James in Paris – 3 (WIP)

[Folgeband zu „Toujours“. Work in Progress und absolute Rohfassung. Das Ende steht für diesen Band noch nicht fest, und welche Szenen es in die Endversion schaffen werden, ist auch noch nicht sicher.]

Zügig zog James sich an, sobald Lucas ihn allein ließ. Die Arbeit mit dem Laken war schnell erledigt. Er lauschte zunächst den Flur hinab, hörte, wie dort eine Tür geschlossen wurde. Dann gab er sich jedoch einen Ruck und beschloss, wegzuhören, so gut er konnte. Das zwischen den beiden war nicht seine Sache. Und vielleicht war die Zweisamkeit nötig, nach dieser Session, in der Lucas ihn als Zuschauer in den Raum gebeten hatte. Irgendein Abschluss unter sich, den es für sie brauchte. Denn auch als Lucas ihn zu Cassari aufs Bett gestoßen hatte, um sie anschließend allein zu lassen, hatte es gerade das nicht gegeben. Im Gegenteil. In gewissem Sinne war das, das ahnte James, überhaupt kein Ende gewesen. Sondern immer noch Teil des Ganzen, das damit begonnen hatte, ihn bei der eigentlichen Bestrafung zusehen zu lassen.

Er ließ das verschmutzte Laken auf dem Boden liegen und vertrieb sich die Zeit, indem er sich in der Wohnung umsah. Viel gesehen hatte er nicht davon, bei dem kurzen Weg vom Aufzug zu diesem Spielzimmer hier. Dabei glich der Flur einer Galerie, und es erschien beinahe als eine Verschwendung, sich nicht die Zeit zu nehmen, die dort präsentierten Gemälde zu betrachten.

Es waren verschiedenste Bilder darunter: Bleistiftzeichnungen, Aquarelle. In Richtung des Aufzugs entdeckte James allerdings auch ein Ölgemälde. Und von hier aus konnte er auch einen ersten Blick in einen Wohnraum mit Couch werfen, in dem es nicht bloß Bilder gab, sondern wo auch einige Skulpturen präsentiert wurden. Die abstrakten Formen waren mit viel Raum arrangiert, ließen den verschiedenen Werken Platz, um zu wirken. Beeindruckend, aber auch unpersönlich. Trotz der ausladenden, zweiseitigen Couch, die etwas schräg frei im Raum stand, und einer breiten Kommode an der Fensterseite fühlte James sich beinahe wie in einem Museum.

Der Himmel draußen wurde zunehmend hell – lange wäre es nicht mehr bis zum Sonnenaufgang. Unter leisem Surren fuhr nun vor den vier hohen Fenstern ein Sichtschutz herunter, der aus wenigstens zwei Schichten zu bestehen schien: Lamellen mit einem dicht abschließenden Rollo davor. Zusätzlich gab es dichte, dunkelrote Stoffvorhänge mit goldenen Verzierungen, die man von Hand hätte zuziehen können. Aber James ahnte: Viel Licht würde schon jetzt nicht mehr in den Raum gelangen.

Gerade wollte er sich wieder dem größten Gemälde zuwenden, das an der Wand gegenüber den Fenstern mittig präsentiert war – eine barocke Szene, die einen Marktplatz zeigte, im Hintergrund einen Teil einer Kirche – als ihn ein weiteres Geräusch aufmerken ließ. Beim Flur, rechts von ihm gelegen, öffnete sich die Aufzugtür.

Maxime hatte mit seiner Anwesenheit offenbar nicht gerechnet und war damit beschäftigt, sein eng anliegendes Oberteil zu öffnen, während er in den Flur trat. Noch ehe James sich räusperte, hielt er jedoch inne und sah zu ihm herüber. Überrumpelt, aber zumindest wohl nicht negativ überrascht.

„Oh, du bist noch hier?“

Er hatte sich wohl in Richtung der Schlafzimmer und des Bads begeben wollen. Nun zog er die Schnüre an seinem Nacken wieder zu und trat einige Schritte näher ins Wohnzimmer.

James hatte bloß vielsagend die Hände gehoben.

„Und sind Lucas und Cassari…?“, setzte Maxime an.

James sah in die Richtung, in der er das Bad glaubte. „Ich… glaube unter der Dusche“, antwortete er.

Maxime nickte. Und grinste.

„Aber wenn du hier bist, bedeutet das wohl, ihr hattet bis hierhin eine Menge Spaß miteinander, was?“

„Ähm…“

Weiterhin grinste Maxime. Er trat weiter in den Raum und ein Stück auf James zu, warf ebenfalls einen Blick auf das Gemälde, dem der sich vorher zugewandt hatte.

„Beeindruckend, nicht?“, fragte er. James nickte.

„Was denkst du, ist das eine Fälschung, oder…?“, erkundigte er sich vorsichtig. Maxime lachte auf.

„Lucas würde wahrscheinlich so tun, wenn ein Mensch fragen würde. Aber – nein, in der Regel nicht. Die Jahreszahlen, die in den Signaturen hier stehen, sind praktisch immer… die Wahrheit.“

Anerkennend nickte James.

„Umwerfend“, meinte er. Und konnte nicht anders, als die sehr kunstvolle Signatur des Barockgemäldes näher zu betrachten. 1636. Oder war die letzte Ziffer vielleicht doch eine acht?

„Sagmal, auf die Gefahr hin, dass ich mich mit der Frage unbeliebt mache, aber… Maxime ist die… männliche Variante von dem Namen, oder?“

Der Angesprochene wirkte ertappt. Und schien unerwartet lange zu überlegen, ehe er sich zu einer Antwort durchringen konnte. So lange, dass es James beinahe schon leidtat, gefragt zu haben. Doch schließlich nickte sein Gegenüber. Noch immer zögerlich.

„Also bist du ein… ‚Er‘?“

Maxime presste die Lippen aufeinander. Und schien wiederum zu zögern, ehe er nickte. Es wirkte vorsichtig. Ein wenig hatte James den Eindruck, er wolle im nächsten Moment vor ihm davonlaufen.

„Tut mir leid, ich… will bloß nichts Falsches sagen“, erklärte er schnell. „Ich dachte, nachfragen ist besser als…“

„Ja, ist schon richtig, es ist nur…“, erwiderte Maxime ebenso zügig, und wirkte noch immer unsicher dabei. Schließlich setzte er sich auf die cremefarbene Couch. An den Rand allerdings. „Es ist so, eigentlich bin ich… nicht wirklich out“, erklärte er. „Im Klub hat es etwas von einem Rollenspiel, da geht es schon. Aber sonst…“ Unglücklich sah er zur Seite, dann zu James herüber, der noch immer mitten im Raum stand.

„Und, was sagst du, wie ist mein Passing so?“

James lächelte. „Geht schon“, meinte er. Überlegte dabei aber gut, wie ehrlich er sein sollte. Spätestens seit Maxime eben sein Oberteil gelockert hatte, zeichnete sich der Ansatz eines kleinen Busens ab, woran auch seine etwas hochgewachsene Figur nicht viel änderte. Und auch seine Sprechweise klang zwar nicht unbedingt feminin, die Stimme war aber doch etwas zu hoch, als dass James sie ohne Weiteres als männlich eingeschätzt hätte.

„Wenn du es ganz ehrlich wissen willst, habe ich mich unten ziemlich lange gefragt, in welche Ecke ich dich einsortieren soll“, überwand James sich schließlich zu einer ausführlicheren Antwort. „Vom Namen her habe ich dann erstmal auf ‚männlich‘ getippt. Und mit der Stimme – naja.“

Maxime verzog etwas das Gesicht, nickte jedoch.

„Ja, ist eine Baustelle“, gab er zu. Schien dann kurz zu überlegen.

„Und das ‚Schätzchen‘ von Lucas hat dich da gar nicht gestört?“, hakte er nach. Und darüber musste James nun ehrlich lachen.

„Ach, ich weiß nicht“, meinte er. „Ehrlich gesagt würde es mich bei ihm nicht überraschen, dass oder wenn er einen Typ so nennt. Irgendwie passt es zu ihm.“

Auch Maxime lächelte ein wenig darüber. Als James fragend in Richtung der Couch sah – zur anderen Seite wohlgemerkt – nickte der Vampir ihm zu und er nahm Platz. Kurz darauf erschien Lucas, allerdings im links gelegenen Flur. Nur flüchtig lehnte er sich in den Raum, hatte wohl nicht vor, zu bleiben.

„Cassari schläft dann heute bei mir“, erklärte er knapp.

„Was?!“

Maximes spontaner Protest klang etwas zu überzogen, um ernst gemeint zu sein. Lucas grinste darüber.

„Du brauchst dich gar nicht beschweren, du hast dich da letztes Jahr beinahe zwei Monate einquartiert“, erinnerte er ihn. Flötend sah Maxime zur Decke, streckte Lucas dann jedoch die Zunge heraus und lächelte seinerseits. Dennoch stand er auf und trat einen Schritt auf ihn zu.

„Kann ich irgendetwas tun?“, fragte er. Lucas schüttelte den Kopf.

„Bloß zusehen, dass du nicht im Wohnzimmer einschläfst“, mahnte er allerdings. Kurz wandte er sich dann an James.

„Ich würde die paar Minuten bei ihm bleiben, wenn das für dich in Ordnung ist?“, erkundigte er sich. „Eine Viertelstunde vielleicht noch, oder etwas länger. Nicht mehr als eine halbe Stunde.“

„Sicher doch, kein Problem“, antwortete James schnell, machte selbst Anstalten, sich zu erheben. Lucas deutete ihm, sitzen zu bleiben.

„Ich hoffe, es ist okay, wenn ich…?“, meinte James allerdings mit Blick über die verschiedenen Kunstwerke.

„Oh, natürlich, schau dich gerne um.“ Maxime sah er noch einmal etwas schief in die Augen. Dann winkte er jedoch kurz und zog sich wieder in den Flur zurück. Irgendwo auf der linken Seite schloss sich eine Tür.

Maxime blieb noch einen Moment stehen, sah ihm hinterher und seufzte verträumt.

„Wenn ich da mal mit rein dürfte!“, raunte er James zu. Zuckte aber dann mit den Schultern.

„Na, was noch nicht ist…“ Ein wenig neugierig sah er dann aber doch zu James. „Und du warst…?“ Fragend deutete er in die Richtung, in die Lucas verschwunden war. James schüttelte den Kopf.

„Nein, das war… ein Raum irgendwo da vorne.“ Damit deutete er zum Flur beim Aufzug.

„Ach, Cassaris Zimmer!“, folgerte Maxime. James zog die Schultern hoch. „Wie viele Schlafzimmer habt ihr denn hier?“, erkundigte er sich dann vorsichtig. Maxime grinste.

„Erstmal gab es nur die zwei. Inzwischen habe ich auch eins. Und ein Spielzimmer gäbe es dann noch.“

Unruhig blickte er nun zum Flur.

„Sorry, ich lasse dich dann auch mal allein, ich… fühle mich wirklich nicht ganz wohl hier“, erklärte er mit Blick zu den Fenstern. James konnte zwar nicht das geringste Licht entdecken, das den doppelten Sichtschutz hätte durchdringen können. Aber vielleicht war seine Wahrnehmung in der Hinsicht einfach anders als die eines Vampirs. Sofort nickte er.

„Klar doch, kein Ding“, antwortete er. „Und, wenn man das so sagen kann – schlaf gut?“

Maxime lächelte leicht. Doch nun schien er es plötzlich überraschend eilig zu haben. Auch er winkte James noch einmal zu. Im nächsten Moment war er verschwunden.

Autor: Shiverrania

Schreibt schwule und trans* Phantastik mit kinky Elements, teilweise aber auch Gesellschaftskritisches.

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