Lucas

Paris, frühe 1970er Jahre

Cassari drückte sich gegen die Wand, schielte um die Ecke. Schräg über den Garten, zu den Fenstern neben der Tür. Sollte er wirklich…?

Lucas hatte erwähnt, dass er die gesamte Woche um diese Zeit hier sein würde. Und er war es schließlich gewesen, der ihn gestern hierher mitgenommen hatte, nicht wahr?

Cassari spitzte die Ohren, konzentrierte sich auf Geräusche aus dem Inneren, blickte noch immer zu den Fenstern dort herüber. Aber was war da… eine weibliche Stimme? Ein helles Lachen?

Wie ein Stein legte es sich auf seine Brust, als er nun Lucas erblickte, durch eines der Fenster, gemeinsam mit einer Frau. Flirtete er mit ihr? Worte konnte Cassari keine verstehen, aber der Tonfall sprach für sich. Neckisch, zärtlich, verspielt.
Er blieb skeptisch. Vielleicht bloß ein Mensch, ein Opfer, das der andere Vampir umgarnte, um mit einem gewissen Maß an Einverständnis von ihm trinken zu können? Cassari tat es selten, eine solche Nähe suchen zu den Menschen, deren Blut er raubte. Lucas‘ Gewohnheiten in dieser Hinsicht kannte er nicht, aber zugetraut hätte er ihm, es mit dem Thema deutlich anders zu halten als er selbst. Verführung, eine intensive Art, Nähe herzustellen, durchdrangen sein gesamtes Wesen.

Cassari zwang sich einige Sekunden regelrecht, weiter hinzusehen, verlangte es sich mit einem guten Maß an Gewalt ab, sich zu vergewissern. Sicher zu gehen, dass seine Wahrnehmung ihn nicht trog, es wirklich um mehr ging als das Notwendige, das auch seine Nächte bestimmte. Aber nein, es gelang ihm kaum länger als einige Sekunden. Diese sanfte Art, in der er sie hielt, sein ganzer Umgang mit ihr… liebevoll. Die Frau dort mochte ein Mensch sein, aber sie war mehr für ihn als Futter.

Vor allem wohl auch mehr für ihn, als Cassari es je hätte werden können.

Eine Weile drückte er sich mit geschlossenen Augen an die Wand, fühlte den Drang, zu weinen, hielt die Tränen jedoch zurück, blieb still. So heimlich, so leise, wie er sich hergeschlichen hatte, würde er gehen. Lucas wäre doch im Recht gewesen, auch wenn er ihn bemerkt hätte.
Cassari hätte sich im Moment gern mit ihm gestritten, hoffte heimlich darauf, dass sein Blick ihm noch begegnen würde, flüchtig, zufällig, und er Gelegenheit bekommen würde, ihm die Vorwürfe zu machen, nach denen sein Inneres so sehr schrie. Aber wenn er ehrlich war, gab es da nichts, was er ihm berechtigterweise hätte vorwerfen können. Man hatte ihn nicht eingeladen, für heute, nicht ausdrücklich. Er hatte sich etwas vorgemacht darüber, was das hier werden könne, hatte sich offensichtlich zu viel darauf eingebildet, gestern hierher gebeten worden zu sein statt in die vergleichsweise unpersönlichen, offiziellen Räume von Lucas‘ Linie. Der andere Vampir schien sich ohne ihn sehr gut amüsieren und beschäftigen zu können. Das hier war die Wahrheit. Und es war wichtig, um die Wahrheit zu wissen. Dennoch tat sie ihm unglaublich weh.
Einen letzten Blick warf er zurück, hinüber zu diesem Fenster, zu dieser Tür, an der Lucas gestern ihn verabschiedet hatte. Wie hatte Cassari das Ganze überhaupt für mehr halten können als einen Wunschtraum? Lucas wurde als Kandidat für einen Posten im Rat gehandelt. In wenigen Wochen würde er zu denjenigen gehören, die im Namen der Alten Schule über das hiesige Hoheitsgebiet dieses Bundes herrschten. Cassari dagegen war geächtet, annähernd ausgestoßen, würde ihm im Rahmen der Versammlungen nicht einmal mehr ungestraft in die Augen sehen dürfen.
Schon bei ihrem ersten Kennenlernen in Wien war dieser Rang eines Ausgestoßenen für ihn, damals noch unter dem Namen Felix, der Grund gewesen, gehen zu müssen: Als Flucht vor anerkannten, akzeptierten Mitgliedern, die nicht unter einem Bann standen wie er selbst, und die es auf ihn abgesehen hatten. Schon damals hatte damit er die Entscheidung getroffen, bei der es vielleicht hätte bleiben sollen, als Lucas vor einigen Monaten hier in Paris aufgetaucht war. Er hatte sich so sehr gefreut, ihn wiederzusehen. Aber es blieb zwischen ihnen doch alles, wie es gewesen war, vor etwas mehr als zehn Jahren. Zuneigung war nicht das Problem. Das zwischen ihnen konnte einfach nicht funktionieren.

Cassari ging. Er würde nicht zurückkehren. Lucas hatte es sicherlich nicht darauf angelegt, ihn zu verletzen, ein Teil von ihm sah das ein. Aber einem anderen Teil, dem, der dafür Sorge trug, dass er überlebte, war er es schuldig, bei dem Schmerz und der Trauer, die er schon jetzt durchlitt, es auf mehr davon nicht ankommen zu lassen. Lucas brauchte ihn nicht. Er konnte es nicht riskieren, dass das von seiner Seite aus anders aussah.

 

Er verstand sich gut darauf, Dinge zur Seite zu schieben. Er hatte sie bitter nötig, diese Selbstdisziplin, nach den Erfahrungen, die er in seinem Leben gemacht hatte, war geübter darin als andere. Nicht zu der Versammlung zu gehen, die knappe drei Wochen später stattfand, einfach abwesend zu bleiben, obwohl er wusste, dass Lucas dort sein würde, fiel ihm dennoch unglaublich schwer. Die gesamte Nacht blieb er unruhig, schaffte es nicht, sich hinzusetzen, überhaupt an einem Ort zu bleiben, und streifte bis in die frühen Morgenstunden einsam durch die Straßen. Häufig im Schatten, großenteils an Orten, die Menschen gemieden hätten. Zu trinken fand er auf diese Weise genügend, und doch verblieb ein Gefühl von Unbefriedigung. Wäre es nicht fair gewesen, hätte er nicht wenigstens versuchen sollen, Lucas zu erklären, was ihn umtrieb?

Nun, was hätte er ihm schon sagen können? Gab es denn einen Vertrag zwischen ihnen? Hatte der andere ihm je so etwas wie Zukunft versprochen? Überhaupt etwas versprochen, wie man es gegenüber einer Frau tun würde, als Geliebte_r? Liebe, Treue, Familie… Hatte Lucas ihm je Anlass gegeben, sich etwas dergleichen zu versprechen, das es bloß annähernd gerechtfertigt hätte, zu empfinden, wie Cassari es eben tat, wenn er an diese Frau dachte, und daran, wie Lucas mit ihr umgegangen war, sie berührt hatte?

„Hier steckst du!“, wurde er plötzlich gerufen. Die Stimme, kaum zwei Meter hinter ihm, erkannte er sofort.
„Meine Güte – ich habe mir Sorgen gemacht. Wo bist du die ganze Nacht gewesen?“

Cassari sammelte sich einen Moment, ehe er sich umwandte, tat es dann entschlossen und vielleicht ein wenig starr.

„Unterwegs war ich“, antwortete er, um Geradlinigkeit und Härte bemüht. Aber nun, da er in dieses Gesicht sah, wie Lucas ihm so vollkommen arglos begegnete, und tatsächlich einigermaßen besorgt, fiel es ihm schwer, diese Linie zu halten.

„Ich gehöre nicht zu den Obersten, ich bin zur Teilnahme nicht verpflichtet“, wies er ihn überflüssigerweise hin, möglichst kühl und sachlich. „Ein Mitbestimmungsrecht steht mir ohnehin nicht zu. Und bei öffentlichen Demütigungen und Körperstrafen zuzusehen, hat mir nie große Freude bereitet. Ich dachte, es wäre eine gute Idee, mich… fernzuhalten.“

Forschend begegnete Lucas ihm, und eine erste Ahnung schien sich in ihm zu melden, dass es mitnichten Stimmrecht oder öffentliche Folter waren, was Cassari wirklich bewegte. Der vermochte seinem Blick nicht standzuhalten. Doch er riss sich zusammen, während er zur Seite sah und auf einen Punkt zwischen Wand und Straße starrte, und verzog keine Miene.

„Wolltest du sonst noch etwas?“

Weiterhin perplex verschränkte Lucas die Arme, sah weiter zu ihm, aber noch immer eher besorgt als ärgerlich.

„Ich wollte sehen, ob es dir gut geht“, antwortete er, auch jetzt mit beinahe schmerzhafter Unbefangenheit. Cassari nickte einfach, blieb kühl, musste aber sehr mit sich kämpfen, um diese Haltung aufrecht zu erhalten.

„Es geht mir gut“, presste er hervor. „Und wäre das dann alles?“

Lucas lachte auf, noch immer sichtlich überrumpelt.

„Ich weiß nicht“, gab er zu. „Habe ich dir irgendetwas getan? Falls dem so sein sollte, war das sicherlich nicht meine Absicht. Und falls dem, weiterhin, so sein sollte, würde ich dich in aller Höflichkeit bitten, mich wissen zu lassen, worum es sich handelt.“

„Worum es…“ Cassari hatte bereits Anstalten gemacht, sich abzuwenden, drehte sich ihm nun doch wieder zu. „Du hattest gesagt, du wärst die ganze Woche im Atelier“, platzte es aus ihm heraus. „Aber dann warst du da mit dieser Frau, und es… es hat doch alles keinen Sinn, Lucas! Du wirst mich nie so ansehen wie sie. Und überhaupt – warum solltest du mich wollen, wenn du jemanden wie sie haben kannst. Warum solltest du mich überhaupt wollen? Mit ihr kannst du dich zumindest unter den Menschen sehen lassen. Ich meine – es ist doch einfach alles nicht richtig!“

Ein Teil seines Verstandes wies darauf hin, wie ein Tippen auf die Schulter, dass es für jemanden, der sich nicht die letzten drei Wochen den Kopf über das Für und Wider zerbrochen hatte, möglicherweise nicht ganz so eingängig sei wie für ihn selbst, was er redete. Streng genommen konnte er gar nicht wissen, ob Lucas diese Frau häufiger gesehen hatte als dieses eine Mal, vor inzwischen eben beinahe drei Wochen.
Etwas davon spiegelte sich einige Sekunden lang sichtbar in Lucas‘ Miene wider.

„Frau – mein Atelier… Aber ich verstehe nicht, Cassari. Als wir uns vor drei Wochen am Montagabend…“ Er stockte, seufzte dann tief, fasste sich mit der Hand an die Stirn.

„Du warst das, draußen an der Straße, bei meinem Treffen mit Claudette“, stieß er aus, begann dann aber langsam den Kopf zu schütteln. „Aber ich verstehe nicht, Dienstag…“, rechnete er weiter, stockte nochmals. Als er hilfesuchend zu Cassari herüberblickte, sah der stur weiter zur Seite, wollte ihm im Moment nicht in die Augen sehen. Und auch seine Gedanken hielt er sorgfältig verschlossen, schämte sich viel zu sehr, gerade angesichts dieser Reaktion des anderen, die er sich so sehr gewünscht hatte, und die aber doch einfach nicht sein durfte. Weil das zwischen ihnen, das, was sowieso nicht sein konnte und durfte, dadurch plötzlich diesen Hauch einer Chance bekam, die es so viel schmerzhafter machen würde, wenn die Realität am Ende ihren unvermeidlichen Sieg davontragen würde.

„Du hast… geglaubt, ich… hätte das als Einladung gemeint, als ich sagte, ich sei diese Woche…“ Er seufzte nochmals tief. Cassari dagegen stiegen die Tränen in die Augen.

„Ja“, rutschte es ihm zunächst heraus. „Ich meine – nein, ich…“ Er winkte ab, wollte diese Diskussion einfach nicht, nicht hier, nicht jetzt, am liebsten überhaupt nicht, nie.

„Vergessen wir es einfach, Lucas, ja? Bitte. Du hast sie, sie ist hübsch, sie ist eine Frau. Das mit euch kann etwas werden. Belassen wir es einfach dabei, und wir können ja dann in ein paar Jahrzehnten schauen, ob wir nochmal drüber reden. Wobei, selbst dann, eigentlich…“

„Cassari.“

In leisem, bestimmtem Tonfall unterbrach Lucas ihn. Inzwischen hatte er zu seiner Ruhe zurückgefunden, dieser tiefen Ruhe, die Cassari noch von niemandem in dieser Art erlebt hatte, und ein leichtes, entgegenkommendes Lächeln lag auf seinen Lippen. Sehen konnte Cassari es nicht, erkannte es vielmehr in seiner Stimme, hörte es deutlich aus seinem Tonfall heraus – ihn anzusehen, wagte er nicht.

„Du magst keine Frau sein, aber falls es dir noch nicht aufgefallen sein sollte, du bist tatsächlich ziemlich hübsch. Ich denke, als Künstler sollte ein solches Urteil mir wohl zustehen.“

„Lucas, bitte…“

Leise flehte Cassari, hatte sich ihm wieder zugewandt, und sah ihm schlussendlich nun doch in die Augen, noch immer mit dem festen Vorhaben, zu gehen. Doch ermahnend und bestimmt, wie er es sonst nur innerhalb ihrer erotischen Spiele von ihm erlebte, hob Lucas die Hand, ehe er erneut ansetzen konnte.

„Morgen Abend, neun Uhr, am Atelier“, befahl er. „Pünktlich. Die Zeit vorher solltest du nutzen, um zu trinken. Bei mir wird es dergleichen nicht geben.“

Er fing Cassaris Blick ein, als der ihm scheu begegnete, mit einer Mischung aus diesem Drang, zu flüchten, und einer leisen Hoffnung, aber auch einem Teil Frage, ob er das wirklich ernst meine. Schweigend hielt Lucas diesem Blick stand, bis Cassari schließlich nachgab, den Kopf sinken ließ und nickte.

„Gut, okay“, sagte er leise.

Lucas nickte, ging an ihm vorbei, legte ihm aber noch einmal eine Hand auf die Schulter.

„Mach so etwas nicht, Cassari“, verabschiedete er sich, ernst, aber auch mit einer seltsamen Mischung aus Tadel und Mitgefühl. Dann ließ er ihn einfach stehen.

 

Autor: Shiverrania

Schreibt schwule und trans* Phantastik mit kinky Elements, teilweise aber auch Gesellschaftskritisches.

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