Toujours – 2 (WIP – Auszug)

„Durchziehen!“

Kanars Befehl von der Seite her kam zu spät. Gerade den Hauch einer Sekunde zögerte James. Aber für eine Vampirin wie Marsha war das genug. Heftig prallte sein Stab an ihrer Verteidigung ab, und schon im nächsten Moment hatte sie gekontert. Seine eigene Reaktion kam zu spät.

Er prallte hart auf den gefrorenen Boden, etwas in seiner rechten Schulter knackte. Greller Schmerz durchzuckte seinen gesamten Arm.
Unbeirrt rollte er sich zur Seite, versuchte auf die Beine zu kommen. Seine Waffe büßte er ein dabei – längst stand Marshas Fuß darauf. Aber erst als ein gezielter Tritt ihn auf den Rücken brachte, und er ihre Waffe an seiner Kehle spürte, gab er es auf und blieb liegen.

Die Erscheinung seiner Gegnerin, die Kanar zu ihrem zweiwöchigen Trainingscamp dazugebeten hatte, hätte ihre Kraft und Schnelligkeit nicht annähernd vermuten lassen. Zierlich und irgendwie niedlich sah Marsha aus, mit dem glatten, blonden Haar, das sie kurzgeschnitten trug, ihrem schmalen Mund und der kleinen Nase. James war beinahe einen Kopf größer als sie. Dennoch war es alles andere als das erste Mal, dass er sich ihr geschlagen geben musste.

Schweigend blieb sie auch dieses Mal noch einen Moment über ihm stehen, den Stab drohend gegen seine Kehle gedrückt, den Fuß auf seiner Brust. Erst auf eine Geste von Kanar hin zog sie sich von ihm zurück und trat erhobenen Hauptes einen Schritt zur Seite.

James rappelte sich mühsam auf. Erst auf die Knie, dann in die Hocke, beides ohne die Hände zu gebrauchen. Bloß nicht mehr Kontakt mit dem Boden als unbedingt notwendig.

Es war schön hier, auf der Lichtung unter sternenklarem Nachthimmel, inmitten der Natur, mit frostbedeckten Bäumen im Hintergrund. Aber eisig kalt. Im Gegensatz zu den Vampiren, die von den Temperaturen weitestgehend unbeeindruckt schienen, machte ihm das durchaus zu schaffen. Das Gefühl in Händen und Füßen hatte er heute schon nach der ersten Stunde großenteils eingebüßt. Feucht und regnerisch war es schon in der Woche zuvor gewesen, gefroren hatte er auch da nicht wenig. Aber zumindest war der Boden beim Fallen weniger hart gewesen.

Der Schmerz, der seine Schulter durchzuckte, fühlte sich nach einer ernsthaften Verletzung an, helles Stechen zog sich bis in seine Fingerspitzen. Trotz alledem würde er sich hüten, sich allzu viel anmerken zu lassen. Es waren die letzten zwei Tage, heute und morgen. Gerade jetzt aufzuhören, gerade jetzt aufzugeben, würde einem frühzeitigem Abbruch gleichkommen. Und so jemand, jemand, der dem Einzeltraining mit einem Lehrer wie Kanar derart wenig Wertschätzung entgegenbrachte, wollte James einfach nicht sein.

Wann er Gelegenheit bekommen würde,  zu verschnaufen, das hatte er in den letzten Tagen gut gelernt, war so oder so nicht seine Entscheidung. Kanar hatte von vornherein äußerst allergisch darauf reagiert, wenn James oder auch Marsha versuchten, selbst einen Stopp zu setzen, oder eine Pause gar einzufordern. Der Vampir hatte wirklich nicht zu viel versprochen, als er James vor einigen Monaten erklärt hatte, dass er moderne, weiche Trainingsmethoden von ihm nicht zu erwarten brauche; selbst vor Prügelstrafen schreckte er nicht zurück. Und auch mit der Ankündigung, dass das hier eine elende Plackerei werden könne, hatte er nichts als die Wahrheit gesagt.

James hatte die Sache trotz dieser Vorwarnungen unterschätzt, erheblich sogar, und Kanar musste das wohl gewusst haben. Aber letztlich drückte sich ein gutes Maß an Anerkennung darin aus, dass er ihn überhaupt dazu eingeladen hatte. Dass Marsha dabei war, hatte wohl mit der Erwiderung eines mehr oder weniger großen Gefallens zu tun.

Direkt vor James blieb der Vampir nun stehen, wartete, bis der auf die Beine gekommen war, musterte ihn mehrere Sekunden. Der Schmerz musste James trotz aller Mühe ins Gesicht geschrieben stehen, und auch ein Keuchen konnte er nicht unterdrücken. Er nahm den linken Arm zur Hilfe, um den Unterarm an seinen Körper zu pressen, jede Bewegung schmerzte. Dennoch war er in diesem Augenblick nicht sicher, ob ihn nicht vielleicht gar ein Tadel erwartete. Sein Zögern eben, dieses Innehalten, das ihn die Runde gekostet hatte – es war immer derselbe Fehler, und viel zu oft vorgekommen in dieser Woche, in der sie viel frei trainiert hatten, nach dem Einüben eher stumpfer Grundübungen in den ersten Tagen. Immer einen Teil seiner Kraft zurücknehmen, gerade im letzten Moment, und dadurch den vorher mühsam errungenen Vorteil im Kampf im Bruchteil einer Sekunde wegwerfen.

Es ärgerte ihn selbst, mehr als nur ein wenig, und dass Kanar ruhig blieb, gerade jetzt, ließ ihn Übles befürchten. So unangenehm sein zuweilen lautes, manchmal gar wütendes Brüllen quer über die Lichtung sein konnte – seine eher leisen und bissigen Kommentare trafen nicht weniger gut. Doch jetzt, dieses Mal, blieb James‘ Sorge unbegründet. Sein Trainer musterte ihn kritisch, legte ihm dann eine Hand auf die unverletzte Schulter.

„Du setzt aus“, befahl er, wies ihm einen Platz an der Seite zu. Dann griff er selbst nach dem Stab, den James eben verloren hatte, und deutete Marsha, das Training mit ihm fortzusetzen.

Autor: Shiverrania

Schreibt schwule und trans* Phantastik mit kinky Elements, teilweise aber auch Gesellschaftskritisches.

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