Jalivfa

Jalivfa erstarrte das erste Mal, als sie die Klingel hörte. Niemand hatte ihre Adresse. Nicht einmal Post bestellte sie hier her. Und mit Post war auch nicht zu rechnen, gegen acht Uhr abends.
Sie brauchte einen Moment, um sich zu überwinden, aufzustehen und zur Tür zu gehen. Doch als sie einige Schritte zurückgelegt hatte, erstarrte sie erneut. Vor dem Fenster zeichnete sich ein dunkler Schatten ab, der da nicht hingehörte. Und nachdem sie inzwischen eine Ahnung hatte, mit was sie es bei ihrem sonstigen Chatpartner zu tun hatte, den sie seit drei Tagen online vermisste, konnte sie in diesem Moment nur das Schlimmste befürchten.
Jalivfa stand ganz still, und auch der Eindringling rührte sich nicht. Einige Sekunden herrschte Schweigen. Sie konnte sich einfach nicht überwinden, sich zu ihm zu drehen und zu ihm herüberzusehen. Kälte legte sich über ihren Körper, hielt sie regelrecht an der Stelle. Aber das ging nicht von ihm aus, obwohl genau diese Kälte ihn vermutlich durchdrang. Sie hatte nackte Angst.

„Ich dachte, es ist höflicher, wenn man die Klingel benutzt“, sagte er irgendwann. Er sprach leise, seine Stimme war sanft. Sie kannte diese Stimme. Ein wenig anders klang sie als durch das Mikrofon. Aber doch vertraut. Langsam überwand sie sich und sah ihn an.
„Höflich ist es, wenn man die Tür benutzt. Also, wenn man wartet, bis der Wohnungsinhaber öffnet.“
Er lächelte, neigte den Kopf.
„Ich muss gestehen, das hat mir schon immer zu lange gedauert“, erwiderte er.

Sie betrachtete ihn. Dunkle Kleidung trug er, einen langen, etwas altmodischen Mantel. Sein dunkelbraunes Haar war glatt und mindestens schulterlang. Einen Moment lang sah sie ihm in die Augen, blickte dann schnell wieder zur Seite. Niemals in die Augen sehen!, schrie ihr internes Alarmsystem.
„Ich versuche nicht, dich zu hypnotisieren“, sagte er. „Aber selbst wenn, Blickkontakt bräuchte ich dazu nicht. Du kannst mich ansehen, wenn du willst.“
Sie bemerkte, dass sie zitterte. Es war ihr unangenehm, dass ihr Körper so reagierte. So unglaublich menschlich, offensichtlich, ehrlich. Eine viel zu leichte Beute für jemanden wie ihn. Jemanden, der sich in ihre Wohnung begeben konnte, ohne dass sie ihn überhaupt bemerkte.
Und doch war da noch etwas Anderes, während sie diese vertraute Stimme hörte, und ihn eben nicht ansah in der Zeit. Wie sie ihn auch sonst nicht sah, während sie miteinander sprachen. Sie hatte ihn vermisst in den letzten Tagen. Nun war er plötzlich hier, dieser Geist, dieser Schatten, den sie im virtuellen Netz gesucht hatte, bis sie begonnen hatte, mehr zu finden, als sie glauben wollte. Er war hier, mit allem wie und was er war, und war plötzlich Teil der realen Welt. Noch war sie sich nicht sicher, ob das gut sein konnte für sie. Und doch stellte sie fest, dass sie sich freute, ihn hier zu haben.

Er warf einen Blick hinüber zum Nachbarraum, während sie weiter auf einen Punkt neben ihm auf dem Boden starrte und sich nicht überwinden konnte, ihn anzusehen.
„Du frühstückst gerade?“, erkundigte er sich, indem er einen Blick auf ihre Küche erhaschte. Sie schüttelte sich, versuchte, die Starre ein wenig zu lockern, die sie in ihrem Griff hielt.
„Ähm, ja“, antwortete sie schnell. „Ich hätte noch Kaffee, wenn du…“ Sie biss sich auf die Lippe. Kein Mensch hätte klingeln und so schnell im dritten Stockwerk auftauchen können, noch dazu bei geschlossenen Fenstern und Türen. Scheu sah sie ihn an. Auf seinem jugendlichen Gesicht mit der hellen, glatten Haut zeichnete sich ein breites Grinsen ab.
„Nein, danke“, sagte er. „Ich bin Frühaufsteher, ich habe bereits gefrühstückt.“
Es klang freundlich und ein wenig amüsiert, und sie begann, sich lächerlich zu fühlen mit ihrer Angst. Aber nein, kein Vertrauen investieren, nicht weich werden, nicht nachgeben. Dieser Jugendliche war kein Mensch. Er war nicht jung. Er war ein Killer.

Sie hatte so viel nachgeforscht, so viel über ihn herausgefunden. Kanar, wie er sich momentan nannte, Jonathan Sparks noch wenige Jahrzehnte davor, Anton Christopher Schwartz – so viele Namen, so viele Leben. Bislang reichte die Spur bis in die Zeit um den ersten Weltkrieg herum. Vermutlich ging sie noch weiter, doch je weiter sie in der Zeit zurückging, desto schwieriger wurde es, diese Spur zu verfolgen. Es gab einfach zu wenige Dokumente, auf die sie über das Netz zugreifen konnte.
Sie machte sich die Mühe, hatte Sammlungen eingescannter Dokumente durchforstet, sich selbst Skripte geschrieben, um diese Informationen systematisch auszuwerten. Viele Museen hatten inzwischen Videoanlagen, auf die sie zugreifen konnte, immerhin. Aber bei der Qualität dieser Aufnahmen brauchte es bei einem Treffer meist einen Besuch direkt vor Ort. Bücher musste sie persönlich durchsehen und die Inhalte abfotografieren, und das kostete Zeit. Zu einigen dieser geplanten Besuche war sie noch nicht gekommen. Und nun war ihr Zielobjekt auf einmal hier und stand in ihrem Wohnzimmer. Ein Ziel, wie sie noch nie eines gehabt hatte.

„Wirst du mich umbringen?“, überwand sie sich schließlich zu der naheliegendsten Frage. Sie starrte nun wieder auf einen Punkt neben ihm, nahm aus dem Augenwinkel wahr, wie er die Arme verschränkte. Sie meinte außerdem, ihn nicken zu sehen, und sah ihn nun doch wieder an.
„Ja, ich denke schon.“
Die Kälte, die eben ein wenig nachgelassen hatte, kehrte schlagartig zurück. Ihr Magen fühlte sich schwer an, ihr wurde übel. Doch er blieb einfach dort stehen und sah weiter zu ihr herüber.
„Weil ich zu viel weiß?“
Wieder nickte er. Sie bebte vor Angst, wäre am liebsten davongelaufen. Aber wohin hätte sie fliehen können? Würde sie die Tür überhaupt erreichen?
Er beobachtete sie die gesamte Zeit, kam nun langsam auf sie zu. Lauf endlich!, schrie es in ihrem Inneren. Doch sie konnte sich keinen Zentimeter von der Stelle bewegen. Und, was vielleicht das Schlimmste daran war, sie konnte nicht einmal sagen, ob es ihre Angst war, die sie in dieser Starre hielt, oder ob es nun eine Art von Hypnose war, in der er sie gefangen hielt.

Sie stand noch immer dort, zitternd, unfähig zu jeder Bewegung, als er sie erreichte, sie sanft in den Arm nahm und ein wenig an sich drückte. Es war eine freundschaftliche Umarmung, und reflexartig klammerte sie sich regelrecht an ihn. Er schmiegte sich an sie und hielt sie fest.

Sein Körper war kühl, aber nicht so kalt, wie sie es befürchtet hätte. Er überragte sie ein wenig, war von eher schlanker Gestalt, was bei dem weiten Mantel für sie vorher nur zu erahnen gewesen war. Doch verglichen mit ihr, der kleinen, dünnen Frau, die sie war, in ihrer etwas schludrigen Kleidung, wirkte er geradezu kräftig. Es tat gut, sich an ihm festzuhalten. Er schien eine endlose Geduld zu haben, während er sie so festhielt. Nur langsam beruhigte sie sich.

„Du wirst mir einige Dinge erzählen müssen, Jalivfa“, sagte er, und wieder sprach er leise. Sie fühlte, wie eine Schwere sich über ihre Gedanken legte, spürte eine Art von Müdigkeit. Da war dieses tiefe Gefühl, sie sei sicher bei ihm. Konnte das eigentlich sein, nachdem er gerade angekündigt hatte, dass er sie töten werde?

„Aber ich weiß doch nichts, das du nicht wüsstest, oder?“, fragte sie, und es lag ein Hauch von Verzweiflung darin. Erzählen müssen, was sie wusste, oder zu wissen glaubte, erschien ihr beinahe schlimmer als einfach nur sterben. Sie sammelte Geheimnisse. Geheimnisse anderer Menschen, und in seinem Fall auch die Geheimnisse von jemandem, der kein Mensch mehr sein konnte. Es war, wofür sie lebte, es war, was ihrem Leben Sinn gab. Hin und wieder verdiente sie ihr Geld mit IT-Sicherheitstests für Großunternehmen, hin und wieder stahl sie ihr Geld von den Unternehmen, die nicht vorausschauend genug waren, mit ihr zusammenzuarbeiten. Aber das war ihr Job, nicht ihre Erfüllung. Sie hatte noch nie ein interessanteres Ziel gehabt als diesen Jugendlichen, der sie gerade im Arm hielt. Aber niemals, niemals hätte sie freiwillig auch nur ein Wort über das verloren, was sie herausgefunden hatte. Schon gar nicht ihm selbst gegenüber.

Sanft löste er sich von ihr. Das Zittern hatte aufgehört, das ungute Gefühl in ihrer Magengrube ein wenig nachgelassen. Er lächelte angesichts ihres Unwillens, ihm etwas erzählen zu müssen, blickte kurz zu Boden, und entgegen seiner eben gezeigten Offenheit dabei, sie zu beruhigen, wirkte es ein wenig schüchtern.

„Du weißt zu viel, Jalivfa, das ist einfach so. Ich muss auf irgendeinem Beweis dafür bestehen, dass ich dir vertrauen kann. Ich könnte jemanden wie dich gebrauchen.“
„Gebrauchen? Aber das…“
Sie riss die Augen auf, wich einen Schritt von ihm zurück. Er lächelte und zuckte mit den Schultern, blickte noch immer zu Boden.
„Heißt das, du bietest mir einen Job an?“, fragte sie. Er lachte, und ihr fiel auf, dass er es vermied, dabei seine Eckzähne zu zeigen.
„Hmja, möglicherweise.“ Kurz sah er ihr in die Augen, und wieder wirkte es freundlich. „Wir könnten mit irgendetwas Harmlosem anfangen“, schlug er vor. „Bis zu welchem Jahrhundert bist du gekommen?“
„Ähm…“ Sie schluckte. Er tat wirklich nicht im Geringsten so, als sei er ein Mensch. Wie konnte er so direkt sein, so ehrlich? Nun, vermutlich, weil er sie einfach töten würde, wenn sie ihn nicht davon überzeugen konnte, dass sie das Ganze für sich behalten würde.

Bei seiner Nachfrage stellte sich nun aber auch ihre Neugierde ein. Welches Jahrhundert… In wie vielen Jahrhunderten hätte sie denn Spuren von ihm finden können? Und vor allem: Wie sollte sie das anstellen?
„Ach, weißt du, in der Zeit vor der Erfindung all dieser technischen Spielereien waren wir weniger vorsichtig als heute. Niemand hätte damit gerechnet, dass es einmal so leicht werden könnte, Informationen zusammenzutragen. Das Schlimmste, was passieren konnte, war eine gut sortierte, okkulte Bibliothek.“
Wie selbstverständlich er ihre Bedenken beantwortete, ehe sie sie aussprach. Doch das konnte noch etwas Anderes bedeuten als bloß die Fähigkeit zu vorausschauendem Denken. Fragend blickte sie ihm in die Augen. Er lächelte, wieder etwas scheu, erwiderte den Blick und nickte. Tatsächlich. Er las also ihre Gedanken.
„Deine Angst macht es mir schwer“, erklärte er nach einem kurzen Zögern. „Ich helfe dir, das zu kontrollieren. Aber ja, dadurch bekomme ich mit, was du denkst. Es ist ein Nebeneffekt, ich tue das eher ungern.“
Sie sah ihn an, nun weniger ängstlich als zuvor. Dass er beinahe schüchtern wirkte, erinnerte sie zunehmend an diese Person, die sie aus dem Chat kannte. Es dauerte seine Zeit, sich an den Anblick zu gewöhnen, wenn man jemanden sonst nur der Stimme nach kannte. Aber zumindest hatte sie schon zuvor gewusst, wie in etwa er aussah. Ein Teil der Dokumente, mit deren Hilfe sie seine Spur verfolgt hatte, waren Fotos gewesen.

„Hätte ich also in – vielen Jahrhunderten Hinweise auf dich finden können, ja?“, wiederholte sie nun in gesprochener Sprache die Frage, die sich in ihren Gedanken eben herauskristallisierte hatte, und die er sicher schon gehört oder gespürt hatte – wie auch immer Telepathie funktionierte. Ihre Angst war beinahe verschwunden, nachdem er sie eben festgehalten hatte, und sie erinnerte sich zunehmend daran, dass er zu denjenigen gehörte, die sie mochte. Er war häufig beeindruckend ruhig geblieben, gerade, wenn es zu Auseinandersetzungen oder Zickerei unter Spielern kam. Besonders für sein Alter – oder eher, sein scheinbares Alter – von vielleicht 16 Jahren war ihr das positiv aufgefallen. Es relativierte sich ein wenig, wenn sie bedachte, dass er wohl nicht knappe fünf Jahre jünger war als sie selbst, sondern älter. Deutlich älter.

„Sagen wir mal so“, meinte er, „du liegst in Erkundung bei weniger als zwanzig Prozent. Das ist stark ausbaufähig.“ Er zwinkerte ihr zu und sie musste lächeln. Ja, er sprach ihre Sprache. Aber beeindruckt war sie auch, wenn sie in Erwägung zog, dass er möglicherweise die Wahrheit sagte.
Er forderte sie mit einer Geste auf, sich nach nebenan zu begeben.
„Ich wollte dich nicht bei deinem Frühstück stören“, entschuldigte er sich. Wie aufgeschreckt kam sie seiner Geste nach.
„Ich glaube, ich mach mir mal einen neuen Kaffee“, sagte sie.

Wenig später hatte sie ihren Computer in den Ruhemodus versetzt – ein wirklich ungewöhnlicher Zustand in dieser Wohnung, zumindest, wenn sie wach war – und saß mit einem Kaffee und einer Scheibe Toastbrot am Tisch. Kanar hatte an der Seite Platz genommen, setzte sich ihr wohl absichtlich nicht direkt gegenüber. Sie empfand das als angenehm.
„Also“, hakte er nach, „wie ich schon sagte, auch wenn du es ungern tust. Sieh es als Gelegenheit, einige deiner Theorien bestätigen zu lassen.“
Sie wurde ein wenig ärgerlich, als er sich so ausdrückte. Viele der Dinge, die sie herausgefunden hatte, waren keine Theorien, sondern Fakten. Deutliche Referenzen auf seinen Aufenthalt, den Namen, den er damals geführt hatte, einige seiner Tätigkeiten. Sie fragte sich noch immer, wie es jemandem wie ihm möglich gewesen sein sollte, im Militärdienst zu stehen, wenn sie mit dem Rest richtig lag. Ahja, doch, der Rest. Ein großer Teil waren tatsächlich Theorien.

Sie hatte einen kleinen Schluck Kaffee genommen, ihr Toast lag unberührt auf dem Teller. Sie konnte sich nur schwer überwinden, zu essen, während er einfach dort saß.
„Gut, also, du hattest im Laufe der Zeit viele Namen. Du siehst schon seit mindestens einem Jahrhundert ziemlich genau so aus wie jetzt. Du bewegst dich unheimlich schnell. Und dein Frühstück war wahrscheinlich…“ Sie wagte nicht, es auszusprechen. Etwas hilfesuchend blickte sie zu ihm herüber, doch er schwieg.
„Ich denke, du bist ein Vampir“, sagte sie schließlich. Er nickte.
Sie schlang die Arme um den Körper, fühlte sich unerklärlicherweise erleichtert, während ihr ein Schauer den Rücken hinablief. Was stimmte bloß nicht mit ihr? Dieser Kerl, dieser Junge gab ihr gegenüber gerade zu, dass er gefährlich war. Dass er ein Wesen wie aus einem Horrorfilm war, jemand, der sie vermutlich ohne größere Schwierigkeiten töten konnte. Und anstatt Angst zu empfinden, sich zu wünschen, irgendwo weit weg zu sein – nun, auf irgendeine Weise tat sie das, aber eben nur in zweiter Linie – spürte sie ein unglaubliches Glücksgefühl dabei, die ganze Zeit richtig gelegen zu haben, auch wenn ihr Verstand und selbst die schrägeren unter ihren wenigen Bekannten ihr all die Zeit widersprochen und sie als albern und kindisch verlacht hatten. Bis sie es irgendwann nicht mehr gewagt hatte, davon anzufangen.

„Das hätte mir niemals jemand geglaubt!“, stieß sie aus. Wieder nickte ihr Gegenüber, und dieses Mal wirkte es weniger freundschaftlich.
„Weil ich mich darum kümmere, wenn Leute dafür sorgen wollen, dass man so etwas glaubt“, sagte er, und sah ihr direkt in die Augen. „Einige von uns haben ein Auge darauf. In diesem Teil von Europa ist das meine Aufgabe.“
„Aber du…“ Sie schluckte. „Europa? Das ist ein ziemlich großes Gebiet für eine Person.“
Er lächelte, und dieses Mal wirkte es kühl. Ihrem Blick wich er währenddessen jedoch aus, so dass diese Kälte sie nicht direkt traf.
„Was weißt du sonst noch, über uns?“, wollte er wissen. Sein Tonfall klang geschäftlich, und sie hatte beinahe den Eindruck, es mit einer anderen Person zu tun zu haben als mit dem Jugendlichen, der sie eben in den Arm genommen hatte.
„Ihr vertragt Sonnenlicht nicht“, begann sie nach einem Zögern. „Und einige andere Dinge. Bestimmte Metalle, wie Silber. Bei Gold bin ich mir nicht sicher. Kreuze und Weihwasser machen euch nichts aus. Ein Holzpflock durchs Herz tötet euch, Köpfen soll funktioniert haben. Das habe ich in alten Aufzeichnungen gefunden. Man hat Vampire zerstückelt, und am besten verbrannt, oder der Sonne ausgesetzt.“ Sie betrachtete ihn während dieser Aufzählung, versuchte, aus seiner Reaktion Hinweise zu erhalten, ob sie richtig lag. Aber er sah einfach zu ihr herüber und rührte sich nicht. Irgendetwas daran wirkte unnatürlich, und sie kam zunächst nicht dahinter, was. Bis ihr irgendwann auffiel, dass Kanar nicht atmete. „Ihr seid unglaublich viel stärker und schneller als Menschen. Und anscheinend könnt ihr wirklich Gedanken lesen. Ich bin mir nicht sicher, wie ihr euch vermehrt. Es scheint nicht zu reichen, einfach nur Vampirblut zu trinken und zu sterben. Ein Arzt in Frankreich hat das versucht, im 16. Jahrhundert. Vampirblut soll heilsame Kräfte haben. In seinem Ort konnte ein Vampir gefangen und durch Sonnenlicht geschwächt werden. Sie haben ihm Blut abgenommen und wollten damit jemanden am Leben erhalten, der dem Tode nahe war, auch wenn er dadurch zu einem Vampir geworden wäre. Stattdessen ist der Mann gestorben. Dem Vampir haben sie den Kopf abgeschlagen und die Überreste verbrannt. Die Asche haben sie auf einem Feld verstreut, der Sonne ausgesetzt, um sicher zu gehen.“

Weiterhin beobachtete sie Kanar, während sie sprach. Doch weiterhin regte dieser sich nicht. Erst als sie nun länger schwieg, lehnte er sich zurück. Und sie sah ihm nun direkt in die Augen, fühlte sich zunehmend hilflos angesichts dieser Reglosigkeit. Es war eine Art von Schweigen, die darüber hinausging, nicht zu sprechen. Er ließ ihr nicht den geringsten Hinweis darauf, was er denken mochte.
„Wahrscheinlich hast du Recht“, sagte sie dann. „Das sind alles nur Theorien. Das waren alles nur Theorien. Aber jetzt bist du hier.“
„Und damit wird es auf einmal real?“, fragte er nach.
Sie zog die Schultern hoch.
„Ja, irgendwie schon“, sagte sie.
Eine Weile sah er sie einfach weiter an, dann wurde sein Blick weicher.
„Ob ich ihn kannte, diesen Vampir?“, fragte er nach, kam damit auf einen ihrer Gedanken zurück, der sich eben angedeutet hatte. Aufmerksam richtete sie sich auf, setzte sich gerade auf ihren Stuhl, tatsächlich sehr neugierig.
„Nein, ich war damals im deutschsprachigen Raum unterwegs. Wahrscheinlich war er jung. Wenn wir ein wenig Erfahrung haben, sind wir nicht leicht zu bezwingen. Professionelle Vampirjäger hat es unter den Menschen schon immer nur Wenige gegeben.“
Gespannt hörte sie ihm zu.
„Also meinst du, das könnte alles richtig sein, soweit?“, fragte sie nach. Er schien zu zögern, entschied sich aber schließlich zu einer Antwort.
„Silber ist ein Problem“, gab er zu. „Sonne auch. Weihwasser und Vergleichbares sind manchmal nicht so harmlos, wie man heutzutage oft glaubt. Aber das kommt auf die Umstände an.“
Einige Sekunden blickte sie bloß schweigend zu ihm herüber.
„Danke“, sagte sie.
„Bitte.“

Ihr Hunger gewann die Oberhand, und sie nahm einen großen Bissen von dem Toast. Es war einfach unglaublich, was hier vor sich ging. Und doch fiel ihr auf, dass Kanar sich nur zu Dingen geäußert hatte, die vielleicht schmerzhaft oder unangenehm für jemanden wie ihn selbst sein mochten, ihn aber schwerlich töten würden. Dennoch. Sie war dankbar, dass er sie nicht vollkommen im Dunkeln ließ.

„Du warst in der britischen Armee“, sprach sie ihn wieder an. „Du hast gegen die Deutschen gekämpft. Wenn Sonne ein Problem ist, wie hast du das gemacht? Ich meine, vielleicht kämpft man manchmal nachts. Aber zum Militärdienst gehört doch viel mehr. Hat man dich tagsüber nicht vermisst?“
„Hm.“
Er wich ihrem Blick aus, sah auf die Tischplatte.
„Das könnte dir jetzt nicht gefallen, aber es gibt nur eine Sorte Frau, mit der ich über Krieg spreche“, antwortete er. „Und das ist die Sorte, die ich bedenkenlos dorthin mitnehmen würde. Im Moment gehörst du nicht dazu.“
Sie war baff.
„Moment mal, speziell bei Frauen? Was wäre so anders, wenn ich ein Mann wäre?“, wollte sie etwas heftig wissen. Sie hatte ihn noch nie als sexistisch erlebt, im Gegensatz zu einigen andern Spielern. Sie hatte sich schon früh daran gewöhnen müssen, bloß ihres Geschlechts wegen herabgesetzt zu werden. Aber abgefunden hatte sie sich damit nie.

Etwas hilflos zuckte er mit den Schultern angesichts ihrer Reaktion, wirkte eher verstört oder betroffen denn feindselig oder gar herablassend.
„Frauen sollten nicht kämpfen müssen“, erklärte er. „Es ist etwas Anderes, wenn ihr euch dafür entscheidet. Krieg ist nicht schön.“
„Weswegen du bei Gelegenheit wohl mittendrin bist, selbst wenn du eigentlich gar kein Brite warst? Sind wir für dich alle nur bessere Kleinkinder, die verhätschelt werden müssen, bis wir beschließen ‚echte Kerle‘ zu werden? Wenn Krieg nicht schön ist, gilt das für Männer doch mindestens genauso!“
Distanziert sah er zu ihr herüber, wirkte irritiert. Es schien, als wisse er mit ihrem Ausbruch nicht recht umzugehen. Was sie wunderte, hatte er doch, laut seiner eigenen Andeutung vorher, durchaus die Möglichkeit, ihre Gefühle zu manipulieren, wenn sie ihm nicht gefielen.
„Entschuldige bitte“, sagte er schließlich und neigte den Kopf. „Ich hatte nicht die Absicht, dich zu beleidigen.“
Nun war sie es, die irritiert war.
„Also, darf ich das zusammenfassen?“, fragte sie. „Du hast vor, mich zu töten, und das bereitet dir anscheinend nicht die geringsten Probleme. Aber wenn du mich beleidigst, oder denkst, mich beleidigt zu haben, entschuldigst du dich dafür? Findest du nicht, dass du vielleicht deine Prioritäten überdenken solltest?“
Wieder zuckte er mit den Schultern. „Das Eine ist die körperliche Existenz, die geht für euch Menschen früher oder später immer zu Ende. Das Andere ist Ehre.“
Direkt sah er sie an. „Du bist doch Muslima? Soweit ich den Islam kenne, oder wie ich ihn kannte, gab es dort einen starken Bezug zur Ehre. Hat sich das geändert?“
„Ich bin keine Muslima“, knurrte sie, ließ sich aber einige Sekunden Zeit, ehe sie weitersprach. Er sah sie unterdessen einfach aufmerksam an und wartete. „Ich wurde in so eine Kultur geboren, das ist richtig. Aber aufgewachsen bin ich in England. Ich habe mit all dem nichts zu tun, und ich fühle mich dort auch nicht zugehörig. Ich bin Atheistin.“
„Verstehe.“ Wieder neigte er den Kopf.
„Ich entschuldige mich trotzdem. Auch wenn es dir nichts bedeutet.“
„Aber ich…“ Irritiert sah sie ihn weiterhin an. „Gut, akzeptiert“, sagte sie. Er lächelte und nickte ihr kurz zu.
„Danke.“

Er sah sich im Raum um, schwieg, ließ sie in Ruhe essen. Und sie hatte sich schnell an seine Gegenwart gewöhnt. Es war seltsam, andere Menschen ertrug sie sonst kaum. Aber er schien hier her zu passen.

„Wenn ich jetzt nicht hier wäre“, sagte er, nachdem sie sich einen zweiten Toast geholt und gegessen hatte. „Was würdest du den Rest der Nacht tun?“
Sie lächelte etwas schief. „Wenn ich wüsste, dass du in dieser Stadt bist“, murmelte sie in Gedanken, „würde ich herausfinden, wie du das gemacht hast.“ Sie erstarrte, als ihr auffiel, dass er sie hören konnte. Er lachte.
„Kein Push-to-talk“, kommentierte er. „Wenn du nicht willst, dass ich es höre, wirst du dich in Schweigen üben müssen.“
Sie sah ihn an, runzelte die Stirn.
„Ja, aber ernsthaft, wie hast du das gemacht? Erst mich hier finden, und dann herkommen, ohne dass es mir auffällt?“
„Hm.“
Er zog eine längliche Geldbörse hervor, nahm ein Flugticket heraus und legte es vor ihr auf den Tisch. ‚Erwin Schulz‘ stand darauf. Geboren im Mai 1954. Skeptisch blickte Jalivfa auf die Fahrkarte, dann zu dem Jugendlichen, der ihr weiterhin schräg gegenüber saß.
„Und wie ich dich gefunden habe, werde ich schön für mich behalten. Ich habe auch meine kleinen Tricks, nach 150 Jahren Fernkommunikation. Mehr als 150 Jahre, wenn wir Post und Brieftauben dazuzählen.“
Sie lachte, blickte aber immer wieder auf diese Fahrkarte.
„Wie bist du damit in den Flieger gekommen?“, fragte sie, während sie ihren Kaffee nahm und aufstand. „Dir glaubt doch niemand, dass du über sechzig Jahre alt bist. Darf ich?“
Sie deutete auf das Ticket, und als er nickte, nahm sie es mit zu ihrem Rechner und weckte die Maschine aus ihrem Winterschlaf. Dwingo, ihr selbst programmiertes virtuelles Haustier, sprang munter durch den Desktop auf sie zu.
„Aus, Dwingo!“, befahl sie streng, während sie eine Tastenkombination eintippte. „Wir haben Besuch.“
Das virtuelle Fellknäuel gehorchte und verzog sich in die linke untere Ecke des linken Monitors. Jalivfa selbst dagegen hatte gerade diesen Besuch beinahe vergessen, sobald sie an ihrem PC saß.

„Erwin Schulz, wo haben wir dich denn“, murmelte sie, versank vollkommen darin, den Fehler zu suchen, den das System der Fluggesellschaft übersehen hatte. Schnell stieß sie zumindest auf eine interessante Information. Diesen Erwin Schulz aus Berlin, Jahrgang 1954, gab es wirklich. Und er hatte wirklich eine Reise gebucht, Berlin nach Paris. Tagsüber, was nahelegte, dass er den Flug selbst bezahlt hatte. Aus irgendeinem Grund hatte er ihn nicht angetreten. Und es lief ihr eiskalt den Rücken hinunter, als sie darüber nachdachte, was für ein Grund das gut sein konnte.

Langsam wandte sie sich ihrem Gast wieder zu.„Hast du ihn – umgebracht, diesen Mann?“, wollte sie wissen. Kanar lachte. Nicht spöttisch oder gehässig, einfach vergnügt.
„Also, ich glaube, wenn ich so häufig Leute umbringen würdest, wie du anscheinend denkst, dass ich das tun würde, wäre ich nicht halb so alt geworden, wie ich es bin“, meinte er.
„Aber du … was ist mit deinem ‚Frühstück‘? Hast du da auch niemanden umgebracht? Oder funktionieren diese Dinge wirklich, mit den Blutkonserven und dem Tierblut?“
Er legte den Kopf schief.
„Ziemlich verschiedene Fragen“, stellte er fest. „Zunächst mal: Nein, ich habe mein Frühstück nicht umgebracht. War ein kräftiger Kerl. Ein bisschen angetrunken, aber nicht zu sehr. Er wird einen höllischen Durst haben, wenn er aufwacht, aber der Kater wird nicht viel schlimmer sein als sonst.“

Mit einem seltsamen Blick betrachtete er sie. „Ich trinke inzwischen wirklich selten, aber wenn, dann immer Menschenblut. Wenn ich dich nicht hätte besuchen wollen, hätte ich diese Nacht darauf verzichtet.“
„Meinetwegen? Aber wieso denn nur?“ Ihr Blick musste wohl etwas ungläubig wirken. Wieder lachte er, doch nun stand er auf und kam langsam auf sie zu. Sie fühlte sich unwohl damit, dass er ihr näherkam, aber aus einer Art von Sturheit heraus fand sie, dass das hier ihr Stammplatz sei, und weigerte sich, ihren Computerstuhl zu verlassen. Sie hätte wegrollen können. Nun, ehrlich betrachtet wäre das eine schlechte Fluchtmöglichkeit. Sie könnte mit der Stuhlkante direkt auf seine Kniescheiben zielen, das würde vielleicht funktionieren. Aber für wie lange?

Er lächelte, als er so auf sie zukam, blieb einen guten Meter vor ihr stehen. Etwas an seinem Lächeln verriet ihr, dass er ihre Gedanken verfolgt hatte.

„Wir müssen einen Deal machen, Jalivfa“, kam er schließlich auf das zentrale Thema, dessentwegen er sie hier wohl überhaupt besuchte. „Ich kann dich nicht einfach in der Welt herumlaufen lassen, mit all dem, was du jetzt schon weißt. Und da du einmal angefangen hast, meiner Spur zu folgen – und du bist wirklich gut darin – wirst du ziemlich bald noch auf andere stoßen. Auch von denen wird dich der Eine oder Andere finden. Und schließlich wird irgendjemand dich aus dem Weg räumen. Weil es keinem von uns gefällt, wenn Sterbliche zu viel wissen.“
Er sah ihr direkt in die Augen, als er ihr das eröffnete. Doch ihr fiel es unglaublich schwer, das so direkt zu hören. Ihre Augen wurden feucht. Ob es helfen würde, wenn sie betteln würde? Denn bei aller Neugierde, bei allem Interesse an diesen Dingen, die wohl das Spannendste waren, mit dem sie je zu tun gehabt hatte: Ihr Leben waren sie nicht wert.
„Wenn ich verspreche, dass ich mich fernhalte von dir und von euch, kannst du dann einfach wieder gehen?“, flehte sie. „Bitte, ich werde niemandem etwas erzählen!“
Und an wen hätte sie sich auch wenden können, um jemanden wie ihn aufzuhalten? Militär? Geheimdienst? Er war mindestens einmal selbst im Militär gewesen. Gut möglich, dass er noch immer Kontakte dorthin pflegte. Sie an seiner Stelle würde das tun.

Still schüttelte er den Kopf, sah sie noch immer an. Doch sie hielt es nicht mehr aus, in seine dunkelbraunen Augen zu sehen, während sich die Erkenntnis allmählich in ihr Bewusstsein schlich, dass das hier vielleicht ihre letzten Minuten sein würden.

„Wie ich schon sagte, wir töten nicht so oft, wie du vielleicht glaubst. Aber wir tun es, um uns zu schützen. Das solltest du niemals vergessen.“
Er stand plötzlich vor ihr, strich ihr sanft über das Haar.
„Der Deal sieht folgendermaßen aus:“, erklärte er, „Wir haben Regeln untereinander. Die Stärkeren unter uns markieren Menschen manchmal als eine Art Privateigentum, und die meisten Vampire werden das respektieren. Ich biete dir an, für mich zu arbeiten. Das bedeutet zum Einen, dass du mir dabei helfen wirst, meine Spuren zu verwischen, und die meiner Leute. So, dass wir für Menschen weniger leicht zu finden sind. Es bedeutet zum Anderen, dass du Informationen beschaffen wirst, Spuren verfolgen, so wie du meine verfolgt hast. Einige dieser Personen könnten Feinde von mir sein, und wenn du einem von ihnen in die Hände fällst, könnte das übel für dich ausgehen. Wir richten nicht nach den Gesetzen der Menschen. Ich werde mein Möglichstes tun, um dich zu beschützen, und es gibt zur Zeit wenige Vampire, die es wagen, sich mir entgegenzustellen. Aber das kann sich immer ändern. Von dir sollte niemand etwas wissen, dem ich nicht absolut vertraue. Du könntest einen wirklich langsamen und qualvollen Tod erleben, wenn einer von uns beiden sich einen groben Fehler erlaubt. Ich möchte, dass dir das bewusst ist, ehe du deine Wahl triffst.“

Schweigend hörte sie ihm zu, ungewöhnlich ruhig geworden.

„Und ist das wirklich die Wahl? Dass ich entweder jetzt sterben kann, oder für dich arbeiten, und das Risiko eingehen, später zu sterben, aber dafür deutlich unschöner? Wieso kann ich dir nicht versprechen, dass ich mich für immer von euch fernhalte, und wir könnten einfach Freunde sein? Was machen dir die paar Jahre, die mein Leben dauert, wenn du wirklich so alt bist, wie du sagst?“
Er lächelte ein wenig, strich ihr zärtlich und ein wenig gedankenverloren durch das Haar.
„Ich würde sehr gern mit dir befreundet sein“, sagte er. „Aber du wirst dich nicht von uns fernhalten. Du liebst Geheimnisse zu sehr, Jalivfa. Ich finde es nützlich, wie effektiv du darin bist, sie aufzudecken. Aber ich glaube dir nicht, dass du es schaffst, all das zu vergessen. Du wirst weitergraben. Und nachdem ich von dir weiß, fällt es auf mich zurück, wenn du Schaden anrichtest, selbst wenn das versehentlich geschehen sollte.“ Er legte den Finger unter ihr Kinn, und sie folgte dem sanften Impuls, sah zu ihm auf. „Ich kann dir eine Menge von dem bieten, was du suchst, Jalivfa, und ich denke, du weißt das. Und ich biete dir Schutz, wie ihn jemand in deiner Position sonst nur selten erhalten würde. So nützlich du auch werden könntest, ich würde das nicht tun, wenn ich dich nicht mögen würde. Der einzige Preis, den du wirklich zahlst, ist, dass du mit niemandem über irgendetwas davon sprechen darfst, es sei denn, ich habe mein Einverständnis gegeben. Und ich meine niemand. Keine Familie, keine Freunde, keine Leute, von denen du nicht absolut sicher weißt, dass sie zu mir gehören. Niemand, bei dem ich nicht meine eindeutige Erlaubnis gebe.“
Wieder schwieg sie, ließ das Gesagte auf sich wirken. Niemand, das war lustig. Seit einem halben Jahr hatte sie versucht, jemanden zu finden, mit dem sie reden konnte, der sie nicht einfach auslachen würde. Sie hatte niemanden gefunden. Noch immer hatte sie Tränen in den Augen.

„Und das mit dem Privateigentum?“, fragte sie schließlich nur, und sie hätte sich gewünscht, dass es weniger ängstlich klingen würde. Weniger verzweifelt. „Das klingt nicht gerade nach Augenhöhe, oder nach Freundschaft. Was machst du mit mir?“
Noch immer lächelte er, strich ihr wiederum zärtlich durch das Haar, diesmal recht zielstrebig zu ihrem Hals hinab.
„Nichts Schlimmes“, versicherte er. „Aber ich will ehrlich sein, es wird dich an mich binden. Es wird dir schwerfallen, jemand anderen als mich an dich heranzulassen. Was für meine Vorstellungen nicht schlecht ist. Aber falls du in jemanden verliebt sein solltest, könnte das problematisch werden.“
Sie schnaufte. Als hätte es so jemanden jemals gegeben. Er ließ ihr trotz dieser Reaktion noch einen Moment Zeit, darüber nachzudenken.
„Also, willst du?“, fragte er schließlich. Sie überlegte kurz, rappelte sich dann zusammen und richtete sich auf.
„Findest du nicht, dass du mir einen Tag Bedenkzeit lassen solltest?“, wollte sie wissen, und er lachte auf angesichts ihres fordernden Tonfalls.
„Und was würdest du diesen Tag lang machen, Träumerin?“, entgegnete er keck. „Schlafen?“

Sie verzog kurz das Gesicht, fühlte sich aber sehr aufgemuntert davon, dass es ihm in dieser Situation einfiel, zu scherzen. Für ihn schien das hier erfrischend normal zu sein, und allmählich fühlte sie sich angesteckt von der beinahe heiteren Stimmung, die in diesem Moment von ihm ausging.
„Was würdest du dir wünschen, wie das hier ausgeht?“, fragte sie jedoch, nachdem sie sich nochmals einige Sekunden Zeit genommen hatte, das Ganze gedanklich durchzuspielen. „Würdest du gern mein Blut trinken und mich einfach umbringen? Oder hättest du mich lieber noch eine Weile an der Backe? Um mich dann umzubringen, wenn du mal keine Lust mehr auf mich hast?“
„Hey, ich bin ein Worgen, kein Blutelf!“, protestierte er. Dann beugte er sich jedoch über sie, zog sie dicht zu sich, und sie schloss die Augen, als er sie ein wenig an sich drückte, ganz leicht. Gerade so, dass sie sich geborgen fühlte, aber nicht zu eingeengt. „Dein Blut trinken würde ich unheimlich gern“, sprach er leise in ihr Ohr. „Aber meinen liebsten Raidlead würde ich schon sehr vermissen. Wenn es nach mir geht, bekommst du noch sehr viel mehr Zeit als nur eine Nacht.“
Damit schwieg er, schmiegte sich an sie, machte keine Anstalten, sie loszulassen.
„In Ordnung“, sagte sie schließlich fest. „Deal.“
„Gut“, sagte er bloß. Und ohne Zögern strich er in einer geübten Geste ihr Haar zur Seite und küsste sie heftig auf den Hals. Sie stöhnte, fühlte sich beinahe betäubt von diesem Kuss, vollkommen überwältigt, und von einer Sekunde auf die nächste mehr als nur ein wenig erregt.
„Bitte!“, bettelte sie. „Nicht aufhören!“
Ein heißer Schauer lief durch ihren Körper, und nochmals stöhnte sie heftig, kaum noch Herrin ihrer Sinne. Sie sah nichts, sie hörte nichts, nahm einfach nichts Anderes wahr als die Erregung und diesen unglaublichen Kuss, bei dem ihr keine Wahl blieb, als sich vollkommen hinzugeben. Unendlich lange und angenehm erschien ihr die Zeit. Ihr gesamter Körper schien zu beben, in Flammen zu stehen, und das Einzige, woran sie denken konnte, war dieses Flehen. Nicht aufhören! Selbst als sie mit einigen Sekunden Verzögerung begriff, dass es schon wieder vorbei war, ließ diese Erregung nur langsam nach. Sie schlang die Arme um ihn, wollte ihn zu sich ziehen. Und er ließ es geschehen, rührte sie aber nicht weiter an.

An der Stelle, an der er sie geküsst hatte, seitlich an ihrem Hals, blieb ein anfangs nur schwacher, dumpfer Schmerz zurück, der allmählich stärker wurde. Sie fühlte ein dumpfes Pochen an der Stelle. Als sie danach tasten wollte, hielt Kanar sie am Handgelenk fest.
„Das muss ein wenig wehtun“, sagte er. „Es soll sichtbar bleiben. Lass es ein paar Stunden offen, danach kannst du die Wunden versorgen. Bis dahin nur abtupfen.“
Nochmals beugte er sich über sie, und sie fühlte, wie er mit der Zunge an einer der beiden Wunden entlang leckte. Nun war das weniger angenehm, brannte im Gegenteil sogar ein wenig, und sie verzog das Gesicht.
„Hättest du nicht einfach weitermachen können?“, fragte sie, und es klang doch wirklich sehr vorwurfsvoll dafür, dass sie noch kurz zuvor bekundet hatte, leben zu wollen. Was es bedeutete, wenn er nicht aufhören würde, wusste sie ja, rein rational betrachtet. Doch dieses Gefühl eben war einfach zu schön gewesen.
„Tja, und deswegen habe ich heute gefrühstückt“, bemerkte er ein wenig schnippisch. „Weil es reicht, wenn einer von uns sich nicht beherrschen kann. Oder einE.“ Er strich ihr kurz über die Wange, trat dann ein Stück von ihr zurück. Er bückte sich kurz und zog aus einer Falte in seinem rechten Hosenbein ein etwa fingerlanges Messer hervor. Sie schreckte zurück, von einer Sekunde auf die andere wieder ängstlich. Doch er schien nicht vorzuhaben, ihr etwas anzutun, schob stattdessen seinen linken Ärmel bis fast zur Schulter hoch.
„Jetzt du“, sagte er, blickte ihr noch einmal in die Augen.
„Aber macht mich das nicht zum Vampir?“, fragte sie mit aufkommender Panik. Schweigend schüttelte er den Kopf. Er sah seinen Arm hinab, blickte dann noch einmal kurz zu ihr, ließ den Ärmel wieder ein wenig herabsinken. Er ließ das Messer noch kurz über einer Stelle an seinem linken Handgelenk schweben.
Sie fühlte den Impuls, ihm in die Augen zu sehen. Sie gehorchte. Sie sah nicht hin, als das Messer in seine Haut schnitt. Aber als er plötzlich neben ihr war, ihr das blutende Handgelenk hinhielt, fasste sie es wie in Trance, beugte sich darüber und schloss die Lippen um die Wunde.
Das Blut des Vampirs war salzig und bitter. Sie überwand sich, zweimal zu schlucken, während es in ihren Mund lief. Doch mehr brachte sie einfach nicht herunter.
Die Trance hörte fast sofort auf, hatte offenkundig nur dazu gedient, ihre Hemmschwelle zu senken. Sie kämpfte noch mit dem bitteren Geschmack, fühlte aber, wie das restliche Blut in ihrem Mund wie von selbst verschwand, als werde es beinahe aufgesogen von ihrem Gewebe.

Kanar hatte seinen Arm sanft aus ihrem Griff gelöst, presste selbst kurz die Lippen auf den Schnitt, leckte das restliche Blut ab.
„Das muss leider sein“, sagte er, während seine Wunde bereits sichtbar verheilte. „Andere Vampire werden spüren, dass du zu jemandem gehörst, wenn sie dir zu nahe kommen. Wer mich kennt, wird sogar wissen, wer dieser jemand ist. Und mir nimmt niemand etwas weg, glaub mir.“
Du hast nach wie vor nicht die geringste Ahnung, mit wem du es zu tun hast, hörte sie es in ihrem Kopf.
„War das ein Gedanke von dir?“, wollte sie sofort wissen, erstaunt und positiv überrascht. Sie sah ihm in die Augen. „Heißt das, ich kann deine Gedanken lesen, wenn du das machst?“ Er lächelte sanft.
„Ja, ein wenig, wenn ich das zulasse. Funktioniert aber nur in den ersten Stunden, und nur, wenn ich in der Nähe bin. Falls du mal ein Vampir werden solltest, wäre es kein Vergleich dazu.“
„Ja, sicher“, scherzte sie, fühlte sich seltsam erleichtert davon, dass es das anscheinend schon gewesen sein sollte. „Falls ich zufällig mal ein Vampir werden sollte. Weil sowas ja sehr zufällig passiert.“
„Na, ich habe bloß gesagt, dass ich dich töten werde“, bemerkte Kanar, nicht halb so scherzhaft wie sie. „Ich habe nicht gesagt, dass du danach nicht wieder aufstehen wirst, wenn die Bedingungen denn stimmen.“

Gutgelaunt zwinkerte er ihr zu. Er nahm das Ticket, das sie vor ihrer Tastatur auf den Tisch gelegt hatte, hatte sein Messer wieder unter dem Hosenbein verstaut und den Ärmel herabgelassen. Während Jalivfas Wunden allmählich zu pochen begannen, war seine Verletzung bereits vollständig verheilt, und nichts hätte vermuten lassen, dass er am Handgelenk eben noch einen Schnitt gehabt hatte.
„Hast du noch irgendwelche Fragen?“, erkundigte er sich. „Du bist doch ein Einzelgänger, Jalivfa. Du kannst es sagen, wenn du möchtest, dass ich bleibe. Aber ich schätze mal, du wärst jetzt gern für dich.“
Überrumpelt sah sie zu ihm auf.
„Naja, ich…“
Langsam stand sie auf, während er sehr offensichtlich bereit war, zu gehen, das Ticket bereits in der Geldbörse verstaut hatte.
„Kannst du mich festhalten, bitte? Nur einen Moment?“
Ja, er hatte recht, sie wollte allein sein. Aber was sie sich noch mehr wünschte, und wenn nur für einen Moment, war das Gefühl von Nähe. Sie war sich nicht sicher, ob das nur an dem Blut lag – dem, das er von ihr getrunken hatte, oder sie von ihm. Aber es war so schön gewesen, eben in seinen Armen, diese Hingabe zu spüren, sich für sehr kurze Zeit einmal vollkommen sicher zu fühlen.

„Sicher doch“, sagte er. Und ohne große Umschweife kam er zu ihr, zog sie ein wenig zu sich und schloss die Arme um sie.
Wie schon zuvor war sein Körper kühl, aber nicht abstoßend kalt. Und wie schon zuvor wagte sie es in seiner Nähe ausnahmsweise einmal, vollkommen ruhig die Augen zu schließen und nicht den Hauch eines Gedankens an ihre Sicherheit zu verschwenden.
„Das heißt, du passt auf mich auf, ja?“, fragte sie leise. Und er streichelte ihr sanft über den Rücken, während sie einfach genoss, dass er hier war.
„Tu ich“, sagte er, ebenso leise.

Eine lange Zeit genoss sie die Umarmung, und er duldete es, hielt sie sicher in seinem Arm fest. Bis sie es schließlich war, die den Impuls gab und sich von ihm löste.
„Danke“, sagte sie leise. Freundlich lächelte er ihr zu.
„Keine Ursache.“
Er neigte noch einmal den Kopf zu ihr.
Sie glaubte noch, eine Bewegung am Wohnzimmerfenster wahrzunehmen, ein Geräusch von dort zu hören. Im nächsten Moment war sie allein.

Autor: Shiverrania

Schreibt schwule und trans* Phantastik mit kinky Elements, teilweise aber auch Gesellschaftskritisches.

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