemerken glaubte.

„Das mit den Hormonen war seine eigene Entscheidung“, erklärte er. „Und das mit den Operationen – ich denke, einverstanden ist er im Grunde auch damit gewesen.“

Er schwieg kurz.

„Ich möchte nicht zu sehr ins Detail gehen. So gut, denke ich, kennt ihr euch nicht. Und so gut kenne ich vor allem dich nicht. Lass es mich einfach damit zusammenfassen, dass… einige Menschen sehr wohl jung sterben. Ein paar Jahre hätten wir es vielleicht noch hinauszögern können, bei ihm. Aber so etwas hat immer auch seinen Preis. Ich kann dir bloß versichern: Eine leichtfertige Entscheidung war es nicht.“

„Und bei Cassari?“

Lucas lächelte ein wenig, begegnete ihm nun jedoch direkt.

„Das solltest du ihn selbst fragen – wenn du dich das traust“, riet er. Dann warf er einen Blick auf seine Uhr, knöpfte sein Hemd zu und richtete sich auf.

„Es wird spät“, meinte er. Und auch James setzte sich auf, machte bereits Anstalten, aufzustehen.

„Sicher“, murmelte er. „Ich meine…“ Er schluckte. „Kann ich… vielleicht noch ein wenig bleiben?“

Er wagte es nicht, Lucas in die Augen zu sehen, der sich gerade eben erhoben hatte, nun etwas überrascht zu ihm herabsah. James erwartete einen Vortrag darüber, was er sich wohl einbilde, und wie er sich das vorstelle. Dass der Vampir Besseres zu tun habe als den ganzen Tag auf ihn aufzupassen – was offenkundig eine ziemliche Zumutung für ihn darstellte, denn noch immer wirkte er träge.

„Tut mir leid“, sagte er schnell, ehe Lucas dazu kam, zu antworten, und stand ebenfalls auf. Er bemerkte: Lucas betrachtete ihn, schräg von der Seite her, ein leichtes Lächeln auf den Lippen. Ein wenig wie in diesem Moment, in dem er nachts zuvor innegehalten hatte, ehe er Cassaris Fesseln in dem schwarz gestrichenen Raum gelöst hatte. James bekam eine Gänsehaut darunter.

„Schön, wenn du denn bleiben möchtest“, antwortete er. Es klang zumindest ein wenig verblüfft. „Und was bekomme ich von dir, wenn ich dich auf der Couch schlafen lasse?“

„Ich…“, druckste James herum. Und wich erschrocken ein Stück zur Seite, als Lucas die Hand nach ihm ausstreckte. Sein Lächeln dazu war neckisch, verspielt. Nicht in dem Sinne einschüchternd oder gierig. Dennoch blieb James in einem gehörigen Abstand von ihm stehen. Einige Male atmete er tief ein und aus. Und behielt den Vampir sorgsam im Blick dabei.

„Du machst mir wirklich Angst mit so etwas, weißt du?“, brachte er nach einigen Sekunden heraus, in denen Lucas ihn weiter so ansah. Mit dieser Mischung aus Einladung und Herausforderung, die es James unmöglich machte, sich wirklich von ihm loszureißen.

Ein versöhnlicher Ausdruck legte sich auf Lucas‘ Miene. Aber etwas eindeutig Bestimmtes und Bestimmendes behielt er doch an sich.

„Angst haben brauchst du hier nicht, James“, versicherte er mit fester Stimme. Und hielt ihm nun den Arm entgegen, den er eben nach ihm ausgestreckt hatte, bedeutete ihm, näher zu kommen. James zögerte. Aber letztlich hielt er kaum zwei Sekunden stand.

Sanft zog Lucas ihn zu sich heran, legte die Arme um ihn, fasste mit einer Hand seinen Nacken, kraulte ihn etwas. Und erst jetzt, da er ihm so nahe war, bemerkte James, dass er zu zittern begonnen hatte. Was sich in dieser Berührung, in der er sich ungewohnt sicher fühlte, nur langsam besserte. Aber etwas daran sagte ihm: Lucas meinte es ernst. Er spielte vielleicht ein wenig mit ihm. Aber die Absicht, ihn zu verletzen, hatte er nicht.

Wäre es Nacht gewesen, so wäre es bei der Umarmung allein wohl kaum geblieben, die Ahnung überkam ihn deutlich. Doch so ließ Lucas ihn tatsächlich schon bald darauf wieder los, als er sich erst etwas beruhigt hatte.

„Also schön“, meinte Lucas. „Wenn wir den Tag schon auf der Couch verbringen wollen, machen wir es uns zumindest etwas gemütlich.“

Autor: Shiverrania

Schreibt schwule und trans* Phantastik mit kinky Elements, teilweise aber auch Gesellschaftskritisches.

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