Weltenbau – ein paar Worte zum queeren Schreiben

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So, mit diesem Beitrag möchte ich nun feierlich eine neue Sektion dieser Seite eröffnen. In „Über das Schreiben“ werde ich euch demnächst hin und wieder Einblicke geben in meinen Schreibprozess als solchen: Weltenbau, Umgang mit typischen Problemen wie Schreibblockade, Plotten vs. Pantsen, aber auch Aspekte, die ich aus dem Queer-Sein-/Trans*-Sein mit in meine fantastischen Welten bringe. Geplant habe ich außerdem unter „Writers Tools“ kleine Rezensionen zu verschiedenen Werkzeugen, die beim Schreiben nützlich sein können, von der Mini-Bluetooth-Tastatur für das Tippen unterwegs bis hin zum Schreibprogramm am PC. Hier aber nun erst einmal ein paar Worte zum Inhaltlichen: Queerness und wie sie mein Schreiben und meinen Weltenbau von jeher mit-bestimmt.

Wie ich in meinem Vorstellungsbeitrag bereits erkläre, spielt meine Erfahrung, nicht Teil der gesellschaftlichen Mehrheit zu sein, eine große Rolle bei meinen Geschichten. Zum einen einfach wegen der Dinge, die meine Protagonist_innen erleben, was häufig in irgendeiner Weise mit Ausgrenzung, Isolation, Kampf um Akzeptanz oder bloß um das Überleben zu tun hat – alles mehr oder weniger direkte, symbolische Umsetzungen von Erfahrungen, die das Queer-Sein, das Nicht-Durchschnittlich/Normal-Sein für mich bedeutet. Zum anderen bin ich durch meine eigene Verortung irgendwo zwischen den Geschlechtern (weit genug im Männlichen, um mit dem Pronomen er/ihm zurechtzukommen, aber wirklich eindeutig eben nicht) schon seit meiner frühen Pubertät in gewisser Weise sensibilisiert für den Umgang mit Geschlecht, und auf der Suche nach Alternativen zum binären Geschlechtersystem.
Im Folgenden einige Worte zu den Universen, die ihr hier findet, und die davon maßgeblich beeinflusst sind. Zu verstehen ist das hier als eine grobe Einleitung und Übersicht. Wenn ich dazu komme, verdienen zu viele Aspekte davon einfach ihre eigenen Artikel 😉

Die Geschlechtsauffassung in „Chroniken der Asarti“ bzw. dem dahinterstehenden Universum ist ein Ansatz, den ich schon recht früh entwickelt habe, lange bevor ich wusste, dass es Transsexualität als Konzept gibt und was das ist, und stammt aus einer Phase, in der ich weit davon entfernt war, anzunehmen, dass es irgendwelche weiblich zugewiesenen Personen auf der Welt geben könnte, außer mir selbst, die schwul sind, und nicht hetero, wenn sie auf Jungs stehen. Gendersternchen oder die Freiheit, Pronomina selbst zu wählen, waren in dieser meiner Welt einigermaßen undenkbar. Und ich, sowieso fest überzeugt davon, wie falsch und verdreht ganz allein ich sei, stand eben da, entwickelte sexuelle Bedürfnisse, und arrangierte mich in meiner Fantasiewelt damit, eine männliche Sexualität zu entwickeln, die es in meinem realen Leben so nicht geben konnte oder durfte.
Ich habe meine Männlichkeit nie daran festgemacht, unbedingt einen Penis haben zu müssen, und entsprechend kommt so ein Organ in dieser Sexualität nicht vor. Nicht-Binäres, freie geschlechtliche Selbstbestimmung allerdings ist eine Idee, die ich für mich allein so einfach nicht hatte. Und so sind bei den Asarti eben das Funktionsgeschlecht (zeugend vs. gebärend) und äußerliche Erscheinung mitsamt sekundärer Geschlechtsmerkmale wie Brustausprägung, Stimme etc. Dinge, die einfach viel weniger miteinander verbunden sind als das bei uns Menschen häufig der Fall ist.
Die Fähigkeit der Asarga, das Aussehen komplett zu verändern, kam erst im Laufe der Zeit dazu. Nicht zuletzt drückt sich natürlich im gesamten Gesellschaftssystem dieser Welt, der Umkehr der sexistischen Machtstruktur und im Prinzip des generalisierten Femininums für die „Herrscherinnen“, die weiblich erscheinenden Azyn, eine gehörige Portion pubertären Protests gegen das allgegewärtige Patriarchat der realen Welt aus.

Die „Geschichten aus den Zwei Reichen“, meine Elfenwelt, habe ich dagegen seit ihrer ursprünglichen Entstehung deutlich verändert. Viele der Materialien dazu hatte ich „damals“, noch in der Schule, handschriftlich verfasst. Zwischenzeitlich ging mir vieles davon verloren, was es ohnehin notwendig machte, den Großteil neu zu schreiben. Wieso dann also nicht die Gelegenheit nutzen, der Betrachtung von Geschlecht ein Upgrade zu verpassen?
Das System war ursprünglich, wie sollte es anders sein, inspiriert von den typischen cis-hetero-männlich dominierten High-Fantasywelten, die mich als Leser_in umgaben, und damit recht deutlich an heteronormative Standards angelehnt – schwule Beziehungen allerdings kamen auch dort bereits vor. Um ein Beispiel zu nennen: Der Charakter, aus dem inzwischen Farcas wurde, ist als Nebenprodukt einer Folterszene im Vampiruniversum entstanden, geboren aus der Idee, dass Lichtelfen keineswegs nur nett sind, wenn man selbst zu den Kreaturen der Nacht gehört. Wobei diese Folterszene (nunja, BDSM kannte ich damals eben auch nicht) durchaus von vornherein einen sexy Aspekt hatte. Weitergehend muss ich aber sagen, dass ich Geschlechterrollen einfach wenig reflektiert habe in diesem Universum. Eine tolle Gelegenheit, die verbliebenen Leerräume, die es hier im Gegensatz zu der Science-Fiction-Welt der Asarti demnach noch gab, konstruktiv zu nutzen!
Nun, ich musste von meinem Elfen-Universum also das meiste ohnehin neu gestalten. Da sich inzwischen in unserer Gesellschaft doch ein anderer, offenerer Blick auf das binäre Geschlechterkonzept entwickelt hat, habe ich in meinem Band 2 zu diesem Universum, bei der Geschichte um Tam und seine Schüler_innen, damit begonnen, Nicht-Binäres zunächst durch direkte Nennung (über den Gender-Unterstrich „_“) selbstverständlich einzubinden. Für mich fällt das Ganze momentan noch in die Kategorie „Experiment“, bei dem mich manchmal das Gefühl überkommt, mir die Finger zu brechen. Aber da es unter Tams Schüler_innen wenigstens eine nicht-binäre Person geben wird, habe ich mich leider nun gleich in die Lage gebracht, das durchziehen zu müssen 😉
Letztlich wird es Zeit, dass wir ownvoice anfangen, Normalität für eine Sprache zu entwickeln, die Nicht-Binäres mit einschließt, und zwar über (RL-)Berichterstattung und Texte der Nonfiktion hinaus. Ja, Journalist_innen bestimmen Sprache mit. Aber wir Autor_innen sollten das meiner Ansicht nach eben auch tun.
Sidenote zum Thema schwule Helden: Mit Tam hatte ich einen berühmten, schwul konzipierten Lehrer und Krieger in einer High-Fantasy-Welt, Jahre bevor Rowling darauf kam, Dumbledore zur Schrankschwester zu erklären. Und Überraschung: Daran, dass sein (momentan verschollener) Partner ein Typ ist, hat sich in dieser Welt noch nie irgendjemand gestört, auch vor 20 Jahren noch nicht, als ich die beiden das erste Mal geschrieben habe (daran, dass dieser Partner kein Elf ist, dagegen schon viel mehr, aber dazu will ich hier mal nicht zu viel spoilern 😉 ).

Schließlich ist da noch das Universum, mit dem ich diese Seite hier begonnen habe, und zu dem es vom Elfen-Universum aus durchaus einige Schnittstellen gibt: Von dunklen Seelen, meine Dark Fantasy um Vampire, Hexer und sonstige Unsterbliche innerhalb eines Urban-Settings.
Die Regeln dieser Welt entsprechen recht genau dem Universum, in dem auch wir Leser_innen uns aufhalten; inklusive politischer Debatten um Feminismus und Queermisia, wobei ich Letztere nur selten direkt darstelle. Ausgrenzungsthemen und Minderwertigkeitsgefühle setze ich eben lieber symbolisch um; es tut mir weh, Szenen sehen oder lesen zu müssen, auch in anderen Medien wie Büchern, Artikeln, bis hin zu Filmen, die mir wieder und wieder vorführen, dass ein Leben als jemand in meiner Rolle nur in Gewalt, Katastrophe, Niedergang und Leid enden kann, und zwar aus genau dem Grund, out queer zu leben. Wo es regelrecht als Strafandrohung stehenbleibt: Siehst du, das hast du davon, wenn du meinst, offen queer leben zu müssen.
Es mag unrealistisch erscheinen, wenn ich viele Charaktere habe, die in irgendeiner Weise queer sind, ZU viele, gemessen an der bloßen Verteilungs-Statistik von LGBT*IQA vs. Dya-Cis-Allo-Heteronormativen in der realen Welt, und dass und wenn die damit für gewöhnlich auch noch heil davonkommen. Aber wisst ihr was? – die Statistik, wie viele queere Menschen es rein zahlenmäßig ab Plots mit mehr als zehn beteiligten Personae geben müsste, wird von so vielen heteronormativen Autor_innen ebenso ignoriert, zu Lasten der queeren Menschen, dass ich das für nichts weiter als ausgleichende Gerechtigkeit halte. Abgesehen davon sind aber Charaktere nunmal ein Spiegel der Seele, die sie erschafft – und die dya-cis-binär-heteronormativen Anteile in meiner Seele sind vorhanden, z.T. auch einfach durch die Standardisierung der Welt, in der ich lebe… aber sie sind eben EIN Teil davon, und nicht der Maßgebliche.

Soweit mit diesem ersten Beitrag einmal ein kleiner Einblick in einige Queer-Aspekte meiner Welten. Zum Thema Rassismus: Setze ich mich nun ebenfalls eine Weile mit auseinander, ist aber nicht meine eigene Perspektive. Zu behaupten, dass mein Mangel an BIPoC-Maincharakteren bloßer Respekt davor sei, dass mir dieser Blickwinkel nicht zusteht (was ich sehr wohl so sehe und als problematisch erachte, denn Maincharaktere sind bei mir häufig auch mehr oder weniger deutlich Point-of-View-Charaktere), wäre zugegebenermaßen allerdings eine faule Ausrede. Rassistisches Denken als Grundrauschen unserer Gesellschaft prägt zwangsläufig, wie auch homophobe, transfeindliche und sexistische Muster, meinen Alltag seit meiner frühen Kindheit, und in meinem persönlichen Fall evtl. noch etwas deutlicher als das bei anderen Weißen der Fall ist. Viele meiner Hauptcharaktere wiederum sind in meiner Welt schon sehr „alt“, und ich gebe es zu, es fällt mir einfach schwer, ihnen nach teilweise mehr als zwanzig Jahren ein komplettes Redesign samt neuem Hintergrund zu verpassen.
Ich bemühe mich, im Hinblick auf Diversity auch Aspekte, die mich selbst nicht betreffen, zunehmend mit in die Casts meiner Geschichten hineinzubringen – dass mit Eugène z.B. ein Schwarzer Charakter mit im Rat von Paris vertreten ist, ist der Tatsache geschuldet, dass mir ein Paris mit einem rein weißen Rat einfach unrealistisch erscheint (und das Verhältnis 4:1 wird sich im Verlauf der Reihe aus genau solchem Realismus-Empfinden meinerseits auch noch ändern).
Wenn es zu solchen Themen Anregungen gibt oder Kritik (die aber bitte nur aus Ownvoice-Perspektive), bin ich dafür offen. Mir ist klar, dass „es ist keine böse Absicht“ eine verdammt schlechte Ausrede ist in einer Welt, in der genau damit ständig legitimiert wird, ausgrenzende Prozesse am Leben zu erhalten. Seid an dieser Stelle einfach versichert: Ich bemühe mich, ich arbeite dran, auch, was Dinge angeht, die eben nicht meine eigene Perspektive sind. Was ich dazu aber nunmal zugeben muss: Ich sehe einfach viel zu oft grobe Schnitzer in Sachen Queer-Darstellung von Dya-Cis-Straight-Menschen, als dass ich mir einbilden würde, „Fremd“-Themen einfach mal eben so akzeptabel eingebracht zu bekommen, ohne zunächst ein gewisses Maß an Arbeit zu investieren – auch wenn bestimmte Prinzipien wie „Bury your X“ so allgemeingültig sind, dass sie sich übertragen lassen. Es ist, wenn man es vernünftig machen möchte, ein Aufwand, der eben schon zusätzliche Recherche erfordert und mehr Zeit kostet, abgesehen von sorgfältiger Revision, weil der Teufel oft auch in den Feinheiten und Details steckt. Dazu gibt’s aber vielleicht dann einfach mal… einen eigenen Beitrag.


Ich hoffe, dieser erste Einblick hat euch gefallen. Wenn ihr mir einen Kaffee spendieren und meine Beiträge zum Schreiben als queere_r Autor_in unterstützen wollt, könnt ihr das über Paypal sehr gern tun:

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Autor: Shiverrania

Schreibt schwule und trans* Phantastik mit kinky Elements, teilweise aber auch Gesellschaftskritisches.

3 thoughts

  1. Guten Abend!

    Dein Blog hat schon seit Längerem ein „Follow“ von mir, weil ich deine Perspektive auf das Schreiben und die derzeitige Literaturwelt sehr mag und die herrschenden Probleme (= fehlende Diversität in ALLE Richtungen) ebenfalls deutlich sehe- 🤔

    Deshalb: weiter so!, sagt ein Mitstreiter. VVN 😊

    Liken

    1. Hallo auch,

      und vielen Dank für das Feedback. Ja, es würd mich selbst freuen, wenn ich Schönes in der Art finden würde, statt es selbst schreiben zu müssen.
      Ich bemühe mich 😉

      Einen schönen Abend!

      Gefällt 1 Person

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