Pascal (I)

Marseille, 1889

„Du wirst sterben.“

Dieser Satz, die Angst, die er in ihm ausgelöst hatte, verfolgten ihn noch immer, wie ein Flüstern. Inzwischen wusste er es besser. Alles wusste er besser. Einfach jedes einzelne Wort von ihr war nichts gewesen als Lüge. Und dass es ihm nicht gelungen war, sie zu durchschauen, da war er sich gewiss, würde er den Rest dieses Lebens bereuen.

Er war gestorben, auf sein eigenes Einverständnis hin. Doch schon im ersten Moment, als ihr Blut seine Lippen benetzt hatte, seinem sterbenden Körper dieses neue Leben beschert hatte, das Leben eines Getriebenen, war auch das Wissen über ihn gekommen: Die Schwäche, die er gefürchtet hatte, war keine Krankheit gewesen. Dieses Weib, die Vampirin, die durch seine Verwandlung nun zu seiner Meisterin geworden war, hatte von ihm getrunken, wenn er schlief. Deswegen hatte er sich krank gefühlt und schwach. Deswegen war sein Puls gerast, wenn er erwachte. Es war nichts weiter als ein Trick, um ihn zur Einwilligung zu bewegen, denn eine Verwandlung ohne solches Einverständnis wurde von ihrer Linie nicht geduldet. Mit freiem Willen hatte das, was sie ihm angetan hatte, dennoch nicht das Geringste zu tun.

Nicht, dass seine Beziehung zu ihr romantisch gewesen wäre, oder sexuell. Sie hatte ihn benutzt, um einige seiner Liebhaber politisch für sich zu gewinnen und unter Druck zu setzen, nichts weiter als das. Einflussreiche Leute, vor dieser gefühlten Ewigkeit, zu der die letzten Monate für ihn geworden waren. Seit er einen von ihnen getötet hatte, im Kampfrausch, ausgelöst durch einen harmlosen Streit, war dieses bequeme Leben für ihn Vergangenheit. Gelernt hatte er nie viel als sich aushalten zu lassen. Und in dem Elend, in dem er sich nun fand, bedeutete das einen Lebenswandel, der als prunkvoll nicht annähernd zu bezeichnen war.

„Fort mit euch!“, hörte er eine vertraute Frauenstimme, schimpfend über eine Gruppe an Straßenkindern. Sie mussten sich wohl einige Taler erhofft haben von einer Schönheit wie ihr, die sich in feinsten Kleidern hier herunter ins Hafenbecken wagte. Aber Großzügigkeit gehörte nicht zu den Tugenden, denen Marjorie Wertschätzung entgegenbrachte. Schon kurz darauf ertönte ihre Stimme direkt hinter Pascal.

„Sieh an, er badet im Salzwasser wie die Ratte, zu der er geworden ist“, kommentierte sie. „Und verdingt sich auf der Straße wie eine Dirne. Hast du kein Freudenhaus gefunden, das dich aufnimmt? Manchem Schiffsburschen dürfte reichlich egal sein, auf was er sich legt, solange der Preis nur stimmt.“

Pascal saß auf dem Boden, neben einer Vertiefung, von der aus das Wasser gerade so zu erreichen war. Ein Schnaufen entfuhr ihm angesichts ihrer Worte. Dazu, ihr zu widersprechen, war er auch jetzt nicht fähig.

„Sorgen Sie sich neuerdings um mein Auskommen, Madame?“, antwortete er allerdings, so patzig, wie er es gerade vermochte. Mit etwas Mühe kam er auf die Beine.

Er hatte zu wenig getrunken in dieser Nacht, und sein Körper fühlte sich kalt an und steif. Wie sehr er sich danach sehnte, unter der Erde verrotten zu können, genau so, kalt und steif. Es hätte ein Leichtes sein können, für einen Vampir in seinem Alter. Kaum einige Minuten im prallen Licht der Sonne, und es wäre vorbei mit ihm. Doch sie erlaubte es nicht. So wenig es sie scherte, wie sehr er litt unter diesem Dasein, so wenig war sie bereit, auf ihn zu verzichten, darauf, ihn zur Verfügung zu haben als eine Schachfigur, einen Handlanger, dessen sie sich bedienen konnte, wie es ihr gerade gefiel.

„Ich habe einen Auftrag für dich, Neuling“, antwortete sie, und wieder einmal kostete ihre schrille Stimme ihn Nerven. „Jetzt sieh zu, dass du dein Zeug zusammenraffst, damit wir dazu kommen, dich vorzubereiten. Den Boten einer der einflussreichsten Linien Italiens lässt man nicht warten. Und unternimm um Himmels willen etwas gegen diesen Gestank.“

***

Endlich! Die Gelegenheit.

Nicht eine Minute hatte Thierry ihn bis zu dieser Nacht allein gelassen in diesem Haus. Heute, in der dritten Nacht, die er Pascal in sein Schlafgemach eingeladen hatte, war es soweit. Er hatte sich entschuldigt, würde in wenigen Minuten zurückkehren, wie er angekündigt hatte. Minuten, die Pascal nutzen musste, koste es, was es wolle.

Die Tür blieb offen stehen, zum Gang hinaus, und ihr Schleifen und Quietschen wäre unüberhörbar, würde er versuchen, sie hinter dem anderen zu schließen. Das war ein Risiko, dessen war sich Pascal bewusst. Aber zu lange hatte er auf diese Chance gewartet. Eine Zweite würde es vielleicht nicht geben.

Lautlos glitt er vom Bett und über die Dielen, setzte zügig, aber sorgsam einen Fuß nach dem anderen auf den knarzenden Holzboden. Bloß keine falsche Bewegung.

Schnell hatte er die Kommode erreicht, die ersten Schubladen durchgesehen. Kleidung, zum größten Teil, aber das musste nichts bedeuten. Aber nein, selbst mit Abtasten, auch unter den Hemden, gerade einen Geldbeutel fand er hier. Nichts, das sich nach Umschlägen oder Papier anfühlte.

Weiter ging es zum Schreibtisch. Gefährlich, weil er der Tür dazu den Rücken zukehren musste. Er klappte die Tischplatte hinab, durchsuchte Ablagefächer, eine Schublade im Inneren – auch hier Fehlanzeige. Als er sich gerade den Schranktüren im Unterbau des Sekretärs zuwenden wollte, war da ein Geräusch hinter ihm. Direkt von der Tür. Er erstarrte.

Atmen war etwas, das er sich nur mühsam abgewöhnen konnte; auch wenn er es zum Leben nicht mehr brauchte, beruhigte es ihn. Nun wagte er sich nicht einmal das.

Thierry räusperte sich, als Pascal sich auch nach Sekunden nicht zu ihm umwandte. Elegant lehnte er gegen den dunklen Holzrahmen der Tür, mit seinem offenem, weißen Hemd, dem ebenso offenen, dunkelblonden Haar und seinen strahlend blauen Augen. In der Linken hielt er ein Bündel Briefe vor seiner Brust, aufgespannt wie einen Fächer.

„Suchst du vielleicht die hier?“

Pascal hockte noch immer dort auf dem Boden, als Thierry sich schließlich vom Türrahmen abstieß, die Tür hinter sich schloss. Den Schlüssel drehte er im Schloss herum, behielt ihn in der Hand, spielte kurz damit und ließ ihn dann verschwinden – Taschenspielerei, wie Pascal sie von ihm bereits kannte. Nebensächlich ließ er die Briefe auf der Kommode liegen, während er zum Bett zurückkehrte. Direkt vorm Fenster, einladend geradezu, sollte Pascal verzweifelt genug sein, diesen Weg zur Flucht zu wählen. Wenn er denn außerdem verzweifelt genug gewesen wäre, nicht bloß das Glas zu zerbrechen, sondern auch die frischen Blumen mit sich zu reißen, die in einer Vase davor standen. Blühende, stille Zeugen all dessen, was sich hier abspielte.

Es trieb ihm die Tränen in die Augen, alles hier. Zum einen die reine Furcht. Er war mehrere Male allein gewesen mit Thierry in den letzten Nächten, und obwohl er um die Überlegenheit dieses deutlich älteren Vampirs wusste, hatte er sich von ihm bislang wenig bedroht gefühlt. Sein Wissen nun, die verschlossene Tür, änderten alles.

Zum anderen war da gerade das: Der Anblick dieser Vase, der Blumen. Das alles hier, ihre gemeinsame Zeit in den letzten Nächten. Betrug, der sich auch für ihn befreiend angefühlt hatte, schön. Es war ein Einschnitt gewesen in dem tristen Dasein, das er nun über Wochen und Monate geführt hatte. Ein kleines Stück Himmel. Das nun, im Angesicht der Wahrheit, in sich zusammenfallen musste zu einem einzigen Nichts.

Thierry war lockeren Schritts zum Bett zurückgekehrt, nahm längs Platz auf der Matratze, mit dem Rücken zur Wand, die Beine lang ausgestreckt über der Bettdecke. Aufmerksam zwar, aber sichtlich unbeeindruckt. Gleichgültig vielleicht sogar?

Pascal schluckte, als der andere weiter zu ihm herübersah. Thierry schwieg. Geduldig. Abwartend vielleicht, ob er es wagen würde, den Weg durch das Fenster zu wählen, das viel zu klein schien als Ausweg, und das Bündel an Briefen mit sich in die Tiefe zu reißen. So entspannt er auch wirkte, halb nach hinten gelehnt, nun gar ein Bein über das andere geschlagen – musste er, der Pascal mehrere Jahrzehnte voraus hatte, nicht ohnehin schneller sein als er? Würde sich am Ende, falls er ihn entwischen ließe, vielleicht herausstellen, dass dieses Bündel gar nicht war, was der suchte? Ein Trick möglicherweise, mit leeren Umschlägen oder unbeschriebenen Blättern. Oder, schlimmer gar noch – gefälschten Briefen, die die Dinge für Pascals Leute zum Schlechteren wenden würden statt zum Besseren.

Während Pascals Blick hin und her wanderte zwischen diesen beiden Punkten, von Thierry zu diesem Bündel und wieder zu ihm zurück, schlich sich auf das Gesicht seines Liebhabers allmählich ein Grinsen. Ebenso allmählich, wie Pascal sich erhob, aus der Hocke. Sich ansonsten von der Stelle zu rühren, wagte er weiterhin nicht. Er zitterte vor Angst.

„Ja, ich gebe zu, ich hatte in Erwägung gezogen, dich gehen zu lassen, mit etwas, das du für das halten würdest, was du wolltest“, gab der andere zu, und es hatte etwas Leichtes an sich, etwas Verspieltes. „Genügend jedenfalls, um deine Auftraggeber zu täuschen, auf den ersten Blick. Die Quittung, da kannst du gewiss sein, hättest du doch noch bekommen. Spätestens in dem Moment, in dem sie die Täuschung durchschaut hätten.“

Es hatte beinahe etwas Freundliches an sich, wie er mit Pascal sprach, während er ihn weiter so im Blick behielt. Wie auch sein Schmunzeln, seine strahlenden, blauen Augen. Aber das konnte es nicht sein, niemals: Freundlich. Nicht nach dem, was Thierry über Pascal offenbar wusste. Und was er offenbar nicht erst heute begriffen hatte.

„Ich will das alles nicht“, hauchte Pascal, als er diesen Blick weiterhin so auf sich spürte, der ihm sagte: Sich an Ausreden zu versuchen, wäre geradezu eine Beleidigung, hätte keinerlei Sinn. Woher auch immer er es erfahren haben mochte, Thierry war sich offenkundig darüber im Klaren, was für ein Spiel Pascal mit ihm hatte spielen wollen.

Trotz seines Zitterns, trotz der Tränen in seinen Augen, die Gnade erflehten, erwartete Pascal einen Wutausbruch, einen Angriff, eine Strafe. Und sein Zittern wurde schlimmer, je länger Thierry blieb, wo er war, und ihn einfach nur anblickte.

„Bitte, Thierry… es tut mir leid, das musst du mir glauben“, versuchte Pascal es, eindringlich, aber leise. Und war immer noch vollkommen verwirrt von der bisherigen Reaktion seines Gegenübers. Musste Thierry denn nicht enttäuscht sein, verärgert? Jetzt, da er ohne jeden Zweifel wusste, dass Pascals ganzes Interesse an ihm nichts gewesen war als bloßer Mittel zum Zweck.

Heftig zuckte er zusammen, als der andere sich nun ein Stück weit vorlehnte, in seine Richtung. Aber noch immer schenkte der ihm ein Lächeln. Als Pascal auf seine Geste, näherzukommen, nicht reagierte, weiter stehenblieb, wo er war, noch immer starr vor Furcht, schmunzelte er vor sich hin.

„Du bist anders, nicht wahr?“, erkundigte er sich dann. Etwas ernster als ebendieses Schmunzeln es hätte vermuten lassen. Aber noch immer mit einer überwältigenden Gelassenheit.

„Wie… anders?“

Perplex machte Pascal nun doch einen Schritt nach vorn, verunsichert darüber, wohin er eigentlich wollte. Zur Tür, um den Versuch zu unternehmen, sie mit Gewalt zu öffnen, auf diesem Wege zu entkommen, um zumindest die eigene Haut zu retten? Zum Fenster, und dieses Bündel an Papieren mitnehmen, ohne sicher sein zu können, dass es wirklich das war, was er brauchte, so dringend benötigte, um seine Meisterin zufriedenzustellen? Oder am Ende, und so sehr es ihn verlockte, so wenig konnte es ihm als richtig erscheinen: Zu Thierry? Dem er nun über beinahe eine Woche Avancen gemacht hatte, und von dem er noch immer Strafe erwartete für diesen Betrug, diesen Verrat, oder zumindest eine scharfe Zurechtweisung.

„Du verstehst das nicht – ich habe das alles nicht gewollt, das schwöre ich dir“, versicherte Pascal noch einmal. Thierrys Entgegenkommen – nein, er konnte dem nicht vertrauen. Er konnte überhaupt niemandem vertrauen, der zu seiner eigenen Linie nicht gehörte. Schon gar nicht einem Abgesandten der Vittorio.

„Oh, da sei ganz beruhigt, ich verstehe sehr gut“, erwiderte Thierry nun, noch immer mit derselben Gelassenheit, von der Pascal einfach nicht begreifen konnte, woher er die nahm, oder was er davon zu halten hatte. Einladend legte Thierry die Hand auf das Kissen zu seiner Seite. Pascal schluckte, machte einen Schritt auf ihn zu. Dann ertrug er es nicht länger, dieses ganze Spielchen hier. Er wandte sich ab, schlug die Hände vors Gesicht und weinte.

Es war zu viel, das alles hier. Sollte Thierry ihn doch bestrafen, endlich diese viel zu freundliche Maske ablegen, diese falsche Zuneigung, die er ihm all die Zeit entgegengebracht hatte. Endlich tun, was er zu tun hatte, und ihn in Ketten legen, ihn den übrigen Mitgliedern seiner Linie zur Strafe vorführen, wenn er es schon selbst nicht tun wollte. So verfuhr man in ihren Kreisen mit Spionen, Dieben und Verrätern. Das und nichts anderes stand ihm zu. Und das und nichts anderes erwartete Pascal noch immer, selbst als er eine Hand auf seiner Schulter fühlte, unter der er heftig zusammenzuckte. Aber als Thierry ihn sanft zu sich heranzog, zärtlich seine Arme um ihn legte, konnte er doch nichts anderes tun als folgen und nachgeben.

„Es tut mir leid“, schluchzte er, und ertrug es selbst kaum, wie sehr auch das nach Ausrede und Lüge klingen musste für diesen Vampir, der ihn vielleicht schon seit dem ersten Moment durchschaut hatte. Nicht Pascal war es gewesen, der mit ihm gespielt hatte, das begriff er jetzt – all die Zeit schon hatten die Dinge sich gerade umgekehrt verhalten. All die Zeit hatte in Wahrheit nicht er auf seine Chance gewartet, von der er eben geglaubt hatte, dass sie sich ihm endlich geboten hätte. In Wahrheit, das musste er in Thierrys Armen einsehen, war es der andere Vampir gewesen, der beobachtet haben musste, abgewartet, wann er diesen einen Fehler machen würde, der ihn eindeutig als das entlarvte, was er war. Was er für eine Gelegenheit gehalten hatte, war eine Falle gewesen, offenkundig, und möglicherweise von langer Hand geplant. Vielleicht war am Ende gerade das der Grund dafür, dass Thierry es mit seiner Bestrafung nicht eilig hatte: Weil er, wenn Pascal die Dinge gerade richtig auffasste, seit beinahe einer Woche auf genau diesen Moment gewartet und hingearbeitet hatte.

Eine Chance zur Flucht, dessen wurde er sich zunehmend gewiss, würde der andere Vampir unter diesen Umständen kaum riskieren. Wahrscheinlich waren unten, an den übrigen Eingängen des Turms, vielleicht sogar vor dem Fenster, Angehörige seiner Linie postiert, die auf einen solchen Versuch seinerseits bloß warteten. Und sie kannte er nicht einmal, bislang. Schon allein wegen seiner Überlegenheit, seines Alters hatte Thierry ihn in der Hand, und das nicht erst seit dieser Nacht. Pascal wurde schummrig zumute beim Gedanken daran, was er mit dieser Macht, die er über ihn hatte, unter den jetzigen Umständen wohl anfangen würde.

„Nun beruhige dich, Pascal“, tröstete Thierry ihn. Gerade der Feind, der ihn doch hassen musste, wenn er die Wahrheit kannte. Als seine Worte nach einer Weile noch immer nicht geholfen hatten, fasste er Pascal leicht am Handgelenk und zog ihn mit sich zum Bett. Und brachte ihn dazu, sich zu setzen, was zumindest ein wenig half, gegen dieses Gefühl, der Boden müssen jeden Moment unter ihm zusammenbrechen.

„Aber ich verstehe das nicht“, schluchzte Pascal schließlich, als Thierry auch weiterhin so überhaupt keine Anstalten machte, ihm wehzutun oder ihn bloß zu schelten. „Wenn du die gesamte Zeit wusstest, wozu ich hier bin, wieso das jetzt, und wieso erst jetzt, und hier? Und wieso…“ Wieder schluchzte er. „Wieso hasst du mich nicht?“

Thierry lachte kurz auf, etwas bitter dieses Mal, streichelte ihm kurz über den Rücken. Dann erhob er sich, lief einige Schritte auf und ab. Schräg ihm zugewandt blieb er stehen.

„Nun, mein sehr geliebter Pascal, dich hassen würde ich wohl gern. Das hat die verehrte Marjorie sich wahrlich hübsch ausgedacht, mir ein Jungblut wie dich herzuschicken, von dem sie allzu gut wissen musste, dass gerade das mir nicht gelingen würde, mit dir.“

Mit noch immer tränenüberströmten Gesicht, aber inzwischen etwas ruhiger geworden, sah Pascal zu ihm auf, als er wieder nähertrat, direkt vor ihm stehenblieb. Sein Erstaunen darüber, dass Thierry sogar Marjories Namen kannte, konnte Pascal nicht verbergen. Der fasste sanft seine Hände, als er ihn wieder ansprach.

„Weißt du, was das Schlimme bei dir ist, Pascal, wovon ich sagen muss, dass ich es ihr verdenke, und zwar recht ernsthaft: Dass sie gerade dich zu mir schicken musste. Ich weiß allzu gut, wie es unter ihren Leuten zugeht. Und ich sehe dich, und machen wir uns darüber nichts vor, du bist nicht wie sie. Kein Waffennarr, der auf das Schlachtfeld stürmt und sich am Blut seiner Feinde ergötzt. Und das ist es leider, was sie ausmacht, die guten Estara. Das treibt sie, solange ich an sie und ihre Herkunft zurückdenken kann.“ Er stockte. „Es war doch nicht alles gelogen, nicht wahr? Was du mir in der ersten Nacht erzähltest, über deine Linie? Dass man dich dort nicht will, dass es unter ihnen keinen Platz für dich gibt. Ich sehe dich, und ich glaube es dir. Weil ich weiß, aus langen Jahren, wie sie sind. Und so, mein lieber Pascal, kenne ich dich nicht. Dafür, soweit ich es nach diesen wenigen Tagen über dich sagen kann… halte ich dich nicht.“

Pascal presste die Lippen aufeinander.

„Du hast recht, das war die Wahrheit“, antwortete er leise. Ohne dem anderen in die Augen zu sehen allerdings. „Bis auf diese eine Sache, dass mir das nämlich mitnichten dazu verhelfen konnte, zu gehen. Die Blutsgeschwister meiner Meisterin wollen mich nicht bei sich, das ist die Wahrheit. Für sie bin ich nicht mehr als ein Taugenichts und ein Schwächling. Und wieder einmal behalten sie recht damit, wieder einmal werde ich für meine Meisterin zur Schande und zur Enttäuschung. Wieder versage ich bei dem Versuch, ihr meinen Wert zu beweisen.“

Er schwieg kurz.

„Ich habe keine Wahl, Thierry, so sehr ich es mir wünsche. Ich muss tun, was sie von mir verlangt. Und wenn ich versage, ein weiteres Mal… Ich weiß nicht, was sie mit mir anstellen werden, wenn ich erneut mit leeren Händen zurückkehre. Ich weiß nicht, was ich tun soll.“

Weiter hatte er den Blick gesenkt gehalten, nun sah er auf. „Ich flehe dich an, Thierry. Wenn du mir schon nicht überlassen kannst, was sie von mir wollen, dann, bitte, lass mich gehen. Es sei denn natürlich, dass du…“

Er brachte die Worte nicht über die Lippen. Seit seinem Eindringen in dieses Gebäude, seit er sich hier eingeschlichen hatte, war dies nicht mehr alleine eine Angelegenheit der Linie Estara, der er selbst angehörte. Hier residierten die Vittorio, Konkurrenten und vielleicht sogar Erzfeinde seiner eigenen Leute. Streng genommen stand zunächst nicht zur Debatte, was Pascal von seiner eigene Linie zu befürchten hatte, würde er ohne Ergebnisse zu ihnen zurückkehren. Im Grunde konnte er froh sein, wenn Thierry zumindest das für ihn tun würde: Ihn gehen lassen.

Sanft, verständnisvoll, lächelte Thierry ihm zu. Aber gleichzeitig auch mit einer gewissen Bestimmtheit, die Pascal fühlen ließ: Gerade das, die Freiheit, ihn gehen lassen, kam für ihn nicht in Frage, Sympathie hin oder her. Einen Spion entkommen zu lassen, den er eben auf frischer Tat ertappt hatte, wäre letztlich dem Verrat an seiner eigenen Linie gleichgekommen. Und das war eine Sache, die sich nicht einmal ein offizieller Abgesandter wie er so einfach leisten konnte.

Anstelle einer Erklärung hob Thierry langsam die Hand, fuhr Pascal über den Arm. Und nun tat er es nicht einfach mitfühlend. Sondern mit einem gewissen Nachdruck, der Pascal vertraut erschien. Dazu dieser etwas direkte, vielsagende Blick, mit dem der andere ihm begegnete. Etwas in ihm wurde starr.

„Ich verstehe“, sagte Pascal. Und er spürte, wie dieses ganze Gefühl, dieser ganze Drang danach, Mitgefühl zu suchen, nachließ, in den Hintergrund rückte. Was blieb, war Kälte. Oh ja, er kannte diese Art von Berührung, diese Art, mit der man ihn ansah, anfasste. Vielleicht war es ehrlich, vielleicht war es, was er verdiente. Gerecht, nachdem er sich eingeschmeichelt hatte, eine Affäre begonnen hatte, nur um seinen Liebhaber letztlich zu verraten und zu bestehlen.

Während er nun auf dem Bett etwas zurückrückte, noch mit sich kämpfte, zog Thierry die Hand zurück. Pascal wollte ihn nicht ansehen bei dem, was folgen musste. Er würde handeln, wie immer, über sich ergehen lassen, was auf ihn zukam. Mit dem Hemd beginnen, das wäre das Erste. Er wollte die Hand heben, nach dem obersten Knopf fassen, beginnen, ihn zu öffnen. Sein Arm gehorchte ihm nicht.

Es war dieser Moment, in dem das alles hier zusammenfiel, endgültig, wie ein Kartenhaus: In dem all das, all diese gemeinsame Zeit, zu nichts weiter wurde als einem weiteren Geschäft, einem weiteren Handel. Die Zuneigung, die er empfunden hatte, für den anderen, von der er geglaubt hatte, sie beruhe auf Gegenseitigkeit. Jetzt war all das nichts mehr als Lüge und Betrug. Er war aufgeflogen. Was blieb, war Arbeit, die er zu verrichten hatte. Gefühllos, kalt, leer. Eine Leere, die ihn langsam, aber sicher, auffraß.

„Pascal?“

Erst als Thierrys Stimme ihn erreichte, sanft, mitfühlend, zugewandt, bemerkte er, dass ihm die Tränen in den Augen standen, er sich seit nun beinahe einer Minute nicht von der Stelle gerührt hatte.

„Pascal, Junge… Was ist denn nur mit dir?“

Es tat gut, es tat so unglaublich gut, diese Stimme zu hören, in der ehrliche Sorge lag, um sein Wohlergehen. Die Hand zu fühlen, die sich auch jetzt auf seine Schulter legte, in seinen Rücken. Und es war wunderbar, Thierrys Umarmung zu fühlen, die ihm sagte: Für ihn war das hier kein Handel, und ebenso wenig ein Spiel.

„Herr im Himmel“, murmelte der andere vor sich hin. „Was hat man dir bloß angetan?“

Pascal hatte keine Worte, um diese Frage zu beantworten. Er brach zusammen, in diesem Moment, diesem ersten Moment seit Jahren, in dem es jemanden kümmerte, wie er sich fühlte. Gerade jetzt wäre es möglich gewesen, zu reden, über alles davon, über irgendetwas davon.

Gerade in diesem Moment, diesem wunderbaren Moment
konnte er nicht mehr.

Autor: Shiverrania

Schreibt schwule und trans* Phantastik mit kinky Elements, teilweise aber auch Gesellschaftskritisches.

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