Toujours – 1 (WIP – Auszug)

Da war ein Geräusch bei der Tür. Cassari schreckte hoch, abrupt und angespannt. Aber kaum eine Sekunde später atmete er auf, vielleicht etwas übertrieben, als es ein vertrautes Gesicht war, das er erblickte. Das ihn daran erinnerte, in welcher Zeit er sich befand, und wo. Nicht in einem Kerker. Nicht verdammt zu Dunkelheit, Einsamkeit, und auch Folter, wenn er es wagen würde, zu protestieren.

Lucas stand in der Tür und lächelte ihm zu. Er war schon jetzt ausgehfertig, kaum eine halbe Stunde nach Sonnenuntergang. Sein volles, dunkelbraunes Haar war sorgfältig frisiert, dazu trug er einen körperbetonten Anzug, in Brauntönen und mit dunklem Hemd. Ohne Krawatte, nicht übertrieben formal. Aber doch etwas zu ordentlich für diese Uhrzeit.

„Immer noch Alpträume?“, erkundigte er sich fürsorglich, trat näher heran, sobald die erste Schrecksekunde überwunden war, setzte sich zu ihm an die Bettkante. Und heute gelang es Cassari schnell, sich auf die Ruhe einzulassen, die er ausstrahlte. Überhaupt auf die entspannte Atmosphäre, die beinahe jeder der Räume hier oben vermittelte, im Privatbereich oberhalb des Toujours. Als Lucas seine Hand ergriff, zärtlich, hatte er auf der Stelle das Gefühl, dahinfließen zu müssen. Der andere Vampir hatte eine unermessliche Sanftheit an sich.

Auf seine Frage hin schwieg Cassari vorerst, wollte gerade den Kopf schütteln, beschwichtigend, ausweichend. Aber Lucas konnte er doch nichts vormachen. Schon gar nicht, wenn der ihm nahe war wie jetzt.

„Ich… hätte gleich aufstehen sollen, nach Sonnenuntergang“, entschuldigte er sich stattdessen leise. Lucas lachte freundlich, drückte seine Hand.

„Du kannst dösen und schlafen und träumen, so viel wie du möchtest, mein Lieber“, antwortete er unbefangen, beugte sich über ihn und küsste ihn auf die Stirn.

Es war kaum mehr als eine aufmunternde Geste, in diesem Moment, sollte mehr als das wohl auch nicht werden. Aber Cassari fasste nach ihm, hielt ihn am Arm fest. Sah ihm in die Augen, irgendwo zwischen Dankbarkeit und stiller Erwartungshaltung.

Lucas lächelte zunächst, schüttelte den Kopf. Ließ sich aber dann doch überreden, für den Augenblick, beugte sich wieder zu ihm herab und küsste ihn nochmals, dieses Mal auf den Mund. Cassari erwiderte seinen Kuss, zärtlich, und gierig nach mehr. Er ging sogar so weit und zog Lucas weiter zu sich herunter, als der Anstalten machte, aufzustehen. Auch das ließ Lucas sich anfangs gefallen, noch immer mit einem Lächeln auf den Lippen.

„Na, schau an, Katerchen hat ein Kuschelbedürfnis?“, fragte er leise, schmiegte sich noch kurz gegen ihn. Aber alles an seiner Haltung verriet, dass es dabei nicht bleiben würde, und beharrlich richtete er sich schon kurz darauf auf, und machte sich daran, sich aus dem Griff des anderen Vampirs zu befreien.

Cassari jaulte auf, etwas übertrieben dramatisch, klammerte sich beharrlich an den eroberten Unterarm, auch wenn der ihn daraufhin ein Stück zur Seite zog. Und sah mit einem derart bettelnden Blick zu Lucas hoch, dass er fand, er hätte jede*n damit erweichen müssen. Außer vielleicht – einen Lucas, der gerade eigene Pläne hatte, und es als Dom in ihrer kleinen Runde durchaus verstand, sich durchzusetzen. Bestimmt löste er einen Finger nach dem anderen von seinem Ärmel, schob Cassaris Hände zur Seite, und lachte freundlich, als der nun auch seine Beine unter der Decke hervorkämpfte und die Füße um sein Knie zu schlingen versuchte. Den Kosenamen als Katerchen hatte Lucas ihm nicht ganz grundlos gegeben.

Der blieb durchweg zärtlich, als er nun auch seinen Unterschenkel befreite. Aber er kannte Cassaris Kniffe einfach zu gut, als dass der ihn lange hätte halten können.

„Nein, nein“, lachte Lucas, weiterhin freundlich, machte nicht die geringsten Anstalten, sich überzeugen zu lassen. „Ich habe einen Termin in der Agentur, und – Schätzchen, magst du nicht mal kurz herkommen und das Kuschelkaterchen beschäftigen, damit ich von ihm loskomme?“

Beinahe auf der Stelle stand Maxime in der Tür. Nicht dass er anders gekonnt hätte, wenn Lucas ihm einen Befehl erteilte – seit der ihn verwandelt hatte, war es nicht mehr allein freier Wille, was ihn dazu brachte, zu gehorchen. Das Blut ihrer Linie band stark.

Mit einem Jammern gab Cassari es schließlich doch auf, als es Lucas nun gelang, sich zu befreien, und er ins Leere fasste beim Versuch, erneut nach ihm zu greifen. Gerade noch rechtzeitig war Lucas einen Schritt von der Matratze zurückgetreten, und sah sorgfältig zu, Abstand zu halten. Aus Erfahrung wusste er: Auch nur eine Zehenspitze auf den Boden zu setzen, kam für Cassari gerade überhaupt nicht in Frage.

Während Maxime durchaus nicht unzufrieden schien, zum Kuscheln verdonnert zu werden, scherte Cassari sich um ihn nicht besonders, und zeigte sich weiterhin alles andere als glücklich darüber, dass Lucas sich ihm erfolgreich entzogen hatte, streckte weiter die Arme nach ihm aus. Mit einem Seufzen blieb er schließlich einfach so liegen, quer über der Matratze, und hob kaum die Augenbrauen, als Maxime die Gelegenheit nutzte, um mit einem guten Maß an Geschicklichkeit über ihn hinweg zu klettern.

Lucas winkte noch einmal kurz von der Tür her, ging aber kein Risiko mehr ein, dem Bett jetzt noch näher zu kommen. Und verließ zügig den Raum, wohl mit der nicht ganz unbegründeten Sorge, letztlich doch noch zwischen seinen Subbies zu landen, würde er sich nicht schleunigst außer Reichweite begeben.

Maxime rief ihm einen kurzen Abschiedsgruß hinterher. Cassari dagegen rollte die Augen, gab ein unwilliges Geräusch von sich, warf über den Bettrand einen skeptischen Blick zum Boden.

„Da ist ein Abgrund“, murmelte er, betrachtete kritisch den Abstand vom Bett bis zum Türrahmen. „Das ist wirklich nicht sehr fair.“

Maxime lachte. Zwei Räume weiter öffnete sich die Aufzugtür. Jetzt, oder lieber nie?

Seufzend rollte Cassari sich auf den Rücken und richtete den Blick hinauf zur Decke. Dann wohl doch lieber: Nie!

Maxime grinste noch immer dabei, wie er ihn so beobachtete. Er streckte wohl einmal einen Arm nach ihm aus, strich ihm über die Seite. Aber als Cassari darauf nicht weiter reagierte, blieb auch er flach auf dem Rücken liegen und sah nach oben, ließ ihn in Ruhe.

Beieinander sein, das konnten sie gut, und inzwischen war auch das ein beinahe selbstverständlicher Teil ihrer gemeinsamen Beziehung geworden. Wie Cassari war Maxime schlank, dabei allerdings ein klein wenig größer als er. Und während Cassari sein struppiges Haar für gewöhnlich schwarz färbte, glänzten Maximes schulterlange Strähnen auch heute in bunten, metallischen Farben, die Lucas alle paar Wochen neu auswählte. Momentan waren es ein helles Silbergrau und dazwischen einzelne Streifen in leuchtendem Violett.

So sehr sich Maxime zuweilen bemühte: So etwas wie einen Ersatz für das Kuscheln mit ihrem gemeinsamen Herrchen gab es für Cassari nunmal nicht. Immerhin zog der sich nach einigen Sekunden ein Stück näher zu Maxime heran und hakte einen Fuß unter das Bein des jüngeren Vampirs. Gemeinsam schwiegen sie.

Mehr als Kuscheln, das hatte Maxime im Laufe der Zeit akzeptieren müssen, würde es zwischen ihnen wohl überhaupt nie geben. Von seiner Seite her wäre Interesse an mehr durchaus vorhanden gewesen, schon von ihren ersten Begegnungen her. Aber Cassari hatte das abgelehnt, von vornherein, auf seine sehr eigene Art allerdings, die in einer solchen Weise passiv und ausweichend blieb, dass Maxime sich anfangs schwergetan hatte, das als ernstgemeinte Grenze wahrzunehmen. Lucas‘ „Lieblingssklave“, wie der ihn manchmal nannte, war selten direkt oder aktiv dabei, Raum einzufordern; eine absolute Ausnahme war seine DJ-Booth, wenn er unten im Klub auflegte. Im näheren Umgang, und gerade im wirklich persönlichen, intimen Bereich, wie er sich bei ihm in Lucas‘ Nähe beinahe immer zeigte, war es eine Kunst für sich, ihn lesen zu lernen.

Selbst nach den etwas mehr als drei Jahren, die Maxime nun Teil dieser Beziehung war, vermochte er das nicht annähernd so gut wie Lucas. Inzwischen hatte er einsehen müssen, dass Cassaris Ausweichen bei Annäherungsversuchen eben gerade das gewesen war, und zwar von vornherein: Ablehnung, Bekundung von Unwillen, und nicht etwa die Schüchternheit oder Scham, für die Maxime sein Verhalten anfangs gehalten hatte. Seit er sich damit abgefunden hatte, dass es mehr als eine freundschaftliche Beziehung zwischen ihnen nicht geben würde, und darüber hinaus nichts mehr versuchte, gestattete der ältere Vampir ihm immerhin ein erhebliches Maß an Nähe. Und schließlich war auch eine solche, freundschaftliche Beziehung eine ganze Menge wert.

„Wo ich dich gerade schonmal allein erwische, also, wenn es in Ordnung für dich ist?“, sprach Maxime Cassari schließlich an. Und wartete sorgsam ab, bis der den Kopf zu ihm drehte, ihm einen Blick zuwarf. So direkt nach einem seiner Alpträume konnte es eine heikle Sache sein, zur Normalität überzugehen, mit Themen aus dem Alltag. Doch heute schien er einigermaßen stabil, selbst so kurz danach.

„Klar doch“, meinte er. „Worum geht es?“

„Gar nicht… viel eigentlich. Ich wollte mich bei dir noch bedanken, fürs… Aushalten, und Vermitteln und so weiter. Und mich entschuldigen, für das Ganze letzten Monat. Weihnachten, Neujahr, das ganze Familiendrama. Und die zerschmissenen Geräte und alles. Tut mir wirklich leid.“

Er hatte tatsächlich ein erhebliches, schlechtes Gewissen dabei, und behielt Cassari sorgfältig im Auge, als er darauf zu sprechen kam. Aber der lächelte bloß.

„Ach, schon in Ordnung“, meinte er. Und blieb kurz still, aber nachdenklich, nicht abweisend. „Ich meine, gut, wenn es jetzt einer meiner Controller gewesen wäre, das wäre natürlich etwas anderes gewesen. Aber ein halbes Dutzend schrottreife Smartphones in drei Wochen, das ist ja streng genommen nichts weiter als ein Beitrag zur Konjunktur.“

Maxime zog eine Grimasse zu ihm, während er so vor sich hin grinste. Aber so wirklich glücklich war er noch immer nicht über das Ganze.

„Und mal ganz ehrlich“, fuhr Cassari fort, „wenn du mir vor zwanzig Jahren erzählt hättest, dass ich irgendwann dazu übergehen würde, Lucas‘ Poly-Vorlieben nicht bloß zu tolerieren, sondern ihm durch Kuppelei noch selbst auf die Sprünge zu helfen, und obendrein Schlichter spiele zwischen ihm und seinem frisch verwandelten Neuling, ich schätze, ich hätte dich ausgelacht und dir zu guten Tabletten geraten. Ein bisschen Ausrasten im ersten Jahr ist da gar nichts dagegen. Das ist verglichen damit einfach nichts weiter als gesund und normal.“

Nun lächelte auch Maxime etwas, hob etwas herablassend die Augenbrauen – eine Geste, die er sich von Lucas inzwischen erfolgreich abgeschaut hatte – und nickte.

„Na, wenn ich dir vor zwanzig Jahren irgendetwas in dieser Richtung erzählt hätte, hätte ich die Tabletten wahrscheinlich bekommen“, meinte er. „Eine derart emanzipierte Perspektive bezüglich nicht-monogamen Beziehungsformen hatte mit weniger als fünf Jahren nicht einmal ich.“

Er ließ es wohl bewusst ein wenig arrogant klingen, obwohl er doch sehr gut wusste, dass das Gesagte Anlass etwa zum Gegenteil hätte sein können. Cassari musterte ihn, schräg von der Seite her. Und offen skeptisch, bis Maxime nicht mehr anders konnte als lachen.

„Na, was jetzt?“, wollte er forsch wissen, als Cassari sichtlich überlegte, wie er mit dem dezenten Hinweis umgehen sollte. „Nennst du mich ein Kind, oder willst du dich lieber beklagen, dass du dich alt fühlst?“

Cassari grinste, und knuffte Maxime in die Seite. Und der rückte ein Stück weg von ihm und schnappte tatsächlich kurz nach Luft.

„Wie du einfach immer noch… sowas von viel stärker bist als ich, und das obwohl du wie so ein Hänfling aussiehst“, stöhnte er, und rieb sich über die Stelle, die Cassari erwischt hatte. Der streichelte sofort entschuldigend darüber.

„Tja, Herr Jungspund“, bemerkte er allerdings, nun selbst etwas von oben herab. „Wer hundert Jahre Lebenserfahrung aufzuholen hat, sollte sich das mit dem Frechsein vielleicht einfach mal ganz kurz vorher überlegen.“

Autor: Shiverrania

Schreibt schwule und trans* Phantastik mit kinky Elements, teilweise aber auch Gesellschaftskritisches.

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