Schicksale

[Update: Sprachlich überarbeitet]

„Was ist? Stört es dich, dass ich hier bin?”, fragte Ramon. Leon winkte ab.

Zwar zog er es in der Tat vor, bei seinen Recherchen hier unten allein zu sein. Die ausladende, unterirdische Bibliothek des Hauses Geneviève war ihm regelrecht zu einer zweiten Heimat geworden mit ihren schier endlosen Regalen voller uralter Bücher. Aber mit der Konzentration tat er sich gerade ohnehin schwer. Und war im Grunde dankbar für die Gelegenheit, zu reden – auch wenn das etwas war, das der Hausherr, Siverio, hier unten nur sehr begrenzt duldete. Für den persönlichen Austausch, das hatte der einmal etwas spitz bemerkt, als er sie im Gespräch vertieft angetroffen hatte, standen oberhalb der Kellergewölbe genügend Räumlichkeiten zur Verfügung. Und auch wenn es beinahe nebensächlich geklungen hatte: Sie beide wussten, dass es viele Verwarnungen von seiner Seite nicht geben würde, ehe Taten folgen würden. Auf seinem eigenen Grund und Boden pflegte Ramons Meister sich zu nehmen, was er wollte. Selbst ohne ein konkreten Anlass, das hatte auch Leon inzwischen am eigenen Leibe erfahren, konnte das eine äußerst schmerzhafte Angelegenheit werden.

„Nein, nein, es ist nur…”, setzte Leon nun an, als Ramon auf seine Geste hin stehenblieb, ihm fragend begegnete. Als der andere Vampir näherkam, bemerkte auch er, dass Leon die Tränen in den Augen standen.

„Alles in Ordnung bei dir?”, erkundigte er sich. Nur kurz zögerte Leon. Dann schüttelte er den Kopf und nickte knapp in Richtung des Einbandes, der vor ihm lag. Nach nur einem kurzen Blick darauf verzog auch Ramon missmutig das Gesicht.

„Ähm, ja”, murmelte er. „Ich verstehe.“

Achtsam trat er näher, blätterte einige Seiten zurück, als Leon ihm das mit einem Nicken gestattete. Zügig überflog er den Titel des Protokolls, mit dem der jüngere Vampir sich gerade befasste.

„Und was bringt dich dazu, dich gerade mit den Niederschriften der Wache zu befassen?”, wollte Ramon wissen. „Ist nicht gerade die leichteste Lektüre, in mehr als einer Hinsicht. Wenn du mich fragst, gibt es hier Stammbaum-Chroniken, die erbaulicher sind als das.”

Er versuchte, Leon in die Augen zu sehen, wohl mit der Absicht, ihn zumindest ein wenig aufzumuntern. Aber Leon wollte das nicht, zumindest nicht für den Moment. Vorerst hielt er sich abgewandt von ihm.

„Klingt danach, dass du sie recht gut kennst”, stellte er allerdings fest, ohne aufzublicken. Ramon schnaufte.

„Das ist eine Untertreibung“, meinte er. „Bloß, dass es in meinem Fall nicht so ist, dass ich eine Wahl hätte. Im Gegensatz zu dir.“

Fragend sah Leon nun doch zu ihm auf. Ramon zog die Schultern hoch.

„Gehört zu meinen Aufgaben hier, seit Jahren inzwischen“, erklärte er. „Der Meister lässt sich seit dem Ende des Krieges die Berichte der Wachen aus den größeren Städten zusenden, in Kopie. Als Ratsoberstem steht ihm die Einsicht zu. Ich bin derjenige, der den ganzen Kram für ihn vorsortieren darf, und ihm für die wesentlichen Ereignisse Zusammenfassungen schreiben, zur thematischen Erfassung und ordnungsgemäßen Kategorisierung. Handschriftlich, versteht sich.”

Anerkennend zog Leon die Augenbrauen hoch.

„Also keine Digitalisierung in der Alten Schule“, folgerte er.

„Tja“, meinte Ramon. „Dafür wäre dann wohl nicht einmal ich jung genug. Du könntest dir zur Abwechslung vorstellen, wie ich als Mensch aussehen müsste, weißt du? Mit extrem weißen Haaren, wenn ich überhaupt noch welche hätte, und einer ganzen Menge Falten. So wie die paar Menschen, die aus meiner Zeit noch leben.“

Inzwischen musste Leon nun doch ein wenig lächeln. Ja, allerdings, vielleicht sollte er das häufiger tun: Sich vergegenwärtigen, dass er es keineswegs mit Gleichaltrigen zu tun hatte, auch wenn Ramon noch immer nach jemandem aussah, der ihm kaum zehn Jahre voraus hatte. Wie Ende zwanzig sah er aus, Anfang dreißig allerhöchstens, mit seinem vollen, dunklen Haar, den ebenso dunkelbraunen Augen. Bei einer Vampirin aus seiner eigenen Linie, Barbara, erschien es Leon beinahe selbstverständlich, sie sich als alte Jungfer vorzustellen, und manchmal glaubte er sie sogar tatsächlich so zu sehen, beim Vorbeigehen, aus dem Augenwinkel. Aber zu Ramon, mit seiner sanften und häufig einfach freundlichen Art, schien das nicht zu passen. Es war eben nichts Verhärmtes und Verbittertes an ihm, wie an der Zeremonienmeisterin, die unter Leons Leuten, dem Haus Marcello, für Zucht und Ordnung sorgte. Im Gegenteil. Ramon strahlte häufig gerade die Lebensfreude und den Optimismus aus, von denen Leon fand, dass er selbst sie hätte haben müssen, mit seinen insgesamt gerade zweiundzwanzig Jahren. Es fiel ihm schwer, in ihm jemanden zu sehen, der alt war.

„Aber das bedeutet auch… Du liest so etwas hier regelmäßig? Seitenweise?”

Unglücklich lächelte Ramon ihm zu. Und dieses Mal ließ er sich Zeit bei seiner Antwort.

„Nun, das Meiste hat… nicht ganz das Kaliber wie das, was du dir da herausgesucht hast“, meinte er.

Er schwieg kurz.

„Um das klarzustellen, das Protokoll, was du da liest, habe ich geschrieben. Soll heißen, ich habe den wenig leserlichen Originaltext der Wache übernommen und etwas ins passende Format gesetzt. Ist einer dieser Fälle, an die man sich erinnert, dennoch. Aber immerhin hatte ich Cassari noch nie gesehen. Das macht es schon leichter. Kanar dagegen kannte ich.”

Leon nickte langsam. Einige Sekunden gab Ramon ihm Zeit. Dann streichelte er ihm aufmunternd über die Schulter.

„Immer noch auf der Suche nach allem, was du über von Bruhn und seine Leute finden kannst?”, fragte er nach. Leon schniefte einmal kurz. Aber er schüttelte den Kopf.

„Nein”, antwortete er. Wandte sich dann endlich ein Stück um, um besser zu Ramon hochsehen zu können.

„Ich habe momentan meine Differenzen mit Barbara, weißt du. Wegen ihrer ziemlich anstrengenden Art, bei jedem kleinsten Vergehen auf mögliche Höchststrafen zu verweisen. Sie hat sich wieder einmal furchtbar aufgeregt über den Verfall der Sitten, und dass sie sich die Anwendung der ‚Alten Regeln‘ zurückwünschen würde und so weiter. Und dass jemand in meinem Alter sich ohnehin nicht vorstellen könne, was das bedeutet. Also dachte ich mir: Hey, ich habe doch da diese Bände mit den Gerichtsprotokollen im Nachbarregal stehen sehen, schaue ich mir einfach mal an, ob es eine Statistik gibt, mit der ich ihre Horrorgeschichten widerlegen könnte. Dann musste ich leider nicht feststellen, dass es die Statistik nicht gibt, und versuche es seither, anhand, nun… der Kategorien.”

Ramon hatte aufgelacht, schon bei Leons Idee mit der Statistik.

„Eine Statistik, mit Todeszahlen und Art der Verurteilung und so weiter?“, meinte er. „Lass das nicht den Meister hören, ihm könnte das gefallen. Und rate mal, wer diese Arbeit zu erledigen hätte.”

Mild lächelte er jedoch vor sich hin, trotz der Aussicht auf diese Art der Schikane, die Siverio durchaus ähnlich gesehen hätte.

„In meiner Funktion als Protokollschreiber muss ich dich allerdings auf einen systematischen Fehler hinweisen, was deine Vorgehensweise betrifft“, fügte er hinzu. „Paris, Wien, Prag – die konkret geltenden Gesetze regelt jede der größeren Städte für sich selbst, innerhalb der Versammlung und des Rates. Die Wiener Protokolle geben dir insofern nichts in die Hand, was für Paris von Bedeutung wäre. Und gerade über Österreich solltest du mit eurer Zeremonienmeisterin aus der Linie der Luitpold von vornherein nicht streiten. Die sind den deutschsprachigen Gebieten von jeher eng verbunden, weißt du. Sie würde dich an die Wand diskutieren. Wenn schon, dann versuche es mit Gebieten, in denen sie selbst nicht gewesen ist.“

Leon legte den Kopf schief. Ganz so leichtfertig vermochte er die Sache auch weiterhin nicht zu betrachten. Aber für den Moment tat Ramons Gelassenheit bei diesem Thema ihm gut. Wenn der tatsächlich seit Jahren gezwungen war, sich regelmäßig mit all dem hier zu befassen, hatte er wohl einen Weg finden müssen, damit fertigzuwerden.

„Du stimmst mir im Grundsatz aber schon zu, ja?”, fragte Leon dann. „Es macht einen Unterschied, wenn man die Leute kennt.”

Ramon wurde nachdenklicher, aber recht zügig nickte er.

„Natürlich tut es das”, antwortete er schlicht. Und auch wenn es vielleicht etwas zu sachlich klang – verdenken konnte Leon ihm die Kurzangebundenheit nicht.

„Wenn du sagst, dass du Cassari damals nicht kanntest“, setzte Leon nach. „Was ist mit Alissa? Wart ihr euch begegnet, vorher?”

Ramon legte den Kopf schief.

„Ich kannte sie, aus der Zeit des Krieges, aber eher flüchtig”, erklärte er. „Immerhin hatten wir damals eine Gemeinsamkeit: Wir waren jung, hatten wie andere Neulinge keinerlei Mitspracherecht, und waren ehrlich betrachtet kaum in der Lage, die Motive der Älteren bei ihren Rivalitäten wirklich nachzuvollziehen.“ Er grinste etwas. „Ein bisschen so wie du wohl gerade“, bemerkte er. Dann zog er die Schultern hoch.

„Wie du vielleicht gelesen hast, wurde ihre Meisterin getötet, gemeinsam mit einigen anderen aus dem kämpferischen Zweig ihrer Linie, und an eine Vormachtstellung der von Steelen war von diesem Zeitpunkt an nicht mehr zu denken. Das Letzte, was ich von ihr mitbekommen hatte, war, dass sie später ihr Heil im Dienst der Wache suchte. Vor einigen Jahren ist sie dann hier erschienen, und hatte sich offenkundig ausreichend bewährt, um das gesamte Haus im Rat zu vertreten. Danach bestand dann das Haus Iversen darauf, ebenfalls eine Position innerhalb des Rates zugewiesen zu bekommen – außenpolitisch ist das alles ein ziemliches Drama, und nicht erst seit gestern. Den ortsansässigen Linien hier geht es in allererster Linie gehörig auf die Nerven.”

Leon nickte. Aber er war noch immer einigermaßen sprachlos ob dessen, worauf er da gestoßen war.

„Und was denkst du?”, setzte er schließlich an. „Würde sie noch heute…”

Es kam ihm nicht über die Lippen. Er erlebte Alissa als eine Linienoberste, mit der er reden konnte, die Nachsicht übte, die selbst oft genug Diskussionen mit Barbara darüber führte, ob Strafe tatsächlich der richtige Weg sei, für Ordnung im gemeinsamen Zusammenleben zu sorgen. Bemüht um Gerechtigkeit, so zumindest erschien es ihm. Von ihrem Ruf als Kämpferin hatte er gehört, das wohl; aber persönlich hatte er sie als wenig gewaltbereit erlebt. Durchsetzungsstark, stur vielleicht, energisch manchmal; aber all das musste sie wohl sein, als Oberste eines Hauses, in dem Angehörige äußerst verschiedener Linien aufeinandertrafen. Dagegen war es allerdings so, nach allem, was er aus diesen Dokumenten erfahren hatte, nach diesem gesamten Prozess, der damals in den 50er Jahren stattgefunden hatte: Sie war es gewesen, die darauf bestanden hatte, Cassaris damalige Gefährtin, Valerie, hinrichten zu lassen. Und wäre Kanar nicht dort gewesen, auch das war aus den Akten hervorgegangen, dann hätte sie wohl auch Cassari gern tot gesehen. Auf die Prügelstrafe, zu der der Vampir verurteilt worden war, ging das Dokument nicht weiter ein. Lediglich, dass Alissa sie selbst vollstreckt hatte, wurde knapp zusammenfassend erwähnt.

Ramon zuckte mit den Schultern.

„Ich bin nicht dabei gewesen, um das klarzustellen. Was genau da passiert ist, abgesehen von dem, was im Protokoll steht, kann ich dir nicht sagen. Aber wenn ich mir ansehe, was ich von ihrer Seite ihm gegenüber hier bereits miterlebt habe, live und in Farbe – doch, allerdings. Ich denke, wenn sich ihr die Gelegenheit bieten würde, würde sie ihn töten lassen.“

Er zögerte. „Lies es nicht nach, Leon, mehr kann ich dir nicht raten. Es würde dir keinen Spaß machen, glaube mir. So wenig, wie es mir Spaß macht, es zu schreiben.“ Noch einmal schwieg er kurz, seufzte dann. „Es ist, wie es ist, Leon – es war seine Linie, die ihre Maestra ermorden ließ, und er ist der Eine, der von dieser Linie noch übrig ist. Zumindest als offizielles Mitglied davon. Sie hat damals öffentlich Rache geschworen. Sie wird nicht ruhen, bis der letzte Fleck dieser Blutlinie, der er angehört, ausgelöscht ist. Und so traurig das ist: Die Verkörperung dieses letzten Flecks ist er.”

Leon schüttelte den Kopf.

„Marina wurde lediglich gebunden, und diese andere Schülerin, die Dritte von damals, die gefangengenommen wurde, dürfte ebenfalls noch einiges von diesem Blut in sich haben, wenn es ihr wirklich darum gehen sollte”, erwiderte er. Fing sich aber schnell wieder, als er bemerkte, dass seine Traurigkeit in Wut umzuschlagen begann. Und Ramon war wohl der Letzte, der es verdient hatte, zu deren Ziel zu werden. Nichts von dem, was damals geschehen war, was sich an Ungerechtigkeiten fortgesetzt hatte seither, war in geringster Weise seine Schuld.

„Tut mir leid”, sagte Leon schnell, als er bemerkte, dass schon sein Tonfall, seine etwas ruppige Art eben, Ramon ein wenig getroffen hatte. Der zog die Schultern hoch.

„So viel dann wohl zur Frage nach Statistik”, meinte er. „Angenommen, ich hätte dir diese Zahl zusammengefasst, nach der du anfangs gesucht hattest – diese Valerie wäre für dich nicht mehr als das gewesen, ein kleiner Teil einer anonymen Summe, untergegangen in der Masse der Toten. So ist es eine Geschichte, die du persönlich nimmst, derentwegen du traurig wirst oder vielleicht auch wütend.“

Er schwieg einige Sekunden, sah zu den Regalen hoch. Regale voller Bücher, alter Werke in diesem Teil der Bibliothek, modernerer, neuerer Bände in einer der vorderen Abteilungen.

„Vielleicht ist es besser so“, meinte er. „Geschichten einzeln zu erzählen, jede für sich. Was kann eine Zahl irgendjemandem schon bedeuten, nicht bloß dir, sondern allen, die zu begreifen versuchen. Hinter Zahlen gehen die Geschichten verloren. Eigentlich haben sie das nicht verdient.“

Leons Blick folgte dem das anderen Vampirs.

„Ja“, sagte er, und nun nickte er ein wenig darüber.

„Ja“, schloss er. „Wahrscheinlich hast du recht.“

Autor: Shiverrania

Schreibt schwule und trans* Phantastik mit kinky Elements, teilweise aber auch Gesellschaftskritisches.

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