Der kleine Tod

Na toll, dachte sich der kleine Tod. Ein Hexenmeister. Das konnte ja lustig werden.
Er sah schon, dass der menschliche Körper eindeutig zu tief fiel, als dass da noch viel zu machen gewesen wäre. Aber das musste man einem Hexenmeister erst einmal begreiflich machen.
So setzte sich also der kleine Tod neben den Körper, der nicht mehr lange funktionieren würde, und wartete.
Gewöhnlichen Menschen hätte er aus ihrem Körper heraus helfen müssen. Dass der Hexenmeister es zunächst nicht einsah, aufzustehen, deutete er jedoch als pure Absicht. Wie richtig er lag, zeigte sich dann auch, als dessen Astralkörper sich schließlich sichtlich beleidigt vor ihm aufstellte und herausfordernd die Hände in die Hüften stemmte.
„So haben wir nicht gewettet!“, begann der Versterbende die Diskussion. Der kleine Tod seufzte nur. Er blieb sitzen, als er vielsagend nach oben blickte. Beinahe zwei Minuten dauerte es, bis der Hexenmeister immerhin so viel Kooperationsbereitschaft zeigte, seinem Blick zu folgen. Und zwei Minuten waren auf dieser Ebene wirklich eine verdammt lange Zeit. Der Astralkörper zuckte kurz, ehe er den Blick zügig wieder auf den kleinen Tod richtete.
„Das sind mindestens fünf Meter“, sagte dieser, ohne den Blick vom Dachvorsprung zu lassen, von dem der Andere gestürzt war. „Fünf Meter sind ziemlich viel für die menschliche Anatomie.“
Er biss die Zähne zusammen, als die Worte kamen, die bei so einem Gegenüber kommen mussten.
„Ich will einen Deal!“, forderte der Hexenmeister. Zwei Mal schlug der kleine Tod die Augen auf, ehe er langsam den Blick vom Dach sinken ließ, und dem Astralkörper des Hexers direkt in die teilweise durchscheinbaren Augen sah. „Fünfzehn Jahre lang habe ich Geister gefüttert, Seelen verarztet und versorgt und sogar manches Mal Vorarbeit für eine Begegnung mit dir geleistet“, argumentierte der Hexenmeister. „Ich weiß, dass du mich zu nichts zwingen kannst, zu GAR nichts. Ich will einen Deal.“

Der kleine Tod seufzte. Ja, genau, was er erwartet hatte.

„Hör mal, ich bin keiner deiner Dienstgeister, weißt du?“, erwiderte er jetzt. „Ist schon richtig, dass man Geister füttern kann, und dass ihr dann noch ziemlich lange herumwandern könnt, wenn ihr das unbedingt wollt. Aber ich bin ein kleiner Tod. Bei mir gibt es keine Deals.“
„Was soll das heißen, bei dir gibt es keine Deals?“
„Naja, guck dir doch mal an, was du mit deinem Körper gemacht hast“, forderte der kleine Tod. Die Masche zog in der Tat häufig, sogar bei diesem Klientel. Und er wartete, bis der Hexenmeister widerwillig gehorchte und einen Blick auf seinen zerschmetterten Schädel riskierte. Lange ertrug er das Hinsehen allerdings nicht.
„Also bitte“, meinte der kleine Tod. „Selbst wenn wir mal theoretisch annehmen würden…“
„Ha!“, unterbrach ihn sofort der Hexenmeister, und der kleine Tod kniff die Augen zusammen. Wenn er doch bloß noch ein paar Sekunden gewartet hätte. „Das heißt, es gibt einen Weg!“
„Konjunktiv!“, rief der kleine Tod. „Ich sagte ‘wenn’!“
„Aaaber du würdest gar nicht so selbstverständlich davon anfangen, wenn es nicht möglich wäre!“, triumphierte der Hexenmeister.
„Aber guck dir deinen Körper an!“, versuchte der kleine Tod es weiter. „Dein Gesicht ist pure Matsche, deine Rippen sind hin, die meisten Organe sind geprellt oder zerquetscht…“
„Aber es gibt einen Weg!“

Wenn doch diese Menschen nicht immer so stur wären. Wenn sie nicht so sehr an diesem Stück Fleisch und Knochen hängen würden.

„Keine Sorge, Chef, ich hab eine Ambulanz aufgetrieben“, kam es bereits schräg von der Seite. Weiter blieb der kleine Tod einfach sitzen. Ja, Hexenmeister machten eine Menge Verträge. Und da ihre Rituale und Opfergaben Geistern erlaubten, nahe der irdischen Sphäre zu bleiben, fanden sich meistens so einige, die taten, was sie konnten, um einen kleinen Tod wie ihn fernzuhalten. Schon zuckte ein Stoß durch den materiellen Körper des Hexenmeisters und zog dessen Astralkörper mit beinahe unheimlicher Macht wieder in seinen Körper zurück.
Der kleine Tod stand auf und stellte sich zwischen den Astralkörper und die materielle Präsenz des Hexers.
„Hör mal, in ein paar Tagen komme ich sowieso wieder, so wie das hier aussieht, und du wirst bis dahin elendig leiden. Schmerzen haben und so. Und wenn deine Geister keine Kraft mehr haben, weil du bloß da liegen kannst, und nichts tun, um sie zu füttern, komme ich wieder, und dann hast du gar keine Wahl mehr. Oder, wenn du Pech hast, schließen sie dich an eine Maschine an, und dann wird es mir sehr, sehr schwerfallen, dich da noch rauszuholen, selbst wenn du das willst. Erspar‘ dir doch die Quälerei und komm einfach jetzt mit.“

Dass diese Menschen ihn auch einfach nicht zu schätzen wussten.

„Pah, ich werde einen Weg finden!“, versicherte der Hexenmeister und auf eine Geste von ihm hin drängte sein Dienstgeist sich zwischen ihn und den kleinen Tod. „Alles Gute, Gevatter!“, wünschte er in der bissigen Art von Ironie, die diese Sorte Mensch ihm gegenüber so häufig anschlug. „Auf ein hoffentlich erst sehr viel späteres Wiedersehen!“
Tatsächlich schaffte der Hexenmeister es kurz darauf zurück in seinen Körper, und schützend blieb sein Dienstgeist noch eine ganze Weile zwischen ihm und dem kleinen Tod stehen.
„Ich brauch ihn noch, weißt du“, entschuldigte sich der Dienstgeist. „Ist nichts Persönliches.“
„Ja, sicher“, grummelte der kleine Tod. Und wieder ein Fall für zahllose kommende Überstunden.

„Hexenmeister, eh?“, brummelte ein größerer Tod vor sich hin, der ihm auf seinem Weg durch die Straßen begegnete und ihn einlud, ihn zu begleiten. „Ja, das ist ‘n schwieriges Volk. Aber das lernst du mit der Zeit, wie du mit denen umgehst. Ist schon Absicht, was sie dir zuteilen.“
Missmutig trottete der kleine Tod neben ihm her.
„Aber ich fühle mich so nutzlos!“, meinte er.
„Nah, du musst mal mehr auf die andre Seite sehen, auch wenn’s nich für die Arbeit is’“, erwiderte der größere Tod. „Dann siehst du auch Leute wie die hier. Wenn du neben denen herläufst, gibt es immer was zu tun.“
Und der kleine Tod gehorchte und sah hin.

„Zwingst du sie, das zu tun?“
Sie fanden sich in einem stinkenden, heruntergekommenen Flur. Es war noch immer Nacht, und vor ihnen waren es zwei Vampire, die miteinander diskutierten. Einer war von schlanker Gestalt, mit blassblondem Haar und figurbetonter, modischer Kleidung. Er wirkte sichtlich aufgewühlt, bemerkte keinen von ihnen, und der kleine Tod bekam den Eindruck, dass er das auch nicht vermochte, selbst wenn er gewollt hätte. Und dann sein Gegenüber, das kleiner war und etwas zierlich, mit wildem, dunklerem Haar. Eine unglaubliche Kraft lag im Blick seiner graublauen Augen, und sein Astralkörper warf ihnen kurz einen Blick zu, ohne dass seine physische Existenz auch bloß hätte zucken brauchen.
Vor ihnen auf dem Boden kniete eine abgemagerte Frau, den Blick verloren in weiter Ferne, ein unnatürliches Lächeln auf den Lippen, die vor und zurück wiegte, als halte sie ein unsichtbares Kind in ihren Armen.
„Ja“, beantwortete der dunkelhaarige Vampir die vorangegangene Frage des anderen.
„Bitte, hör auf damit!“
„Aber Simon.“ Sein Begleiter fasste den Hellhaarigen sanft am Kinn. „Es geht ihr doch gut. So geht es ihr viel besser als noch vor einer halben Stunde.“
„Bitte, kannst du es nicht einfach hinter dich bringen und sie…“ Der Blonde zitterte, atmete tief ein und bemühte sich, sich zu beruhigen. „Was du auch mit ihr anstellst, bitte, mach dem ein Ende.“
Der Andere ließ ihn los und neigte etwas den Kopf. Er streckte der Frau seine Hand entgegen und sie fasste sie sofort, ohne in ihrer Bewegung innezuhalten. Ihr Blick ging weiter ins Leere. Als der Dunkelhaarige sie sanft auf die Beine zog, blickte sie auf und lächelte ihn an.

Es fiel dem kleinen Tod schwer, weiter auf die physische Seite zu sehen, denn noch während der Vampir sich auf dieser Ebene mit der Frau befasste, hatte sein Astralkörper den der Frau an der Hand genommen und zog sie sanft aus ihrem Körper heraus, während sie sich aufrichtete. Wissend wandte er sich dem größeren Tod zu, warf auch dem kleinen Tod einen Blick zu, als er nun vollkommen bewusst den Schritt auf ihre Ebene machte und die Frau noch immer sanft mit sich zog.
Den zerstörten, abgemagerten Körper ließ sie hinter sich, während sie ihm folgte, lächelte, als er sich noch einmal an sie schmiegte. Dann nahm er ihre Hand und reichte sie dem größeren Tod, begegnete sogar kurz dessen Blick, als er sie ihm überließ. Und sie folgte dem Blick des Vampirs und wandte sich ebenfalls an den größeren Tod.
„Kann ich gehen, ja?“, fragte sie, während der Vampir sie losließ und wieder auf die körperliche Ebene zurückkehrte. Er hatte ihr seinen Dienst erwiesen, sein Werk war vollbracht. Sie brauchte ihn nicht mehr.
„Ja, du kannst“, antwortete der größere Tod, wirkte auf einmal sehr viel würdevoller, da er mit ihr sprach.
„Ich habe so lange auf dich gewartet“, stieß sie aus und fiel ihm um den Hals. Unauffällig zog er sie noch ein Stück weiter weg von ihrem Körper, bis auch der letzte Rest ihres Astralleibs sich von der physischen Hülle gelöst hatte.
„Ja, ich weiß“, sagte der größere Tod und schloss sie sanft in seine Arme. Einen Moment lang drückte er sie. Der kleinere Tod wunderte sich. Obwohl er die Möglichkeit gehabt hätte, sofort mit ihr zu gehen, da sie sich ja nicht im Geringsten gegen ihn sträubte, ließ sein größerer Kollege sich Zeit und machte sich vorerst noch nicht auf den Weg mit ihr.
„Möchtest du dich noch von jemandem verabschieden?“, fragte er, schien zu ahnen, wer da noch sein mochte.
„Mein Sohn…“ Sie blickte schräg nach oben. Der größere Tod nickte einmal. Im nächsten Moment standen sie neben ihm.

„Sieh nach drüben“, raunte der größere Tod seinem kleinen Kollegen zu. Und wieder folgte dieser seiner Aufforderung.
Die Verstorbene beugte sich zu einem jungen Mann herab, der vollkommen benommen wirkte. Auch sein Körper wirkte ausgemergelt, wie er auf ebenfalls kaltem Steinboden saß, rücklings an eine Wand gelehnt. Als sie seine Hand fasste, schien er es überraschenderweise sogar zu bemerken.
„Geh zu deinem Vater, Junge“, sagte sie zu ihm. „Sieh zu, dass du von der Straße kommst. Du hast dein Leben doch noch vor dir.“ Sie beugte sich über ihn und presste ihm einen Kuss auf die Stirn. „Ich liebe dich, Sammy.“
Und obwohl er sie sicherlich weder sehen noch hören konnte, begann der junge Mann, hemmungslos zu weinen. Die Verstorbene sah dem größeren Tod in die Augen und nickte. Einen Blick warf sie zur Seite, und wie durch einen Schleier schien es, dass der Vampir, der ihr das Leben genommen hatte, ihr noch einmal einen Blick zuwarf.
„Danke, Marty“, sagte sie, ehe sie dem größeren Tod folgte. Und auf eine schräge, aber auf seine Art unglaublich liebevolle Weise, lächelte er ihr zu.
„Gern geschehen, meine Liebe“, verabschiedete er sich, und der kleine Tod traute seinen Ohren kaum, als er begriff, dass der Vampir auf dieser Ebene sogar kommunizieren konnte. „Und eine angenehme Reise.“

Der kleine Tod blieb zurück, als sein Kollege sie nun geleitete. Er kehrte noch kurz in den Flur zurück, in dem die Frau gestorben war, und warf einen Blick auf den Körper, den sie zurückgelassen hatte. Ein erzwungenes Lächeln war als eine grausige Fratze auf ihrem Gesicht erstarrt. Und doch, so wusste der kleine Tod, war ihr Lächeln echt gewesen, als sie sich von dem Vampir verabschiedet und seinen Kollegen begleitet hatte. Wer auch immer ihren Körper begraben würde, würde das wohl kaum für möglich halten.

Er hatte selbst noch Einiges zu tun in dieser Nacht, ehe er wieder die Zeit fand, seinen größeren Kollegen zu besuchen.
„Also, dieser Marty“, meinte er, „den kennst du ziemlich gut?“
„Jaaa, das kann man so sehen, oder so“, sagte der größere Tod. „Unheimlich lieber Kerl. Meistens jedenfalls. Selten jemanden getroffen, der den Plan so gut kennt wie er. Selten jemanden getroffen, der den Kreislauf so akzeptiert wie er.“ Der größere Tod nickte. „Ist mir eine Ehre, mit ihm auf Tour sein zu dürfen.“
Etwas verwirrt schwieg der kleinere Tod vor sich hin.
„Das scheinen die Leute um ihn herum aber nur selten so zu sehen“, bemerkte er schließlich. „Also, die auf der anderen Seite.“
„Jahaa, aber das ist alles so gewollt“, meinte sein Begleiter und grinste etwas. „Du wirst das noch merken, wenn du dabei bleibst, und wenn du bei jemandem wie ihm mal mitlaufen darfst“, fügte er hinzu. „Es gibt da solche und solche. Also, die auf der anderen Seite immer lieb tun, und sich dann in den Weg stellen, wenn wir dazukommen, und ihr Möglichstes tun, damit der Weg bloß hart und schwierig wird mit uns. Und das sind dann die Leute, die uns fürchten, weil sie wissen, dass wir es nicht vergessen, wie man sich in unserer Gegenwart benimmt, auch wenn das drüben niemand weiß.“ Er schwieg kurz. „Und dann gibt es solche, die sich drüben benehmen wie die Sau im Porzellanladen, aber plötzlich hochanständig werden, wenn es um uns geht. Und so wenig man ihnen das zutraut, wenn man sie nur auf der anderen Seite sieht: Sie wissen einfach, dass wir Freunde sind.“
Erschrocken zog der kleine Tod die Augenbrauen hoch, als er über diesen letzten Satz weiter nachdachte.
„Du lässt ihn davonkommen!“, folgerte er, und sah mit einem Blick zwischen Angst und Vorwurf zu seinem erfahreneren Kollegen hoch. Konnte das denn wirklich sein, ein großer Tod, der jemanden davonkommen ließ? Das war das Letzte, was ihnen passieren durfte. Der andere lachte nur.
„Ahja, bei solchen Typen macht man schonmal einen Deal, ohne dass sie ihn wollen“, gab er zu. „Weil sie einfach hilfreich sind, und weil sie überhaupt nicht nerven und herumdiskutieren.“ Weiter lachte er. „Er hier zum Beispiel“, meinte er. „Wie oft hab ich ihn schon in den Armen gehabt, und nicht ein Mal hätte er mir was Böses gewollt. Er fragt einfach, ob es soweit ist, und bisher konnte ich ihm immer sagen: ‘Nein’. Und er hält sich dann auch schon nicht fest, er geht dann wieder, weil es es akzeptiert, und reißt sich auch kräftig los, wenn das sein muss, aber niemals bösartig dabei. Glaub mir, es is’ unheimlich entspannt, mit jemandem zu arbeiten, der akzeptiert, wie die Welt funktioniert. Und dem du dich nich’ jedes Mal neu vorstellen brauchst.“
Lange schwieg der kleine Tod.
„Hm“, machte er schließlich. „Ich glaube, darüber muss ich jetzt erstmal nachdenken.“

Mühsam zog der Hexenmeister sich aus seinem Körper. Hätte er doch bloß … ja, hätte er es doch bloß gelassen. Wäre er doch bloß gegangen. Wäre er doch einfach nicht so stur gewesen.
Dünn und kraftlos war sein Astralkörper geworden. Schwerer und schwerer fiel es ihm, wenigstens zeitweise seine physische Existenz zu verlassen, eine Mischung aus einem betäubenden, beängstigenden Taumel und dem unerträglichen Schmerz in all seinen Gliedern. Doch unerbittlich hob und senkte sich sein Brustkorb, ließ ihm keine Wahl, als diesen Zustand zu ertragen, wann immer er nicht mehr die Kraft fand, die physische Existenz zu verlassen.
Seufzend schlug der kleine Tod die Beine übereinander.
„Ich habe es dir gesagt“, meinte er.
„Ja, hast du“, gab der Hexenmeister zu. Seine Stimme zitterte und war ebenso kraftlos. „Ich hätte auf dich hören sollen. Tut mir leid.“
Bedauernd verzog der kleine Tod das Gesicht, tat sich schwer, den kraftlosen Körper des Hexenmeisters anzusehen. Sein Dienstgeist hatte beinahe zwei Wochen durchgehalten, tatsächlich noch Einiges an Kraft vom Astralleib des Hexenmeisters abgezogen, dafür aber auch sein Möglichstes getan, um die Heilung von dessen physischem Körper zu unterstützen. Der kleine Tod kannte das, es war eine übliche Art Handel auf dieser Ebene. Er selbst war unabhängig von so etwas. Dagegen tun konnte er allerdings auch nichts; Vertrag war Vertrag, und geschmiedet hatte ihn der Hexer selbst. Inzwischen allerdings fehlte es ihm an der Kraft, den Handel zu bezahlen, und sein Dienstgeist hatte sich eine neue Quelle suchen müssen.
„Was denkst du, wie lange schaffe ich es noch?“, fragte der Hexenmeister bittend, demütig geworden angesichts dessen, was er zunehmend ertragen musste.
„Ich weiß nicht – ein paar Tage vielleicht?“, meinte der kleine Tod. „Aber ich kann da gar nichts machen, weißt du? Du wirst einfach nicht mehr mit mir reden können, und ich werde weiter hier her kommen müssen, und warten. So läuft das nunmal. Wie es bei allen anderen auch läuft.“
Nur ohne das Vorgeplänkel und den unnötigen Umweg, fügte er in Gedanken hinzu, sparte es sich angesichts des Zustands des Hexers aber, das auszusprechen. Es nahm nunmal kein gutes Ende, gegen den Kreislauf Protest einlegen zu wollen.
„Kannst du das nicht tun? Jemandem im Traum erscheinen und ihm das sagen?“, fiel es dem Hexenmeister blitzgescheit ein. Mit Bedauern, aber auch etwas ärgerlich schüttelte der kleine Tod den Kopf.
„Ich bin ein Tod, weißt du? Mich kann nur sehen, wer an der Schwelle steht, oder wer sie überschritten hat. Die einzige Möglichkeit wäre noch ein anderer Hexer, der von sich aus die Entscheidung trifft, dich oder mich zu besuchen. Aber wenn so jemand das für dich tun würde, könnte derjenige auch einfach herkommen und die Sache selbst erledigen.“
Wieder schüttelte er den Kopf, musterte den Hexenmeister dann einmal von Kopf bis Fuß. „Du solltest in deinen Körper zurück“, sagte er. „Je länger du draußen bleibst, desto schneller wirst du keine Kraft mehr haben. Und im Moment ist niemand hier, den du beeinflussen könntest, da bewirkst du ja doch nichts.“
Widerwillig betrachtete der Hexenmeister seinen zu großen Teilen bandagierten Körper. Schließlich nickte er jedoch. „Ja“, sagte er. „Wahrscheinlich hast du recht.“
Und mit sichtlichem inneren Aufschrei gab er nach und ließ seinen Astralkörper zurücksinken in seinen schmerzenden physischen Körper.

Lange blieb der kleine Tod noch neben ihm sitzen, machte sich aber schließlich auf den Weg. Es war ja schließlich nicht so, dass das hier sein einziger Kunde wäre, auch in dieser Nacht nicht. Er war bloß so jemand, den er im Gegensatz zu den meisten anderen allmählich kennenlernte, und der ihm zunehmend einfach nur noch leid tat. Die anfängliche kurze Genugtuung darüber, recht behalten zu haben, hatte angesichts dieses Bedauerns schon lange nachgelassen.
Nicht, dass es in seiner Art gewesen wäre, vor Mitleid zu zerfließen an der Bettkante eines unwilligen Sterbenden. Seine Präsenz im Krankenhaus hatte ihr Gutes an sich. Den einen oder anderen konnte er hier schnell geleiten, wo das möglicherweise sonst länger gedauert hatte. Und das war doch immerhin etwas.

„Eeh, das kannst du so einfach nicht sagen“, widersprach der größere Tod jedoch, als er ihm mal wieder begegnete und anmerkte, dass er ja so einiges zu tun hatte während des Wartens. „Ich hab es dir schonmal gesagt, du musst die andere Seite im Blick behalten. Manchmal ist es schon richtig, dass jemand ein paar Tage auf der Schwelle bleibt.“
Er hielt inne.
„Lauf die Nacht mal mit diesem Marty mit“, meinte er. „Wie ich schon sagte, der hat ein gutes Gefühl dafür, wie der Kreislauf funktioniert. Vielleicht lernst du etwas dabei.“
Gesagt, getan. Schnell hatte der kleine Tod den Vampir gefunden. Er war im Zentrum der Stadt unterwegs. Keine Unfälle, keine Kranken in der Nähe. Niemand, der für einen kleinen Tod wie ihn relevant gewesen wäre. Aber, wie er vermutete, wenn ein Vampir in der Nähe war, wäre für jemanden wie ihn doch sicherlich immer Platz.

Stundenlang folgte er dem Vampir, blieb an seiner Seite, als er schließlich reglos auf dem Vorsprung eines kleinen Erkers in die Hocke ging und auf die wenigen Menschen herabsah, die in den bereits dämmernden Morgenstunden ihren Weg nach Hause suchten. Als der Vampir sich jedoch einfach abwandte und auf der anderen Seite auf die Straße hinabsprang, sich auf den Weg zu seiner Schlafstätte begab, hatte der kleine Tod genug.
„Aber willst du denn niemanden aussaugen, umbringen oder sonst etwas?“, rief er dem Vampir hinterher. Er schlug sich die Hand vor den Mund, als der andere innehielt und sich zu ihm umwandte. Physischer Körper und Astralkörper blieben in direkter Vereinigung, und so war es dem kleinen Tod unheimlich, als er beinahe des Gefühl bekam, mit einem materiellen Wesen zu sprechen, als der Vampir sich ihm nun zuwandte und direkt zu ihm herübersah.
„Nein“, sagte er fest.
„Aber wieso? Du bist doch ein Vampir. Ihr tötet.“
Sein Gegenüber lachte. Einen Moment lang schien er über diese Worte nachzudenken.
„Ich danke für die Einladung“, sagte er dann jedoch. „Aber heute wäre es einfach nicht richtig.“
Und damit neigte er den Kopf und ließ den verwirrten kleinen Tod stehen.

„Aber ich kann so nicht sterben!“
Die junge Frau war eigentlich gar keine Hexe. Aber als er mit etwas Kraftaufwand ihren Astralkörper aus dem physischen Leib zog, wehrte sie sich doch heftig. Sie schlug und trat nach dem kleinen Tod, und hilflos stellte er fest, dass ihre Attacken geeignet waren, im Schmerz zuzufügen, obwohl er fand, dass er so etwas überhaupt nicht hätte empfinden dürfen. Sie hätte keine Kraft auf dieser Ebene haben sollen. Sie hatte in ihrem Leben nicht ein Mal mit einem Geist gesprochen.
„Lass mich los, lass mich sofort los!“
Er gab es auf und gehorchte. Aber was würde es ihr schon nutzen? Wenn sie ihm davonliefe, würde sie bloß ein weiterer wandernder Geist werden. Und vielleicht, ganz vielleicht würde sie irgendwann einen Hexenmeister finden, der ihr Kraft geben und für den sie dann kleine Dinge würde erledigen können. Und all die Dinge, die dann nicht so funktionieren würden, wie der Kreislauf es eigentlich verlangte, all diese Dinge wären letztlich seine Schuld.

Sie beruhigte sich ein wenig, als er sie losgelassen hatte, sah auf die andere Seite, auf der sie mit einem halben Bein noch stand, blickte auf ihren Körper hinab. Sie hatte gar nichts falsch gemacht in ihrem Leben. Sie rauchte nicht, sie trank nicht, sie ging keine Risiken ein. Sie hatte bloß diesen angeborenen Herzfehler, von dem sie nichts gewusst hatte, und der schon seit ihrer Kindheit eine tickende Zeitbombe gewesen war. Er kannte sie ein wenig, hatte sie schon manche Nacht besucht, aber immer wieder festgestellt, dass es noch nicht soweit war. Doch heute war es eben anders. Heute stand sie nicht bloß an der Schwelle, heute war es soweit, dass ihr Herz nicht mehr schlagen wollte. Und weit und breit fand sich niemand an diesem Morgen, der ihren Körper noch rechtzeitig würde finden können, um am Unvermeidlichen etwas zu ändern.
Er schwieg einfach, während sie dort stand und auf ihren Körper hinabsah. Was sollte er tun, nachdem sie sich aufführte, wie sie es eben getan hatte? Das Argument bringen, dass sie doch nichts Besseres bekommen würde als den Aufenthalt auf der Intensivstation, wenn man sie noch rechtzeitig finden würde?
Beinahe täglich besuchte er den Hexer dort. Nein, das war einfach kein Argument. Vielleicht, wenn sie doch einen Geist finden würde, den sie mal eben bestechen konnte, um ihr zu helfen, würde sie es dorthin schaffen. Aber er wollte nicht noch einmal derjenige sein, der ihr schon im Vorhinein sagte, dass das der Preis war. Sie war nicht blöd. Wenn sie gewollt hätte, hätte sie sicher selbst darauf kommen können.
„Gibt es…“ Er räusperte sich. „Gibt es denn noch irgendetwas, von dem du meinst, dass du es noch erledigen musst? Also, ich meine…“
Unsicher zog er die Schultern hoch. „Ich meine, wie müsstest du denn sterben, damit du es in Ordnung finden würdest?“, fragte er.
„Ich… ich weiß nicht“, sagte sie, starrte weiterhin auf ihren Körper, nachdem sie einen Blick auf ihn geworfen hatte. „Ich glaube, ich möchte erstmal einfach hier bleiben.“

Auf die andere Seite sehen … es war so unglaublich ungewohnt für ihn, den Rat seines älteren Kollegen zu befolgen. Doch der Hexenmeister hatte schon lange nicht mehr die Kraft, seinen Körper selbstständig zu verlassen. Und so war es nur noch ein schwaches Zucken des gebundenen Astralkörpers, das der kleine Tod manchmal von ihm wahrnahm. Er beschloss, dass das so nicht mehr weitergehen konnte.
So suchte er, mit Blick auf die andere Seite, sah sich gründlich um, und fand schließlich denjenigen, nach dem er Ausschau gehalten hatte. Zu seiner Überraschung war ein anderer, größerer Tod ebenfalls dort. Gelangweilt hatte der sich jedoch zurückgelehnt und schien zu dösen.
„Bist du mit, ähm, ihm unterwegs?“, fragte der kleine Tod vorsichtig. Abschätzend warf der größere Tod einen Blick auf den Vampir, schüttelte dann den Kopf.
„Nein“, meinte er. „Den Vampir kannst du gern haben, ich beschränke mich auf ihn hier. Aber solange die zwei miteinander beschäftigt sind, wird sowieso nicht viel passieren.“

‘Er hier’ war ein junger Mann mit etwa schulterlangem, weißem Haar, zur Zeit halbnackt, der unter dem Vampir auf der Couch eines edlen Appartement lag und sich mit einem Stöhnen zurücklehnte, als dieser ihn auf Hals und Brust küsste. Der kleine Tod war sich nicht sicher, ob der Vampir ihn bemerkte, und beobachtete die beiden eine Zeitlang miteinander. Als er sich aber räusperte, verdrehte der Vampir auf beiden Ebenen die Augen und wandte sich ihm zu, und etwas in der Art, in der er das tat, ließ den kleinen Tod vermuten, dass er sich seiner Präsenz durchaus schon vorher bewusst gewesen zu sein schien.

„Was willst du?“, fragte er, gebrauchte bei diesen Worten allerdings nun doch bloß den Astralkörper.
„Ich, ähm…“
„Und komm auf den Punkt, wenn es möglich wäre, ich bin beschäftigt.“

Er wirkte nicht einmal unfreundlich bei seinen Worten, aber ihm schien durchaus bewusst zu sein, dass der kleine Tod wenig Verständnis für die angenehmen Seite der Welt ‘drüben’ hatte.
„Also, es ist so, da ist dieser Hexenmeister, und ich hätte ihn eigentlich begleiten sollen. Aber er hatte einen Deal mit einem Geist, und jetzt liegt er auf der Intensivstation. Und ich kann ihn nicht holen, weil sein Körper an einer Maschine hängt, und sie schalten das Ding einfach nicht ab.“
Marty atmete auf der materiellen Ebene einmal tief ein und aus, und sanft löste er sich von seinem Liebhaber.
„Na, was ruft dich?“, wollte der etwas amüsiert wissen, und als er sich nun ebenfalls etwas aufrichtete, wurde auch der größere Tod aufmerksam.
„Der Tod“, murmelte Marty, beugte sich noch einmal über den anderen und küsste ihn auf die Wange. „Nichts als der Tod.“
„Allerdings“, fuhr er lauter fort, „Durst habe ich ohnehin nicht wenig. Und ich denke, wir haben noch die ganze Nacht vor uns.“

Der Mann mit dem weißen Haar lachte. Er schien auf ihre Seite nicht sehen zu können, aber etwas an seinem Astralkörper war seltsam. Ein Wesen wie ihn hatte der kleine Tod noch nicht gesehen. Aber dass der größere Tod ihn begleitete, sagte an sich schon genug.
„Also dann“, meinte der Mann mit dem weißen Haar. „Besorge ich mir auch etwas. Ich schätze, wir finden uns wieder.“
Der größere Tod räkelte sich noch kurz. Aber der Kleinere achtete darauf nicht mehr, denn Marty war tatsächlich recht zügig dabei, sich ein Hemd überzuziehen und aus dem Fenster zu springen, dann gewandt auf das nächste Dach herüber.

„Also, zu welchem Krankenhaus?“, wollte er wissen und warf dem kleinen Tod einen Blick zu, der irritiert die Augenbrauen hochzog. Sich zurechtfinden, hier?
„Und denk gar nicht erst an Teleportation, das hilft nicht. Ich brauche meinen Körper“, bemerkte er. „Den Weg musst du mir hier zeigen.“ Und mit einem unruhigen Gefühl machte der kleine Tod sich daran, das so gut wie möglich zu tun.
Es gelang ihm mit überraschend kleinem Umweg, den Ort zu finden, und der Vampir war geschickt darin, den richtigen Moment abzupassen, um auf die Station zu gelangen, ohne dabei gesehen zu werden. Der kleine Tod glaubte, zu bemerken, wie es dem Hexenmeister einen Energiestoß versetzte, als der Vampir die Zähne in seinen Arm schlug und von ihm trank, sorgfältig darauf bedacht, nicht mehr Spuren zu hinterlassen als unbedingt notwendig erschien.

Genüsslich schloss der Vampir kurz vor dem Ende die Augen, wusste aber wohl sehr gut, dass er nicht viel Zeit hatte. Die Instrumente meldeten schon die kleinste Veränderung an Blutdruck und Puls, und es würde nicht lange dauern, bis ein Team von Ärzten und Pflegern sich an der Wiederbelebung versuchen würde. Bis dahin musste er hier verschwunden sein.
„Danke“, sagte der kleine Tod jedoch, und der Vampir neigte den Kopf, ehe er auf der astralen Ebene nach dem Körper des Hexers griff und ihn mit einem kräftigen Schwung aus seinem Körper zog. Sobald er das getan hatte, blickte er seinem Opfer jedoch nur noch kurz in die Augen, das ebenfalls ein ‘Danke’, stammelte, und war schon im nächsten Moment verschwunden.

Sie versuchten es nicht allzu lange. Der Vampir hatte dem Astralleib des Hexers Kraft gegeben, und der kleine Tod bewunderte, dass er das tat, als kleinen Ausgleich offenbar dafür, dass er dem anderen auf der physischen Ebene genommen hatte, was sein Körper brauchte. So zuckte der Astralleib des Hexenmeisters zwar einige Male heftig, als Stromstöße durch seinen Körper fuhren, es reichte jedoch nicht aus, ihn gegen seinen Willen erneut in den Körper zu ziehen. Schließlich war es dann vorbei.
Dankbar war er nun, als der kleine Tod ihn geleitete, und selten hatte dieser sich so zufrieden und erleichtert gefühlt, wenn er schließlich jemanden hatte gehen lassen. Was mit ihnen geschah, wenn sie das Tor durchschritten hatten, würde er noch sehr, sehr lange nicht erfahren. Aber immerhin wusste er: Seine Aufgabe im Kreislauf der Dinge war für diesen Fall erfüllt.

Einen Moment verweilte er noch, seufzte, als der Hexer seinen letzten Weg gegangen war, auf dem er ihn begleitet hatte. Doch dann blickte er gen Osten, zu diesem Haus, in dem die rastlose Seele einer jungen Frau inzwischen die Küche verlassen und sich im Schlafraum ihrer Mutter niedergelassen hatte. Mit Sicherheit würde auch sie nicht die Letzte bleiben.

Autor: Shiverrania

Schreibt schwule und trans* Phantastik mit kinky Elements, teilweise aber auch Gesellschaftskritisches.

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