In der Bibliothek – Raoul

Es war eine Art Routine geworden, mehrere Nächte in der Woche: Nach einer ersten Mahlzeit ging es zur Recherche in die Bibliothek der Linie Geneviève, tief im Untergeschoss des Anwesens, das etwas außerhalb der Stadt lag. Im Anschluss, sofern Leon ihn denn finden konnte, zu Ramon. Der Vampir mit dem braunen Haar und den dunklen Augen schien Gefallen an Leon zu finden. Und seine meist freundliche, wenn auch etwas dominante Art tat Leon gut und bot ihm gerade die Sicherheit und Geborgenheit, die er zuvor vergeblich gesucht hatte in dieser Vampirgesellschaft – schon gar nicht unter den Mitgliedern seiner eigenen Linie.

Dass er sich hin und wieder auch an den Freitagabenden dort aufhielt, wenn die Mitglieder von Siverios Linie gemeinsam menschliche Gäste empfingen, hatte einen etwas seltsamen Effekt nach sich gezogen. Hatte Pascal sich zuvor wochenlang eher wenig an Leon interessiert gezeigt, so passte der nun jede Gelegenheit ab, um ihn in der Residenz ihres eigenen Hauses anzusprechen und ihm fürs Wochenende Veranstaltungen vorzuschlagen, die er stattdessen besuchen könnte. Abgesehen davon sah oder hörte Leon allerdings auch jetzt kaum etwas von ihm.

Die Sorge, die offenbar dahintersteckte, betrachtete auch Leon selbst als durchaus nicht ganz unbegründet. Er fürchtete den Moment, in dem es doch einmal zu dem kommen könnte, womit er schon beim ersten Mal beinahe sicher gerechnet hatte: Dass von den Besucher*innen, den Menschen, eben doch jemand sterben könnte. Von ihnen zu trinken war immerhin der eigentliche Sinn und Zweck des Ganzen. Bislang hatte Ramon mit seinem Versprechen recht behalten, dass all ihre Gäste die Privatpartys hier gesund und munter verlassen würden. Aber allzu oft erschien es Leon selbst als Drahtseilakt: Die Gier, die er selbst erlebte, die Beherrschung, die nötig war, um es im Rahmen zu belassen.

Oft war es gerade Siverio, nicht nur Oberster dieser Linie, sondern außerdem seit Jahrzehnten Vorsitzender des Rates, der Leon dabei half, die Kontrolle zu bewahren. Nicht ohne eine gewisse Gegenleistung: Die Geistesbeherrschung, die er dazu gebrauchte, gab ihm einiges an Macht über Leon, zumindest für den Moment. Und nicht selten machte er Gebrauch davon, um Leon zu geben, worauf er sich auch auf der körperlichen Ebene allzu gut verstand: Schmerz. Manchmal bittersüß, manchmal verführerisch, oft bis an die Grenze des Erträglichen. Doch selbst wenn er Leon damit einiges abverlangte, war es dem diesen Preis wert. Letztlich bliebe ihm immer die Wahl, sich fernzuhalten. Und wenn er sich auch winden mochte oder schreien vor Schmerz, wenn der andere ihn auf diese unsichtbare Weise quälte: Er wäre fähig, sich zu erholen. Mit einem Menschenleben, das erst einmal ausgelöscht war, sähe das anders aus.

Seine Besuche zur Recherche hier unten waren deutlich weniger spannend: In gewisser Weise schien die Bibliothek selbst Siverio heilig zu sein. Annäherungsversuche über ein gewisses Maß hinaus duldete er hier nicht, und auch er selbst blieb zurückhaltend. Einladungen konnte es geben. Aber im Gegensatz zum gesamten Rest des Gebäudes wurde eine Ablehnung hier akzeptiert. Noch so etwas, das Leon Halt gab: Die Gewissheit, dass es Regeln gab. In vielerlei Hinsicht war das, was sich hier abspielte, das absoulte Gegenteil zu dem, was er bei seinen eigenen Leuten zu erleben pflegte.

Für heute hatte er seine Studien beendet und war auf dem Weg zum Treppenhaus. Er glaubte sich allein hier unten, hatte gerade den Arm gehoben, um das Licht in den weitläufigen Gängen zu löschen. Doch dann, eine Bewegung an der Seite. Oder bloß ein Schatten? Er spitzte die Ohren.

„Hallo?“, rief er in Richtung der deckenhohen Regale. „Ist noch jemand hier?“

Im nächsten Moment ließ er beinahe seine Notizbücher fallen vor Schreck. Wie aus dem Nichts stand plötzlich Raoul vor ihm.

Es war nicht das erste Mal, dass dieser Vampir ihm als unheimlich erschien. Verwandelt worden war er im jungen Erwachsenenalter. Zu Gesicht bekam Leon ihn fast ausschließlich an den Freitagabenden, an denen er zu Siverios Füßen kniete, als Sklave geradezu. Gesprochen hatte er über all die Zeit kaum ein Wort. Es war ungewohnt für Leon, seine Stimme zu hören.

„Bitte“, meinte Raoul, deutete ihm, durch die schwere Holztür voranzugehen. Misstrauisch behielt Leon ihn im Auge. Nein, vorangehen, ihm den Rücken zukehren – zwar hatte Raoul ihm persönlich nie etwas zuleide getan, womit er sein ungutes Gefühl hätte rechtfertigen können. Aber er traute diesem Vampir nicht. Zu viel Gier lag an diesen Abenden in seinen Augen, wenn Siverio eine Strafe anordnete, zu viel Vergnügen an roher, nackter Gewalt. Leon zögerte, deutlich wahrnehmbar. Vielleicht etwas zu offensichtlich.

Raoul schien zu bemerken, was in ihm vorging. Aber verärgert wirkte er nicht. Ein schiefes Lächeln legte sich auf sein Gesicht.

„Na, was?“, wollte er wissen, irgendwo zwischen Verachtung und Herausforderung. „Angst, dass ich dich von hinten erdolchen könnte, dir das Genick brechen oder dich ein Stockwerk tiefer stoßen?“

Mit großen Augen sah Leon ihn an. Es lag etwas Abfälliges in Raouls Worten. Und da sie sich so direkt gegenüberstanden, fiel Leon heute das erste Mal auf, dass der andere Vampir gar nicht so viel kleiner war als er selbst. Im Gegenteil, er hatte beinahe seine Größe, mochte damit sogar Ramon ein wenig überragen, was Leon ihm zuvor kaum zugetraut hätte. Es erschien anders, wenn er auf dem Boden vor seinem Meister kauerte, auf den Knien oder in der Hocke, und vom Sitz neben dem des Meisters hatte Leon so manches Mal auf ihn herabgeblickt. Vielleicht, so überlegte er in diesem Moment, hatte er sich etwas zu sehr daran gewöhnt.

Die Bereitschaft allerdings, ihn von hinten im Treppenhaus anzugreifen, hätte er ihm so oder so zugetraut. Dennoch schüttelte er nun den Kopf. Es war absurd, welch eine Angst er verspürte. Raoul hatte ja recht mit seinem verächtlichen Tonfall. So sehr es ihm möglicherweise Vergnügen bereitet hätte, Leon zu töten: Etwas mehr als einen Stoß die Treppe hinab würde es schon brauchen, um ihn, einen Vampir, endgültig aus dem Weg zu schaffen. Und doch war da die Ahnung, dass er einem Menschen vielleicht schon eben den Hals umgedreht hätte, in diesem Bruchteil einer Sekunde, den es selbst Leon gekostet hatte, um ihn zu bemerken. In gewisser Weise erschütternd.

„Was tust du überhaupt hier unten?“, fragte Leon nun, in dem schwachen Versuch, sein Unwohlsein zu überspielen. Von Elisabeth oder Pascal hätte er für eine derartige plumpe Herangehensweise wohl einen Schlag auf den Hinterkopf kassiert. Raoul gehörte zu den ständigen Bewohnern dieses Hauses, im Gegensatz zu Leon, und war gerade ihm keinerlei Rechenschaft schuldig, wozu er sich hier aufhielt. Genau dieser Konter schoss Leon in Bruchteilen von Sekunden durch den Kopf, und so erstaunte es ihn beinahe, dass eine Zurechtweisung dieser Art Raoul offenbar nicht in den Sinn kam. Demonstrativ blickte der stattdessen zu den hinteren Gängen zurück.

„Ordnung schaffen“, antwortete er knapp. Leon lachte auf.

„Ordnung?“, hakte er nach. Raoul verzog keine Miene.

„Das überrascht dich wohl“, meinte er.

„Nun, ehrlich gesagt – im Bibliotheksdienst hatte ich dich nicht vermutet. Nach dem, was ich von dir bislang gehört hatte, hättest du es nicht so mit Büchern.“

Raouls Lächeln wurde kalt.

„Das ist die Privatsammlung des Meisters“, bemerkte er. „Und das sind keine Bücher.“

Da Leon noch immer keine Anstalten machte, voranzugehen, streckte er nun selbst die Hand nach der Türklinke aus.

„Für dich wäre es nichts.“

Leon glaubte, bei diesen Worten so etwas wie Resignation zu bemerken. Oder doch eher Enttäuschung darüber, dass Leon Raoul in eine Unterhaltung verstrickte, etwas, das er offenkundig nicht mochte – statt ihm bereitwillig die Gelegenheit zum Angriff zu lassen?

Direkt, abschätzend, sah Raoul ihn noch einmal an.

„Gott, dich würde ich wirklich gerne sterben sehen“, seufzte er. Dann zog er mit einem kräftigen Schwung die Tür auf und war im nächsten Moment verschwunden.

Autor: Shiverrania

Schreibt schwule und trans* Phantastik mit kinky Elements, teilweise aber auch Gesellschaftskritisches.

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