Im Atelier [WIP-Auszug]

[WIP-Auszug: Kapitel aus dem neuesten Teil der Reihe „Von dunklen Seelen“. Letzte Überarbeitung: 30.10.2020]

Ein ungutes Gefühl überkam Leon, als er die flachen Stufen zu Lucas‘ Atelier hinaufstieg. Cassari hatte einigermaßen geheimnisvoll getan, als er ihm nachts zuvor den Zettel mit Orts- und Zeitangabe auf der Straße zugesteckt hatte. Besonders geschickt, das musste Leon ihm leider attestieren, hatte er sich dabei nicht angestellt: Seine nervöse, etwas hektische Art, sich ihm zu nähern, wäre jedem einzelnen Mitglied der Linie Marcello, der er selbst angehörte, auf den ersten Blick als verdächtig aufgefallen. So hatte er selbst Augen und Ohren offen gehalten, ehe er sich herbegeben hatte, und sich auch auf dem Weg vergewissert, dass ihm niemand folgte. Besonders Alissa, um die es Cassari mit allerhöchster Wahrscheinlichkeit gegangen sein musste, brauchte von einem Treffen auf Lucas‘ Grund und Boden nichts erfahren.

Der Versuch der Geheimhaltung war nicht das Einzige, was zu dem leichten Schaudern beitrug, das Leon überkam, ehe er den Klingelknopf drückte. Ihm drängte sich die Erinnerung an seinen ersten Besuch an diesem Ort auf, zu dem er Pascal begleitet hatte – und bei dem sie mitten in eine SM- Session zwischen Lucas und Cassari hineingeplatzt waren. Ein wenig, das musste Leon wohl eingestehen, beeinflusste der damalige erste Eindruck seine Sicht auf Cassari bis heute. Dieser Anblick, wie er nackt auf allen Vieren zu Lucas Füßen gekniet hatte, ein Lederband um den Hals, Striemen auf dem Rücken. Die heutige Geräuschkulisse beruhigte ihn dahingehend. Im Inneren war es vollkommen still.

Cassari öffnete ihm. Schwarz gekleidet, wie üblich, mit zackig frisiertem, schwarzgefärbtem Haar. Aber ohne Halsband oder Fesseln. Etwas unbeholfen deutete er Leon, einzutreten und den Mantel an der Garderobe abzulegen, und bat ihn ins Wohnzimmer. Während er ihm dorthin folgte, stutzte Leon jedoch.

„Ist… Lucas nicht hier?“, erkundigte er sich, ehe er auf einem der geometrisch geformten Sessel in der chaotisch anmutenden Sitzgruppe Platz nahm. Cassari schien sich unwohl zu fühlen, setzte sich ihm jedoch schräg gegenüber. Je länger Leon die Ohren gespitzt hielt, desto sicherer wurde er sich: Sie waren allein im Gebäude. Aus den übrigen Räumen war nicht das geringste Geräusch ausmachen.

„Nein, Lucas ist… in seinem Atelier“, erklärte Cassari schließlich. Und obwohl er es gewesen war, der Leon hergebeten hatte, wirkte er weiterhin einigermaßen unruhig, nervös regelrecht. Er blickte sich um, sah zum Torbogen, auf den Boden, zur Decke, als Leon ihn fragend ansah. Ausweichend.

„Ach so?“

Leons Versuch, sich nicht irritieren zu lassen, scheiterte auf halbem Wege. Er war zunehmend verwundert, was das Ganze sollte.

„Ich dachte, das hier sei sein Atelier?“

Cassari lächelte etwas gezwungen, schüttelte den Kopf. „Ja, streng genommen. Eigentlich – war es das. Er arbeitet seit ein paar Jahren eher in der Stadtmitte. Hier malt er inzwischen nur noch Blüten, Landschaften, so etwas. Oder macht Fotos, drüben.“

Dabei deutete er auf die Tür schräg hinter dem Teppich. Auch bei dieser Erklärung wirkte er hektisch, und weiter blickte er sich unruhig um.

„Stört… es dich, wenn ich stehenbleibe?“, fragte er.

„Nein, kein Problem“, versicherte Leon schnell, hob fragend die Hände. „Soll ich auch…?“, setzte er an, aber sofort schüttelte Cassari den Kopf. Er zog sich zu dem Torbogen in Richtung des Flurs zurück, lehnte sich dort gegen die Wand. Und sobald er erst etwas Abstand von Leon gewonnen hatte, wirkte er deutlich entspannter.

„Nein, es ist nur, das hier ist… Lucas‘ Grund und Boden. Er meinte bloß, dass… Nicht so wichtig.“

Fragend und etwas irritiert hob Leon wiederum die Schultern. Er war sitzengeblieben, und vielleicht war das besser so.

„Okay?“, meinte er. Wiederum hob er fragend die Hände, als Cassari zunächst keine Anstalten machte, sich zu erklären.

„Ja, also, es ist…“, setzte der dann doch an, stockte und atmete einmal tief durch. „Ich wollte ein paar Dinge mit dir klären, und – ich frage mich gerade, ob das so eine gute Idee gewesen ist, aber – naja, jedenfalls…“

Als er sich weiterhin schwertat, Worte zu finden, schenkte Leon ihm ein aufmunterndes Lächeln.

„Sag mal, hast du Angst vor mir?“, sprach er ihn direkt an, als ihre Blicke sich kurz trafen. Cassari bemühte sich sichtlich, es zu erwidern. Doch überzeugend wurde der Versuch nicht ansatzweise. Vielsagend zuckte er mit den Schultern.

Leon betrachtete ihn, so aus der Distanz, wurde ernst und etwas bedrückt dabei. Seinem Blick wich der andere nun aus.

„Hey, was ich da zuletzt zu dir gesagt habe, im Toujours, das tut mir leid“, übernahm er es nun, den ersten Schritt zu machen. „Vor allem nach dem, was du für mich getan hast. Es ist so, auch wenn ich weiß, dass das keine Entschuldigung ist – die Nacht war anstrengend, und ich wusste einfach nicht, wie ich das alles – einordnen sollte, mit Lucas und dir. Dann war da noch Siverio, und wie er über dich gesprochen hat…“

Er schüttelte den Kopf, wollte dieses Thema nicht weiter vertiefen.

„Ich muss ehrlich sagen, ich bin mir nach wie vor nicht sicher, was ich von dir und Lucas halten soll. Aber wenn ihr beide das so wollt, was da zwischen euch ist, dann ist das eben so, und dann habe ich das zu akzeptieren.“ Er stockte kurz. „Alles kein Grund, so mit dir zu sprechen, wie ich es getan habe“, schloss er. Und sah nun still zu Cassari auf, bis der zumindest einmal kurz nickte, und ihm sogar einen Moment lang in die Augen sah. Was den Eindruck erweckte, dass er zu ihm aufblickte – obwohl doch streng genommen er derjenige war, der gerade auf Leon herabsehen konnte.

„Okay“, sagte er nach einer Weile, in der es wiederum greifbar still blieb im Raum. Etwas starr wirkte es noch immer. Aber zumindest nicht mehr ganz so nervös wie zu Beginn, als er Leon hereingebeten hatte.

Schließlich seufzte Cassari, blickte einmal kurz zur Decke, und setzte sich Leon nun doch wieder gegenüber. Wenn auch in etwas größerem Abstand als zuvor.

„Da wir dabei sind, das ist schon so etwas, worüber ich mit dir reden wollte“, begann Cassari nun. „Es ist so, wie du es vielleicht einfach begreifen solltest, mit Lucas: Eifersucht wird dir bei ihm nichts nützen.“

Er schwieg einen Moment, als es nun Leon war, der ertappt zur Seite blickte.

„Ich meine, ich bekomme das ja mit, wie er dir seine Kontaktdaten gegeben hat, und wie du dich seither einfach nicht bei ihm meldest, obwohl ich schon den Eindruck hatte, dass du, naja, nicht uninteressiert bist. Und ich wollte klarstellen, falls das an mir liegen sollte – ich weiß, das ist schwer nachzuvollziehen, für jemanden, der aus dieser Kultur stammt, mit der Idee von Liebesehe und Zweisamkeit, ‚bis dass der Tod euch scheide‘. Aber so etwas wie Besitz oder, sagen wir, Exklusivität in der Liebe, oder einfach beim Sex, das wird es mit ihm nicht geben. Für dich nicht, und auch für sonst niemanden.“

Er schwieg eine Weile, sah zu Leon herüber. Bis der, die Lippen zusammengepresst, schließlich nickte.

„Glaub mir, ich weiß, das ist gewöhnungsbedürftig. War es auch für mich, und mit den Werten, mit denen ich aufgewachsen bin. Aber was du einfach begreifen musst, bei ihm, ist, dass er niemanden… weniger lieben würde, bloß weil es da noch jemand anderen gibt. Oder mehrere andere. Das ist bei ihm einfach so. Er nimmt die Leute, wie sie sind, jede*n für sich. Das ist, wer und wie er ist. Und du kannst und wirst nie wirklich ändern, wer und wie jemand ist.“

Eine Weile schwieg Leon, überlegte. War vor allem auch bemüht, auf seine Emotionen zu achten, gegenüber Cassari. Denn es war tatsächlich so, auch wenn er sich ertappt und durchschaut fühlte durch die deutliche Weise, in der Cassari es ansprach – es traf ihn nunmal wirklich. An Lucas zu denken, wühlte ihn auf, selbst jetzt noch, da er die ganze Sache innerlich beinahe begraben hatte. Aber er wollte nicht, dass auch dieses Gespräch hier eskalieren würde. Dass dieser Versuch, Brücken zu schlagen, seinetwegen in die Brüche gehen würde.

Leon war dabei gar nicht so überzeugt, dass diese Spannung, die sich auch jetzt wieder zwischen ihnen einstellte, nur an ihm lag. Diese Mischung aus Ausweichen und Direktheit, die Cassari an sich hatte, war nicht wirklich greifbar für ihn, und angesichts dessen fiel es ihm schwer, ruhig zu bleiben. Bewusst atmete er durch, ehe er antwortete.

„Ich verstehe dich aber schon richtig – wenn es nach dir ginge, wären die Dinge anders, oder?“, hakte er nach, um einen neutralen Tonfall bemüht. Cassari lächelte etwas.

„Du meinst, ob das so eines dieser Dinge ist, die ich eben ertragen muss, weil ich in der Hierarchie so furchtbar weit unter ihm stehe, und wohl kaum in der Position bin, Dinge zu verändern, die mir nicht passen?“, erwiderte er.

Leon zog es vor, für den Moment zu schweigen, biss sich auf die Lippe. Doch zu seiner Überraschung wirkte Cassari nun beinahe amüsiert.

„Das Ganze zwischen uns ist vielleicht nicht so, wie du dir das vorstellst“, erklärte er, mit durchaus etwas belustigtem Unterton. „Ich muss zugeben, es ist Arbeit für mich gewesen, eine ganze Weile. Aber das mit uns geht jetzt schon über viele Jahre, auf die eine oder andere Weise. Am Ende läuft es auf einen ziemlich simplen Nenner hinaus: Man ist es sich wert, Kompromisse zu finden, und zwar gegenseitig, oder eben nicht.“

Leon schnaufte.

„Na, und soll ich mal vorsichtig nachfragen, ob du im Zuge dieser ‚Kompromisse‘ nur halb so viele Freiheiten genießt, wie er sie sich demnach einfach nehmen kann?“, gab er zurück, dieses Mal durchaus recht patzig. Cassari blieb gelassen und verschränkte die Arme.

„Wie kommst du darauf, dass das nicht so wäre?“, fragte er nach, und einen Moment war Leon sprachlos.

„Aber ich will dir mal etwas sagen, wenn du so schon anfängst:“, setzte Cassari nach. „Mit dieser Kampf- und Gerechtigkeits- und Rachegeschichte wirst du bei jemandem wie Lucas nicht weit kommen. Er hat wirklich, wirklich viel Liebe in sich, und ein unglaubliches Verständnis für Leute – jede Art von Leuten. Aber diesen ganzen emotionalen Terror, den du wahrscheinlich als ‚typische‘, normale Beziehung gelernt hast, solltest du dir abschminken, wenn es um ihn geht und dir an ihm etwas liegt – falls dir an ihm denn etwas liegt. Erreichen wirst du damit gar nichts. An ihm wird es einfach abperlen, weil er sich so etwas nicht annimmt, und am Ende bist du derjenige, der auf die Straße rennt und nicht mehr an sich halten kann. Und was du dir, einmal unter Magiebegabten gesprochen, ebenfalls vor Augen führen solltest, ist, dass überhaupt nicht irgendjemand da draußen dafür zuständig ist, wie es dir geht. Da fängt die Hexerei nunmal an: Was du fühlst, und wie es dir geht, und wie du wertest, das sind Dinge, für die du verantwortlich bist, und niemand sonst. Lucas ist jemand, der wirklich hilfsbereit sein kann, auch bei so etwas, wenn man ihn bittet und er das möchte, und manchmal auch von sich aus, wenn es jemand braucht. Aber seine Aufgabe ist das mitnichten, auch dann nicht, wenn diese Emotionen sich auf ihn beziehen. Verpflichtet bist zur Selbstbeherrschung in erster Linie du selbst.“

Still blickte Leon auf den Boden, rührte sich kaum, presste noch immer die Lippen aufeinander. Schwieg nun eine ganze Weile. Zögerte. Cassari ließ ihm die Zeit.

„Gut“, brachte Leon schließlich heraus. Nachdem der zu seiner Sprache erst gefunden, sich einigermaßen gefasst hatte, sagte etwas an seiner Haltung ihm eben doch, dass Cassari gut wusste, wer von ihnen der Ältere war. Letztlich hatte Lucas‘ Partner Leon trotz seiner Erscheinung eines recht jungen Erwachsenen wenigstens ein gutes Jahrhundert voraus.

„Aber – wenn wir so ehrlich gerade miteinander sein wollen – reden wir gerade wirklich über Magie?“

Fragend zog Cassari eine Augenbraue hoch.

„Ähm“, meinte er zunächst nur.

„Worüber bitte sollten wir sonst reden?“

Leon seufzte. Behielt den anderen einige Sekunden scharf im Blick.

„Worauf ich hinauswill, ist – ich kann mich darauf verlassen, dass das hier wirklich auf deinem Mist gewachsen ist, oder? Dass nicht am Ende wieder Pascal dahintersteckt? Und dass der Hinweis mit der Selbstbeherrschung nicht eigentlich ein Wink mit dem Zaunpfahl ist, auf wen man sich in dieser Stadt besser nicht einlassen sollte? Und der Hinweis auf Lucas ein Vorschlag, an wen ich mich stattdessen wenden könnte?“

Cassari zog eine Augenbraue hoch.

„Pascal“, wiederholte er, blickte zur Decke, überlegte. „Nein“, sagte er dann fest, schüttelte den Kopf. Und blieb einfach still. Auf eine Weise, die Leon auch jetzt wieder als beinahe aggressiv empfand. Aber weiter bemühte er sich, sich zusammenzureißen und gefasst zu bleiben.

„Es ist… Alle Welt scheint momentan zu meinen, dass man mich dringend von den Geneviève fernhalten sollte“, erklärte Leon, obwohl er bezweifelte, dass Cassari das hören wollte, dessen ganzer Haltung nach. „Und meistens stellt sich am Ende heraus, dass Pascal dahinter steckt, oder Rachel. Und da ich eigentlich dachte, dass es Lucas gewesen wäre, der mich hier sprechen wollte…“

Vielsagend hob er die Hände.

„Oh“, meinte Cassari. Blieb wieder einen Moment still.

„Also, wenn du es hören willst, ich glaube nicht, dass es in dem Sinne ein Problem ist, wenn du dich da aufhältst“, bemerkte er einfach, als Leon ihn weiter erwartungsvoll anblickte. Da der ihm nun deutete, weiterzusprechen, legte er den Kopf schief.

„Ihr Marcello seid schon ein seltsames Volk“, meinte Cassari jedoch bloß. Und machte nicht die geringsten Anstalten, sich weitergehend zu erklären. Stattdessen stand er auf und räusperte sich, und zwar in einer Weise, bei der Leon sich regelrecht aufgefordert fühlte, sich ebenfalls zu erheben. Zögernd kam er dem nach.

„Also, wenn das dann geklärt wäre“, bemerkte Cassari in den Raum hinein, als spreche er gerade eher mit der Wand als mit Leon, oder mit den Möbeln vielleicht. Doch fragend sah der ihn weiter an, bis ihre Blicke sich doch wieder trafen. Statt der erwarteten Erklärung gab es aber bloß eine dezente Geste in Richtung der Tür.

„Das ist alles?“, sprach Leon den anderen direkt an, da ein fragender Blick allein ihm nicht weiterhalf. Unwillkürlich verschränkte er die Arme, als Cassari nichts tat als mit den Schultern zu zucken.

Sichtlich überlegte er, wie er Leon wohl dazu bewegen könne, ohne weitere Diskussion zu gehen, und dem lag bereits ein bissiger Kommentar dazu auf der Zunge, dass er hier wohl nicht auf laute Musik zurückgreifen könne, um sein Gegenüber unsanft zu verscheuchen. Mit einer gewissen Anstrengung riss er sich zusammen und schluckte die Bemerkung herunter. Zu deutlich war ihm vor Augen, worauf gerade diese Begegnung am Ende der Nacht beim letzten Mal hinausgelaufen war.

„Ich will ja nicht drängeln, aber irgendwann sollte Maxime hier eintreffen“, meinte Cassari. Und tat damit, erwartungsgemäß, eben ziemlich genau das Äquivalent zu dem, was er statt der schrillen Frequenzen seiner Musikanlage hier zur Verfügung hatte. Nein, ein allzu einfacher Gesprächspartner war dieser Vampir mit Sicherheit nicht.

Leon seufzte, atmete kurz durch und ließ die Arme wieder sinken.

„Ich möchte nur die Antwort auf genau eine Frage: War das wirklich alles, weswegen du mich hergebeten hast?“, sprach er Cassari noch einmal an, betont langsam und geduldig, während sein Gegenüber inzwischen wieder alles andere als gelassen wirkte, eingeschüchtert beinahe, wie er neben dem Torbogen stehenblieb und die Schultern hochzog.

„Ja“, sagte er erst nur. Zog sich etwas von Leon zurück, und zuckte mit den Schultern, als der weiter stehenblieb, wo er war, und die Augen verdrehte.

„Cassari, bitte“, versuchte Leon es nun, in einem Tonfall, für den er den anderen eigentlich nicht gut genug kannte. Aber angesichts der abweisenden Art, die der ihm gerade entgegenbrachte, fiel ihm einfach nichts Besseres ein als der Versuch, etwas Vertrauen aufzubauen. „Ich habe und hatte nicht die Absicht, dir irgendetwas anzutun, und wenn du das willst, werde ich gehen. Aber sei ehrlich, es macht schon ziemlich den Eindruck, als würdest du irgendetwas verbergen. Also, wenn du mir noch irgendetwas sagen wolltest, dann würde ich dich bitten, das zu tun.“

Auch jetzt wirkte es ertappt, wie Cassari den Kopf schüttelte. Wortlos trat er einen Schritt zur Seite, unbeeindruckt von dem, was Leon sagte, und deutete Richtung Ausgang.

Langsam und unter Kopfschütteln machte Leon sich nun daran, der Geste nachzukommen. Blieb aber in dem Torbogen, direkt neben Cassari, wiederum stehen, und sah ihm nochmals direkt in die Augen.

„Ja, das war alles“, sagte der schnell. „Wenn du dich bei Lucas melden willst, dann tu das, bitte, an mir soll es nicht liegen, fertig, du kannst gehen.“

Wieder verschränkte er nun die Arme, und da Leon so direkt vor ihm stehengeblieben war, schien er trotz seiner Scheu nicht bereit, einen einzigen Schritt zur Seite zu weichen. Sekundenlang sahen sie sich in die Augen. Bis Cassari doch wieder auswich.

„Pft, genau das habe ich gemeint“, murmelte er vor sich hin, zur Wand gerichtet, und doch spürbar vorwurfsvoll in seinem Selbstgespräch. „Wenn man mit jemandem aus der Familie erst allein ist, ziehen sie einem nach und nach einfach ALLES aus der Nase, bis man irgendwann nicht mehr weiß, was man erzählt hat.“

Leon lachte auf, schüttelte den Kopf.

„Hey, ich bin nicht hier, um dich auszuhorchen, in Ordnung?“, versicherte er, nun selbst darum bemüht, entgegenkommend zu wirken. „Wenn ich dich daran erinnern darf, hast du mich eingeladen. Und die fünf Sätze hättest du mir eigentlich gleich auf der Straße sagen können, oder sie auf den Zettel schreiben, findest du nicht? Du wirst schon zugeben, dass ich Grund habe, mich zu wundern. Vor allem, wenn es ständig danach aussieht, dass du versuchst, irgendwelche Dinge bewusst nicht zu sagen.“

Cassari presste die Lippen aufeinander.

„Aber gut“, meinte Leon dann mit einem Nicken, und war versucht, dem anderen eine Hand auf die Schulter zu legen. Als er schon bei der kleinsten Andeutung dieser Geste dessen kritischen Blick bemerkte, erinnerte er sich an Pascals Ermahnung, dass Cassari es nicht mochte, angefasst zu werden, und zog die Hand wieder zurück.

Leon schüttelte den Kopf und seufzte.

„Du traust mir wirklich keine fünf Zentimeter über den Weg, oder?“, kommentierte er noch, während er sich einsichtig zeigte, an die Garderobe neben der Haustür herantrat und begann, sich seinen Mantel überzuziehen, bereit, zu gehen. Bewusst ließ er sich jedoch Zeit dabei, blieb von Cassari abgewandt. In der Hoffnung, dass ein wenig Abstand vielleicht auch jetzt wieder helfen würde.

Ganz falsch schien diese Taktik nicht zu sein. Als er sich dem anderen noch einmal zuwandte, auch jetzt langsam, und ihm die Hand entgegenstreckte, zögerte der zwar noch kurz. Dann kam er der Geste jedoch nach, fasste Leons Hand und drückte sie leicht.

„Schau mal, Alissa lässt nunmal seit Jahren keine Gelegenheit aus, mir irgendetwas anzuhängen“, erklärte Cassari, während Leon seine Hand gefasst hielt – nicht einschüchternd kräftig, aber mit einem kollegialen Druck. „Also, wieso ich auf der Straße nicht einfach mit dir rede – ihr ist immer noch etwas eingefallen, um mir eine öffentliche Strafe aufzubrummen. Und um das klarzustellen: Auch wenn ich mich von Lucas freiwillig schlagen lasse, das ist in so einer Hofhaltung eine vollkommen andere Sache.“ Er stockte kurz. „Wobei ich vermute, dass du das inzwischen zumindest etwas nachvollziehen kannst, bei dem, was man über dich und die Geneviève so hört.“

„Dass es einen Unterschied macht, meinst du?“, hakte Leon nach, ruhig und aufmerksam, während er Cassaris Hand losließ – auf eine nebensächliche Art, aber tatsächlich recht bewusst. Er nickte. „Ja, weiß ich“, gab er zu. Und biss sich auf die Lippe, da er nun allzu deutlich spürte, dass Cassari allein für seine Haltung zu diesem Thema eine gründliche Entschuldigung zugestanden hätte. Es war ja so: Die ganze Einstellung, mit der Leon ihm nach der Party neulich begegnet war, ihm regelrecht vorgeworfen hatte, zu einem selbstständigen Leben nicht fähig zu sein, fußte darauf, in welchem Rahmen ihre Begegnungen abgelaufen waren – mit der Session hier im Atelier, später dann nach der Party im Toujours. Es fiel ihm schwer, zu begreifen, dass nicht die gesamte Beziehung der beiden daraus bestand, Demütigungen, Peitschen und Fesseln. Und ein guter Anteil davon ging darauf zurück, dass Leon eben nicht unterschieden hatte zwischen echter Folter und Unterwerfung, über das gesamte Leben hinweg, und Dingen, die im gegenseitigen Einvernehmen geschehen konnten, innerhalb eines vorgegebenen Rahmens, und womit er inzwischen allerdings erste eigene Erfahrungen gesammelt hatte.

Noch während er nach Worten suchte, half ihm nun Cassari weiter.

„Also nochmal, ich denke nicht, dass es in dem Sinne ein Problem ist, wenn du dich da aufhältst“, betonte er. „Zumindest nicht, was dich betrifft. Was ihre… Haltung allgemein angeht, kannst das nur du selbst entscheiden.“

Er begegnete Leon direkt, als der ihm noch einmal in die Augen sah, eine Hand schon in Richtung der Türklinke ausgestreckt. Wieder einmal zog Cassari zunächst bloß die Schultern hoch.

„Um das klarzustellen, für mich gilt das nicht, so“, erklärte er dieses Mal aber doch. „Man sollte in der Lage sein… auszusteigen, wenn man will. Und bei mir…“

Er zögerte. Nun sah er Leon sogar kurz in die Augen, als er weitersprach.

„Es ist einfach – Siverio weiß viel über… die Zeit früher. Zu viel. Und wie du inzwischen vielleicht selbst festgestellt hast, ist er die Art Sadist, die nicht aufhört. Ich kann mir das also nicht leisten, mich dort aufzuhalten, überhaupt in diesem Haus, in dem alles so abläuft, wie er das gern möchte. Bei dir ist das anders. Von daher würde ich sagen. wenn du das möchtest, und soweit du mit dem Rest zurechtkommst, dann tu das.“ Kurz schwieg er. „Wenn ich ehrlich bin, jetzt mal rein vom Persönlichen gesprochen – wenn es nur um Ramon gehen würde, oder Yvette vielleicht, wäre es den Versuch unter anderen Umständen wert. Aber mit ihm als Master – ich weiß nicht, in was für einem Zustand ich da wieder herauskommen würde, wenn ich denn wieder rauskommen sollte. Wer auf so etwas wie Safewords angewiesen ist, ist bei denen nunmal vollkommen falsch.“

Eine ganze Weile sahen sie sich einfach in die Augen. Bis Leon schließlich langsam nickte. „Ja, ich weiß“, sagte er. Und nickte Cassari noch einmal zu.

„Danke dir“, verabschiedete er sich ehrlich. „Auch für die Einladung hierher. Hat mich gefreut, mit dir zu reden.“

Autor: Shiverrania

Schreibt schwule und trans* Phantastik mit kinky Elements, teilweise aber auch Gesellschaftskritisches.

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