Haus Geneviève – II

[CN: Nacktheit, Folter]

Wie schon in der ersten Nacht beließ Ramon es auch in der Zweiten dabei, ihn gefesselt dort am Bettende zu lassen, und sich einfach nicht weiter um ihn zu kümmern. André hatte inzwischen reichlich Gelegenheit gehabt, jedes Detail im Raum zu betrachten – einschließlich diverser, metallener Ösen an der Decke, der gegenüberliegenden Wand, und auch weiter oberhalb an der Wand, an der er gefesselt blieb.

Als der Ablauf sich in der dritten Nacht zunächst wiederholte, mit lediglich der kleinen Abweichung, dass Ramon die Ketten etwas straffer zog, ehe er zu einer ersten Mahlzeit aufbrach, begann André darüber nachzudenken, ob er die Angst, die all diese kleinen Details dieses Raums in ihm auslösten, zurückschieben solle, und irgendeinen Vorstoß unternehmen, um dem anderen eine Reaktion abzuringen. Doch als er aus dem unruhigen Schlaf erwachte, in den er auch heute gefallen war, angespannt auf einen passenden Moment wartete, irgendetwas zu sagen oder zu tun, begann er zu ahnen, dass das hier anders werden würde. Ramon setzte sich nicht einfach an diesen Schreibtisch, heute, und überhaupt hatte André das Gefühl, dass er früh zurückgekehrt war. Nachdem die Tür sich hinter ihm geschlossen hatte, wandte er sich dem Schrank zu Andrés Linken zu. Fischte dann den Schlüssel aus der Hosentasche und öffnete die Hand- und Fußschellen, die sein Opfer in dieser unbequemen Pose am Boden hielten.

Erleichtert rieb André sich die Gelenke – seine Haut war wund geworden, über diese Nächte, in denen ständig das rohe Metall darauf lag. Doch Ramon zeigte sich wenig begeistert, dass er seinem schmerzenden Körper in dem Moment mehr Aufmerksamkeit schenkte als ihm. Die mehrstriemige Peitsche in seiner Hand bemerkte André erst, als sie ihn mitten im Gesicht traf.

Ungeduldig, noch ehe er sich ganz gefangen hatte von dem Schlag, machte Ramon ihm eine Geste hin zur Tür in der Ecke.

„Für menschliche Bedürfnisse, wenn du die haben solltest. Wenn du mir hier außer Blut irgendwelche Körperflüssigkeiten auf dem Boden verteilst, darfst du liebend gern bis zum Morgen bleiben und die höchstpersönlich auflecken.“

Angewidert verzog André das Gesicht. Als sich in Ramons Körperhaltung jedoch ein Zucken andeutete, das wohl einen baldigen nächsten Hieb ankündigte, sah er zu, seine steifen Gelenke in Bewegung zu bringen.

„Und die Klamotten kommen runter!“, rief Ramon ihm hinterher.

Seit Siverio ihn zur Strafe diesen Männern überlassen hatte, in der anonymen Wohnung, fühlte André sich unwohl mit vollständiger Nacktheit. Er zog sich überhaupt nur noch aus, um zu duschen, fühlte sich verwundbar, wenn er nicht wenigstens Unterwäsche auf seiner Haut spürte, und so war ihm heute nicht nur wegen der Peitsche unwohl. Immerhin, das versuchte er sich bewusst vor Augen zu halten, würde der Vampir ihn nicht vergewaltigen. So heftig einige der Strafen auch ausgefallen waren, derer er im Haus über die Zeit hinweg Zeuge geworden war: Diese spezielle Form der Gewalt hatte er tatsächlich nur dieses eine Mal erdulden müssen, und zwar auf Wunsch von niemand anderem hin als dem Meister persönlich.

Er hätte sich dennoch Rücksichtnahme gewünscht, auf diese Unsicherheit, die er verspürte, diese schwarze Wolke, die sich über seine Wahrnehmung regelrecht legte in diesen Momenten. Und so grausam Kyras Verlogenheit ihm gegenüber gewesen sein mochte, bei dieser Pseudo-Therapie, in der sie ihm Krankheiten und Selbstzweifel erst eingeredet hatte, so sehr wünschte er sich nun doch die Sitzungen mit ihr zurück, als Gelegenheit, irgendetwas von diesen Gefühlen loszuwerden.

Ramon war nicht sein Therapeut. Ein Grinsen schlich sich auf das Gesicht des Vampirs, als André aus dem Bad heraustrat, und den Raum einigermaßen verändert vorfand. Ein Paar an Ketten hing von der Decke herab, die Handschellen etwas oberhalb der Kopfhöhe befestigt. Ein Sortiment an Peitschen war auf dem Bett ausgebreitet, und erst jetzt bemerkte André, dass sich im Schrank eine ganze Sammlung an Folterinstrumenten fand. Nein, Ramon würde ihn nicht vergewaltigen. Er hatte andere Vorlieben.

Hatte André im ersten Moment noch ein wenig gehofft, dass er mehr bekommen würde als bloß Schläge, so erwies sich das zumindest für diese Nacht als Irrtum. Es gab kein Streicheln, keine Küsse, keine zärtlichen, aufmunternden Worte, nicht einmal eine tröstende Hand auf seiner Schulter oder hin und wieder einen sicheren, beruhigenden Griff in seinen Nacken. Es gab überhaupt nichts als seinen gefesselten, wehrlosen Körper, dem es anfangs schon Schmerzen bereitete, in dieser neuen Pose gefesselt stehen zu bleiben, und das Leder und später auch Holz, das ihn, seine Haut, gerade diesen ungeschützten Körper wieder und wieder traf, mal sanft, mal heftig, mal in langsamerem oder schnellerem Rhythmus, aber mit einer unbarmherzigen Ausdauer, unter der André schließlich jammerte, schrie, winselte, und sich am Ende einfach nur noch wünschte, es möge aufhören.

Er bettelte und heulte, flehte Ramon an, dass es genug sei, wollte wissen, was er getan habe, um etwas derartiges zu verdienen. Und er begann ihn zu hassen für das Lachen und Schmunzeln, die einzigen Reaktionen, die er auf sein Flehen, sei es auch noch so verzweifelt, bekam. Selbst als der Punkt, den er einigermaßen gut zu ertragen vermochte, lange überschritten war. Das hier war nicht Ramon, als Siverios gehorsamer Folterknecht, wie er ihn kannte. Das war nicht jemand, mit dem es eine Nacht lang nichts als Zärtlichkeiten geben konnte, Streicheleinheiten und Küsse. Das hier war jemand, der mit ihm tun konnte, was er wollte, ohne auch nur irgendwem dafür Rechenschaft schuldig zu sein. Und spätestens an dem Punkt, an dem André nach einer etwa halbstündigen Pause stärker und stärker seine geschwollene Haut an Rücken, Po und Schenkeln fühlte, das Pulsieren, die aufgeplatzten Stellen, an denen er Feuchtigkeit wahrnahm, und inständig hoffte, es überstanden zu haben, um umso verzweifelter aufzuschreien, als der andere den Rohrstock in die Hand nahm, war das alles nicht einmal mehr ansatzweise noch etwas, das er wollte.

Er wollte überhaupt nichts mehr, als einfach nur hier weg.

Eine Belohnung gab es unterdessen weder während dieser deutlich übertriebenen Session, noch bloß in Form eines Abschiedskusses, als Ramon sich vor dem Sonnenaufgang zurückzog, und ihn hier zurückließ, wieder an den Platz am Bettende gefesselt, noch immer splitternackt. Sonia übernahm es, seine Kleidung einzusammeln. Ihre Berührung an seinem Arm, als sie ihm die Augenbinde anlegte und ihn zurück in den Keller führte, war achtsam, und sichtlich darauf bedacht, ihm nicht wehzutun.

Sie störte sich weder an seiner Nacktheit, noch kommentierte sie seinen Zustand. Mitleid schien ohnehin nicht ihre Stärke zu sein. Taschentücher stellte sie ihm im Wohnzimmer auf den Tisch, ehe sie ging – nach Sonnenuntergang pflegte auch sie sich zum Schlafen zurückzuziehen. Doch ihr nüchterner, emotionsloser Umgang hatte auf seine Weise auch etwas Gutes. Zwar tröstete sie ihn nicht, sprach ihm keinen Mut zu. Aber andererseits verurteilte oder verachtete sie ihn nicht für sein heftiges Schluchzen, nutzte die Lage nicht aus, um ihm in den Rücken zu fallen, sich über ihn lustig oder ihn verächtlich zu machen oder ihn anzugreifen. Sie wusste, wie es ihm ging, so einfach war das. Und so ungewohnt es für ihn war, dieses Wissen, diese Erfahrung, die sie hatte, von einem anderen Menschen zu erleben, so gut tat es, gerade angesichts der Schmerzen, sich das erste Mal nicht gänzlich alleingelassen und allein damit zu fühlen.

Was ihm in den letzten Tagen als öde und langweilig erschienen war, die annähernd nicht existente Struktur während der Stunden, in denen die Sonne am Himmel stand, erlebte er heute als Wohltat. Das hier – bäuchlings auf der Couch liegen, eine Decke von der Lehne her so darüber gespannt, dass sie seine Haut nur wenig berührte, und doch zumindest etwas wärmte – war sein einziger Lebensinhalt. Keine Mails, keine Unterlagen, keine Telefonate oder Meetings, und heute nicht einmal die Hilfsarbeiten in der Küche, die er in den letzten Tagen übernommen hatte, um sich zu beschäftigen. Es gab hier nichts zu tun, das man dort draußen als Leistung angesehen hätte, durch die es sich hätte rechtfertigen lassen, ein angenehmes Leben davon zu führen. Er hatte seinem Herrn zur Verfügung zu stehen, und zuzusehen, dass sein Körper für ihn verfügbar blieb, das war alles. Wenn dieser Körper und die dazugehörige Psyche gefordert waren von dem, was man von ihm verlangte, war es seine Aufgabe, Sorge zu tragen, dass sie sich erholten. Nicht weniger als das. Aber auch nicht mehr.

Sonia unterstützte ihn, sah im Laufe des Tages nach den aufgeplatzten Stellen an seinem Rücken, die er selbst schlecht erreichen konnte, brachte ihm eine Salbe und Verbandszeug, worüber er zumindest lockere Kleidung tragen konnte. Mehr als das – Wundpflege, Schlafen, Essen – tat er nicht an diesem Tag. Aber allzu schnell neigten die hellen Stunden sich dem Ende. Und sein Körper schrie ihn regelrecht an, als die Dämmerung einsetzte: Er war nicht soweit. Nicht für die Ketten, nicht dafür, sich anbinden zu lassen, und schon gar nicht für weitere Prügel, die ihn dort mit großer Sicherheit erwarten würde. Sein Geist, diese Psyche, wollten nicht. Als Sonia ihn aufsuchte, um ihn nach oben zu führen, weigerte er sich.

Sie war wenig bereit, sich auf eine Diskussion mit ihm einzulassen. Auch sie selbst hatte in allererster Linie ihre Herrin in deren Räumlichkeiten pünktlich zu erwarten. Ihn zu zwingen, zu überreden oder bloß zu überzeugen, gehörte nicht zu ihren Aufgaben.

Sie beließ es bei dem obligatorischen Hinweis, dass es hier Konsequenzen habe, wenn man den Gehorsam verweigerte. Als ihm diese simple Bemerkung in seiner Verfassung nicht ansatzweise genügte, um sich einen Zentimeter von der Stelle zu bewegen, stellte sie jedoch klar, dass er zumindest im Wohnzimmer nicht bleiben könne. Wenn er allein hier unten bleiben wolle, nach Sonnenuntergang, würde er mit der Zelle vorlieb nehmen müssen, in der sein Gepäck sich befand. Und das zumindest akzeptierte er, auch wenn es ihm ein äußerst ungutes Gefühl verschaffte, als die Gittertür vor ihm zufiel.

Das hier war eine andere Art, ausgeliefert zu sein, als in einem privaten Zimmer gefesselt zu werden. Hier wäre er sichtbar für jeden. Und vielleicht, aber dessen war er sich nicht sicher, ebenso verfügbar für jeden.

Einen fragenden Blick warf Sonia ihm noch zu, ehe sie die Tür versperrte, bemerkte seinen Zweifel wohl sehr deutlich. Letzte Gelegenheit, wies ihr Blick ihn hin. Ein Wort verlor sie jedoch nicht.

André blieb stumm.

Ohne sich noch einmal umzuwenden, ging sie.

Auf der Liege fiel es ihm schwerer als auf der vergleichsweise bequemen Couch, eine Pose zu finden, die sich einigermaßen gut ertragen ließ. Die frischen Temperaturen hier hatte er unterschätzt, gänzlich verzichten mochte er auf die Bettdecke nicht. Und Sitzen war nicht unbedingt besser als Liegen, hatte Ramon doch auch seinen Po und seine Oberschenkel gründlich bedacht. Schlafen wäre ein Ding der Unmöglichkeit.

Anspannung blieb. Es war dunkel hier, und totenstill. Nur von der Flurtür her, die einen Spalt weit offen stand, fiel Licht in den Raum. Auf jedes kleinste Geräusch begann seine Konzentration sich zu richten, in dem schwachen Versuch, Bewegungen zu erahnen, die sich weiter oben ereignen mochten. Darauf, ob sich jemand dort aufhielt, ob irgendjemand herunterkommen würde, zu ihm. Und jede seiner eigenen Regungen, jedes noch so kleine Geräusch, hallte kalt und etwas dröhnend wider von den glatten Wänden, die schon das kleinste Rascheln befremdlich wirken ließen.

Erschrocken fuhr er auf, als er einmal für gerade einige Sekunden die Augen geschlossen hatte, angestrengt lauschend – und sich, als er sie wieder aufschlug, dennoch einem Gesicht gegenübersah, keine eineinhalb Meter entfernt von ihm. Einem Paar dunkler Augen, das ihm aus dem Schatten heraus intensiv begegnete, ihn betrachtete. Lockiges Haar fiel in das Gesicht. Direkt vor seiner Zelle saß Raoul auf dem Boden, und sah ihn einfach an.

Es jagte André einen Schauer über den Rücken. Reglos blieb der andere. Zeigte gerade den Hauch eines Grinsens, als André in seinem Schreck heftig auffuhr, und kurz darauf stöhnte über den Schmerz, als er mit dem wunden Rücken gegen die Wand stieß, auch die Beine etwas ungeschickt verrenkte. Ruhig, aufmerksam war dieser Blick. Aber es lag noch etwas anderes darin, das André schon im Salon mehr als einmal aufgefallen war, und das er nun, bei weniger als zwei Metern Entfernung, beinahe körperlich spüren konnte. Eine ungezügelte Gier, die sich ergötzen wollte, an seinem Leid vielleicht mehr als an seinem Blut. Ein wenig überkam ihn bei diesem Blick die Ahnung, dass die Gittertür vielleicht nicht in erster Linie dazu diente, ihm selbst die Freiheit zu versagen. Sondern dass sie ebenso gut dazu geeignet sein mochte, gerade die Freiheit der anderen zu begrenzen. Die Freiheit, mit ihm, einem hilflosen Menschen, nach bloßer Lust und Laune tun zu können, was immer ihnen gerade in den Sinn kam.

Noch immer drückte er sich rücklings gegen die Wand, Raoul gegenüber, und ungeachtet der Schmerzen, die ihm das bereitete, als die Tür zum Flur sich langsam öffnete, von dort nun auch etwas mehr Licht hereinfiel. Gemächlichen Schritts trat Siverio in den Raum. Mit flüchtigem Blick über André wandte er sich ebenso gemächlich diesem Gang zu, dem Bereich, den André zu Beginn einmal erkundet hatte, und in dem sich mehr als eine offensichtliche Folterkammer fand. Auf eine bloße Handgeste seinerseits hin stand Raoul nun zügig auf, verneigte sich tief vor ihm, und schlich, seinem Herrn voran, den Gang hinab, und damit ebenso zügig außer Sichtweite. Zu hören vermochte André nach wie vor nicht einen einzigen Schritt von ihm.

Reglos verharrte er selbst weiterhin so, als Siverio sich ihm von dort zumindest halb zuwandte, und ihn herablassend betrachtete. André schluckte. Er überlegte, ob es angebracht sei, es dem Vampir gleichzutun, und sich zu verneigen oder gar auf die Knie zu gehen vor dem unbezweifelten Gebieter dieses Haushalts. Auf diesen Gedanken hin offenbarte der andere ein kaltes Lächeln.

In der Tat. Er reagierte. Auf Gedanken. Er konnte das. Es war ein unglaublich unfairer Vorteil.

„Es ist interessant, wie bald du es offenbar darauf anlegst, die Gunst deines Herrn zu verspielen, André“, bemerkte er, mit derselben Verachtung, wie sie auch in diesem Blick lag, den er ihm schenkte. „Beachtenswert, wenn ich bedenke, von welcher Beharrlichkeit er berichtete, mit der du erbeten haben sollst, herkommen zu dürfen. Ich will dir einen Rat geben, so du dir darüber bislang nicht gewiss sein magst: Mag es auch keine beschlossene Sache sein, dass du dauerhaft bleibst – vor Ablauf der Zeit wird hier niemand entlassen. Und eine Woche dürfte es noch werden, wenn ich dahingehend nicht zur Gänze falsch informiert bin? Du solltest dich wirklich bemühen, Ramon über die Tage interessiert an dir zu halten. Es ist nämlich so: Eine Verwendung werden wir doch für dich finden. Und falls du es bis dahin zustande bringst, dass sich kein sonstiges Mitglied dieses Hauses dazu bereitfindet, dann sei dir versichert, dass ich nicht zögern werde, die Sache persönlich in die Hand zu nehmen. Die Folgen allerdings“, er schwieg eine Weile und schenkte ihm wiederum ein kühles, und überwältigend beängstigendes Lächeln, „dürften sich unter solchen Umständen dann etwas weniger reversibel gestalten, als du es dir jetzt wünschst.“

Eine Reaktion oder gar Antwort wartete er nicht ab. Ebenso gemächlich, wie er zuvor aus dem Flur getreten war, kehrte er André den Rücken zu. Und folgte Raoul mit bedächtigen Schritten in den tieferen, dunklen Kerkerbereich.

 

Weiterhin herrschte Halbdunkel vor. Der Zugang zu den Räumen dort hinten lag etwas verwinkelt, und beobachten konnte André nichts von dem, was sich dort abspielte. Aber alleine die Geräusche sprachen Bände. Das langsame, grausige Quietschen einer Tür, die beim Öffnen schwer über den Boden schleifte. Dumpfes Klirren von Ketten. Der schwere Knall von irgendetwas, das gegen Holz prallte oder gegen etwas anderes, Dumpfes; vielleicht eine Art Testschlag. Und das hallende Echo von Metall, das über Stein gezogen wurde; von Metall das auf anderes Metall dort prallte. Ein erstes Ächzen schon jetzt dabei. Raoul, wie André von der Tonlage her schloss. Ihm wurde eiskalt.

Er war unfähig, sitzen oder liegen zu bleiben, mit diesen Geräuschen aus dem Hintergrund. Sie hallten wider, von den Wänden hier, unausweichlich, wie vorher noch das harmlose Rauschen des Bettzeugs. Unentrinnbar für ihn, der hier festsaß in seiner Zelle. Eingesperrt.
Er stand auf, begann auf und ab zu laufen, fahrig. Verspürte durchdringende Kälte, die sich über seinen Nacken legten. Und betete, hier weg zu kommen, beinahe egal wie, ehe das, was sich dort hinten andeutete, erst einmal wirklich beginnen würde. Niemals wieder würde er es darauf anlegen, hier unten allein bleiben zu müssen.

Regelrecht erleichtert trat er einen Schritt vor, als in der Flurtür schließlich Ramon erschien, und ihm unter Grinsen als erstes den Gefallen tat, das Licht einzuschalten. Einen Moment brauchte es nun gar, bis André sich daran gewöhnte. Wie der andere sich so näherte, seine Haltung dabei, ließ ihn allerdings schnell bezweifeln, dass er es in diesem Sinne wirklich als Freundlichkeit zu interpretieren hatte, nun besser sehen zu können. In erster Linie schien es dem Vampir darum zu gehen, dass er Gelegenheit bekam, sich jeder Einzelheit dieses Ausdrucks absoluter Überlegenheit bewusst zu werden, den er mit sichtlichem Vergnügen vor sich hertrug. Und mit dem er André über Sekunden nun schweigend musterte, der zunächst nähergetreten war, sogar nach diesen Gitterstäben gefasst hatte, inzwischen aber ein gutes Stück Abstand hielt von ihm.

„Nun, hier glaubt wohl jemand, es sei an ihm selbst, zu entscheiden, wann er seinem Gebieter zur Verfügung stehen möchte und wann nicht?“, sprach Ramon ihn schließlich sichtlich amüsiert an, und weiter mit diesem Ausdruck, der André signalisierte, dass es ab diesem Zeitpunkt wohl ziemlich egal sei, was er weiterhin tun würde. Mehrere Sekunden ließ der Vampir ihn schmoren. Und der erste, scharfe Schlag, der mit einem Knall vom Raum dort hinten ertönte, machte das Ganze nicht ansatzweise besser. Flehend sah André dem anderen in die Augen, und der hielt seinem Blick stand. Was blieb ihm sonst zu tun? Vor ihm auf die Knie gehen? Bittend die Hände heben, gefaltet wie zum Gebet? Schließlich lachte Ramon vergnügt, zog einen Schlüssel hervor, und hielt ihm nach gerade zwei geübten Handgriffen die Tür auf.

„Du kannst froh sein, dass ich noch Pläne habe für diese Nacht, die sich leider nicht verschieben lassen“, bemerkte er. „Aber dass das klar ist: Bilde dir nicht ein, dass du ein Andermal, ohne solcherlei günstige Umstände, nur halb so ungeschoren davonkommen wirst wie heute.“

Erwartungsvoll blieb er direkt vor der Tür stehen. Und der Blick, den er einmal kurz demonstrativ zu Boden wandern ließ, war wohl ein Wink mit dem Zaunpfahl, nach dem André noch ganz anderes hätte blühen können, sollte er dem nicht folgen. So riet er einfach, was von ihm wohl verlangt wurde, ging auf die Knie vor dem Vampir, der vor ihm stehenblieb, und richtete den Blick zu Boden.

„Schau an, ein wenig lernfähig ist er dann wohl doch, unser Neuzugang“, lobte Ramon. Und André schloss die Augen, als er seine Hand, die heute überraschend warm war, über Nacken und Haare streichen fühlte, sie ihn hinter dem Ohr gar leicht kraulte. Entspannung gab es trotz der Zärtlichkeit hier jedoch keine. Kaum einige Sekunden später zuckte André erneut zusammen unter dem nächsten, hörbaren Schlag von dort drüben. Und einer Mischung aus Ächzen und Stöhnen, das er von Raouls Seite dieses Mal deutlich zu vernehmen glaubte, bei dem auch er selbst die Zähne zusammenbiss und die Augenlider krampfhaft aufeinander presste.

Wiederum lachte Ramon.

„Ja, du solltest wirklich darauf achten, wie bald du es dir hier mit wem verscherzen möchtest“, kommentierte er Andrés Reaktion mit einer herablassenden Freundlichkeit. „Aber wie schon erwähnt, für heute darfst du beruhigt sein. Ich hätte da noch eine Kleinigkeit vor. Zu deinem Glück, und vielleicht sogar zu deinem Vergnügen – das werden wir sehen, wenn wir dort sind.“

Ein Streichen über die Schulter bedeutete André, dass er sich erheben dürfe, und etwas ungelenk tat er das. Dann wieder so ein Schlag, und nun ein Stöhnen, das durchdringender wurde. Es wurde wirklich Zeit, hier weg zu kommen.

Flüchtig, und spürbar unbeeindruckt, warf auch Ramon einen Blick den Gang hinab.

„Ich möchte doch hoffen, dass du fähig bist, Dinge dieser Art zu ertragen“, meinte er. „Immerhin haben wir doch heute so eine Art Date. Und ein bisschen Peitschenknallen und Jammern dürften sich wohl auch in einem Fetischklub nicht gänzlich vermeiden lassen.“

Autor: Shiverrania

Schreibt schwule und trans* Phantastik mit kinky Elements, teilweise aber auch Gesellschaftskritisches.

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