Pascal (II)

Fortsetzung der Hintergrundgeschichte zu Pascal, einem Nebencharakter in den Bänden 4-6 der Reihe „Von dunklen Seelen“. Teil 1 gibt es hier.

„Komm, mein Liebster, versuchen wir, dich ein wenig abzulenken. Anzufangen ist ja doch nichts mit dir.“

Thierry hatte ihn lange Zeit im Arm gehalten. Aber selbst als Pascal schließlich zu weinen aufgehört hatte, zur Ruhe kam er nicht. Er war aufgeflogen. Alles Mitleid änderte nichts daran: Jede mögliche Zukunft, die er sich in diesem Moment ausmalte, sah deutlich übler aus als das, was er bereits erlebt hatte. Und gemessen an dem, was er unter den Blutsgeschwistern seiner Meisterin bereits durchlitten hatte, konnte das grauenhaft werden.

Eingeschüchtert, aber tapfer folgte Pascal Thierry eine Wendeltreppe hinab. Es erstaunte ihn, dass der andere Vampir ihm keinerlei Fesseln anlegte, keine Eisenketten, nicht einmal ein Seil. Als sie aus der Tür traten, und er zumindest kurz abschätzte, ob er einen Fluchtversuch unternehmen solle, begriff er jedoch, wieso. Noch während Thierry hinter ihnen die Tür schloss, trat ein hochgewachsener, schlanker Bursche auf sie zu, die Rechte bereits am Rapier, das er an seinem Gürtel trug, an dem außerdem gut sichtbar einige Messer prangten. Sein Gesicht blieb unter einem breiten Hut mit Feder zunächst verborgen.

Als Thierry ihm zunickte und er nähertrat, erkannte Pascal: Nein, kein Bursche. Obwohl der*die andere Hosen trug, eine Weste und einen gerade geschnittenen Mantel darüber, handelte es sich den Zügen nach um eine Frau. Zu allem Überfluss glaubte Pascal, ihn*sie zu erkennen.

Feindselig wirkte er*sie nicht, wachsam allerdings. Und Pascal erinnerte sich: Laufen konnte diese Person, die sich nun zu ihnen gesellte, wie der Teufel. Hätte er nicht in Paris einen guten Vorsprung gehabt, und sie vermutlich den Auftrag, in der Nähe seines damaligen Zielobjekts zu bleiben, er hätte damals keine Chance gehabt, zu entkommen.

„Danielle – Pascal“, stellte Thierry sie vor.

Danielle trat einen Schritt zur Seite, musterte Pascal sehr schräg.

„Ah, ja, doch, wenn ich mir den Anblick von hinten vorstelle, würde ich sagen, wir hatten bereits das Vergnügen“, kommentierte er*sie und lächelte vergnügt, verneigte sich dann aber doch, weiterhin nicht ansatzweise weiblich und zog in einer eleganten Geste den Hut.

Pascals Verneigung blieb steif. Eine gewisse Angst und Anspannung war da noch immer, und nach Scherzen war ihm nur wenig zumute. Obwohl Thierry über Danielles Bemerkung zunächst schmunzelte, glaubte Pascal allerdings zu bemerken, dass gleichzeitig etwas in seinen Augen lag – diese leichte Bitte an Danielle, sich zurückzuhalten und es mit dem Ärgern nicht zu übertreiben.

Die beiden nahmen ihn in die Mitte. Nicht mit Gewalt. Der Arm, den Thierry um Pascal legte, hielt ihn zärtlich, nicht anders als in den Nächten zuvor. Danielle ließ ihm auf der anderen Seite genügend Raum, um den Eindruck einer lockeren Gesellschaft zu erwecken. In Anbetracht der Gesamtsituation war die Symbolkraft des Ganzen für Pascal dennoch überdeutlich. Das hier war die freundliche Variante. Würde es ihm in den Sinn kommen, Ärger zu machen, hätten die beiden noch andere Möglichkeiten.

Sie gingen einige Schritte über den Hof, in Richtung des Dienstboteneingangs, der zu einem anderen Gebäudeteil des weitläufigen Herrenhauses führte. Weit wäre der Weg wohl nicht. Aber Pascal bemerkte doch, dass es ihm guttat, an der frischen Luft zu sein. Den lauen Wind zu spüren, die etwas feuchte Nachtluft. Bald würde es Sommer werden.

Sommer. Mit kurzen Nächten und Hitze. Vielleicht auch mit regem Treiben auf den Märkten, mit Festen und Tänzen. Schön, aber vielleicht auch furchtbar. Wenn. Nun, wenn er denn bis dahin überleben sollte.

Während die schweren Gedanken Pascal nicht loslassen wollten, obwohl er in Thierrys Berührung weiterhin Mitgefühl zu spüren glaubte, fiel ihm ein Stück weit vor ihrem Ziel auf, dass sein Begleiter feixte. Und er hatte den Eindruck, hinter seinem Rücken geschehe etwas. Gaben die beiden sich die Hand?

Er blieb stehen, wandte sich um, mit dem Rücken zu Thierry. Danielle blickte auffällig in die entgegengesetzte Richtung. Und grinste vor sich hin, ebenso wie Thierry. Der nun, da sich die Gelegenheit ohnehin bot, eine Münze in seiner Hemdtasche verschwinden ließ.

Pascal brauchte einen Moment, um zu begreifen.

„Moment mal, war das… eine… Wette?“

Seine Empörung durchbrach sogar Pascals Fantasien über das düstere Schicksal, das ihn erwarten mochte. Thierry schmunzelte.

„Ja, gut, doch nicht das Fenster“, gab Danielle zu. „Aber das nächste Mal verabreden wir, dass der Ort ab Handschlag zu bleiben hat, wie er ist. Die Blumen vors Fenster stellen! So etwas ist Vorteilsnahme und beeinflusst in unangemessener Weise das Ergebnis.“

Thierry lachte.

„Und das Reden wirst du mir demnächst obendrein auch verbieten?“, gab er zurück. „Weil das das Ergebnis schließlich auch ‚beeinflussen‘ könnte?“

Danielle grollte, aber noch immer auf freundschaftliche Art.

„Man sollte mit Vittorio einfach nicht wetten“, nuschelte er*sie dann noch vor sich hin.

Die unbeschwerte Heiterkeit der beiden legte sich Pascal schwer in den Magen. Es waren nur noch wenige Schritte bis zur Tür, und Danielle ging das kurze Stück nun voraus und hielt sie ihnen auf. Doch er machte keinen Schritt mehr. Er fühlte sich beschämt und vorgeführt, und das ausgerechnet von Thierry, von dem er damit bislang so nicht gerechnet hatte. Und auch wenn er seinerseits nicht gerade ehrlich zu dem anderen gewesen war: Von dieser Spielerei, aber auch der Unbekümmertheit, die die beiden hier offen zeigten, fühlte er sich getroffen.

Thierrys Lächeln wurde sanfter, als er sich Pascal wieder zuwandte. Dennoch, das nahm Pascal sich vor, so wenig er es sich leisten konnte, sich zu widersetzen: So, wie sich das hier entwickelte, würde er sich freiwillig kein Stück mehr von der Stelle rühren.

Sein Entschluss bröckelte, sobald Thierry ihm versöhnlich über den Arm streichelte, bei ihm stehen blieb und ihm direkt in die Augen ansah. Gerade noch hatte Pascal eine Rede darüber beginnen wollen, dass das alles kein Moment für Scherze sei, für Taschenspielerei oder sonstige Tricks. Dass die Sache ernst sei und es sich nicht gehöre, sich mit Glücksspiel zu amüsieren, während es hier um sein Leben gehen würde. Aber sobald er sich diesem Blick gegenübersah, diesem freundlichen Gesicht und den Augen, die ihm liebevoll begegneten, brachte er nichts von alldem heraus. Was blieb, war Hilflosigkeit. Und noch immer das: Furcht.

Thierry lächelte ihm zu, legte einen Arm um ihn und drückte ihn an sich. Nicht ganz so unverfänglich, wie es sich gehört hätte, vor jemandem wie Danielle. Aber so ungebührlich es war, es tat Pascal gut. Es war, was er brauchte. Und das, so meldete es sich in ihm, war vielleicht viel eher ein Grund dafür gewesen, dass er an diesem Auftrag so lange festgehalten hatte, viel zu lange, obwohl er vielleicht schon früher hätte bemerken können oder sollen, wie es um seine Chancen tatsächlich stand. Thierry wusste, was er brauchte. Und er schien sehr gut zu wissen, welche Macht ihm das über Pascal gab. Wie sehr er dadurch mit ihm tun konnte, was er wollte.

„Du kannst mir vertrauen, Pascal“, versprach Thierry nun. „Ich passe auf dich auf.“

Noch immer hielt Danielle ihnen die Tür auf und wartete, ebenfalls mit einem ermutigenden Lächeln auf dem Gesicht. Pascal schluckte. Dann riss er sich zusammen und fügte sich seinem Schicksal. Und trat an Thierrys Seite hinein in den dunklen Flur.

Autor: Shiverrania

Schreibt schwule und trans* Phantastik mit kinky Elements, teilweise aber auch Gesellschaftskritisches.

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