Wahre Kunst

„Lefèvre – die Versicherung, nicht das Auktionshaus, nicht wahr?“, begrüßte Lucas Grandt seinen Gast mit einem Lächeln. „Bitte, nehmen Sie Platz!“

Etwas kühl erwiderte Joelle sein Lächeln, folgte der Geste ihres Gegenübers, und nahm in dem schweren Ledersessel Platz, den seine Assistentin ihr zurechtgerückt hatte.

„Ich sollte mich wohl geschmeichelt fühlen, dass Sie sich an meinen Namen erinnern, Monsieur? Wenn man bedenkt, als wie unmöglich es sich erweist, Sie bei Tage anzutreffen, scheint es, dass Sie ein vielbeschäftigter Mann sind.“

„Nun – die Agentur, die liebe Kunst – über zu viel Freizeit kann ich mich nicht beklagen. Aber an ein hübsches Gesicht erinnere ich mich gerne, Mademoiselle.“

„Madame“, korrigierte sie ihn.

„Entschuldigen Sie bitte: Madame, selbstverständlich. Wissen Sie, meine Assistentin zieht die altmodischen Umgangsformen vor. Ihrer Auffassung nach drückt sich ein besonderes Maß an Eigenständigkeit und Freiheit darin aus, dass sie sich nicht an einen Mann gebunden sieht. Aber ich schweife ab. Ich nehme an, Sie sind aus geschäftlichen Gründen hier?“

Mit einem etwas verschmitzten Grinsen begegnete er ihr, als sie vielsagend die Hand auf ihrer Aktentasche ruhen ließ. Lucas Grandt konnte äußerst charmant sein, und manchmal mochte sie es, sich von ihm umgarnen zu lassen. Verwirren ließ sie sich jedoch nicht davon.

Sein Büro machte es nicht unbedingt leicht, ein streng sachliches Gespräch zu führen. Es war nicht sonderlich groß, gemessen daran, dass es sich bei ihm um den Besitzer der Modeagentur handelte, in deren Räumlichkeiten sie sich befanden. Doch seine Künstlerseele war auch hier unübersehbar: Impressionistische Gemälde zierten die Wände, und selbst der Flur glich einer Kunstgalerie.

Apropos: Kunst. Joelle zog eine Mappe hervor, und reichte sie ihm über den breiten Tisch. Mit ehrlich wirkendem Interesse schlug er sie auf und begann, die darin befindlichen Abbildungen durchzusehen.

„Kommen die Ihnen bekannt vor?“, erkundigte Joelle sich, als sein Gesicht weiterhin ein etwas verschmitztes Lächeln zeigte, während er aufmerksam die Übersichts- und Großaufnahmen in Augenschein nahm, die sie ihm präsentierte.

„Nun, wie Sie wissen, habe ich ein gewisses Faible für diese Epoche“, bemerkte er, ohne den Blick von den Arbeiten zu lassen. „Natürlich fällt eine Beurteilung am Original leichter als anhand einer Fotografie, doch meiner Einschätzung nach: Barock, frühes 17. Jahrhundert? Leider fehlt in beiden Fällen die Signatur, was eine präzise Zuordnung erschweren dürfte. Der Stil kommt mir… bekannt vor.“

Es war eigenartig, sein Lächeln bei diesen Worten zu beobachten, und ehrlich musste auch sie ein wenig schmunzeln und den Kopf über sein Gebaren schütteln.

„Monsieur Grandt, Sie gehören zu den vermögendsten Männern dieser Stadt, und ich kenne Ihre Arbeiten. Sie sind ein hervorragender Maler. Aber mit Verlaub, Monsieur, in der Ihnen üblichen Perfektion sind Sie außerdem der wohl schlechteste Kunstfälscher, den ich je erlebt habe.“

Auch er schmunzelte, als er die Abbildungen sorgsam zurücksortierte und die Mappe schloss.

„Das ist ein schwerer Vorwurf, Madame“, wies er sie weiterhin etwas schelmisch hin. „Ich hoffe doch, Sie können das beweisen?“

„Monsieur!“

Amüsiert, aber auch ein klein wenig vorwurfsvoll nahm sie die Mappe entgegen, als er sie ihr zurückgab, und steckte sie zurück in ihre Aktentasche.

„Selbstverständlich liegen mir die Gutachten bereits vor. Die Farben stammen aus diesem Jahrhundert. Einige der Pigmente sind wie üblich sehr speziell. Wie auch Ihre Angewohnheit, winzige Fingerzeige einzubauen, die auf unsere heutige Zeit hinweisen. Ich habe keine Ahnung, wie Sie die hier in Umlauf gebracht haben. Aber unsere Gutachten werden jedes Gericht überzeugen.“

Lucas Grandt grinste kurz vor sich hin, schenkte ihr dann einen dieser intensiven Blicke, bei denen ihr kaum eine Wahl blieb, als sich ein wenig in ihn zu verlieben. Nun, in gewisser Weise mochte es wirken. Aber das würde sie nicht davon abhalten, ihren Auftrag zu Ende zu bringen.

„Was genau werfen Sie mir vor, Madame?“, fragte er nach, während sie seinen Verführungskünsten mit den ihren begegnete, und ihn ihrerseits mit ihrem Blick zu locken begann.

„Ich bin Maler, wie Sie wissen. Sie werden mir kaum verbieten wollen, zu malen?“

„Machen Sie mir bitte nichts vor, Monsieur Grandt“, erwiderte sie. „Ich weiß, dass die hier von Ihnen stammen. Ich dachte, Sie wollen vielleicht die Gelegenheit nutzen, sich zu äußern, ehe diese Sache offiziell werden muss.“

„Oh, Sie meinen, bislang konnten Sie keinen Nachweis dafür erbringen, dass ich finanziell in irgendeiner Weise profitiert habe, und spekulieren nun auf eine außergerichtliche Einigung, aus Mangel an Beweisen?“, hakte er nach. „Wenn ich es richtig sehe, Madame, wurde keines der Gemälde signiert. Wenn ihre Fachleute sich vom bloßen Stil beeindrucken lassen, halten Sie das tatsächlich für eine hinreichende Grundlage, mit derartigen Unterstellungen an mich heranzutreten?“

„Ich bin vor allem daran interessiert, Monsieur, meinen Kunden korrekte Urkunden darüber ausstellen zu können, um was genau es sich bei ihrem Besitz handelt. Verglichen mit dem, was diese Gemälde wert wären, wenn sie echt wären, verkaufen sich Ihre eigenen Werke für ein Butterbrot.“

Er lachte, doch freundlich, zugewandt. Nein, so leicht würde sie ihn zur Wahrheit nicht bewegen.

Ihr Blick blieb verführerisch, als sie sich nun ein Stück weit zu ihm herüberlehnte, und das Kinn auf ihre Hand stützte. Forschend sah sie ihm in die Augen.

„Michele Bizantini“, sagte sie. „Ich weiß, dass Sie selbst einige seiner Gemälde besitzen. Sein Stil ist es, den Sie so hervorragend kopieren, dass es sogar ausgewiesenen Experten schwerfällt, die Fälschungen als solche zu erkennen. Selbst die Fingerzeige, die Sie in den Schatten verbergen, sind selten eindeutig, ohne Datierung der Farben. Wieso, Lucas? Ist es die Epoche, die Sie begeistert, die damalige Zeit? Ist es die Art, die Farben zu setzen? Bizantini selbst, sein Charakter?“

„Darf ich erfahren, worauf Sie damit hinauswollen, Madame?“

„Nun, Lucas, vielleicht geht es Ihnen gar nicht um das Geld bei dieser Sache? Vielleicht sind Sie einfach ein Fan? Jemand, der begeistert ist von diesem Mann und seiner Kunst? Über die Nachahmung vielleicht versucht, ein wenig zu sein wie er?“

Lucas Grandt wirkte ernster, während sie ihm nun so direkt in die Augen blickte. Doch noch immer umspielte ein Lächeln seine Lippen. Er lehnte sich zurück, ließ den Blick über die Gemälde an den Wänden schweifen. Mit seiner Antwort ließ er sich dieses Mal Zeit.

„Der italienische Name trügt, wissen Sie“, erklärte er, nun ein wenig gedankenverloren. „Ursprünglich stammte Michele aus England. Die Kunst in Italien muss ihm als eine Offenbarung erschienen sein, wie eine vollkommen neue Welt. Eine Welt voller Tiefe, voller Dunkelheit und geheimnisvoller Schatten. Eine Welt, die zu erkunden sich lohnte und die jede Mühe wert gewesen wäre, sie in vollen Zügen in sich aufzunehmen, sie zu verwirklichen und mit allen Sinnen zu genießen.“

Dunkelheit, Tiefe.

All das lag auch in seinen Augen, als er nun wieder zu ihr herüberblickte. Und lange Zeit erwiderte sie seinen Blick schweigend.

„Er stammte aus England – wie Sie?“, hakte sie nach.

„Identifizieren Sie sich mit diesem Mann, Lucas?“, fragte sie nach einer Weile weiter. „Würden Sie wünschen, zu leben wie er? Zu sein wie er?“

Mit einem milden Lächeln, aber überraschend ehrlich, schüttelte Lucas Grandt den Kopf.

„Seine Zeit war eine andere“, antwortete er. „Wir müssen die Momente leben, die Welt nehmen, wie wir sie vorfinden. Das Heute, das wir erleben, ist für sich betrachtet nicht besser oder schlechter als das Seine. Es ist anders. Und so sind auch wir – anders.“

Einen Moment lang ließ er ihr noch Zeit.

„Nun, Madame, wenn Sie weiter nichts wünschen?“

 

Sie war lange fort, die Agentur längst geschlossen, als Lucas in den Aufzug stieg, mit seinem Schlüssel das Untergeschoss anwählte, das in der Auflistung der Etagen nicht einmal aufgeführt war. Die schlichte Tür, die ihn in dem kurzen Flur erwartete, zu dem der Aufzug ihn brachte, war heute unverschlossen. Cassari war im Inneren mit Verbesserungen an der Lichtanlage beschäftigt. Und er kam zu ihm herüber, nach kurzer Begrüßung, als Lucas vor einem der zahlreichen Gemälde stehen blieb, und es lange Zeit eingehend betrachtete. Kritisch warf auch Cassari einen Blick darauf, betrachtete dann forschend ihn.

„Also, auf Kunst verstehe ich mich ja wirklich nicht besonders“, bemerkte er. „Aber wenn ich mir das Ganze mit ordentlicher Beleuchtung vorstelle, würde ich sagen, du hast dich erstaunlich wenig verändert.“

Lucas lächelte. Cassari, neben ihm, verschränkte die Arme.

„Was hast du vor?“, wollte er wissen. Weiterhin lächelte Lucas.

„Ich weiß nicht“, meinte er. „Vielleicht sollte ich es verschenken. Mit ein paar marginalen Korrekturen.“

Auch auf Cassaris Gesicht schlicht sich nun ein Grinsen.

„Nichts für ungut, was das Untermengen moderner Farbkomponenten angeht, bei einer gründlichen Reinigung“, wandte er ein. „Aber den Titel und die Signatur wirst du in dem Fall nicht so einfach los.“

Lucas schmunzelte. Und ließ selbst den Blick über die genannten Merkmale gleiten.

‚Selbstbildnis‘, stand dort.

1628.

Michele Bizantini.

Autor: Shiverrania

Schreibt schwule und trans* Phantastik mit kinky Elements, teilweise aber auch Gesellschaftskritisches.

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