Maxime – 4

Bis dahin hätte es ein ganz normaler Abend werden können, im Untergeschoss des Toujours. Im oberen Bereich war für einen DJ-Ersatz gesorgt, und Cassari war zwar noch einigermaßen bekleidet, aber guter Dinge. Bis… nun, bis ein Gast den Barbereich vorne betrat, gerade als Lucas sich dort einen Überblick verschaffte, mit dem er in dieser Weise nicht gerechnet hatte. Und der gute Gründe hatte, sich unmittelbar nach dem Eintreten an niemand anderen als ihn persönlich zu wenden. Dass auch Maxime Lucas‘ entgeisterten Blick bemerken musste, und sicherlich noch einigermaßen weitergehend interpretierte, wäre ihm beinahe entgangen angesichts der Situation.

Ramon kam unbefangen auf Lucas zu. Als Cassari, bislang an Lucas‘ Seite, ihn erblickte, verdrehte der die Augen, begrüßte Maxime kurz, um Höflichkeit bemüht, hatte den Raum aber kurz darauf verlassen. Verdutzt blickte Maxime ihm hinterher.

„Ja, er…“ Ramon räusperte sich. Lucas bemühte sich um ein Lächeln, auch wenn ihm selbst das schwerfiel. Vielleicht hatte Maxime gar nicht so Unrecht mit dem leicht vorwurfsvollen Blick, den sie_er Lucas schenkte. Ja, es störte ihn, dass Ramon gerade sie_ihn als Begleitung gewählt hatte.

„Man hat seine Differenzen“, wich er aus, mit Blick zum Gang, durch den Cassari sie eben verlassen hatte, und bemüht, ein gewisses Maß an Neutralität beizubehalten. „Wenn Sie uns kurz entschuldigen würden, Mademoiselle.“

Maxime entschuldigte sie allerdings, als auch Ramon versicherte, allzu lange werde es nicht dauern, und begab sich in der Zwischenzeit zur Bar. War und blieb aber spürbar misstrauisch dabei, wie er_sie ihnen hinterherblickte.

Es war laut im Erdgeschoss, dem offen zugänglichen Teil des Klubs, in dem eine massentaugliche Mischung aus Pop und House aus den Lautsprechern dröhnte. Die Stimmung war gut; Jacque, der DJ für diesen Abend, kannte sein Publikum.

Durch einen modern gehaltenen Flur ging es in Lucas‘ mäßig großes, stilvoll eingerichtetes Büro in dieser Etage, mit Chefsessel und schwerem Schreibtisch im hinteren Bereich, spiegelblanker, dunkler Holzverkleidung an Boden und Wänden, und zwei gemütlicheren, schweren Sesseln um einen niedrigen Tisch in einer Sitzecke. Das markanteste Merkmal allerdings, gerade für Lucas, das diesen Raum im Klub so besonders machte, war die Schallisolierung, die ihre volle Wirkung entfaltete, sobald beide Türen, die vom Flur, und die des Raumes selbst, fest verschlossen waren. Lucas atmete ebenso wie sein Gast deutlich auf, als sie sich mit einem Male beinahe in so etwas wie Stille wiederfanden. Ohne langes Zögern wandte er sich nun jedoch seinem Gast zu.

„Gibt es ein Problem?“, wollte Ramon wissen, der nicht ganz ohne Grund irritiert war von Lucas‘ abweisender Reaktion auf sein Erscheinen, die er wohl deutlich bemerkt haben musste.

„Problem – das kann man wohl sagen. Ist dir bewusst, dass Maxime für mich arbeitet?“

Ramon stutzte. Dann biss er die Zähne zusammen.

„Verdammt“, murmelte er. „Hätte mir gleich auffallen müssen, diese ausweichende Antwort.“

Erwartungsvoll, und mit einem direkten Blick in seine Augen, forderte Lucas‘ gesamte Haltung ihn ohne auch nur ein Wort auf, weiterzusprechen.

„Na – ich habe natürlich die obligatorische Frage gestellt, ob ihr euch kennt“, entschuldigte sich der andere, der inzwischen durchaus klubtaugliche Lederkleidung trug. „Sie ist ausgewichen, aber ich dachte, ihr sei einfach peinlich, dass sie noch nicht oft im Klub war. Dass sie dich besser kennt statt weniger gut, konnte ich an dem Punkt nicht wissen.“

„Apropos: ‚Sie‘“, erwiderte Lucas. „Was willst ausgerechnet du mit einer Frau hier, Ramon?“

Sein Gegenüber schnaufte.

„Maxime ist nicht in dem Sinne eine Frau, und ich denke, das weißt du ebenso gut wie ich“, antwortete er prompt. „Zugegeben, auch das konnte ich nicht wissen, als wir uns verabredet haben. Aber wenn wir ehrlich sind, kann es mir nur recht sein. Ich gehorche den Vorgaben meines Meisters, und bekomme trotzdem die Art Spaß, die ich mir wünsche. Besser könnte es für mich praktisch gar nicht laufen.“

Lucas nickte wissend.

„Siverio also“, schloss er. Ramon zuckte zunächst bloß mit den Schultern.

„Er ist mein Meister. Ich habe immer noch diese Hoffnung, dass er irgendjemanden vielleicht einmal nicht umbringen könnte, wenn ich nach seinen Regeln spiele.“

„Hoffnung allerdings. Weit entfernt von jeder Art von Garantie.“

„Ja, Lucas, das ist wohl wahr, aber lass mich eines klarstellen: Wenn ihr ein bloßes Arbeitsverhältnis habt, ist das schön für dich, aber für sich genommen nichts, das die Dinge für mich großartig ändern müsste. Ich habe nach Bissmarken gesehen, soweit ich das bislang konnte – da war nichts. Geruch, beim Umkleiden – ebenfalls nichts. Ich halte mich an die Regeln. Wenn du fair sein willst, solltest du das Übliche tun, und dein Eigentum markieren, ehe du einen Anspruch erhebst. Oder dich, wenn du so interessiert eben doch nicht bist, damit abfinden, wenn sich herausstellt, dass jemand anders – andere Ansprüche hat als du.“

Etwas heftig fasste Lucas Ramon am Kragen seiner dunklen Lederweste, und drängte ihn rücklings gegen die schwere, geschlossene Tür.

„Lass mich eines klarstellen, mein lieber Ramon: Du befindest dich auf meinem Grund und Boden, und dass ich dir unter gewissen Umständen hier Zutritt gestatte, ist reine Großzügigkeit von mir, und nicht ansatzweise ein Recht, das du einzufordern oder gar zu verlangen hättest. Du bist als ein Gast hier, solange ich das dulde. Nicht mehr und nicht weniger. Treib es besser nicht zu weit.“

Ramon duldete Lucas‘ etwas übergriffige Art, ihn zu packen, wehrte sich nicht im Geringsten dagegen. Seine Miene unterdessen blieb entschlossen.

„Wie du willst“, meinte er. „Und möchtest du selbst nach unten gehen, dich entschuldigen und klarstellen, dass du dich mit ihr hättest verabreden sollen? Oder noch besser: Ihr erklären, dass du es nicht erträgst, wie sie mit jemand anderem den Spaß hat, den du selbst ihr nicht verschaffst? Besser vielleicht: Ihm, meinem hübschen Trans*-Jungen? Ich hatte schon immer etwas übrig für androgyne Typen. Und falls du doch nichts von all dem tun möchtest – dich entschuldigen, darüber reden, oder zumindest dein Eigentum standesgemäß für dich beanspruchen – würde ich vorschlagen, du lässt mich los und tust, was du sonst anderen überlässt: Zusehen. Denn du weißt ebenso gut wie ich, dass alles andere genau so ankommen würde, wie du es vermutlich ebenso vermeiden möchtest wie ich: Im harmlosesten Falle eifersüchtig und schlimmsten auffällig.“

Lucas schnaufte, stieß ihn noch kurz gegen die Tür, ließ ihn dann jedoch los und wandte sich ab von ihm. Einige Schritte trat er von ihm zurück, weiter in diesen Raum.

„Ich bin nicht eifersüchtig“, behauptete er. „Ich lebe mit Cassari seit Jahren eine offene Beziehung. Es macht mir nichts aus, wenn Leute, an denen mir gelegen ist, mit anderen ihren Spaß haben.“

„Ach, tatsächlich“, gab Ramon nun wiederum zurück, und Lucas hätte ihn schlagen können dafür, damit ein Argument in der Hand zu haben, das zumindest Maxime wohl überzeugen würde. „Bloß, dass wir beide wissen, dass in den seltensten Fällen du derjenige bist, der in der Position wäre, zusehen zu müssen.“

„Das ist doch Unsinn“, erwiderte Lucas. „Ich sehe bei dir zu, bei Pascal, überhaupt bei so einigen Leuten. Cassari ist einfach nicht der Typ für viele Leute, oder eher: Die allermeisten Leute, ob Mensch oder Vampir, sind nicht, was er sucht und möchte. Es mag vielleicht danach aussehen, dass ich seltener in der Situation bin zuzusehen als er. Aber ich stehe zu meiner polygamen Beziehungsauffassung, unabhängig davon, wie die Rollenverteilung dabei aussieht. Sofern es euer beider Wunsch ist, euch miteinander zu vergnügen: Bitte.“

Nun wandte er sich aber doch wieder um, trat einen Schritt auf den anderen zu, und hob den Zeigefinger zu ihm.

„Aber ich warne dich, Ramon: Maxime ist mir wichtig. Sollte sich herausstellen, dass es hier weniger um dich und deinen Spaß geht, sondern vielmehr um Spielchen zwischen dir und deinem Meister, dann solltest du das mir gegenüber so bald als möglich klarstellen. Wir wissen beide, wie es für Menschen ausgeht, in diese Lage zu geraten. Und das“, er schwieg einen Moment und sah Ramon scharf in die Augen bei diesen Worten, „wird es mit Maxime nicht geben.“

Ramon hielt einen Moment inne, ernst geworden. Weniger triumphierend, als er es an diesem Punkt hätte sein können.

„Ja, ich verstehe, dass du dir Sorgen machst, Lucas“, antwortete er nüchtern. „Aber sehen wir es ehrlich: Einem Befehl meines Meisters werde ich mich so oder so nicht widersetzen können. Wenn du einen Menschen für dich selbst möchtest, dann sei so gut und tu, was zu tun ist. Und markiere dein Eigentum so, dass auch er das nicht ignorieren kann.“

Er schwieg einen Moment, als Lucas sich der Türklinke zuwandte, und damit andeutete, das Gespräch hiermit zu beenden.

„Wenn dir daran gelegen ist, Lucas, dann bitte ich dich: Tu das. Und zwar möglichst bald. Einen Anspruch von dir wird mein Meister nicht ignorieren können. Was einen Anspruch von mir dagegen betrifft, wissen wir beide, worauf das hinausläuft. Und ich bin nicht derjenige, der in der Position wäre, daran irgendetwas zu ändern.“

Und damit kam er der stummen Aufforderung des anderen nach, und folgte ihm zurück in den unerträglich lauten Klubraum.


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Übersicht: Maxime.

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