Geschätzt

Enrym wusste, von der anderen Seite her konnten sie ihn sehen.
Für ihn war die Wand zum Flur hin ein Spiegel. Aber als man ihn hereingeführt hatte, hatte er einen Eindruck davon bekommen, wie die Präsentation sich für die Käuferinnen und ihre Dienstboten darstellte. Endlos wirkende, blitzsaubere Gänge. Zu den Seiten Schauräume, zwei bis drei Armlängen breit und etwa eine Armlänge tief, deutlich markiert mit einer Kennziffer. Davor oder daneben ein Terminal mit den Daten, die die Herrscherinnen und ihre Einkäufer interessierten: Alter, Abstammung, Fähigkeiten.

Jasrar, sein Aufseher, hatte ihm genüsslich vorgetragen, was alles dazu beitrug, dass sie seinen Kaufpreis von vornherein gering ansetzen mussten. Seine schlechte Abstammung als ganz wesentlichen Punkt dabei, mit eher geringem Gen-Anteil der Jalmis, der reinsten Sklavenrasse, die der Markt zu bieten hatte. Einige von ihnen erreichten eine Körperkraft, Schnelligkeit und Intelligenz wie die Herrinnen, die Azyn, selbst – für ihn wäre das undenkbar. Die etwa 30%, die man bei ihm festgestellt hatte, waren andererseits zu viel, als dass er als unkompliziert gegolten hätte, wie die gänzlich Unreinen selbst, in seinem Falle, der Herkunft nach, Menschen. Er würde langsamer altern, widerstandsfähiger sein, und den Umgang mit Energien im Gegensatz zu ihnen ein wenig beherrschen; aber eben nicht genügend, um damit wirklich viel zu erreichen. Und als Gegensatz zu diesen eigentlich positiven Eigenschaften hatten Jalmis-Anteile den Ruf, zu einem schwierigen, weniger folgsamen Charakter beizutragen. Die Azyn waren wenig gesellig, und auf die Sklavenrasse, die ihnen am nächsten kam, traf das in ähnlichem Maße zu. Dass er in Gruppen nie negativ aufgefallen war, änderte an dieser Voreingenommenheit nichts. Unterm Strich trug es nicht dazu bei, seinen Wert zu heben.
Weder seine Mutter noch sein Vater hatten es allzu weit gebracht in der komplexen Hierarchie dieses Sklavenhaltersystems, und bei den meisten Tests im jungen Alter hatte auch er erwartungsgemäß eher begrenzte Leistungen gezeigt. In der Diplomatie wäre mit ihm nicht viel anzufangen gewesen, im Kampf noch weniger. Wartungsaufgaben, darauf hoffte er ein wenig. Auch sein technisches Verständnis hielt sich in Grenzen. Für die wirklich wichtigen Aufgaben auf einem Schiff – Triebwerk oder Umweltgeneratoren, oder gar einen Posten im ZKR, der Steuer- und Kommunikationszentrale – würde es nicht reichen. Aber Hilfsarbeiten vielleicht. Einfache Technik, Reparaturen in Sklavenquartieren, Arbeiten im Versorgungsbereich. Am meisten graute ihm vor einer Zukunft im Vergnügungssektor zweiter Reihe, wie sie die Gespiel_innen von Gladiatoren und hochrangigen Jalmis nannten, die ihnen für ihre Verdienste gleichsam als Sklaven überlassen wurden. Hübsch genug wäre er dafür. Der noch größere Alptraum allerdings wäre der Zuchtbetrieb, für den man nicht seine Gene, sondern bloß seinen Körper gebrauchen würde.

Er selbst war auf diese Weise zur Welt gekommen: Ausgetragen von einer Amme. Er konnte sich an ihn oder sie nicht erinnern – nur wenige Wochen beließ man die Neugeborenen bei denen, die sie ausgetragen hatten. Grundkenntnisse darüber waren ihm im Zuge seiner Ausbildung vermittelt worden, für den Fall, dass er selbst in der Zucht eingesetzt werden sollte. Es gab gewisse Hormonzyklen, im Verlauf von Schwangerschaft und Geburt, die durch das Einhalten entsprechender Zeitfenster unterstützt werden sollten. Eine zu frühe Trennung konnte eine geplante, folgende Schwangerschaft verzögern. Aber länger als notwendig überließ man die Neugeborenen den Austräger_innen nicht. Die Aufzucht nach der Geburt war nicht ihre Aufgabe.

Bei reinrassigeren Jalmis wurde auf natürliche Fortpflanzung deutlich größeren Wert gelegt. Man ging davon aus, dass gewisse genetische Inkompatibilitäten so vermieden werden konnten, und manche Jalmis erhielten die Gelegenheit, bis zum Jugendalter mit den Kindern zusammenzubleiben; häufig wurden so von Eltern an die Kinder bereits Verhaltensvorgaben und Rituale vermittelt. Aber dieses Vorgehen war aufwendig und meist eher Privileg einer äußerst gehobenen Gruppe von Jalmis, als dass es für die breite Zucht geeignet gewesen wäre. Bei Sklaven seines eigenen, eher niedrigeren Ranges wurden Feinheiten wie die soziale Beziehung der Eltern außer Acht gelassen; die Kompatibilität des Genmaterials wurde per Computeranalyse geschätzt, und Föten, deren Entwicklung Mängel aufwies, wurden schlichtweg innerhalb der ersten Wochen entfernt. Ammen, als lebendige Gebärmaschinen, waren eine vergleichsweise günstige Investition, und die Algorithmen erzielten eine hohe Erfolgsquote. Auf dieser Rangstufe auf natürliche Weise zu züchten, hätte einen unangemessen hohen Aufwand bedeutet. Letztlich war es eine Kosten-Nutzen-Abwägung. Für die Herrinnen kam es in dieser Preis- und Qualitätssparte in erster Linie darauf an, in ausreichender Menge liefern zu können.

Ein Klicken ertönte, ein leiser Pfeifton. Die Sprechanlage war aktiviert worden.

„Steh auf“, befahl jemand. Die Stimme klang weiblich, aber dass es auf der anderen Seite eine Azyn war, die persönlich mit ihm sprach, hielt er für unwahrscheinlich. Er war seit Stunden hier, der Verkaufstag neigte sich dem Ende. Die Auswahl der begehrteren, jungen Jalmis, nahmen die Herrinnen zum Teil selbst vor. Aber das geschah früh am Tag, solange es eine entsprechend große Auswahl gab. Im günstigeren Preissegment, wo die Nachfrage sich vergleichsweise in Grenzen hielt, waren es dagegen meist Einkäufer, die eine Vorauswahl trafen, oft selbst Jalmis mittelmäßiger Abstammung, aber für gewöhnlich gut trainiert in der Beurteilung von Rekruten, wie auch im Umgang mit der Peitsche. Viele von ihnen übernahmen nicht nur Vorauswahl und Kauf, sondern im späteren Verlauf auch einen Teil der Ausbildung, insbesondere in Bezug auf das von der jeweiligen Herrin bevorzugte Verhaltensprotokoll.

Enrym gehorchte, nahm eine akzeptable Körperhaltung an, lauschte auf weitere Anweisungen. Doch er machte sich wenig Hoffnungen. Die Einkäufer, die jetzt noch unterwegs waren, hatten nicht mehr die Zeit und nach inzwischen mehreren Stunden auch nicht mehr die Nerven, lange zu vergleichen. Wenn die Frau oder Jalmis, die ihn eben angesprochen hatte, alle Kandidaten begutachtet hätte, die für den Posten in Frage kämen, für den sie suchte, würde sie vielleicht auf ihn zurückkommen. Aber Enrym bezweifelte, dass das geschehen würde. Wäre sie interessiert gewesen, hätte sie zumindest verlangt, dass er sich umdrehen solle. Oder ihm sogar Fragen gestellt.

Bitte, nimm mich doch mit!, flehte er. Aber was würde es nützen? Zu betteln oder sich anderweitig aufdringlich zu verhalten, stand ihm nicht zu und würde ihm höchstens eine Strafe einbringen. Und einen guten Eindruck würde er mit einem solch verzweifelten Gebaren auch nicht hinterlassen. Abgesehen davon – das Mikrofon schaltete sich nach wenigen Sekunden von selbst ab, und auch die Sprechanlage war vermutlich schon wieder deaktiviert. Niemand würde ihn hören.

Ihm graute davor, was ihn erwarten könnte, wenn sich wieder keine neue Besitzerin für ihn finden sollte. Es war das dritte Mal, dass er präsentiert wurde. Jasrar hatte Interesse bekundet, ihn für sich zu bekommen, und die Herrin hatte schon mehr als einmal ihr Vergnügen daran gehabt, zuzusehen, wie er Enrym demütigte, schlug, regelrecht folterte, einfach zum Spaß. Ein wenig vermutete er, dass sein Aufseher es vielleicht wirklich auf ihn abgesehen hatte, und absichtlich dazu beitrug, ihn als ein schlechtes Angebot erscheinen zu lassen – es gab da eine Menge Tricks, bei denen er damit nicht weiter aufgefallen wäre. Angefangen bei den Formulierungen auf seinem Datenblatt, bis hin zur Wahl der Vorführzelle, in der man einfach im Vergleich zu den Nachbarn schlecht dastehen konnte – zu teuer, zu wenig qualifiziert, oder, besonders bei der Haremsauswahl, einfach nicht attraktiv genug. Schlussendlich vielleicht auch so weit abgelegen von den Vergleichskandidaten, bei einer Platzierung zwischen Reinrassigen, die schon früh am Tag verkauft wurden, dass es den Umweg nicht lohnte. Wer auf den endlos langen Gängen den halben Tag unterwegs gewesen war, machte zu dieser späten Stunde keine unnötigen Umwege mehr.
Enrym betete, dass irgendjemand doch noch Interesse an ihm zeigen würde. Bislang hatte Jasrar ihn zumindest sexuell nicht anrühren dürfen. Sklaven in seinem Alter, mit etwas weniger als zwanzig Jahren und aus erster Hand, hatten jungfräulich zu sein, allein schon für den Fall, dass ihr neuer Platz im Harem sein sollte. Enrym wusste, der Aufseher wartete seit Monaten auf die Gelegenheit, auch in dieser Hinsicht mit ihm tun zu dürfen, was er wollte. Gemessen an dem, was er von ihm befürchtete, hätte er es gar vorgezogen, jemandem aus dem Gladiatorensektor überlassen zu werden. Im Gegensatz zu diesem Sadisten bekamen diese Kämpfer zumindest Gelegenheit, sich an einem Gegner abzureagieren, statt das an ihrem Eigentum tun müssen.

Oh, ja, man hat sich da wirklich große Mühe mit dir gegeben. Man könnte sagen, du bist ungefähr am Ende von ALLEM, hörte er es mit einem Male in seinem Kopf, und irritiert blickte er sich um.

Hatte jemand das Mikrofon benutzt, und er war vielleicht eingenickt und hatte deshalb den Eindruck, es mit einer Art Traum zu tun zu haben?

Ah, wir verstehen wir uns?, hörte er die Stimme wiederum, und weiter sah er irritiert von einer Ecke des Raums zur nächsten.

„Hallo?“, fragte er. Aber es gab kein Rauschen und keinen Pfeifton. Das Mikrofon schien ausgeschaltet zu sein. Zu gern hätte er im Moment auf die andere Seite sehen können, statt bloß sein eigenes Spiegelbild betrachten zu können.

Ungeübt nicht ganz einfach, aber wenn wir das schaffen sollten, wäre es ein wirklich guter Anfang, sprach diese Stimme ihn wiederum an, und wieder war er sich sicher, dass sie real war, auch wenn er sie nicht direkt im Raum hören konnte. Es war eher wie eine Überlegung, direkt in seinem Kopf; wie ein Gedanke, der sich farblich von dem, was er selbst dachte, jedoch deutlich abhob. Telepathie?

Komm doch mal her, zum Fenster, und lege eine Hand auf die Scheibe, lud die Stimme ihn ein. Misstrauisch blickte Enrym sich noch immer um. Aber was hatte er zu verlieren? Die anderen, die sonst durch die Anlage mit ihm sprachen, konnten ihn ebenso sehen, ohne dass er von ihnen je etwas erfahren hätte. Einer Stimme zu gehorchen, die es gar nicht gab, war streng genommen nicht so viel lächerlicher, als sich sonst jemandem zu präsentieren, der vielleicht längst weitergegangen war. Und möglicherweise war dieser jemand, der mit ihm kommunizierte, ja wirklich direkt dort, keine zwei Meter vor ihm?

Ein wenig skeptisch blieb er, als er aufstand und gehorchte. Doch die Stimme ließ ihn nicht im Stich.

Sehr gut, wurde er gelobt, glaubte etwas Freundliches darin zu hören. Jetzt schließ deine Augen.

Enrym lächelte, schüttelte zwar kurz den Kopf, tat aber wiederum, was man von ihm verlangte. Es war seltsam, er hatte sich nun über Stunden gelangweilt, so ganz allein. Wie ein Spiel kam ihm das hier vor, stellte eine Verbindung her, etwas Vertrautes. Ungewohnt. Aber doch auch interessant.

Konzentriere dich auf deine Handfläche.

Wieder gehorchte er. Und dann geschah es plötzlich. Etwas schien ihn zu ziehen, seine Gedanken, seine Konzentration. Die Empfindung seiner Handfläche änderte sich. Augen öffneten sich. Er bemerkte es, als Zuschauer regelrecht – sie gehörten nicht ihm. Es war nicht sein eigener Körper, den er fühlte. Die Person auf der anderen Seite war kleiner als er, zierlich. Und als sie die Augen öffnete, konnte auch er durch diese Augen mit einem Male sich selbst betrachten, wie er dort stand und die Hand auf diese Spiegelwand gelegt hatte. Aber von außen. Von der anderen Seite. Vom Gang, der zu beiden Seiten leergefegt dort lag, die Präsentationszellen im Umfeld längst abgedunkelt. Von wo aus dieser jemand, dessen Körper er gerade fühlte, seinerseits eine Hand auf die Scheibe gelegt hielt – direkt gegenüber seiner eigenen.

Er erschrak dermaßen, als er begriff, was hier vor sich ging, und war derart befremdet davon, sich selbst, seinen eigenen Körper, dort stehen zu sehen, mit leichtem Lächeln und geschlossenen Augen, dass es ihn abrupt in seinen eigenen Körper zurückwarf. Er taumelte unter der Wucht, mit der sein Ich in dieses materielle Etwas prallte, wich zurück, fing sich nur mit Mühe ab. Ein leises Schmunzeln erklang von dieser schwer greifbaren Stimme.

Für einen Anfänger wirklich ziemlich gut, stellte der jemand auf der anderen Seite fest. Dann ertönte schlussendlich doch das Knacken der Sprechanlage.

„Psi-Fähigkeiten stehen für dich überhaupt nicht auf der Liste“, wurde er angesprochen. „Hat deine Herrin das nie erfasst? Oder bist du ein Spätzünder, postpubertär? Ist auch schon vorgekommen.“ Die Stimme klang freundlich, und hatte eindeutige Ähnlichkeit, in ihrer Weichheit, ihrem Klang, zu der, die ihn eben gerufen und ihm Anweisungen gegeben hatte.

„Ähm, ich…“, stammelte er. Nein, in der Tat, untersucht hatte man das bei ihm nie. Streng genommen war dieses ganze Thema ihm immer so fern erschienen, dass er es bloß in Form von Scherzen kannte, die niemand wirklich ernst nahm.

„Du kommst wenigstens auf eine T3, nach meiner spontanen Einschätzung“, erklärte die Stimme vergnügt. „Mit etwas Ausbildung geht vielleicht sogar mehr. Aber lassen wir das für den Moment, als Ausgangsvoraussetzung genügt es in jedem Fall, in dieser Hinsicht. Etwas anderes… hier steht, du hast gerade eine Grundausbildung absolviert. Zusatzmodule für weiche Diplomatie und… irgendetwas mit Technik? Ist das richtig soweit?“

„Ja, Syre. Kleinstelektronik und…“

„Bloß nichts mit Syre, bitte!“, lachte der andere. „Qurai’jin ist mein Name, Raj für dich. Und Technik generell ist gut, Einarbeitung dürfte so oder so nötig werden. Als Ausbildungsumgebung steht hier etwas von Gruppenarbeit, mittlere bis große Teilnehmerzahl – hast du Erfahrung in Einzelarbeit oder in Teamarbeit, mit drei bis höchstens fünf Mitgliedern?“

Enrym atmete tief.

„Nein“, antwortete er wahrheitsgemäß. Und fühlte seine Hoffnungen sinken.

Was sein Gegenüber suchte, wenn er begann, nach so etwas zu fragen, würde er nicht leisten können. Einzelarbeiten und Kleingruppen, das hatte es für ihn aus gutem Grund nicht gegeben: Es waren Aufgabengebiete und Arbeitsbereiche für reinrassige Jalmis. Auf so einem Niveau würde man von ihm erwarten, wenigstens vier Sprachen fließend zu beherrschen, Inhalte innerhalb von Wochen zu lernen, für die jemand wie er Monate brauchen würde. Schrift und Rechtschreibung beherrschte er für gerade zwei Sprachen. Und es war ja nicht einfach ein Gerücht, mit der höheren Kompetenz je nach Abstammung. Er hatte es selbst beobachtet, bei den Reinrassigen, in den allerersten Ausbildungsmonaten, die für alle gemeinsam stattfanden: Sie lernten einfach unglaublich schnell, sowohl in der Theorie als auch bei den praktischen Fähigkeiten. Wenn dieser Raj für eine Herrin und einen Posten mit solchen Ansprüchen suchte, würde Enrym daran kläglich scheitern. Und selbst wenn sie ihn nehmen würden, würde das möglicherweise harte Strafen bedeuten, um ihm mehr Leistung abzuverlangen, zu der er einfach nicht fähig wäre, oder nach der Einsicht schließlich einen zügigen Weiterverkauf, im schlimmsten Falle auf einem Förderplaneten, der Endstation, die kaum jemand lebend verließ.

„Du meine Güte, du malst dir deine Zukunft ja bemerkenswert schwarz!“, unterbrach der andere seine Gedanken. „Da bekommt man ja schon vom Zuhören Angst.“

Hörbar atmete er ein, begann dann in ruhigen Worten, zu erklären.

„Es ist so, damit du den Zusammenhang verstehst:“, sagte er. „Meine Herrin rüstet momentan ihren Zerstörer auf, und wir sprechen da von beachtlichen Anbauten. Wir brauchen für fast jeden Bereich Leute, zur Not auch einfach für Alltagsaufgaben, Instandhaltung. Neuinstallationen ebenfalls, aber das ergibt sich, da haben wir Experten. Was ich von dir wissen muss: Traust du es dir zu, in einer Truppe von zwanzig bis höchstens fünfzig Leuten wochenlang im leeren Raum unterwegs zu sein? Wir werden Aufträge zur Grenzüberwachung übernehmen, manchmal auch Eskorte, und hin und wieder könnte es zu offenen Gefechten kommen. Wir sind ein gut eingespieltes Team, wenn alles gut läuft, passiert niemandem etwas – und wenn dir bei den ersten Treffern auf die Außenschilde erstmal schlecht wird vor Angst, ist das völlig okay. Aber falls für dich absehbar ist, dass du mit Enge, Abgelegenheit und kleinen Gruppen nicht zurechtkommst, kann ich höchstens bei einer Bekannten meiner Herrin anfragen, ob sie Verwendung für dich hätte. Unser Schiff ist kein Repräsentanzschuppen, und was wir da draußen erledigen, ist manchmal schlicht und ergreifend gefährlich. Aber gerade deswegen zählt bei uns jedes Crewmitglied. Da draußen haben wir nur uns.“

Enrym biss sich auf die Lippe. Wow, überlegte er, und der Boden unter seinen Füßen fühlte sich mit einem Male sehr weich an. Ein Zerstörer, richtig klassisch, in der traditionellen Rolle der Azyn, die ihnen damals dazu verholfen hatte, das führende Volk in diesem Teil der Galaxis zu werden. Er hatte nie in Erwägung gezogen, dass man ihn je für einen Posten auf solch einem Schiff in Betracht ziehen würde. Oder überhaupt für ein Umfeld, bei dem es Grund gegeben hätte, sich vor dem zu fürchten, was da kommen konnte. Die riesigen Schiffe, auf denen die Azyn oft einen ganzen Hofstaat beherbergten, glichen fliegenden Städten, und waren zwar äußerst schlachttauglich, gerieten aber selten in ernsthafte Konfrontationen. Das hier klang nach einem Abenteuer. Eigentlich hatte er nicht damit gerechnet, dass es so etwas für jemanden wie ihn einmal geben könnte. Allein schon, dass man ihn fragte, sich überhaupt für seine Sicht der Dinge interessierte, war mehr, als er erwarten konnte.

Ob er versuchen sollte, in Worte zu fassen, was er dachte? Oder ob der andere wohl ohnehin seine Gedanken verfolgt hatte, wie vorher schon?

Raj schmunzelte, dieses Mal hörbar, durchs Mikrofon.

„Naja, der Anstand gebietet, dass man in Wort und Sprache antwortet, wenn man in Wort und Sprache gefragt wird“, bemerkte er, weiterhin freundlich. Enrym musste lachen.

„Ach, ist das so“, erwiderte er. „Na schön, dann also: Ich kann es nicht versprechen, gelernt habe ich nichts in der Hinsicht, und trainiert wurde ich auch nicht dafür. Aber ich würde es wirklich unheimlich gern versuchen.“

Auch sein Gesprächspartner lachte.

„Ja, so hatte ich das gerade auch schon verstanden“, sagte er, wirkte noch immer entgegenkommend. „Ich werde zusehen, was ich für dich tun kann. Und werde mir bitte nicht panisch, wenn das noch ein bis zwei Stunden dauert, ja? Du glaubst gar nicht, wie viel unsere Prima um die Ohren hat zu solchen Gelegenheiten. Ich verspreche dir: Falls das bei uns mit dir nichts wird, werde ich zumindest versuchen, einen Platz bei einer anderen Herrin für dich zu finden. Das mit der T3 behältst du für den Moment dann bitte noch für dich, ja?“

Enrym lächelte. Eine T-Stufe als Einstellungskriterium? Viel phantastischer ging es kaum. Aber ja, wahrscheinlich würde sich eine solche Begabung auf seinen Preis wohl auswirken, wertsteigernd, wenn jemand davon gewusst hätte. Irgendwie, dachte er, war es für den Moment aber wohl nicht falsch, wenn das sonst niemand wusste. Je niedriger der Preis, desto größer die Chance, dass man ihn nehmen würde. Und wenn seine bisherige Herrin es nunmal versäumt hatte, seine Fertigkeiten in dieser Hinsicht überprüfen zu lassen, dann wäre das fürs Erste nicht sein Problem. Falls er im Laufe des folgenden Tages von diesem Raj nichts mehr hören würde, könnte er immer noch auf diese Psi-Geschichte zurückkommen, um nicht dem Aufseher Jasrar in die Hände zu fallen.
Wenn sein Schweigen bis dahin dazu beitrug, ihn hier wegzubringen, war es das Mindeste, vorerst still zu bleiben.

Autor: Shiverrania

Schreibt schwule und trans* Phantastik mit kinky Elements, teilweise aber auch Gesellschaftskritisches.

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