Maxime – 1

Wie gebannt sah er hin. Sah zu.

Die schwarz gestrichenen Wände, der ebenso schwarze Boden in diesem Raum – was sich hier abspielte, konnte gar nicht anders als schummrig wirken. Düster.

Schwarz wie das struppige Haar des auffallend schlanken, jungen Mannes, der dort auf dem Boden gefesselt war, auf allen Vieren, annähernd nackt. Der Körper war umschlungen mit einer Kette aus länglichen, aber kräftig wirkenden Gliedern. Die Luft war schwer. Kalt jedoch war es nicht, im Gegensatz zum kühlen und feuchten Flur, von dem her Maxime den Zug am Rücken spürte.

In der offenen Tür war er stehengeblieben. Hätte sich wohl schockiert zeigen sollen. War stattdessen fasziniert, und vielleicht ein wenig hingerissen.

Er liebte das Geräusch von Leder auf nackter Haut. Dieses Geräusch, das Knallen, und das Zucken des Körpers darunter… All das besaß eine Art von Magie, die ihn umspann, ihn anzog. Diesem Geräusch war er gefolgt. Dass es sein Arbeitgeber sein würde, Lucas Grandt, der das Folterinstrument führte, hatte er jedoch nicht geahnt.

Was ihn ebenfalls wunderte, was ihn aber nicht hätte überraschen brauchen nach allem, was er von ihm gehört hatte, war, dass es eben ein Mann war, den er hier schlug, der zudem gute zehn Jahre jünger wirkte als er selbst. Vielleicht um die zwanzig, wie Maxime. Und die Kraft, mit der er die Peitsche auf dessen Körper niedersausen ließ, was den Gefesselten allerdings bemerkenswert wenig zu beeindrucken schien.

Nur ein weiteres Pärchen hielt sich in diesem Raum hier auf, im linken, hinteren Bereich; Lucas und sein Partner beanspruchten beinahe die Hälfte zur Rechten. Aber wieso auch nicht, überlegte Maxime. Vermutlich wusste jede_r hier gut genug, mit wem si_er es zu tun hatte, um ihm diesen Platz nicht streitig zu machen. Als Besitzer des zweistöckigen Klubs – oberhalb des Fetischbereichs hier im Keller gab es noch einen einigermaßen ansehnlichen Tanz- und Partybereich – hätte er vermutlich jeden Raum hier für sich allein haben können, hätte er das gewollt.

Als der Klubbesitzer, der ihn hierher eingeladen hatte, auf Maxime aufmerksam wurde, hielt er inne und blickte ihn an, schenkte ihm ein Lächeln. Sein Spielpartner hielt den Kopf gesenkt.

„Sie sind wie immer äußerst pünktlich, Mademoiselle“, bemerkte Lucas freundlich, noch immer mit diesem einladenden Lächeln. Maxime jedoch musste knallrot geworden sein. Zügig trat er einen Schritt zurück.

„E – entschuldigung, ich wollte nicht…“, stammelte er vor sich hin. Bis sein Blick schließlich dem von Lucas begegnete, der weiterhin aufgeschlossen wirkte, und freundlich.

„Ich… denke, wir sehen uns dann noch, später.“

Wieder dieses Gestammel. Hastig zog Maxime sich auf den Gang zurück, blieb kurz mit dem Rücken zur Wand stehen. Und lauschte. Würde Lucas ihn zurückrufen?

Nein, es blieb still. Was Maxime nicht weiter wunderte, nach diesem Auftritt. Er hätte sich in den Hintern treten können, oder sich selbst Prügel verordnen für diesen Rückzieher, der vermutlich nicht annähernd nötig gewesen wäre. Platz war wirklich genügend gewesen, freie Sitzgelegenheiten hatte es gegeben, im Raum. Hätten die beiden nur für sich spielen wollen, so hätten sie dazu sicherlich ein anderes Plätzchen wählen können, in den Separées mit Vorhängen. Oder, insgesamt betrachtet, einfach einen anderen Tag wählen, an dem der Klub niemandem als Lucas selbst zur Verfügung stand. Aus der Agentur wusste Maxime, dass es in den oberen Etagen noch wenigstens einige Büroräume und ein privates Atelier gab, das er regelmäßig nutzte. Wenn er als Klubbesitzer hier öffentlich mit jemandem spielte, war Publikum ganz offensichtlich nichts, woran er sich gestört hätte.

Andererseits gehörte der Raum, den er gewählt hatte, zu den Düstersten, die es hier gab, und lag einigermaßen abgelegen. Und irgendwie, auch wenn es widersinnig erschien, gab das Maxime das Gefühl, dass Öffentlichkeit in dem Sinne vielleicht doch nicht ganz das war, was die beiden wollten.

Langsam folgte Maxime dem etwas kühlen Gang zurück zum vorderen Bereich, wo es eine Bar gab, mit Sitzgelegenheiten und Gratis-Häppchen. Nur kleine Snacks, Fingerfood. Aber, wie es sich gehörte, auf Bodenhöhe natürlich Ringe an den Möbeln, zum Anketten von „Haustieren“ und Sklaven.

Maxime war vertraut mit all dem. Seine erste Party dieser Art hatte er im Alter von sechzehn Jahren besucht, als der Reiz des Verbotenen schon beim Überschreiten der Schwelle darüber gehangen hatte. Jetzt wieder mittendrin zu sein, nach beinahe einem Jahr, in dem er Abstand gehalten hatte, war ein ungewohntes Gefühl. Aber in Ordnung.

Er trug dezentes Schwarz heute, ohne deutliche Hinweise auf seine Vorlieben. Und fühlte sich neugierig beäugt besonders von den Männern. Wie eigentlich nicht anders zu erwarten, als das neue Gesicht, und obendrein jung und allein. Aber es herrschte doch ein angenehmer, respektvoller, geradezu zurückhaltender Umgang. Aufdringlich wurde trotz der Neugierde niemand.

Schließlich kam es zum Unvermeidlichen und er wurde angesprochen. Von einem Mann natürlich, hetero, der Maxime, wie üblich, als weiblich las. Überhaupt war der Klub hier eindeutig hetero. Abgesehen von zwei Sklavinnen, die sich sichtlich zur Unterhaltung ihres Masters miteinander vergnügten, war Lucas Grandt der Einzige, den Maxime mit einem gleichgeschlechtlichen Partner gesehen hatte.

Nach ein wenig Smalltalk bewegte das Gespräch sich schnell zum Wesentlichen: Top oder Bottom, Dom oder Sub? Schmerzen oder Dominanz, Rollenspiele oder Fesseln? Maxime blieb wohl ein wenig abweisend bei seinen Antworten, und er war erleichtert, als er das Gefühl bekam, auch in diesem Gespräch, dass ein Nein hier akzeptiert und ernstgenommen wurde. Eigentlich, vom Benehmen her, war der Kerl gar nicht übel, in seinem Latexanzug. Aber er war eben das, womit Maxime irgendwie zurechtkommen musste, solange er sich als Frau verkleidete. Sehr hetero. Sehr cis. Sehr normal.

Obwohl seinem Gegenüber wohl schnell klarwerden musste, dass es mehr als dieses Gespräch mit ihm nicht geben würde, leistete er ihm dennoch vorerst Gesellschaft, und ihre Unterhaltung richtete sich auf allgemeinere Themen: Den Umzug, Paris als Touristenstadt und als Wohnort. Und Maxime fühlte sich gut, als der Latexfreund ihn schließlich allein ließ mit seinem Cocktail. Ja, es war angenehm hier. Es gab deutlich sichtbare Aushänge, in denen auf die Benimmregeln hingewiesen wurde, Hygienevorschriften und Anmerkungen zum Konsens, und dem deutlichen Hinweis, sich an das Sicherheitspersonal bei Schwierigkeiten jederzeit wenden zu können. Das Ganze wirkte ernstgemeint, nicht einfach wie eine Floskel. Ja, es könnte sich lohnen, wieder herzukommen. Vielleicht. Vielleicht nicht unbedingt… alleine.

Nach einer Weile betrat auch Lucas Grandt den Raum, nickte einigen der anwesenden Gäste zu, schien die meisten aber bereits begrüßt zu haben. Der junge Mann, der eben noch gefesselt am Boden gekniet hatte, begleitete ihn. Inzwischen trug er immerhin einen Lendenschurz zu den schwarzen Ledermanschetten an seinen Hand- und Fußgelenken, sowie dem schwarzes Halsband, an dem ein deutlich sichtbarer Ring prangte. Zu sprechen schien ihm nun erlaubt zu sein. Und trotz der erst kürzlich zurückliegenden Prügel, und einiger sichtbarer Rötungen auf seinen Armen und Beinen, zeigte er sich erstaunlich guter Dinge.

„Cassari“, stellte er sich mit einem Lächeln vor, und reichte Maxime die Hand. Seine Haut war kühl. Als Maxime bei dem Händedruck ein wenig kräftiger zufasste, als es sich für eine Dame gehört hätte, begegnete der andere dem, sanft aber bestimmt, lächelte ihm weiterhin zu. Bisexuell oder schwul musste er wohl sein – feminin allerdings gab er sich trotz seiner schlanken Gestalt keineswegs, auch wenn Maxime das bei seiner Figur beinahe erwartet hatte.

Maxime erwiderte die Vorstellung, und wie schon Lucas beim Kennenlerngespräch in der Agentur stutzte der junge Mann, als er seinen Namen nannte.

„Moment, mit ‚m‘, ja?“, hakte er nach. Innerlich seufzte Maxime. Äußerlich behielt er ein nun vielleicht etwas starres Lächeln bei.

„Oui, Monsieur“, bekräftigte er, knapp und deutlich, und demonstrativ nicht bereit, das Thema zu diskutieren. Beschwichtigend hob Cassari die Hände.

„Wie Sie wünschen, Madame“, versicherte er, in einer Weise, die weiterhin nicht unterwürfig wirkte, sondern tatsächlich einfach respektvoll. Und nun – wieso hätte er sich Maxime gegenüber, überhaupt irgendwem gegenüber, auch unterwürfig verhalten sollen? Selbst was Lucas betraf, konnte Maxime sich nicht sicher sein, inwiefern Devotion zwischen ihnen eine Rolle spielte. Selbst wenn, ließe sich das in keinem Falle auf sämtliche übrigen Gäste übertragen.

„Mademoiselle“, korrigierte Maxime ihn, auch jetzt wieder bestimmt. Und erneut nickte Cassari, und lächelte ihm zu.

„Wie Sie wünschen, Mademoiselle.“

 

Lucas‘ Spielpartner unterhielt sich noch ein wenig mit ihm, ließ aber eher Maxime erzählen, als dass er allzu viel über sich selbst preisgegeben hätte. Und obwohl Maxime sich schon bald darauf verabschiedete, relativ früh für einen Freitag Abend, behielt er ein angenehmes Gefühl zurück von diesem Besuch, und auch von diesem Kennenlernen. Wäre da nicht diese Sache gewesen. Dieses Wissen, dass es alles eine Lüge war.

Maxime wusste, es war ein Ding der Unmöglichkeit. Nicht nur, dass er dank seiner einstigen Magersucht eine Figur besaß, um die viele Frauen ihn beneidet hätten. Und mit Körbchengröße A gerade das richtige Maß, das sich entweder zeigen ließe, oder eben verbergen, unter einem weiten Hemd. Doch das war nicht genug.

Er ertrug es nicht, mehr Fett an seinem Körper zu haben als unbedingt notwendig. Fett bedeutete Weiblichkeit. Fett bedeutete nicht mehr die geringste Chance, zumindest gegenüber Fremden hin und wieder als er selbst zu erscheinen. Schlank und etwas hochgewachsen hatte er nicht einfach einen Frauenkörper. Er hatte den Körper einer hübschen Frau. Oder, wie andere es auszudrücken pflegten: Er war eine hübsche Frau.

Was für eine Verschwendung! So sahen sie das, die Anhänger des Patriarchats. Was für ein Verlust für die Emanzipationsbewegung! So sah er selbst das, zumindest ein wenig. Es mit einem weiblich gelesenen Körper, als weiblich erachtete Person, ins Webdesign geschafft zu haben, in einem noch recht jungen Alter zu dem Job in Lucas‘ nicht unbedingt riesiger, aber exklusiver Agentur gekommen zu sein, war eine Leistung. Die er gegen Männer errungen hatte, die ihn gerade nicht als einen von sich akzeptierten, ihn nicht als gleichwertig erachteten, sondern auf die eine oder andere Weise stets auf ihn herabblickten. Wenn er ihnen nicht gar als Freiwild erschien, mit seinem Single-Status, auf dessen Eroberung sich Wetten abschließen ließen.

Ganz fern von all dem, zumindest in Maximes Gefühlswelt, war Lucas. Der Wert darauf legte, seine Mitarbeiter zumindest hin und wieder persönlich zu sehen, und dessen Büro, am Ende des Flurs, Maxime bei jeder Gelegenheit unauffällig im Blick zu behalten versuchte.

Tagsüber war er beinahe unmöglich anzutreffen. Aber wenn Maxime sich spätabends, in der letzten Arbeitsphase vor Feierabend, im Aufenthaltsraum seinen Kräutertee kochte, liefen sie sich hin und wieder doch über den Weg. Maxime hatte bei so einer Gelegenheit eine Bemerkung über Tops und Bottoms fallengelassen. Diese kleinen Insider, wie er selbst das betrachtete, aus der Szene, in der er sich in seiner Heimat, nahe Dijon, so gut aufgehoben gefühlt hatte. Und Lucas war, nicht unbedingt zu Maximes Überraschung, aber doch zu seiner Erleichterung, darauf eingegangen, hatte ihn im Verlauf der etwas überlangen Pause schließlich eingeladen, sich an einem Dienstag oder Freitag doch mal im Toujours sehen zu lassen. Und nun lag ein gesamtes Wochenende vor Maxime, mit dem Bild dieses jungen Mannes in seinem Kopf, der dort auf dem Boden gefesselt gewesen war, und der etwa so alt sein musste wie er selbst – und mit dem er einfach unglaublich gern getauscht hätte. Was aber, solange er diesen Körper hatte, sich so präsentierte, so lebte, für sich genommen einfach nicht funktionieren konnte.

Normalerweise machte es ihm nicht viel aus. Wirklich ehrlich sein, wirklich sie selbst sein, konnten und durften die wenigsten Menschen. Maxime kannte den Preis, den es ihn auch hier kosten würde, hatte aus guten Gründen beschlossen, das nicht zu tun. Aber wenn es um Lucas ging, waren die Dinge für ihn anders. Von ihm wollte er gesehen werden, wie er war. Von ihm wollte er berührt werden als der junge Mann, der er war. Bloß war Lucas Grandt eben nicht irgendjemand.

Er war nicht weniger als sein Boss.

Es war einfach unmöglich.

 


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