Maxime – 5

Als Maxime aufwachte, lag er auf einem Bett. Nackt unter einer schweren, etwas steifen Decke. Sein Po schmerzte, ebenso wie sein Rücken. Was war denn nur geschehen?

Er regte sich. Tastete. Konzentrierte sich einen Moment auf seinen Körper, ehe er die Augen öffnete. Rauer Stoff war unter ihm.

Zum Ersten, was ihm unmittelbar durch den Kopf schoss, gab sein Körper zügig Entwarnung. Kein dumpfer Schmerz zwischen seinen Beinen, kein Gefühl von Dehnung oder Blutergüssen, die da nicht sein sollten. Nichts, das auf irgendetwas hindeutete, das stattgefunden haben könnte, während er bewusstlos gewesen war. Überhaupt waren da keine Schmerzen, abgesehen von dem etwas dumpfen Brennen an Rücken und Po, wenn er nun Stück für Stück seinem Körper nachfühlte. Und das war in Ordnung, an die Entstehung konnte er sich lebhaft erinnern. Das einzig wirklich Unangenehme hier war die Kälte. Seine Haut war eisig.

Der Raum, in dem er sich befand, war nicht unbedingt groß und mit Deckenstrahlern etwas unangenehm hell beleuchtet, auch wenn weinrote, blickdichte Vorhänge zu seiner Linken einen guten Teil des Lichts zu verschlingen schienen. Hinter ihnen vermutete Maxime ein Fenster. Farben und Design – viel Schwarz und viel Rot – waren ein Zusammenspiel aus SM-Elementen und Kunst, bei dem er unmittelbar an den letzten Ort zurückdenken musste, an den er sich erinnern konnte. Den Klub seines Chefs. Das Untergeschoss des Toujours.

Auch der Kunstgeschmack wirkte vertraut. An der Wand zur Rechten sowie am Fußende des Betts, oberhalb einer Kommode, waren dunkel gehaltene Gemälde platziert. Barock, farbenfroh und kontrastreich, und damit durchaus passend zu dem, was Maxime von Lucas kannte. Schräg zum unteren, rechten Bettende stand eine dunkle Holztür halb offen; im Flur dahinter war wenigstens ein weiteres Gemälde auszumachen. Es gab noch eine zweite Tür im Raum, ebenfalls zur Rechten, neben dem Kopfende des Betts. Die schien jedoch verschlossen.

Das Bettgestell war beinahe etwas zu modern gegenüber dem altertümlichen Stil der Bilder. Der Metallrahmen war schwarz lackiert. Zwei lange Metallstangen, ebenfalls schwarz, reichten am Bettende bis zur Decke hinauf. Dazwischen Querstangen mit Ösen für Karabinerhaken; einige von ihnen wirkten abgenutzt, stellenweise schimmerte helles Metall unter dem Schwarz hervor. Und als er sich nun etwas zur Seite beugte, konnte Maxime sogar an der seitlichen Bettleiste Ringe und Haken ausmachen.

So überrumpelt er sich noch immer fühlte, ein wenig lächeln musste er doch ob dieser Gestaltung. Ja, das hier passte zum BDSM-Bereich im Klub. Dem Gewölbe, in dem er heute bekommen hatte, was er schon beim letzten Mal gesucht hatte, wenn auch nicht von Lucas. Und auch wenn von Ramon keine Spur war: Angst verspürte Maxime keine, vielleicht gerade weil die Tür offenstand. Abgesehen von dieser Kälte ging es ihm gut.

Stille, das war das nächste prägnante Merkmal hier. Ein wenig vom Bass aus dem größeren Klubraum im Erdgeschoss glaubte Maxime ausmachen zu können. Er musste schon sehr die Ohren spitzen dazu, bewusst hinhören. Aber er wurde sich zunehmend sicher: Ja, irgendwo in der Nähe des Klubs musste er noch immer sein. Vielleicht ein Séparée, das Lucas persönlich zur Verfügung stand, oder ein Nachbargebäude?

„Ah, Gott sei Dank, du bist wach“, hörte er eine Stimme vom Flur her, zu dem die Tür am Bettende offenstand. Lucas‘ Partner trat dort in den Raum. Cassari. Nach Spielen sah der nun überhaupt nicht mehr aus, war inzwischen vollständig bekleidet, immerhin allerdings in Schwarz.

„Wir hatten schon Sorge, einen Notarzt rufen zu müssen. Aber dein Puls hat sich ziemlich schnell gebessert, da dachte ich, ein wenig ausruhen würde vielleicht reichen. Ihr habt es am Andreaskreuz unten wohl etwas übertrieben, für deinen Kreislauf. Wenn du möchtest, kann ich natürlich trotzdem…“

„Auf gar keinen Fall in ein Krankenhaus!“, entfuhr es Maxime, so abrupt und hefig, dass er unmittelbar den Drang verspürte, sich zu entschuldigen. Beschwichtigend hob Cassari die Hände.

„Okay, okay“, lenkte er ein. „Nichts, was du nicht möchtest.“ Er stockte kurz, lächelte etwas entschuldigend. „In dem Fall – gut, dass wir darüber geredet haben“, meinte er.

Maxime atmete auf, nickte, versuchte sich seinerseits an einem Lächeln. Die Aufregung und das abrupte Aufsetzen waren für seinen Kreislauf in dem Moment doch noch etwas zu viel, und schon wurde ihm wieder schummrig zumute. Er schloss die Augen, lehnte sich zurück, nahm sich vor, sich ab jetzt langsam zu bewegen. Und möglichst nicht panisch zu werden, oder aufgeregt.

„Ja…“, murmelte er noch. Als er die Augen wieder öffnete, war Cassari einen guten Schritt nähergetreten, sah besorgt auf ihn herab. Hob jedoch sofort die Hände und zog sich ein Stück zurück, als Maxime ihm direkt in die Augen sah, ein wenig scharf vielleicht. An sich musste er zugeben, dass er dem anderen Dankbarkeit schuldete, für die Hilfe. Aber es war einfach so – jemandem zu vertrauen, den er erst zwei Mal gesehen hatte, fiel ihm alles andere als leicht.

„Entschuldige bitte, aber – wo genau bin ich hier eigentlich?“, fragte er. „Und war ich lange…?“

„Nein, nein, ist erst ein paar Minuten her“, antwortete Cassari rasch. „Sonst hätte ich sicher einen Rettungswagen gerufen. Das ist der dritte Stock, über dem Toujours, meine ich. Lucas‘ Privatbereich. Und ‚das hier‘, strenggenommen, naja…“

Er zuckte mit den Schultern, und Maxime lächelte etwas.

„Ein Spielzimmer?“, schlug er vor. Mit vielsagendem Blick auf die Metallstangen am Bettende, die im Grund für sich sprachen, hob Cassari die Hände.

„Oder ist es, ich meine… ‚euer‘ Spielzimmer?“, fragte Maxime weiter, dieses Mal etwas vorsichtig, und ein wenig peinlich berührt. Und wieder hob Cassari die Hände, zuckte mit den Schultern. Eifersüchtig oder vorwurfsvoll wirkte er dabei allerdings nicht.

Knapp ließ er den Blick über den Raum schweifen. „Ach, warte kurz“, bemerkte er, ging mit zügigen Schritten aus dem Raum und kehrte wenig später mit einem flauschigen, schneeweißen Badetuch zurück. Maxime war liegengeblieben, unter der Decke, die allmählich besser wärmte. Er konnte wirklich noch nicht lange hier sein.

„Danke“, sagte er, als Cassari ihm das Badetuch reichte, schlang es um seinen Oberkörper, und setzte sich nun wieder ein Stück auf, achtsam allerdings und vorsichtig.

„Tut mir leid, mit der Kälte“, entschuldigte sich Cassari. „Ich habe die Heizung gerade hochgedreht, aber wir hatten heute eigentlich vor, unten zu bleiben, von daher – naja.“

„Ist kein Problem“, versicherte Maxime schnell. „Und dir auch ein Sorry, wenn ich hier auf ‚deinem‘ Platz liege“, fügte er beinahe ebenso schnell hinzu. So üblich es in der BDSM-Szene sein mochte, sich die passenden Partner_innen, auch mehrere, für die eigenen Vorlieben zu suchen: Als allzu direkte Konkurrenz zu erscheinen, konnte auch hier kompliziert werden.

„Das ist schon in Ordnung“, winkte Cassari jedoch ab. „War schließlich meine Idee, dich herzubringen. Ist der kleinste Raum hier oben, ich dachte, da bekommen wir das mit dem Frieren vielleicht am schnellsten in den Griff.“ Er lächelte dabei, entschuldigend beinahe und ein wenig schüchtern.

„Aber… wenn es dir dann jetzt besser geht – kann ich dich einen Moment allein lassen? Ich würde eben nach unten in den Klub und deine Sachen holen. Also, wenn es dir recht ist. Du könntest natürlich auch gleich mitkommen, wenn du willst, es gibt einen Aufzug. Oder du könntest noch duschen, oder baden, oder…“

„Ich glaube, ich bleibe erstmal unter der Decke, danke“, unterbrach Maxime ihn, sah ihm freundlich in die Augen dabei. „Und danke dir, für alles.“

„Ist wirklich kein Problem“, versicherte Cassari. Vergewisserte sich mit einem Blick noch, dass es Maxime wirklich gut ging, und wandte sich dann um.

„Wobei, ähm, entschuldige?“, rief Maxime ihm nun doch noch hinterher, während er weiter dieses Badetuch um seinen Körper geschlungen hielt. „Hättet ihr hier irgendwo… Kaffee? Oder Tee? Ich glaube, ich habe Durst.“

Sofort hatte Cassari sich umgewandt, riss ertappt die Augen auf, und wollte wohl gerade ansetzen, sich dafür zu entschuldigen, dass er nicht selbst daran gedacht hatte. Mit einem Lächeln schüttelte Maxime jedoch den Kopf, ehe er dazu kam, und auch jetzt erwiderte der andere es etwas scheu.

„Nein, hier oben leider nicht“, antwortete er. „Aber wenn ich schon im Klub bin, könnte ich dir von da etwas mitbringen. Kaffee, Cappuccino, Tee, Zucker, Milch…?“

„Kaffee, schwarz mit Zucker, bitte.“

„In Ordnung“, meinte Cassari. Betrachtete Maxime noch einige Sekunden. „Wird dann ein paar Minuten dauern. Es geht dir wirklich gut, ja?“

„Ja, ganz bestimmt“, versicherte Maxime. Und nun wandte Cassari sich schlussendlich um und verließ den Raum.


Zur vorherigen Episode: Maxime – 4
Komplette Übersicht: Maxime

Autor: Shiverrania

Schreibt schwule und trans* Phantastik mit kinky Elements, teilweise aber auch Gesellschaftskritisches.

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