Maxime – 2

Die Leinwand, vor der Lucas zusammengesunken war, im Atelier oberhalb des Toujours, war noch annähernd weiß, als Cassari den Raum betrat. Pinsel und Farbpalette lagen ein gutes Stück entfernt. Vermutlich hatte er schon länger nicht an seinem neuesten Werk gearbeitet. Sogar sein Blick war trüb, ruhte skeptisch auf der Skizze und den wenigen Farbflecken, die sie bislang füllten.

Müde sah er zu seinem Besucher auf, wischte sich über das Gesicht. Und schmiegte sich gegen Cassaris schlanken Körper, als der nähertrat, einen Arm um ihn legte und eine Hand auf seinem Rücken ruhen ließ. Er war heute gekleidet in zerrissenes Schwarz, verziert mit Nieten und Stacheln, trug einen ebenso schwarzen Ledermantel darüber, und auch seine Haare waren geformt zu Strähnchen und einigen ausgeprägteren Spitzen.

„Mal wieder ein Tag in der Agentur?“, begrüßte er Lucas leise, und der brummte zunächst nur vor sich hin, ließ es zu, als der andere den Rücken hinauf zu seinem Nacken fuhr und sanft mit seinen Haaren zu spielen begann. Still schmiegte er sich gegen ihn.

„Ich muss mich hin und wieder vor Sonnenuntergang sehen lassen. Alles andere würde auffallen“, seufzte er schließlich aber doch, strich Cassari über den Arm und erhob sich.

Cassari ließ ihn, verschränkte die Arme und sah zu, wie er begann, seine Pinsel zu reinigen, die Farben Tube für Tube zusammenzuräumen.

„Du weißt schon, dass du das nicht tun müsstest?“, sprach er ihn nach einer Weile aber doch an. Und begegnete seinem Blick direkt, als Lucas sich ihm ein Stück weit zuwandte und kurz die Augenbrauen hob.

„Ich meine, du könntest dich einfach mit ihr verabreden. Oder – ihm. Soweit man das so sagen kann, ohne eigene Ansage. Er – oder sie – schien ja recht bemüht, hinsichtlich Geschlecht keine Zweifel aufkommen zu lassen.“

„Hm. Ja.“ Wiederum warf Lucas ihm so einen Blick zu, dieses Mal mit einem leichten Lächeln.

„Ich schätze, ich habe wohl keine Wahl, was? Wenn du dich auf diese Weise schon dazu bereiterklärst, dich freiwillig auf meine sonstigen Interessen und Vorlieben einzulassen“, erwiderte er mit einem etwas schelmischen Grinsen. Und Cassari lächelte seinerseits, zog die Schultern hoch.

„Na, ich sage bloß – du schlägst dir seit beinahe einem Monat die Abendstunden um die Ohren, um sie zu sehen, und wenn ich sie nicht ganz falsch gelesen und interpretiert habe, beruht das mit dem Interesse doch durchaus auf Gegenseitigkeit.“ Er zögerte. „Du überraschst mich gerade, was das angeht, weißt du? Wann wärst du je darum verlegen gewesen, es zu Gelegenheiten, sagen wir, kommen zu lassen?“

Er nahm Lucas einige der Pinsel ab, hielt ihm die Schranktür auf, als er sich daran machte, die Palette und einen Karton mit einsortierten Farbtuben dort herüber zu tragen. Eine offensichtliche Ordnung herrschte auf den Regalbrettern nicht, und fast überall waren Farbflecken verteilt. Aber ein System steckte nun doch in dem Ganzen, und so überließ Cassari es dem Hausherrn selbst, seine Utensilien am passenden Ort zu verstauen.

„Ich bin ihr Boss“, erinnerte der ihn nun. „Wenn ich sie einlade, wird sie – oder er – sich verpflichtet fühlen, zuzusagen. Ich möchte auf gar keinen Fall, dass so etwas, oder Druck, darüber hängenbleibt. Es gibt keinen Konsens, bei bestehenden Abhängigkeiten, nicht wirklich. Und ich möchte nicht, dass es auf so etwas mit ihr – ihm – hinausläuft.“ Er stockte. „Sie sollte die Möglichkeit haben, nein zu sagen“, fügte er hinzu. Doch wieder zuckte Cassari mit den Schultern.

„Versteh es bitte nicht falsch, aber gänzlich unabhängig bin ich von dir nun auch nicht. Und ich bilde mir ein, mein Nein doch regelmäßig zum Ausdruck gebracht zu haben, bislang, wenn ich nicht wollte.“

Er grinste.

„Und soweit es mir vorgekommen ist, hast du noch jedes Nein akzeptiert, oder eben Safewort. Ich meine, dir ist schon klar, was für ein Setting du dir damit zurechtbastelst, ja? Dass die Initiative nur bei ihr liegt – oder – ihm?“

„Und du findest, dass das unbedingt etwas Schlechtes sein muss?“, erwiderte Lucas. „Du hast ihn_sie erlebt. Denkst du, dass es für ein bisschen Initiative bei Interesse nicht reichen könnte?“ Wieder zog Cassari die Schultern hoch.

„Es mag dir ja entgangen sein, Herr Agenturchef, Ratsmitglied und weltbekannter Künstler. Aber es könnte da draußen Leute geben, denen jemand wie du vielleicht ein ganz klein wenig unerreichbar erscheinen könnte.“

„Na, und was willst jetzt du von mir?“, lachte Lucas. „Dass ich dem noch einen weiteren Ruf hinzufüge: ‚Schwerenöter‘? Nicht, dass ich neuerdings abgeneigt wäre, meine non-monogamen Vorlieben auszuleben. Aber vom Job halte ich das inzwischen seit guten zehn Jahre getrennt. Und das, wie du weißt, aus äußerst guten Gründen.“

„Ja – nein – ach, was weiß ich!“ Unzufrieden lehnte Cassari sich seitlich gegen eine der Ziersäulen mitten im Raum, und blickte zur Decke. „Ich sage nur, gib wenigstens ein paar deutliche Hinweise, dass da bei einer gewissen Anstrengung auch etwas zurückkommen könnte. Dass du dich regelmäßig durch das Restlicht vor dem Sonnenuntergang quälst, wäre mir persönlich Hinweis genug. Aber mit Verlaub, für Menschen ist das nichts besonderes. Viel zu normal, als dass sie_er auf die Idee kommen könnte, daraus Schlüsse zu ziehen.“

„So wie du.“

„Ja, genau, so wie ich.“

Kopfschüttelnd kam Lucas auf ihn zu, schlang einen Arm um ihn und hielt ihn fest. Und zwickte ihn spürbar in die Seite, als er keine Anstalten machte, freiwillig einen Zentimeter nachzugeben.

„Sind wir heute ein ganz klein wenig auf Krawall gebürstet, ja?“, hakte er nach. Cassaris etwas übertrieben unschuldiger Blick zur Decke, und ein wenig überzeugendes Kopfschütteln, entlockten ihm ein Lächeln. Wissend nickte Lucas.

„Verstehe“, meinte er mit einem Grinsen. „Wenn das so ist.“

Langsam, äußerst bedächtig ließ er eine Hand den Körper des anderen herabwandern. Beobachtete durchdringend jede kleine Regung, als er ihn an der Taille fasste, mit sanftem Druck seine Finger in seiner Haut verkrallte. Und kam ihm näher, drängte ihn in die Enge und küsste ihn auf die Wange, als er nun doch nicht anders konnte, als sich ein wenig zu winden. Nochmals küsste Lucas ihn, auf die Wange, dann auf den Mund, als ihm ein leichtes Stöhnen entfuhr. Er schon kurz darauf den Kopf senkte und sich sehr leicht gegen ihn lehnte.

Cassari fügte sich schnell. Er erwiderte den Kuss, als Lucas‘ Lippen zu den seinen fanden. Gab sich hin und wurde überhaupt weich, sein ganzer Körper, sein ganzes Sein. Nein, eigentlich war er gar nicht widerspenstig heute, ganz im Gegenteil. Und auch das hatte etwas für sich. Wenn er es wirklich darauf angelegt hätte, sich überzeugen zu lassen, hätte er sich von dem bisschen Körperführung bei Weitem nicht beeindrucken lassen.

Cassari stöhnte, als Lucas ihn nun auf den Hals küsste, etwas grob, die Lippen spürbar gegen seine Kehle drückte.

„Lucas, bitte, eigentlich wollte ich wirklich nur…“, protestierte er. Es blieb ein schwacher Versuch, und leicht krallte er die Finger in Lucas Hemd. Seine Linke bekam der andere jedoch zu fassen. Drückte sie hinter ihm gegen die Wand, sanft, aber bestimmt. Und küsste ihn nochmals, langsam dieses Mal und intensiv, etwas tiefer angesetzt als zuvor. Wieder so ein leises Stöhnen, als er gleichzeitig mit der Hand von der Taille her unter Cassaris Hemd fuhr, die weiche Haut darunter ertastete.

„Lucas, ich…“

„Achwas“, murmelte Lucas leise, und mit einem überlegenen Lächeln. „Überhaupt nichts musst du. Außer natürlich, wenn ich mir das wünsche.“

Er schmunzelte, als er fühlte, wie dieser Hauch von Gegenwehr zu verschwinden begann. Nein, für den Moment war Lucas mit ihm noch nicht fertig. Was auch immer er heute noch vorgehabt hatte, konnte warten.

 


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