Maxime – 3

Etwas musste doch passieren.
Aber es gab sie einfach nicht.
Diese Welt, in der er eine Sexualität erleben würde, die ihn nahm, wie er war.
Die sich nicht danach richten würde, wer und was er sein sollte.

Unbeweglich starrte die Wand Maxime an.
Das Creme-Weiß veränderte sich nicht.
Schien zu cremig, um tot zu sein. Aber blieb doch gleich.
Unbeweglich starrte Maxime zurück.
Nichts veränderte sich. Wie immer, veränderte sich nichts.
Die Dinge gingen weiter, wie immer, unveränder-lich.

Irgendetwas musste geschehen.

 

„Someday my prince will come…“, plärrte es aus dem Lautsprecher. Wie mechanisch schaltete Maxime den Song ab. Richtete den Blick von der weißen Tapete auf den Wasserkocher, der schon vor mehreren Minuten aufgebrodelt hatte.

In seiner Welt gab es eine äußerst deutliche Vorstellung davon, wen er sich als diesen ‚Prinz‘ wünschte. Aber es war schon beinahe acht Uhr. Lucas würde sich doch nicht mehr sehen lassen. Vielleicht war es an der Zeit, die Sache zu vergessen.

Maximes Profil mit Gesuch in der BDSM-App stand. Natürlich unter weiblichem Namen. Natürlich würde er sich als Frau verkleiden, wie üblich. Er wollte zurück ins Toujours, diesen Klub, der seinem Boss gehörte. Wenn schon nicht mit ihm, dann doch zumindest zu seinem eigenen Vergnügen.

Lucas hatte seit einer Woche kaum ein Wort mit ihm gewechselt, in den letzten Tagen war er nicht einmal in der Agentur erschienen. Maxime musste sich die Sache aus dem Kopf schlagen, so einfach war das. Ein bisschen Freundlichkeit, eine spontane Verliebtheit auf den ersten Blick – nichts hiervon war je mehr gewesen als das. Nichts davon würde helfen, einzuschätzen, ob so etwas langfristig funktionieren konnte. Und was hätte denn da funktionieren können, ehrlich betrachtet? Das Höchste der Gefühle hatte bislang darin bestanden, Maxime wissen zu lassen, wo er Lucas außerhalb der Arbeitszeiten hin und wieder finden konnte. Von jeder Art von Beziehung war das meilenweit entfernt.

In der App, über die Maxime nach Partnern suchte, gab es eine eigene Kategorie für Klubs und Termine, und das Toujours hatte er schnell darin gefunden. Schon zu Beginn der Woche hatte er eine Notiz hinterlassen, dass er für den heutigen Abend Begleitung suchte. Auf rein platonischer Basis, für den Anfang, einfach, um nicht allein hingehen zu müssen. Er bemühte sich, genau dieses Anliegen deutlich zu machen, ohne sich zu viel zu verbauen mit seiner Ausdrucksweise; falls es sich ergeben und er sich wohlfühlen sollte, wäre er ja durchaus offen für mehr als nur Reden und Zusehen.

Den gesunden Mittelweg zu finden, war gar nicht einfach. Zwei Typen hatte er abwimmeln müssen, die schon im Laufe der ersten drei Nachrichten zu aufdringlich geworden waren. Die Tendenz, Grenzen nicht zu respektieren, roch Maxime inzwischen kilometerweit gegen den Wind, und er machte einen weiten Bogen darum.

Er hatte allen Grund, vorsichtig zu sein, in einer Stadt, in der er noch wenige Leute kannte, vor allem aus gerade dieser Szene. Von den übrigen Leuten aus der Agentur hatte er bei seinem ersten Besuch im Klub niemanden wiedererkannt, und auch in diesbezüglichen Gruppen in der Gegend war er bislang nicht gewesen. Lucas und sein Partner waren damit überhaupt die Einzigen, an die er sich in einem Notfall hätte wenden können. Aber Lucas war gleichzeitig in etwa der Letzte, den Maxime freiwillig gebeten hätte, bei einem Date mit einem Fremden den Aufpasser zu spielen. Wenn er es schaffen würde, ihn danach zu fragen, meinte der kleine Kommentator in seinem Hirn, hätte er sich auch gleich mit ihm verabreden können.

Irgendjemanden zu haben, der informiert wäre, hätte Maxime beruhigt, ihm etwas Sicherheit gegeben. Aber es half nichts, Kontakte, denen man vertrauen konnte, auch wenn es um so etwas ging, ließen sich nicht aus dem Hut zaubern. Und so blieb ihm nichts als eine Freundin aus Dijon, mit der er noch immer regelmäßig telefonierte.

Um den Aufenthalt im Toujours selbst machte Maxime sich dabei nur wenige Gedanken, denn der Security traute er zu, wirkungsvoll einzugreifen, wenn das notwendig werden sollte. Aber es gab auch ein Davor, und vielleicht würde es ein Danach geben. Zu Vieles, das bei solchen Dates schieflaufen konnte, gerade in jenen Momenten, in denen man am wenigsten damit rechnete.

Bri war sich ihrer Verantwortung als Cover bewusst. Sie bekam von Maxime alles, was nötig gewesen wäre, um die Polizei einzuschalten: Maximes Adresse, Ort und Öffnungszeiten ihres ersten Treffpunkts ebenso wie des Klubs, Telefon- und Handynummer, und so viele Informationen wie nur möglich über den Begleiter, den er treffen wollte. Sogar einen kleinen Alarmcode sprachen sie ab, ein paar unauffällige Signalworte, die sich in eine Unterhaltung einbinden ließen. Keine SMS, die waren zu leicht zu fälschen.

Sicherheit im engeren Sinne bedeutete diese Form von Beobachtung nicht, gerade aus großer Distanz. Auf sein Bauchgefühl würde Maxime so oder so achten müssen. Denn ihnen beiden war klar: Verhindern konnte Bri nichts, würde überhaupt erst tätig werden, falls eine erwartete Rückmeldung ausbleiben würde. Im schlimmsten Falle wäre es zu einem solchen Zeitpunkt bereits zu spät. Aber immerhin blieb das gute Gefühl, dass da jemand war, der_die die Sache im Auge behielt, aus der Ferne. Und dass es Konsequenzen geben würde, im Falle eines Übergriffs. Der eine Aspekt an dem Ganzen, der sich im Notfall sogar als Drohung einsetzen ließe.

Natürlich war die Hoffnung bei dem Ganzen immer, dass sich der Aufwand als unnötig erweisen würde. Und Ramon, mit dem Maxime nun verabredet war, hatte einen guten Eindruck gemacht, soweit. Gegen halb zehn wollten sie sich treffen, zu einem kurzen Kennenlernen in einem Café, noch vor dem Klubbesuch. Öffentlich. Er hatte die Initiative schon im Chat Maxime überlassen, großenteils. Und er war ehrlich gewesen, in der Hinsicht, dass er sehr wohl eine gewisse Hoffnung hegte, es werde mehr daraus werden als bloß eine Unterhaltung. Aber eben nur, sofern sich das ergeben und im gegenseitigen Interesse liegen würde. Immerhin: Ehrlich, im Gegensatz zu den üblichen übertriebenen Beteuerungen, bloß den Neuzugang anleiten zu wollen – und ganz nebenbei nachzufragen, was Maxime denn von den eigenen Profilfotos hielte, die dann eben alles andere als dezent waren.

Wenn er selbst ehrlich war, suchte ja auch Maxime einen BDSM-Klub nicht in erster Linie dazu auf, anderen beim Spielen nur zuzusehen. Aber scheinheilige Beteuerungen wirkten doch zu verzweifelt, als dass es einen gute Idee sein konnte, sich auf so jemanden einzulassen.

Auch Ramons Foto hatte Maxime stutzig werden lassen – aber in lediglich der Hinsicht, dass der beinahe schon etwas von einem Model an sich hatte. Er wies sich auf seinem Profil als wenig dominanten Sadisten aus, hatte sich in Alltagskleidung präsentiert, recht leger. Nicht in stilechtem Leder, mit Peitsche oder Ketten in unmittelbarer Sichtweite. Soweit ein gutes Zeichen. Sein dichtes, braunes Haar allerdings, das hübsche Gesicht mit verspieltem Blick – Maxime hatte es in der Agentur regelmäßig mit gestellten Fotos zu tun, und das hier wirkte vertraut. Ein wenig zu gut im Hinblick auf das Posieren. Die Augenbrauen waren vielleicht etwas zu markant, als dass Maxime ihm zugetraut hätte, tatsächlich in dieser Branche zu arbeiten. Und seine Figur hätte kräftiger sein können, sportlicher, aber nur ein wenig. Aber unterm Strich war es schon beängstigend nah an ‚perfekt‘, zu nah, um echt zu sein.

Nun, Attraktivität allein, oder die Bereitschaft, einen professionellen Fotografen für ein Profilfoto zu engagieren, waren kein hinreichenden Gründe, von vornherein von einem Fake auszugehen. Und falls das Foto sich als Fälschung erweisen würde, wäre das immerhin eine so offensichtliche, und irgendwo auch dreiste Form von Täuschung, bei der Aussicht auf ein persönliches Treffen gerade mal zwei Tagen später, dass selbst Maxime es in so einem Falle über sich gebracht hätte, auf dem Absatz kehrt zu machen.

Er fühlte sich gut vorbereitet, als er auf das Café zukam. Nervös war er dennoch. Aber einigermaßen erleichtert, als er ein Stück neben der Eingangstür einen Mann erblickte, der dem Foto bemerkenswert ähnlich sah. Maxime schätzte ihn etwas älter ein als sich selbst, aber sicherlich kaum über dreißig Jahre. Seine Augen hatten ein Glänzen in sich und wirkten freundlich.

Zur Begrüßung gaben sie sich die Hand, und heute war Maxime nun doch bemüht, sich dabei feminin zu geben. Die längliche, dunkle Sporttasche, die Ramon bei sich trug, bedachte er jedoch mit einem Grinsen, das sein Gegenüber unmittelbar erwiderte. Maxime kam mit einer mittelmäßig großen Handtasche aus.

„Man kann nie wissen“, kommentierte Ramon. Sein etwas verschmitztes Lächeln bei diesen Worten passte, sowohl zu ihrer Chat-Unterhaltung, als auch zu diesem Blick, den er auf dem Foto an sich gehabt hatte. Ja, doch. Er schien sich bemerkenswert wenig verstellt zu haben, bisher.

Wie schon im Chat blieb auch sein Benehmen hier und jetzt, in der Realität – eine gewisse vornehme Zurückhaltung – beinahe zu schön um wahr zu sein. Es machte Maxime misstrauisch, in gewisser Weise. Aber er musste zugeben: Eine Faszination ging sehr wohl von seinem Gegenüber aus. Ihr Gespräch drehte sich dabei um das Übliche für ein Kennenlernen: Beruf, Familie, Hobbys. Ramon ließ Maxime viel erzählen, über seine Zeit in Dijon. Die eher negativen Erlebnisse, die der von dort noch immer nicht recht verarbeitet hatte, verschwieg er. Und hatte das Gefühl, dass das in Ordnung war.

Was er außerdem für sich behielt, war der Umstand, dass er den Besitzer jenes Klubs, den sie besuchen wollten, mehr als nur flüchtig kannte. Ramon kam zwar von sich aus auf Lucas Grandt zu sprechen. Aber Maxime wich dem einigermaßen elegant aus, mit dem Hinweis darauf, dass der als Klubbesitzer schließlich ganz offenbar wert darauf legte, sämtliche Gäste persönlich zu kennen. Ein wenig, das Gefühl beschlich ihn dabei, mochte die Frage ein Test sein, ob Maxime das Toujours überhaupt schon einmal von innen gesehen hatte, war er doch vergleichsweise neu in der Gegend. Aber dass weitere Nachfragen dazu über den Rahmen einer diskreten Unterhaltung hinausgegangen wären, war ihnen beiden hinreichend bewusst, um das Thema bald zu wechseln. Was in solchen Klubs geschah, war kein geeignetes Thema für ein öffentliches Café.

Ramon bot an, zu zahlen, akzeptierte es jedoch, wiederum mit so einem Lächeln, als Maxime das selbst übernahm. Als sie sich daran machten, aufzubrechen, kam Ramon ihm das erste Mal überhaupt etwas näher, half ihm in den leichten Mantel. Und blieb auch dabei der perfekte Gentleman.

Bei der kurzen Lagebesprechung auf der Toilette, von wo aus Maxime kurz mit Bri telefonierte, einigte man sich darauf, dass es soweit sicher sei, den Klub an seiner Seite zu besuchen. Nächste Rückmeldung in einer Stunde, aus dem Toujours. Und noch immer lief die ganze Sache beinahe zu schön, um wahr zu sein.

Vor der Tür deutete Ramon vielsagend auf seine doch recht sperrige Tasche und winkte ein Taxi heran.

„In dem Fall geht das auf mich, darauf bestehe ich“, bemerkte er, während er ihm die Tür aufhielt. Maxime lachte.

„In Ordnung“, erwiderte er. „Aber wirklich nur ausnahmsweise.“

 


Vorherige Episode: Maxime – 2. Nächste: Maxime – 4.
Übersicht: Maxime.

Autor: Shiverrania

Schreibt schwule und trans* Phantastik mit kinky Elements, teilweise aber auch Gesellschaftskritisches.

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