Haus Geneviève – I – Ankunft

Ausnahmsweise war es heute nicht spät, sondern früh. Knappe zwei Stunden vor Sonnenaufgang.

Nervös schloss André den Koffer, atmete noch einmal durch. Dann machte er sich auf den Weg. Bis zum Ende der Straße ging es heute gerade, kaum zwei Minuten Fußweg von der Haustür. Dennoch blickte er zurück, etwas wehmütig. Etwas zu wehmütig, wie er sich selbst tadelnd erinnerte. Das hier wäre noch kein endgültiger Auszug. Es war der Aufbruch zu gerade dem, was er bei seinem Arbeitgeber als zweiwöchigen Urlaub beantragt hatte. Zehn Tage Zeit, um herauszufinden, ob er geeignet wäre für das, was in der Zeit danach vielleicht seine dauerhafte Zukunft werden konnte.

Wenn er das wollte.
Und, was vielleicht das Schwierigere daran werden würde, wenn er sie überzeugen konnte, dass auch sie das wollten.

Abschätzend musterte Marina seinen breiten, ledernen Koffer. Sie war ausgestiegen, sah ihm dabei zu, wie er sein Gepäck im Kofferraum verstaute. Keine Limousine, der Kombi stattdessen, mit dem man ihn damals der Polizei regelrecht vorgeführt hatte. Aber für die Fahrt heute sicherlich praktischer als ein Luxuswagen.

Obwohl es eine letzte Prüfung für ihn werden sollte, und schon jetzt ein gänzlich anderes Maß an Zugehörigkeit ausdrückte als die Aufenthalte über wenige Stunden, die menschliche Gäste für gewöhnlich blieben, hatte sich an den Sicherheitsmaßnahmen nicht viel geändert. Vielleicht auch, weil er immerhin ein Mal versucht hatte, die Vampire gegenüber der menschlichen Polizei zu entlarven. Vielleicht aber einfach aus Prinzip.
Das Tragen einer Armbanduhr war ihm ausnahmsweise gestattet, wie auch die Mitnahme von Geldbörse und Papieren. Handys und sonstige, fortschrittliche Technik blieben ihm untersagt, und er rechnete damit, dass man sein Gepäck gründlich durchsuchen würde, nach jeglicher Art von Überwachungstechnologie. Er hatte sorgfältig darauf geachtet, nichts mitzunehmen, das einen Verdacht in dieser Richtung erhärten könnte. Niemals wieder würde er die Interessen der menschlichen Gesellschaft über seine Zugehörigkeit zu ihnen stellen. Und er betete, dass sie ihn wirklich wollten.

Marina wirkte etwas kurzangebunden; ein wenig kannte er sie ja inzwischen, und wusste ihre Stimmung einzuschätzen. Auch heute wurden ihm zur Fahrt die Augen verbunden. Aber schon nach dem Betreten des Hauses bemerkte er deutlich, dass ihr Ziel ein anderes war als sonst. Sie folgten einem Gang über Teppichboden, in einen hallenden Raum, eine Tür wurde hinter ihnen geschlossen. Marina nahm ihm die Augenbinde ab.

Tatsächlich, sie befanden sich in einem Gebäudeteil, der ihm vollkommen fremd war. Sie standen am Rande einer Treppe, in einem düsteren, fensterlosen Steinflur. Sie winkte ihm, ihr nach unten zu folgen.

Ein wenig frisch war es hier. Bereits ein Geschoss tiefer traten sie auf einen steinernen Gang, mit rauem Steinboden und kahlen, hallenden Wänden. Und, wie er schon von hier ausmachte, Gitterstäben. Ein Gefängnistrakt?
Drei offen einsehbare Zellen mit Pritschen und Toilette passierten sie, tatsächlich ein wenig wie in einem Gefängnis. Auf der gegenüberliegenden Seite ging ein Gang ab, der sich im Dunklen verlor. Mit hochgezogenen Schultern folgte André der Vampirin, die ihn noch immer geleitete.

„Nicht trödeln“, ermahnte sie, als er an einem weiteren Gang einmal kurz innehielt, zu erhaschen versuchte, wohin dieser führen mochte. André fühlte sich unwohl. Inständig hoffte er, dass das hier nicht sein Nachtlager werden würde.

Zu seiner Erleichterung lag am Ende des Raums eine weitere Tür, hinter der die Gestaltung deutlich freundlicher wurde. Eine nicht ganz moderne, aber großzügige Küche erwartete sie dort, mit Essbereich für wenigstens vier Personen und einer kleinen Theke samt Barhockern. Kühlschrank und Herd gab es, eine Mikrowelle fehlte. Als sie eintraten, öffnete sich gerade auf der gegenüberliegenden Seite eine weitere Tür, und eine junge Frau drängte sich rücklings in den Raum, die Arme um einen Toaster und einen Wasserkocher geschlungen. Als sie André erblickte, deutete sie ihm mit einem Kopfnicken sofort, ihr eines der Geräte abzunehmen.

„Kannst du mir hier mal kurz helfen?“

Sie war schlank, nicht besonders groß, hatte ihr Haar teilweise abrasiert, teilweise trug sie es kurz, durchsetzt mit blonden und pinken Strähnen. Außerdem trug sie Piercings an Augenbraue und Nase, und als er nähertrat, bemerkte André, dass sie Kaugummi kaute. Und dass ihre Hand, als sie ihm den Toaster überließ, sich zu warm anfühlte, als dass sie ein Vampir sein konnte. Dennoch wirkte sie nicht annähernd so angespannt wie er.

„Na, dann, wie’s aussieht, kommt ihr miteinander zurecht“, kommentierte Marina knapp, mehr zu der jungen Frau als zu ihm.

„Sie ist länger hier als du. Du wirst tun, was sie sagt“, befahl sie anschließend ihm. Ohne seine Reaktion abzuwarten, ging sie.

Die junge Frau deutete ihm, den Toaster auf der Arbeitsplatte neben dem Herd abzustellen, baute auch den Wasserkocher daneben auf.

„So, das war’s“, stellte sie mit Blick über die Küche fest, vergewisserte sich kurz, dass der Kühlschrank lief.

„Wir hatten schon länger keinen Besuch auf Probe mehr“, erklärte sie knapp, reichte ihm dann die Hand, und ihr Händedruck war fest und entschlossen.

„Sonia“ stellte sie sich vor.

„André“, erwiderte er, noch immer sehr viel weniger entspannt als sie. Verunsichert warf er einen Blick zu der Tür, durch die Marina sie verlassen hatte.

„Vergiss es“, meinte Sonia, und deutlich fiel ihm dabei ihre raue, kratzige Stimme auf. „Um die Uhrzeit wirst du sie nicht zu fassen kriegen. Und reden würde sie so kurz vor Sonnenaufgang sowieso nicht mit dir. Nichtmal, wenn sie dich kennen würde.“

Nochmals warf sie prüfend einen Blick über die Küche, nickte zufrieden.

„Jepp, ich glaube, wir haben alles“, meinte sie. Dann machte sie André eine Geste, ihr in den Nachbarraum zu folgen.

Es war ein niedriger, etwas düsterer Raum mit flacher Decke, der ein Gefühl von Enge erzeugte. Eine ausrangierte Couchgarnitur stand hier, auch der Tisch wirkte nicht mehr ganz neu, beim Fernseher handelte es sich jedoch um ein einigermaßen aktuelles Modell. Momentan war das Gerät ausgeschaltet, und auch sonst gab es keinerlei Geräusche – keine Elektrogeräte, nicht einmal ferne Musik. Das nächste bewohnte Gebäude musste ein gutes Stück entfernt sein. Durch schmale, stark vergitterte Fensterschächte fiel ein wenig Licht in den Raum. Genug, um zu bemerken, dass es draußen hell werden musste.

Die Stille, das Gefühl, fern zu sein von anderen Menschen, erzeugten ein drückendes Gefühl, und André schlang die Arme um den Körper, als er Sonias Geste folgte und sich zu ihr setzte. Er schätzte sie jünger ein als sich selbst, Anfang zwanzig vielleicht.

„Du bist das erste Mal in so einem Haus, für länger?“, erkundigte sie sich in der direkten Art, die sie eben schon an sich gehabt hatte, und die ihn ein wenig überrumpelte. Zögernd nickte er.

„So ein Haus?“, fragte er nach. „Gibt es mehrere davon?“

Sie schien zu überlegen.

„Na, es gibt andere ‚Häuser‘ in Paris, also andere Vampire“, sagte sie dann, aber unschlüssig dieses Mal und vielleicht etwas ausweichend. „Kennst du die Regeln?“

Er zog die Schultern hoch.

„Nunja, kein Handy…“, begann er, aber mit einem offenen Lachen winkte sie ab. „Dachte ich mir schon, dass das an mir hängenbleibt.“ Sie tat ihm den Gefallen und gab ihm einen Überblick. Offenbar befanden sie sich in einem eigenen Gebäudeteil, ohne offene Fenster oder Ausblick nach draußen, mit ebenfalls fensterlosen Aufgängen. Kommunikation nach außen gab es von hier keine, der Fernseher diente nur zum Empfang, und sie würde überprüfen, was er sich ansah. Mal wieder eine Sicherheitsmaßnahme. Aber eine, wie sie bemerkte, notwendige, falls er sich die Möglichkeit offenhalten wollte, in sein Leben zurückzukehren.

„Es wird so ablaufen: Den Tag verbringst du hier, oder vielleicht, wenn der Meister es gestattet, in der Bibliothek noch weiter unten. Solange du nichts anstellst, kannst du dich hier auf der Couch ausruhen. Da du nach oben nicht darfst, werden wir in der Zeit die Küche hier unten nutzen. Mit dir sind wir momentan vier Menschen im Haus: Christine ist ungefähr so alt wie du, Philippe, der Butler, ist gefühlt uralt und der einzige von uns, den die Herrschaft nicht hauptsächlich zum Vergnügen hier hat. Und wo wir dabei gerade sind, wenn ich neugierig sein darf – für wen bist du hier?“

André lächelte, ein wenig peinlich berührt.

„Ramon“, sagte er schließlich. Fand es ungewohnt, so direkt darüber zu sprechen.

„Ah, gut“, meinte Sonia. „Christine ist Yvettes Mädchen, aber sie ist da ziemlich freigiebig und hat sie ihm manchmal überlassen. Ich dachte schon länger, dass er jemand eigenen braucht. Und mit Sibille ist das ja nichts geworden.“

Sie schnaufte sichtlich verärgert. Fragend blickte er sie an.

„Ein Mädel, das für ihn in Frage gekommen wäre“, begann sie, aber er nickte bereits.

„Ja, ich… Ich habe sie gesehen, einige Abende“, erklärte er. Sie nickte bestätigend. Schüttelte dann verärgert den Kopf und murmelte etwas vor sich hin. Und wieder blickte er fragend zu ihr herüber.

„Na, ich meine nur – dieses kleine Miststück!“, stieß sie aus. „Ich meine, er hat sich solche Mühe mit ihr gegeben. Sie war zweimal zur Probezeit hier, und da war sie schon fast ein Jahr regelmäßig bei den kurzen Events dabei. Und bei der zweiten Probezeit auf einmal – bäng. Polizei im Schlepptau, Koffer präpariert, Wanze in ihrer Armbanduhr. Die arme Marina war total fertig, am Ende der Nacht, und meine Madame habe ich auch selten so verärgert erlebt – es ist schon verdammt schwer, es ihr anzumerken, wenn sie verärgert ist, aber dieses Mal war sie es. Und Ramon… Es war nicht direkt an dem Abend selbst, aber eine Woche später hat der Meister ihn derart verprügelt, dass ich ihn tagelang nicht gesehen habe. Er hatte sie selbst erzogen, verstehst du? Und er ist so ein Lieber, wie er mit Leuten umgeht. Er hatte das echt nicht verdient.“ Sie schnalzte mit der Zunge. „Na, sie hat ja bekommen, was sie verdient, das Miststück“, bemerkte sie dann mit sichtlicher Genugtuung. „Von jedem, der hier wohnt.“

André schluckte. Und hoffte inständig, dass man an seinen Besitztümern nichts finden würde, das ihn in Verdacht bringen könnte, ein Verräter zu sein.

„Es ist so:“, fuhr Sonia mit ihrer Erklärung fort, auf einmal wieder neutral. „Wenn du dich wirklich anstrengst – wenn zum Beispiel mal sonst niemand hier ist, oder wenn du nach oben gebracht wirst und dir auf dem Weg die Augenbinde herunterreißt oder so etwas – ist es prinzipiell schon machbar, dass du den Bereich hier unten verlässt. Ich werde viel zu viel hin und herlaufen, wenn es Fernsehen und Essen hier unten gibt, als dass ich immer alles strikt verschlossen halten würde. Aber wenn sich herausstellen sollte, dass du oben warst, oder irgendwelche Erkundigungen angestellt hast, irgendetwas, was dir erlauben könnte, zu bestimmen, wo dieser Ort hier sich befindet, oder eine Beschreibung abzugeben, dann wird das Konsequenzen haben. Vielleicht nicht, dass du sterben müsstest, das würde davon abhängen, was dein Herr und der Meister von der Sache halten. Aber du kannst dich darauf verlassen: Es ist alles arrangiert, um dafür zu sorgen, dass du aus dem Leben draußen ohne größere Komplikationen verschwinden kannst. Wenn du gegen diese oberste Regel verstößt, gegen das mit der Sicherheit, dann wirst du nicht wieder gehen. Auf die unfreundliche Weise, was im harmlosesten Fall bedeutet, dass du die ersten Wochen in einer Zelle verbringen wirst. Glaub mir, und vielleicht erahnst du es nach dem, was du weißt, bereits: Selbst wenn sie sich einfach mit dir vergnügen, kann es anstrengend sein, hier zu leben. Wenn du ihnen einen Grund gibst, dich zu bestrafen, wirst du leiden. Leg es nicht darauf an. Der angenehme Weg, zu bleiben, wenn du das willst, besteht darin, deinen Herrn darum zu bitten.“

Sie schwieg kurz, während er still zugehört hatte, kramte ein Zigarettenetui hervor, öffnete eines der schmalen Fenster, und bot ihm ebenfalls eine Zigarette an, ehe sie sich eine ansteckte und einen ersten, tiefen Zug nahm.

„Es gibt hier verschiedene Stufen für Menschen:“, fuhr sie mit ihrer Erklärung fort. „Die, auf der du für einige Stunden im Monat hier sein darfst, was du hinter dir haben dürftest. Die nächste, wo du jetzt bist, auf der du für einige Tage oder länger herkommen darfst, aber nur dann und unter den Umständen, die sie bestimmen. Die nächste, dass du dich frei im Haus bewegen darfst. Und die Letzte, von der du noch wenigstens zwei Jahre entfernt bist: Dass du dich frei im Haus bewegen und anschließend wieder gehen darfst. Wenn du einmal im Garten gewesen bist, kommst du hier erst wieder raus, wenn du auf dem Vertrauenslevel ganz oben stehst. Oder, bei ganz dringenden Notfällen, ausnahmsweise mal einen Tag unter Aufsicht, wenn dein Herr denn zustimmt, oder wenn dein Herr selbst dich als Begleitung möchte. Ich kann dir aber versprechen: Das kommt so gut wie nie vor. Wenn du einmal oben einen der offenen Bereiche betreten hast, bleibst du wenigstens ein Jahr. Und sie kommen dahinter, wenn du es heimlich tust, glaub mir. Und wenn bloß, weil sie auf zwei Türen Abstand schon deinen Geruch wahrnehmen und nachvollziehen können, wie und wo du dich bewegst. Du kannst vor ihnen nichts verbergen. Tu dir den Gefallen und versuch es gar nicht erst. Und mir übrigens auch, mal ganz egoistisch gesprochen. Denn rate mal, wer dir das Essen in die Zelle bringen darf, wenn du es verbockst.“

André lächelte ein wenig, neigte aber den Kopf vor ihr. Auch er war etwas ruhiger geworden, während sie so erzählte. Sie machte einen überraschend selbstbewussten und lebhaften Eindruck auf ihn, besonders wenn er bedachte, dass Siverio Menschen doch offensichtlich auf den Knien oder auf dem Boden vorzog. Und sie nickte ihm zu, als er signalisierte, verstanden zu haben.

„Wenn ich fragen darf“, setzte er an, als sie einen weiteren, tiefen Zug aus ihrer Zigarette nahm, „auf welcher dieser Stufen stehst du?“

Sie ließ sich Zeit mit dem Zug, sah dem Rauch kurz zu, als er in Richtung der Decke stieg.

„Ganz oben“, sagte sie.

André musste wohl etwas auffällig das Gesicht verzogen haben, denn herausfordernd sah sie ihn an.

„Du meinst wohl, ich wäre zu jung dafür, was?“

Abwehrend hob er die Hände.

„Ich… ich weiß nicht… Du sagtest, ein Jahr…“

Sie hatte recht mit ihrer patzigen, vorwurfsvollen Art. Sie hatte etwas Grobes an sich, etwas von einem Teenager, und sie wirkte jung auf ihn. In seiner Abteilung wäre jemand wie sie höchstens Praktikantin gewesen. Für alles, was darüber hinausging, hätte sich noch einiges bei ihr tun müssen, am Umgang, am Tonfall vielleicht sogar. Aber er fühlte auch recht deutlich, dass er im Moment abhängig von ihr war, und sie sehr gut wusste, wo ihr Platz war – über ihm.

„Deine Herrin ist eine – Frau?“, kam er versöhnlich auf eines der Dinge zurück, die sie zuvor am Rande hatte fallenlassen.

„Hatte ich das nicht erwähnt?“, meinte sie. „Die Blutsschwester des Meisters, und gewissermaßen die Madame des Hauses. Kyra.“

Im ersten Moment war André überrascht, dann verzog sein Gesicht sich jedoch zu einem etwas grimmigen Ausdruck. Die Vampirin, die ihm in der Rolle der Ärztin wochenlang vorgespielt hatte, er halluziniere und habe sich das Ganze einfach nur eingeredet.

„Ah, du warst wohl mal bei ihr in ‚Therapie‘“, nickte Sonia wissend, lächelte, und ihr ganzer Ausdruck wurde weicher, als sie von ihr sprach. „Daher hat sie mich auch, weißt du“, erklärte sie verliebt. „Sie ist so unglaublich umwerfend in dem Job.“ Ein wenig kritisch sah sie nun aber ihn an. „Und wenn sie Spielchen mit dir spielen musste, hast du es wahrscheinlich verdient.“

Auf ihren nun leicht bedrohlichen Unterton hin zog er es vor, zu schweigen. Nein, vorerst lieber nicht mit ihr anlegen. Offensichtlich brannte sie für ihre Herrin.

„Und diese Christine…“, machte er einen erneuten Versuch, die Unterhaltung zu retten.

„Ja, Yvettes Mädchen. Wie ich schon sagte, sie ist recht freigiebig mit ihr, leiht sie häufig aus, an Ramon oder sogar Marina. Nur nicht an Henri, den Drecksack.“ Schnell winkte sie ab, als André die Augenbrauen hoch und nachhaken wollte.

„Ramon hatte erwähnt, Siverio hätte jemanden zu seiner persönlichen Verfügung…?“, wollte er abschließend aber noch wissen.

„Achso, ja, Raoul. Ein Vampir eben, und von der unangenehmen Sorte. In der Hierarchie gar nicht so weit unten, aber niemand, mit dem du viel zu tun bekommen wirst. Menschen hat Siverio selbst keine – wir halten ihm nicht genug aus, und glaub mir, man muss dankbar sein, dass er das so sieht. Mit einem Schlag zieht er dir das Fleisch von den Knochen, wenn er will. Aber manchmal verlangt er, zuzusehen. Und wenn er dich will, auf welche Weise auch immer, überlässt dich ihm jeder. Kommt bloß bemerkenswert selten vor.“

 

Sie führte ihn noch ein wenig herum, zeigte ihm den Dusch- und Waschbereich, die sich hinter einem der Gänge bei den Gefängniszellen verbargen. Kühl, schroff, unpersönlich. In einer der Zellen, die offenstand, bemerkte André sein Gepäck.

„Achso, ja… falls nach dir nicht verlangt wird, wirst du die Nächte leider hier verbringen müssen. Aber wenn du nur ein paar Tage hier bist, ist das unwahrscheinlich. Bettzeug bringe ich dir später noch her.“

Zum Ende des Tages hin würde er offenbar zum Zimmer seines Herrn gebracht werden, oder dem eines anderen Vampirs, der nach ihm verlangte. Bis dahin half er Sonia dabei, die Küche ein wenig auf Vordermann zu bringen – offenbar wurde sie selten genutzt, im oberen Bereich des Hauses gab es noch modernere Räumlichkeiten. Die beiden anderen Menschen, die Sonia erwähnt hatte – Christine und der Butler Philippe – lernte er in der Mittagszeit kurz kennen. Offenbar war Sonia hier das Mädchen für alles, und auch beim Kochen half ihr André. Sehr gesprächig gaben die anderen beiden sich nicht, im Gegenteil, etwas abweisend sogar, und ihr Verhalten vermittelte ihm das deutliche Gefühl, dass er eben nicht mehr war als ein Gast – ein potentielles Ärgernis, von dem man noch nicht wissen konnte, ob auch er als Verräter enden oder einfach nur wieder gehen würde. Jemand, der nicht die Mühe lohnte, ihn kennenzulernen.

Immer wieder verließ auch Sonia ihn im Laufe des Tages, um Bettzeug zu holen, oder weil sie etwas zu erledigen hatte. Und so allein hier unten war es für ihn ein sehr seltsames Gefühl – ganz ohne Telefon, ohne Handy, ohne Internetverbindung, selbst ohne Radio.
Gerade im Kerkerbereich war es ihm offenbar erlaubt, sich nach Belieben aufzuhalten, und neugierig sah er sich um. Als er dem vorderen der Gänge gegenüber den Zellen folgte, kehrte er allerdings zügig, und beinahe rücklings, wieder zurück. Schwere, in die Wand eingelassene Ketten, in einem Raum auch eine Streckbank, ließen Übles befürchten. Einer der vier Räume war versperrt. Die anderen dienten ganz offensichtlich der Folter. Und vielleicht auch als eine spezielle Art von Einzelzellen – die Türen waren massiv, und in diesem Teil des Gebäudes gab es nicht einmal Fensterschächte wie vorne im Wohnzimmer.

Zum Ende des Tages hin wurde er zunehmend nervös, beobachtete unruhig, wie das Licht, das durch den Schacht im Fernsehraum fiel, weniger wurde. Schließlich war es soweit. Sonia führte ihn zu einem der schmalen, runden Treppenaufgänge, erinnerte ihn daran, dass es Folgen haben werde, wenn er versuchen sollte, gewaltsam gegen die Regeln zu verstoßen. Dann ging sie voran, folgte den Stufen bis ins erste Obergeschoss.
Davor blieb sie stehen und verband ihm die Augen, geleitete ihn einen Flur entlang, in einen etwas hallenden Raum. Sie ließ ihn tasten, ehe sie ihn festmachte: Ketten für seine Hand und Fußgelenke, jeweils etwa einen Meter entlang, an der Wand. Danach Geräusche zu seiner Rechten – Fensterläden, die zugeklappt, Gardinen, die vorgezogen wurden. Sie nahm ihm die Augenbinde ab.
Er befand sich in einem mittelgroßen Raum, war festgemacht am Boden neben dem Fußende eines Betts mit etwas altmodischem Holzrahmen.
Schräg gegenüber, zur rechten Seite, konnte er eine Art Schreibtisch ausmachen, daneben lag ein Fenster, durch das bei geschlossenen Vorhängen und Läden jedoch nur wenig Licht in den Raum drang. Vom Bereich des Raums zu seiner Linken konnte er nicht viel erkennen – einen Schrank vermutete er dort. Durch die offene Tür fiel vorerst noch etwas Licht. Als Sonia ihn verließ und sie hinter sich schloss, nahm André lange Zeit nichts weiter wahr als seinen eigenen Atem.

Seine Augen gewöhnten sich zunächst an das geringe Licht, aber zügig wurde es draußen nun dunkler, bis er schließlich kaum noch etwas zu erkennen vermochte. Schließlich näherten sich Schritte.

Ramon warf von der Tür her einen Blick auf ihn, wie er dort mit angewinkelten Beinen saß – bequem war die Pose, zu der die Ketten ihn zwangen, nicht gerade. Aber während André mit einer Mischung aus Angst und Aufregung zu ihm aufsah, kam er ihm nicht einmal näher. Im schwachen Schein zweier Lampen, die der Vampir beim Schreibtisch einschaltete, bemerkte André nun immerhin eine weitere Tür, am anderen Ende des Raums. Ein Ankleideraum vielleicht, oder ein Bad?

Ramon lachte ein wenig, als André weiter so zu ihm hochsah, erwartungsvoll, zumindest aber mit der Hoffnung, er werde ihn aus dieser unangenehmen Haltung befreien. Der Vampir stemmte die Hände in die Hüften und machte keinerlei Anstalten dazu.

„Du bist zu meiner Unterhaltung hier“, wies er ihn etwas amüsiert hin. „Nicht umgekehrt.“

Dann nahm er am Schreibtisch Platz und begann vollkommen unbeeindruckt, Papiere durchzusehen und etwa eine Seite an Text zu verfassen.

„Ich habe noch nicht getrunken, diese Nacht“, erklärte er knapp, als er sich erhob und sich wieder der Tür zuwandte, das Licht ausschaltete. „Glaub mir, wenn ich Durst habe, möchtest du keine Aufmerksamkeit von mir. Und abgesehen davon – du wirst mir zur Verfügung stehen, wann ich das möchte. Wenn ich meine Ruhe möchte, wirst du nichts weiter tun als still zu sein, auf jede erdenkliche Weise. Und das merkst du dir lieber gut, denn wenn ich mich genötigt sehen sollte, den Hinweis zu wiederholen, werde ich es bei Worten nicht belassen.“

Anschließend ging er einfach.

Beinahe alles tat André weh, ihm Laufe der Zeit, auf dem kühlen, nackten Steinboden. Sein Rücken, von der verrenkten Haltung, die Knie und Oberschenkel, die sich überspannt anfühlten, seine Schultern, von denen aus er seine Arme irgendwie so zu halten versuchte, dass es ihn möglichst wenig anstrengte. Um die Hände auf dem Boden abzulegen, reichte die Länge der Ketten nicht aus.
In einer äußerst unbequemen Pose fiel er schließlich in einen leichten Schlaf, mangels sonstiger Beschäftigungsmöglichkeiten. Müde war er ohnehin. Und alles andere als begeistert.

Nein, irgendwie war das hier überhaupt nicht das, was er erwartet hatte.
Und ein klein wenig hatte er den Eindruck, dass das vielleicht genau das war, was er in dieser ersten Nacht begreifen sollte.

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