Prioritäten

James war fertig. Aber erst, als er die Straßenbahn mit Cassari betrat – etwas, das für die sonstigen Mitglieder der Alten Schule, oder für Vampire überhaupt, ungewöhnlich gewesen wäre – wurde ihm bewusst, dass das ein Problem sein könnte.

Körperlicher Schmerz war es kaum noch, den er verspürte; und Schmerz war schon zu Beginn dieser Nacht nicht mehr das Problem gewesen. Aber die vielen Körper hier, auf engem Raum, ihre Wärme, ihr Geruch. Ein wenig wie gestern Abend. Es war einfach zu viel geworden.

Cassari nickte zu einem Sitzplatz, der frei wurde, aber James lehnte ab, schüttelte den Kopf. Aufmunternd lächelte der Vampir ihm zu. Als er den Arm nach ihm ausstreckte, kam James dem nach, hielt sich nur mit einer Hand leicht an einer der Stangen fest und schmiegte sich mit geschlossenen Augen gegen ihn, während die Bahn sich ruckelnd in Bewegung setzte. Sanft legte Cassari einen Arm um ihn. Und dankbar genoss James es, dass dieser Vampir, der ihm trotz des Aussehens eines Zwanzigjährigen mehr als ein Jahrhundert voraus hatte, diese ruhige Sicherheit bot, die er nach den Erlebnissen der vorigen Nacht im Moment so dringend brauchte.
Dass sein Bedürfnis nach Zuneigung, nach Zärtlichkeit, als etwas Sexuelles wahrgenommen werden könnte, kam ihm überhaupt nicht in den Sinn in diesem Moment. Als die Männergruppe im Vierer schräg gegenüber irgendetwas von „Schwuchteln“ von sich gab, ging es im ersten Moment völlig an ihm vorbei, so wenig war er fähig, es auf sich zu beziehen. Bis einer von ihnen aufstand, das Kreuz durchgedrückt, mit grimmiger Miene, und eine Faust in die offene Hand schlug, während er drohend auf sie zukam.

Wie ein Schalter legte es sich in ihm um, und seine friedliche, ruhebedürftige Stimmung war im Bruchteil einer Sekunde wie weggefegt. Binnen weniger als zwei Sekunden hatte er die Lage erfasst. Drei Typen, die noch dort saßen, einer davon kurz davor, ebenfalls aufzustehen. Der eine, der auf sie zukam; weiter im Hintergrund ein Mann, der weniger bereit wirkte, sich zu prügeln, von dem aber vielleicht doch mit Ärger zu rechnen wäre; auf der anderen Seite, hinter ihnen, wenigstens drei weitere Jugendliche, die sich im Verlauf ebenfalls einschalten könnten. Dazwischen Passanten, denen sein auf ‚Training‘ geschaltetes Gehirn Farben zuwies: Rot – würde sich einmischen; Gelb – würde weiter wegsehen, würde sich heraushalten; Grün – war dem Blick nach wohl willig, selbst einzugreifen, aber nicht bereit, eine gebrochene Nase zu riskieren. Und während er sich aufrichtete, sein Körper sich anspannte, und er unwillkürlich die Lippen ein wenig zurückzog, die ganze Aufmerksamkeit auf jedes relevante Detail in diesem Abteil gerichtet, angefangen bei den verwundbarsten Körperteilen sämtlicher potenzieller Gegner, bis hin zur Schlinge einer Handtasche, die sich als Waffe nutzen ließe, ließ auch Cassari den Arm sinken, den er eben noch um ihn gelegt hatte, und wandte sich ein Stück weit zu diesem Mann um.

Eine tiefe, durchdringende Ruhe ging mit einem Male von ihm aus. Und direkt blickte er diesem Menschen in die Augen, der einen kurzen Moment innehielt, dann aber einen weiteren Schritt auf sie zutrat.

„Setz dich am besten einfach wieder hin“, sagte Cassari schlicht.

James war selbst nicht ganz sicher, wie er das tat. Ob es Hypnose war, auf die der andere zurückgriff, oder einfach die selbstbewusste Ruhe, die in seinem sanften, aber bestimmten Tonfall lag. Der Mann hielt inne. Blickte sich dann einmal kurz um, über all diese Passanten, die James gerade einsortiert hatte; betrachtete besonders auch diese Frau, der er angesehen hatte, wie gern sie sich eingemischt hätte, hätte sie den Mut dazu gefunden. Und einen Augenblick lang machte James sich beinahe Sorgen um sie. Doch dann atmete er auf. Der Mann ließ die Schultern sinken und kehrte zu seiner Gruppe zurück, deren Gespräch verstummte. Selbst als die vier Männer die Bahn zwei Haltestellen später verließen, war es gerade noch ein Blick, sichtbar ablehnend, mit dem er sie bedachte. Als Cassari dem wiederum direkt begegnete, stieg er ohne ein einziges Wort aus.

Dankbar lehnte James sich gegen den Vampir, den einfach nichts zu erschüttern schien in seiner Ruhe, atmete einige Male tief durch. Und sanft streichelte der andere ihm auch jetzt wieder über den Rücken. Einige Sekunden schwiegen sie.

„Na, wie lange hätte das auf deine Art gedauert?“, fragte Cassari schließlich, sehr leise und mit einem flüchtigen Lächeln. James öffnete die Augen. Warf einen kurzen Blick auf die vier Plätze, auf denen diese Männer eben noch gesessen hatten, und zu denen sich nun eine gemischte Gruppe drängte, die eben erst eingestiegen war.

„Ziemlich genau sieben Sekunden“, antwortete er, ebenso leise. „Wenn sie überleben sollten: Fünfzehn.“ Einige Sekunden blieb er still.

„Und wahrscheinlich eine gute Woche an Strafarbeiten und Papierkram.“

Autor: Shiverrania

Schreibt schwule und trans* Phantastik mit kinky Elements, teilweise aber auch Gesellschaftskritisches.

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